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Folge 6 · 29. Juli 2026 · 38 Minuten

Der stille Duft des Lavendels

Episodenbild zu «Der stille Duft des Lavendels»

Heute Abend geht es um den Echten Lavendel: um einen kleinen grauen Zwergstrauch auf trockenen, steinigen Hängen am Mittelmeer, um die violetten Ähren mit ihren vielen winzigen Blüten und den süssen Nektar darin, um Benediktiner-Mönche, die ihn über die Alpen brachten, und um den langen Weg, den sein Duft nimmt – vom heissen Stein über den Dampfkessel bis zum Säckchen zwischen der Wäsche.

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Stell dir einen trockenen Hang vor. Es ist Abend … und der Stein ist noch warm vom Tag. Der Hang ist steinig und karg … und er fällt ganz langsam ab … irgendwo im Süden … weit weg von hier. Auf diesem Hang stehen kleine Sträucher. Sie sind niedrig und rund … und ihre Zweige sind grau … wie mit einem feinen Filz überzogen. Aus jedem Strauch wachsen dünne Stiele nach oben … und jeder Stiel trägt oben eine schmale Ähre. Die Ähren sind violett. Manche sind fast blau. Es ist still auf dem Hang. Und es duftet nach Lavendel.

Der Echte Lavendel ist ein Strauch. Kein Baum … und keine Blume, wie man sie in eine Vase stellt. Ein kleiner, holziger Strauch … den die Botaniker einen Zwergstrauch nennen. Er wird etwa einen Meter hoch … manchmal auch eineinhalb … und ganz selten zwei Meter. Mehr braucht er nicht. Alles, was über dem Boden ist, trägt diesen grauen Filz. Die Zweige, die Blätter, die Kelche … alles ist mit winzigen Haaren bedeckt … und darum sieht der ganze Strauch aus … als läge ein leichter Nebel über ihm. Die Zweige stehen aufrecht … oder sie steigen schräg nach oben … und sie verzweigen sich immer wieder. Ein Gewirr aus lauter kleinen Ästen.

Der Lavendel gehört zu einer großen Familie. Man nennt sie die Lippenblütler. Zu ihr gehören viele Pflanzen … die wir aus dem Garten und aus der Küche kennen. Und er gehört zu einer eigenen Gattung … die einfach Lavendel heißt. Innerhalb dieser Gattung ist er der Echte. Das Wort klingt fast ein wenig streng … so als gäbe es auch falsche. Es bedeutet nur … dass dies die Art ist … die man meint … wenn man einfach Lavendel sagt. Ein zweiter Name beschreibt ihn noch genauer. Schmalblättriger Lavendel. Und wenn du seine Blätter ansiehst … verstehst du sofort, warum.

Die Blätter sitzen paarweise am Zweig. Immer zwei einander gegenüber … ohne Stiel … direkt am Holz. Sie sind vier bis fünf Zentimeter lang … und sehr schmal. Lang gezogen … an beiden Enden schmaler werdend … mit einer stumpfen Spitze. Der Rand ist glatt … und er rollt sich ein wenig nach innen ein. Kein Zacken … kein Zahn … nur diese leise Wölbung nach innen. Wenn die Blätter jung sind … liegt der graue Filz noch auf beiden Seiten. Später verlieren sie ihn … und werden glatt und ruhig. Der Strauch wird also mit der Zeit ein wenig grüner. Ganz langsam … über die Jahre hinweg.

Die Blüte kommt im Sommer. Von Juni bis August … und in Mitteleuropa meistens etwas später … von Juli bis in den Oktober hinein. Zuerst wächst der Stiel. Ein langer, dünner Schaft … der weit über dem Strauch steht. Er ist etwa dreimal so lang … wie die Ähre, die er trägt. Der Strauch hält seine Blüten also hoch … weit über die Blätter hinaus … in die Luft und in den Wind. Und oben, am Ende des Schaftes … sitzt der Blütenstand. Eine schmale Ähre … bis zu acht Zentimeter lang.

