Gute Nacht mit Fridolin – zur Startseite

Folge 77 · 8. Oktober 2026 · 41 Minuten

Die Drehleier und ihr Rad, das die Saiten zum Klingen bringt

Fridolin steht zwischen weichen Wolken, hält eine hölzerne Drehleier vor dem Bauch und dreht ihre Kurbel. Warmes Licht fällt auf ihn unter einem dunkelblauen Sternenhimmel.

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht

Fridolin erzählt von einem Instrument, bei dem ein Rad die Saiten streicht und eine Hand die Kurbel dreht.

Von mittelalterlichen Kirchenräumen bis zu modernen Instrumenten folgt die ruhige Geschichte den vielen Formen der Drehleier.

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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte

4.098 Wörter · rund 20 Minuten zum Lesen, Mitlesen oder Vorlesen

Ankommen in der stillen Stube

Stell dir eine Stube vor … in einem alten Haus. Der Boden ist aus Holz … dunkel … und an den Türschwellen abgetreten. Es ist Abend geworden. Draußen ist es still. Kein Wagen. Keine Stimme. Nur die Luft, die an den Fensterläden vorbeizieht. Drinnen steht ein Tisch. Darüber hängt ein Licht, das nicht hell sein muss. Es reicht gerade für die Mitte des Raumes. Die Ecken bleiben dunkel. Auf dem Tisch liegt ein Instrument. Es liegt ruhig da … und niemand rührt es an. An seiner schmalen Seite sitzt eine Kurbel. Sie steht ein wenig ab … und sie wartet. Niemand hat es eilig heute Abend. Das Instrument nicht … und du auch nicht. Vielleicht liegst du schon ganz still. Vielleicht bewegst du dich noch einmal, bis alles passt. Nimm dir die Zeit dafür. Die Stube läuft dir nicht davon. Das Instrument auf dem Tisch hat gewartet, bevor du gekommen bist. Es wird auch weiter warten.

Du darfst dir Zeit nehmen für dieses Ding auf dem Tisch. Es ist nicht kompliziert. Es hat nur viele Teile … und jedes davon hat eine Aufgabe. Wir gehen sie der Reihe nach durch. Ein Teil … dann das nächste. Und wenn du dabei wegdriftest, hast du nichts verpasst. Das Instrument bleibt liegen. Die Stube bleibt, wie sie ist. Das Holz ist warm. Der Abend ist lang. Es gibt heute nichts zu erledigen. Es gibt nur etwas zuzuhören. Und du musst dabei nicht wach bleiben.

Das Rad, die Kurbel und die Saiten

Dieses Instrument heißt Drehleier. In wissenschaftlichen Texten findet man noch einen zweiten Namen dafür. Dort heißt es Radleier. Beide Namen sprechen von derselben Sache. Von einer Drehung … und von einem Rad. Denn im Inneren der Drehleier sitzt ein Rad. Es wird von einer Kurbel gedreht. Die Kurbel an der Seite ist mit diesem Rad verbunden. Wer kurbelt, dreht das Rad. Und wer das Rad dreht, bringt die Saiten zum Klingen. Mehr ist es im Kern nicht. Eine Hand. Eine Kurbel. Ein Rad. Und Saiten, die darauf antworten. Das Rad dreht sich … und dreht sich weiter.

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Bei einer Geige zieht die Spielerin einen Bogen über die Saiten. Der Bogen streicht … und die Saite klingt. Bei der Drehleier übernimmt das Rad genau diese Arbeit. Sein Rand läuft an den Saiten entlang … immer in dieselbe Richtung … immer gleichmäßig. Es streicht die Saiten an, solange die Hand an der Kurbel sich weiterbewegt. Die Fachleute zählen die Drehleier darum zu den Streichinstrumenten. Genauer gesagt zu den mechanisierten Streichinstrumenten … weil hier eine Mechanik streicht und nicht ein Arm. Ein Arm wird müde. Eine Mechanik macht einfach das, was die Hand ihr aufträgt. Streichen heißt hier also nicht ziehen und zurückziehen. Streichen heißt: drehen. Eine einzige Bewegung, die immer weitergeht. Das ist der ganze Unterschied.

Das ist der erste Gedanke für heute Abend. Ein Rad, das streicht. Und eine Hand, die es dreht. Sie braucht nur eine Bewegung … Runde um Runde. Stell dir diese Bewegung einen Moment lang vor. Immer im Kreis. Immer in dieselbe Richtung. Nichts daran ruckt. Nichts daran eilt. Seit dem Mittelalter ist dieses Instrument bekannt. Ein Rad … eine Kurbel … und Saiten. Alles andere daran ist Variation. Und von diesen Variationen gibt es viele. Wir sehen sie uns heute Abend in aller Ruhe an.