Wenn man diese Ähre genau ansieht … ist sie nicht eine einzige Blüte … sondern viele. Sie sitzen in Ringen um den Stiel … Stockwerk über Stockwerk. Man nennt diese Ringe Scheinquirle. Und in jedem Ring stehen sechs bis zehn Blüten … ganz dicht beieinander. Zwischen ihnen liegen kleine Hochblätter. Sie sind dünn und häutig … braun oder violett gefärbt … und man sieht ihre Nerven deutlich durchscheinen. Eine Ähre trägt also viele kleine Blüten … in vielen kleinen Ringen … und dazwischen diese dünnen, häutigen Blättchen … braun und violett … mit ihren feinen Nerven.

Die Stiele der einzelnen Blüten sind kurz. Ganz kurz … so kurz, dass man sie fast nicht sieht. Und zwischen den Blüten sitzen noch weitere kleine Blättchen. Die einen sind rautenförmig … die anderen laufen spitz zu … wie ein schmaler Löffel. Deckblätter gibt es kaum … sie sind so klein … dass man sie leicht übersieht. Es ist eine dichte, gedrängte Ordnung. Alles sitzt eng … alles hält sich fest … und trotzdem hat jede Blüte ihren eigenen Platz. So eine Ähre ist wie ein kleines Dorf. Enge Gassen … viele Häuser … und ganz oben die letzten … die noch nicht offen sind.

Wenn Wind über den Hang geht … bewegen sich zuerst die Stiele. Sie sind lang und dünn … und darum biegen sie sich leicht. Die Ähren nicken dann … alle in dieselbe Richtung … und richten sich wieder auf … und nicken noch einmal. Es ist keine große Bewegung. Kein Rauschen … kein Wehen … nur dieses leise Nachgeben … und das Zurückkommen. Und wenn der Wind aufhört … stehen sie wieder still. Alle zusammen … auf dem ganzen Hang … als wäre nichts gewesen.

Jede einzelne Blüte ist winzig … und doch vollständig gebaut. Zuerst kommt der Kelch. Er ist grauviolett … kurz und flaumig behaart … und höchstens sieben Millimeter lang. Er ist eiförmig und röhrig … und über ihn laufen dreizehn feine Nerven. Dreizehn Linien … auf etwas, das kaum so lang ist wie ein Reiskorn. Aus dem Kelch schaut die Krone heraus. Fünf Kronblätter sind zu einer Röhre verwachsen … acht bis zwölf Millimeter lang … mit sechzehn Nerven. Außen ist diese Röhre dicht wollig behaart … an ihrem Grund fast kahl. Und ihre Farbe ist violett bis blau.

Vorne öffnet sich die Krone in zwei Lippen. Das ist das Merkmal der ganzen Familie … und darum heißen sie ja Lippenblütler. Die obere Lippe steht gerade … und endet in zwei Lappen. Die untere Lippe breitet sich aus … und endet in drei Lappen … alle drei gleich groß und rundlich. Innen sitzen vier Staubblätter. Sie sind nach unten gebogen … und sie ragen nicht aus der Blüte heraus. Sie bleiben im Schutz der Röhre. Es ist ein kleines Haus … mit einem Dach … einer Schwelle … und allem, was nötig ist … sorgfältig eingerichtet … für einen einzigen Gast.

Dieser Gast ist ein Insekt. Meistens eine Biene … eine Hummel … oder eine ihrer vielen Verwandten. Denn im Grund der Kronröhre steht reichlich Nektar. Und der Nektar des Lavendels ist süß. Wirklich süß … mit einem hohen Anteil an Zucker … und mit einem hohen Zuckerwert … so nennen es die Imker. Darum schätzen die Imker den Lavendel. Er ist für sie eine Nebentracht … also nicht die große Ernte des Jahres … aber eine gute, verlässliche Beigabe. Stell dir das vor. Ein ganzer Hang voller Ähren … und in jeder Ähre viele kleine Häuser … und in jedem Haus ein Tropfen Zuckerwasser. Es ist still auf dem Hang. Und es duftet nach Lavendel.

Beim Lavendel gibt es eine kleine Besonderheit. Nicht alle Blüten sind gleich. Manche haben männliche und weibliche Teile zugleich … andere sind rein weiblich. Und in den zwittrigen Blüten geschieht alles nacheinander. Zuerst reifen die männlichen Teile … und erst später die weiblichen. Das hat einen ruhigen Sinn. So bestäubt sich eine Blüte nicht sofort selbst … und der Pollen kann zuerst hinaus … zu einer anderen Blüte … zu einem anderen Strauch. Kommt aber niemand … kein Insekt, kein Wind, kein Besuch … dann macht die Blüte es allein. Dann bestäubt sie sich selbst … und das gelingt ihr auch. Der Lavendel wartet also … aber er wartet nicht endlos.

Ganz unten in der Blüte sitzt der Fruchtknoten. Er steht oben auf dem Blütenboden … und er ist in vier Teile geteilt. Vier Teile. Merk dir diese Zahl … denn sie kommt gleich wieder. Es ist überhaupt eine sehr geordnete Blüte. Fünf Kronblätter … vier Staubblätter … zwei Lippen … drei Lappen unten … zwei Lappen oben. Lauter kleine Zahlen … die sich in jeder einzelnen Blüte wiederholen … in jedem Ring … in jeder Ähre … auf dem ganzen Hang. Millionen Male dasselbe … ohne dass jemand nachzählen müsste.

Es gibt noch eine Zahl beim Lavendel. Sie liegt tief innen … in seinen Zellen. Die Botaniker nennen sie die Grundzahl … und beim Lavendel ist sie neun. Neun. Manche Lavendelpflanzen tragen diesen Satz mehrfach. Vier Mal … oder sechs Mal … und dann kommen andere Zahlen heraus. Sechsunddreißig … oder vierundfünfzig. Es sind ganz stille Zahlen. Man sieht sie nicht … man riecht sie nicht … und trotzdem stehen sie in jedem Blatt … in jeder Blüte … auf dem ganzen Hang. Man muss das nicht wissen … um an einem Lavendelstrauch vorbeizugehen. Aber es ist schön … dass es so genau geordnet ist … ganz weit unten … wo niemand hinsieht.

Aus der bestäubten Blüte wird eine Frucht. Und die Frucht des Lavendels ist eine leise Sache. Sie zerfällt in vier Teile. Man nennt diese Teile Klausen … und jede Klause trägt genau einen Samen … gut verschlossen. Die Klausen sind glatt … und glänzend braun. Vier kleine braune Kerne … die aus der trockenen Ähre fallen … wenn der Sommer vorbei ist. Sie bleiben zu … sie öffnen sich nicht. Sie liegen einfach da … und warten auf den nächsten Frühling.

Diese vier kleinen Klausen sind alles … was der Strauch auf die Reise schickt. Es ist wenig … und es ist genug. Vier glatte, glänzend braune Kerne … gut verschlossen … jeder mit einem Samen darin. Stell dir vor, wie sie liegen. Zwischen den Steinen … in einer Ritze … unter dem eigenen Holz. Und dort liegen sie über den Winter. Vier braune Kerne … glatt und glänzend … zwischen Kies und trockener Erde. Kein Geräusch … keine Bewegung … nur warten. Bis es wieder warm wird.

Zu Hause ist der Echte Lavendel am Mittelmeer. Ursprünglich an den Küstenregionen … dort, wo die Luft warm ist … und der Boden trocken. Die meisten ursprünglichen Bestände wachsen im östlichen Spanien … auf großen Flächen. Sonst kennt man nur noch wenige Stellen … in der Südostecke Frankreichs … in den angrenzenden Gebieten Italiens … und einen einzelnen Fundort in der Nähe von Bologna. Und diese wilden Bestände liegen hoch … in Bergregionen … auf Flächen, die für die Landwirtschaft nicht taugen. Das ist ein schöner Gedanke. Der Lavendel wächst dort … wo sonst niemand etwas anbauen kann. Auf dem Stein … in der Trockenheit … am Rand.

Er mag es karg. In der Schweiz haben Botaniker die Ansprüche vieler Pflanzen in Zahlen gefasst … und beim Lavendel lesen sich diese Zahlen wie eine Beschreibung von Ruhe. Trocken … das ist die erste. Halbschattig … das ist die zweite. Ein Boden, der schwach sauer bis neutral ist … und nährstoffarm. Nährstoffarm. Das heißt … er braucht keinen fetten Gartenboden. Er braucht keine Düngung … kein reiches Erdreich … keinen besonderen Platz. Er wächst an trockenen und felsigen Hängen … und einzelne Sträucher steigen sogar hinauf … bis an die Waldgrenze.