Tasten, Tangenten und Bordunklänge

Auf der Oberseite des Instruments liegt eine Reihe von Tasten … ähnlich wie bei einem kleinen Klavier. Diese Tasten machen die Töne hoch und tief. Jede Taste trägt ein kleines Holzstück, das von der Seite her gegen eine Saite drückt. Der Fachausdruck dafür heißt Tangente. Das Wort kommt vom Berühren … eine Tangente ist das Teil, das die Saite antippt. Drückt man eine Taste, legt sich die Tangente an die Saite. Der Teil der Saite, der dann noch schwingen kann, ist kürzer als vorher. Und eine kürzere Saite klingt höher. Das ist das ganze Geheimnis der Melodie. Eine Taste … ein kleines Holzstück … eine Saite, die ein Stück kürzer wird. Mehr braucht es nicht, damit aus einem gleichbleibenden Ton eine Melodie wird. Halten wir kurz fest, was auf dem Tisch liegt. Ein Rad im Inneren. Eine Kurbel an der Seite. Saiten, die das Rad anstreicht. Und darüber eine Reihe von Tasten, die die Saiten kürzer machen. Mehr musst du für heute Abend nicht behalten.

Die Instrumentenbauer haben für diese Teile noch einen zweiten Namen. Sie nennen die Tangenten auch Fähnchen … wegen ihrer traditionellen Form. Fähnchen aus Holz, die innen an den Saiten stehen und warten, bis jemand sie hinschiebt. Die Saiten, die von diesen Tangenten berührt werden, heißen Melodiesaiten. Sie tragen die Melodie. Alle anderen Saiten tun etwas anderes. Dazu kommen wir gleich. Du musst dir die Namen nicht merken. Sie kommen später noch einmal vorbei. Hinter den Tasten steckt eine Mechanik, die ganz ohne Federn auskommt. Jede Taste sitzt auf einer schmalen Stange aus Holz. Diese Stangen haben einen rechteckigen Querschnitt. Die Stangen laufen durch Löcher in zwei Brettchen, die parallel zueinander stehen. Dieser Aufbau hat einen eigenen Namen. Er heißt Tangentenkasten. Die Melodiesaiten verlaufen zwischen den beiden Brettchen hindurch … und die Stangen liegen quer dazu. Drückt man eine Taste, schiebt sich die Stange zur Saite hin. Lässt man los, fällt die Taste von allein zurück. Nichts zieht sie. Nur die Schwerkraft. Ein Instrument, das sich selbst zurücklegt, wenn man es loslässt. Das ist ein ruhiger Gedanke für einen späten Abend.

Damit man das Instrument genau stimmen kann, sind die Tangenten meistens beweglich. Man kann sie ein kleines Stück verschieben … bis der Ton sitzt. Das ist geduldige Arbeit. Ein wenig schieben … hören … noch ein wenig schieben. Es gibt auch Drehleiern, die von diesem Grundmodell abweichen. Bei manchen bringt eine Feder die Tasten zurück … und nicht die Schwerkraft. Und es gibt einen Mechanismus, bei dem die Tangenten auf Scheiben sitzen, die sich drehen. Das sind Ausnahmen. Aber sie zeigen, wie viel Spielraum in einer so alten Bauweise steckt.

Nicht alle Saiten einer Drehleier werden von den Tasten berührt. Ein Teil von ihnen liegt außerhalb des Tangentenkastens … und ihre Länge bleibt immer gleich. Diese Saiten heißen Bordunsaiten. Sie klingen auf einer festen Tonhöhe mit … von Anfang bis Ende. Das Rad streicht sie gemeinsam mit den Melodiesaiten an. Die Melodie wandert. Der Bordun bleibt. Es ist ein Ton, der einfach da ist. Ein Ton, der sich nicht verändert. Man hört ihn nach einer Weile kaum noch bewusst. Er wird zum Grund, auf dem alles andere liegt. Wegen dieser mitklingenden Saiten zählt man die Drehleier zu den Borduninstrumenten. Die Sackpfeife gehört zur selben Gruppe. Ein Instrument, das seinen eigenen Untergrund mitbringt. Die Melodie darf wandern, weil etwas anderes liegen bleibt. Vielleicht wirken Bordunklänge deshalb so ruhig. Es verändert sich immer nur ein Teil. Der Rest bleibt.

Das Rad dreht sich … und dreht sich weiter.