Die Botaniker haben für seine Wuchsform ein langes Wort. Es beschreibt zwei Dinge. Das erste … seine Blätter sind hart … zäh und trocken gebaut … so wie es Pflanzen tun … die mit wenig Wasser auskommen müssen. Das zweite … seine Knospen sitzen über dem Boden. Sie verstecken sich nicht in der Erde … wenn der Winter kommt. Sie bleiben oben … im Holz … und warten dort. Und im Mittelmeerraum zählen ihn die Botaniker zu einer Gruppe von Pflanzen … die alle auf trockenen Hängen wachsen. Der Name dieser Gruppe trägt den Rosmarin in sich. Denn dort oben stehen sie beieinander … die harten, duftenden Sträucher des Südens.

In der Roten Liste der bedrohten Arten steht der Echte Lavendel als nicht gefährdet. Und der Grund dafür ist ungewöhnlich. Er ist nicht gefährdet … weil er so viel angebaut wird. Weil auf den Feldern so viel Lavendel wächst … lohnt es sich für niemanden … in die Berge zu steigen … und die wilden Sträucher zu ernten. Der Anbau schützt also die Wildnis. Die wilden Bestände bleiben stabil … weil sie niemand braucht. Sie stehen einfach da … auf ihren Hängen … und werden in Ruhe gelassen. Verwildert findet man ihn heute auch anderswo. An trockenen, warmen Hängen in Dalmatien … in Griechenland … und weit verbreitet in der Toskana.

Nördlich der Alpen war der Lavendel lange unbekannt. Gebracht haben ihn die Mönche. Die Benediktiner … die ihre Klostergärten pflegten … führten ihn hier ein. Und er blieb. Denn der Lavendel ist winterhart. Er übersteht einen mitteleuropäischen Winter im Freien … auch ohne besonderen Platz … ohne Vorbereitung … ohne Schutz. Man muss ihn nicht eindecken. Man muss ihn nicht hereinholen. Er steht draußen … grau und still … und im nächsten Sommer blüht er wieder.

Im Winter ist so ein Hang ein anderer. Die Ähren sind fort … die Stiele stehen trocken und leer … und was bleibt, ist das Holz. Kleine graue Sträucher … kahl … und in ihnen die Knospen. Oben im Holz … gut verpackt. Sie liegen nicht in der Erde. Sie ziehen sich nicht hinunter … sie verstecken sich nicht. Sie sitzen oben … im Kalten … den ganzen Winter lang. Und es geschieht nichts mit ihnen. Sie warten einfach. Und wenn es wärmer wird … gehen sie auf … und der Hang wird wieder grau … und dann wieder violett. Jahr für Jahr … in derselben Reihenfolge … ohne Eile.

An einigen Orten in Deutschland hat er sich eingebürgert. Bei Jena … bei Rudolstadt … und bei Bad Blankenburg. Und einmal gab es einen ganzen Berg für ihn. Um achtzehnhundert stand bei Laubenheim … zwischen Bingen und Bad Kreuznach … ein größerer Bestand auf einer Anhöhe … die man den Lavendelberg nannte. Um achtzehnhundertvierzig wurde diese Fläche anders genutzt. Aus dem Lavendelberg wurde ein Weinberg. Dasselbe geschah in der Schweiz … auf dem Mont Vully bei Murten. Auch dort wuchs Lavendel … und auch dort wachsen heute Reben. Zwei Hügel … die den Duft gewechselt haben.

Heute steht der Echte Lavendel in Mitteleuropa vor allem in Gärten und Parks. Angepflanzt … gewollt … gepflegt. Aus den Gärten verwildert er nur selten. Angebaut wird er hier oben aber schon. Im Jahr zweitausendsechzehn wurde in der Nähe von Detmold ein bescheidener Lavendelanbau betrieben. Ein paar Felder … weit im Norden seiner Möglichkeiten. Denn eines gilt für ihn immer. Je kälter die Gegend … desto schwächer der Duft. Der Lavendel braucht die Wärme … um zu riechen. Die Sonne … den heißen Stein … den langen Sommer.

Seinen wissenschaftlichen Namen bekam er im Jahr siebzehnhundertachtundsechzig. Beschrieben wurde er in einem großen Wörterbuch für Gärtner … in dessen achter Auflage … im dritten Band. Dort hieß er der Schmalblättrige … und dieser Name gilt bis heute. Vorher und nachher trug er noch andere. Der Gewöhnliche … der Wahre … der Heilkräftige. Lauter Namen, die dasselbe sagen wollen. Dass dies der richtige ist. Der eine … von dem der Duft kommt. Und je nachdem, wen man fragt … unterscheidet man bei ihm etwa zwei Unterarten. Mehr Ordnung braucht es nicht.

Es gibt sogar einen zweiten Namen … der genauso geschrieben wird … und trotzdem eine andere Pflanze meint. Ein anderer Botaniker hat ihn einmal für etwas anderes verwendet. Solche Doppelungen kommen vor. Über zwei, drei Jahrhunderte hinweg … haben viele Menschen viele Pflanzen benannt … in verschiedenen Ländern … ohne voneinander zu wissen. Und darum tragen die Bücher heute Listen … in denen steht … welcher Name gilt … und welcher beiseitegelegt wurde. Es ist ein geduldiges Aufräumen … das nie ganz fertig wird. Der Lavendel selbst merkt davon nichts. Er steht auf seinem Hang … und blüht … und heißt, wie er heißt.

Wenn heute jemand an Lavendel denkt … denkt er meistens an die Provence. An die Hoch-Provence … an die weiten violetten Felder … an die Reihen, die bis zum Horizont laufen. Der Lavendel ist die charakteristische Pflanze dieser Landschaft … und die großen Felder sind heute ein Ziel für Reisende. Man fährt hin … nur um das zu sehen. Man geht zwischen den Reihen … und die Luft ist warm und schwer … und über allem liegt ein Summen … weil so viele Insekten unterwegs sind. Doch was dort meistens blüht … ist nicht der Echte. Es ist ein Verwandter … und seine Geschichte ist eine ruhige.

Es gibt eine zweite Pflanze … die aus dem Echten Lavendel hervorgegangen ist. Sie ist eine Kreuzung … und zwar eine, die von selbst entstanden ist … zwischen dem Echten Lavendel … und dem Speik-Lavendel. Man nennt sie Lavandin. Der Lavandin wird häufiger angebaut als der Echte … gerade in der Provence. Aus ihm macht man die preiswerten Essenzen … die Waschpulver … die einfachen Öle. Aber sein Duft ist schwächer. Er ist da … er ist deutlich … er ist nur nicht so fein. Und darum bleibt der Echte der Edlere. Weniger Felder … und dafür der feinere Duft.

Vermehren lässt sich der Lavendel auf mehrere Weisen. Am einfachsten durch Samen … also durch die kleinen braunen Klausen. Man kann auch einen größeren Strauch teilen. Oder man nimmt einen Seitentrieb … der schon von selbst Wurzeln gebildet hat … und setzt ihn an einen neuen Platz. Man kann einen Zweig zum Boden biegen … ihn dort ein Stück eingraben … und warten, bis er anwurzelt. Das nennt man einen Absenker. Und man kann Stecklinge schneiden. Ein Stück Zweig … in die Erde gesteckt … und mit ein wenig Geduld wird daraus ein ganzer Strauch. Aus einem einzigen Zweig … ein ganzes Feld … über die Jahre hinweg.

Geerntet wird am frühen Morgen. Das hat einen Grund. Am Morgen steckt am meisten im Blütenstand … am meisten Duft … am meisten Öl. Oder man erntet kurz nach einem Regen … sobald die Blüten wieder abgetrocknet sind. Nass darf sie nicht sein … aber gerade eben abgetrocknet … das ist gut. Stell dir das vor. Ein Feld in der Frühe … die Luft noch kühl … die Reihen violett bis in die Ferne … und Menschen, die langsam durch die Reihen gehen … und schneiden. Es ist still auf dem Feld. Und es duftet nach Lavendel.

Am Abend wird es dann noch stiller. Die Insekten sind weg … das Summen hört auf … die Luft kühlt langsam ab. Die Ähren stehen noch da … violett im letzten Licht … dann grau … dann fast schwarz. Und was bleibt, ist der Duft. Er hängt über den Reihen … tief und warm … und man riecht ihn noch … wenn man vom Feld weggeht. Man nimmt ihn mit … in den Kleidern … in den Händen. Ohne dass man etwas dafür tun müsste.

Aus den Blütenständen wird dann das Öl gewonnen. Man schneidet sie mitsamt dem Stängel … und man treibt Wasserdampf durch sie hindurch. Der Dampf nimmt den Duft mit … und wenn er sich abkühlt … bleibt das Öl zurück. Man nennt das eine Destillation. Früher machte man es anders. Man legte die Blüten in ein fettes Öl … in Olivenöl zum Beispiel … und ließ sie lange darin liegen. Das Fett nahm den Duft auf … ganz langsam … über Wochen. Diese Art ist heute kaum mehr gebräuchlich. Der Dampf ist schneller. Aber es ist ein schönes Bild … Blüten, die in Öl liegen … und ihren Duft abgeben … ohne Eile.

In den getrockneten Blüten steckt gar nicht so viel davon. Ein bis drei Prozent ätherisches Öl … mehr nicht. Für die Apotheke müssen es mindestens ein Komma drei Prozent sein. Alles andere ist Blüte. Ein ganzer Korb voller Ähren … und am Ende ein kleines Fläschchen. Im Handel unterscheidet man verschiedene Qualitäten. Es gibt den feinen Lavendel … und es gibt den Lavendel extra. Für den Lavendel extra nimmt man wilden Berglavendel. Er wächst hoch oben … bis in Höhen von eintausendachthundert Metern … und er wird von Hand gesammelt. Es gibt sogar Handelsnamen, die nach Bergen und Orten klingen. Sie stehen für einen bestimmten, festgelegten Gehalt.

Stell dir diese Wildsammlung einmal vor. Eintausendachthundert Meter über dem Meer. Da oben ist die Luft schon dünn … und der Boden ist nichts als Stein und Gras. Und dazwischen stehen die Sträucher. Nicht in Reihen … nicht auf Feldern … sondern verstreut … wie sie eben gewachsen sind. Wer sie ernten will … muss hinaufsteigen. Muss suchen … muss sich bücken … muss von Hand schneiden … Strauch für Strauch. Und darum ist dieses Öl etwas Besonderes. Nicht vom Feld … sondern vom Berg. Nicht gepflanzt … sondern gefunden.

Was im Duft steckt, hat lange Namen. Zwei davon machen den größten Teil aus. Der eine heißt Linalool … und er stellt zwanzig bis fünfundvierzig Prozent des Öls. Der andere heißt Linalylacetat … und er stellt dreißig bis fünfzig Prozent. Das ist der größte Teil davon. Zwei Stoffe … in wechselnden Anteilen … je nach Jahr, je nach Hang, je nach Wärme. Und daneben noch viele weitere … jeder nur in kleiner Menge. Darum riecht Lavendel nicht überall gleich. Jedes Feld hat seinen eigenen Ton … und jedes Jahr auch.

Man kann Lavendel auch essen. In der Küche nimmt man die jungen Blätter … und die weichen Triebe. Sie kommen in Eintöpfe … in Suppen … in Soßen … zu Fisch und Geflügel und Lamm. Und in kleinen Mengen an einen Salat. In der französischen Küche wird er gern verwendet … in der italienischen … in der spanischen. Und in der modernen Küche findet man ihn sogar im Nachtisch. In weißer Schokoladenmousse … oder in einem Sorbet aus Aprikosen. Sein Geschmack ist dem Rosmarin ähnlich. Bitter bis würzig … also nichts, wovon man viel nimmt. In der Kräutermischung der Provence ist er nicht vorgeschrieben … aber er ist oft darin. Und getrocknet, luftdicht und dunkel verpackt … hält er sechs bis neun Monate.

Seit langer Zeit gilt der Lavendel auch als Heilpflanze. Zwei Dinge werden dafür verwendet. Zum einen die Blüten … und zwar die, die man kurz vor dem völligen Aufblühen sammelt … und dann trocknet. Zum anderen das ätherische Öl … aus den frischen Blüten gewonnen. Die Blüten gibt man in heißes Wasser … und trinkt sie als Tee. Oder man setzt einen Auszug an … und gibt ihn ins Badewasser. Man sagt den Auszügen eine leicht beruhigende Wirkung nach. Sie werden verwendet … bei innerer Unruhe … bei nervöser Erschöpfung … und bei Schwierigkeiten mit dem Einschlafen.

In der Aromatherapie nutzt man dasselbe. Dort verdunstet der Stoff aus dem Öl … und der Duft füllt langsam den Raum. Auch bei Massagen wird Lavendelöl oft verwendet. Ein wenig Öl … in der Hand erwärmt … und dazu der Geruch … der einfach im Zimmer steht. Zweimal wurde der Echte Lavendel dafür ausgezeichnet. Im Jahr zweitausendacht wurde er zur Heilpflanze des Jahres gewählt. Und im Jahr zweitausendzwanzig zur Arzneipflanze des Jahres. In der Parfümerie schließlich ist er seit langem eine geschätzte Pflanze. Von der ganzen Gattung … ist es vor allem der Echte … den man dort haben will.

Am Ende sind es aber zwei Dinge … für die man den Echten Lavendel vor allem anbaut. Das eine ist der Duft. Das Öl … die Essenzen … das Parfum. Und das andere ist einfach seine Schönheit. Man setzt ihn in den Garten … weil er gut aussieht. Weil das Grau der Blätter und das Violett der Ähren gut zusammengehen … und weil er ordentlich wächst … rund und ruhig … ohne dass man viel tun muss. Ein Beet … eine Mauer … ein Weg … und daneben ein paar graue Kugeln mit violetten Spitzen. Er verlangt nicht viel. Ein trockener Platz … ein magerer Boden … Sonne. Und dann steht er da … Jahr für Jahr.

Und dann gibt es noch die einfachste aller Verwendungen. Man näht ein kleines Säckchen … füllt getrocknete Blüten hinein … und legt es zwischen die Wäsche. Insekten mögen den Geruch nicht … und bleiben weg. Die Wäsche aber nimmt ihn auf. Und darum riecht in manchen Schränken bis heute ein Bettbezug nach Lavendel … Monate nachdem er gewaschen wurde. Man zieht ihn heraus … man legt sich hinein … und der Duft ist noch da. Ein Hang im Süden … eine Ähre … ein Säckchen im Schrank. Und am Ende ein Kissen … das ein wenig nach einem warmen, steinigen Sommer riecht.

Denk einmal an den ganzen Weg, den dieser Duft nimmt. Er beginnt auf einem trockenen Hang … in der Sonne … im heißen Stein. Dann wächst er in eine Ähre hinein … in viele kleine violette Blüten. Dann kommt ein Morgen … und jemand schneidet die Ähren … und legt sie in einen Kessel. Dann kommt der Dampf … und nimmt den Duft mit … und lässt ihn wieder fallen … als ein paar Tropfen Öl. Dann kommt ein kleines Fläschchen. Dann ein Zimmer … ein warmes Bad … ein Säckchen im Schrank. Und am Ende ein Kissen … auf dem jemand liegt … und die Augen zumacht. Vom Stein bis zum Kissen. Ein langer, ruhiger Weg.

Und nun denk noch einmal an den Hang. Es ist Abend … und der Stein ist noch warm. Die kleinen grauen Sträucher stehen ruhig da … seit Jahren am selben Platz. Über ihnen die dünnen Stiele … und oben die schmalen violetten Ähren … die sich kaum bewegen. In jeder Ähre viele kleine Ringe … in jedem Ring einige winzige Blüten … und in jeder Blüte ein Tropfen Süße. Niemand erntet heute. Niemand geht durch die Reihen. Der Hang liegt einfach da … und gibt seinen Duft an die Abendluft ab. Es ist still auf dem Hang. Und es duftet nach Lavendel.

Es ist still auf dem Hang. Und es duftet nach Lavendel. Der Stein ist warm. Die Luft steht. Die Ähren bewegen sich nicht mehr. Du brauchst nichts zu tun. Du brauchst nicht zu ernten … und nichts zu tragen. Der Duft bleibt. Ganz von allein bleibt er … die ganze Nacht. Und du darfst jetzt schlafen. Es ist still … und es duftet … und alles ist gut. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.

Quelle, Lizenz und wie das entsteht

Dieser Text beruht auf dem Wikipedia-Artikel «Echter Lavendel». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.

Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.