Es gibt noch ein Bauteil, das Rhythmus in dieses Klangbild bringt. Es heißt Schnarrsteg. Ein Steg ist das Holzstück, über das eine Saite läuft. Dieser Steg dient dazu, kurze schnarrende Laute zu erzeugen … zwischen den langen Tönen … im Takt. Und so entstehen sie: Der Steg liegt lose auf der Decke des Instruments. Gibt die Hand der Kurbel einen kleinen zusätzlichen Schub, so zieht die Saite stärker an ihm … der Steg hebt sich … und fällt gegen die Decke zurück. Dieses Anheben und Zurückfallen ist das Schnarren. Jeder kleine Schub der Hand wird also zu einem Laut. Aus der Bewegung der Kurbel wird ein Takt. Nicht jede Drehleier hat einen solchen Steg. Die traditionellen Instrumente aus Galicien kommen ohne ihn aus. Und die böhmischen Instrumente, die in Museen erhalten sind, haben gar keine Bordunsaiten. Man merkt daran schon, dass es die eine richtige Bauform nicht gibt. Es gibt nur viele Instrumente, die einander ähneln. Jedes ein wenig anders als das nächste. Das ist beruhigend. Man muss sich nicht entscheiden, welches das richtige ist.

Bauformen zwischen Mittelalter und Gegenwart

Durch die Zeiten und durch die Regionen hat sich eine große Vielfalt an Bauformen ergeben. Eine allgemeine Standardisierung lässt sich nicht feststellen. Es gibt keine Norm … und kein einziges gültiges Maß. Und doch lassen sich einige Typen voneinander abgrenzen. Wir gehen sie in aller Ruhe durch. Einen nach dem anderen. Du musst dir nichts merken. Es genügt, wenn die Namen an dir vorbeiziehen. Wie Häuser an einem Fenster, wenn der Zug langsam fährt. Der Weg beginnt in einem kleinen Museum in Hessen. Im Musikinstrumentenmuseum Lißberg steht ein Instrument, das aussieht wie ein sehr früher Vorfahre der Drehleier. Es ist ein Nachbau. Gefertigt hat ihn ein Drehleierbauer … nach einer alten Abbildung. Das Vorbild trägt einen eigenen Namen. Es heißt Organistrum. So nennt man die älteste nachgewiesene Form dieses Instruments. In Texten ist das Organistrum seit dem zehnten Jahrhundert belegt. Die frühesten bekannten Darstellungen stammen aus dem zwölften Jahrhundert. Das sind Zahlen, die weit weg liegen. Lass sie ruhig an dir vorbeiziehen.

Das Organistrum wurde von zwei Menschen gespielt. Einer von beiden bediente die Kurbel … der andere verkürzte die Saiten. Zwei Paar Hände an einem Instrument. Und ein Ton, der langsam durch einen steinernen Raum zieht. Verwendet wurde das Organistrum in der Kirchenmusik. Kein Instrument dieser Art ist erhalten geblieben. Man kennt es nur aus Abbildungen und aus Plastiken. Alles, was wir heute über seinen Mechanismus und über seine Stimmung sagen, gründet auf Indizien. Man weiß also wenig. Und trotzdem hat jemand es nachgebaut. Eine dieser Abbildungen ist besonders deutlich. Sie sitzt in Stein … an der Kathedrale von Santiago de Compostela … und sie entstand im Jahr elfhundertachtundachtzig. Auf dem Steinrelief ist das Organistrum zu sehen. Nach dieser Darstellung wurde der Nachbau gefertigt, der heute im Musikinstrumentenmuseum Lißberg steht. Ein Bild aus Stein … und daraus wieder ein Instrument aus Holz. Das ist ein schöner Gedanke für den Abend. Etwas, das sehr lange stillgestanden hat, ist wieder zu einem Gegenstand geworden, den man in die Hand nehmen kann.

Es gibt eine zweite mittelalterliche Form, die man ebenfalls nur aus Bildern kennt. Sie heißt Kastenleier. Auf Lateinisch trägt sie den Namen Sinfonia. Ihr Körper hat die Form einer länglichen Kiste. Nur die Tastatur und die Kurbel stehen vor. Die frühesten Abbildungen stammen aus dem dreizehnten Jahrhundert. Ein historisches Instrument dieser Art ist nicht erhalten. Alle Nachbauten beruhen auf Texten … auf Abbildungen … und auf den Schlüssen, die man daraus zieht. Auch das ist geduldige Arbeit. Lesen … schauen … und vorsichtig weiterdenken. Nun springt der Weg über einige Jahrhunderte und landet in Frankreich. Im achtzehnten Jahrhundert erfuhr die Drehleier dort eine bedeutende Veränderung. In einer eher kurzen Zeitspanne entstanden viele kammermusikalische Werke für Instrumente der Volksmusik. Die Drehleier war eines dieser Instrumente. Das Instrument wurde für den Gebrauch in der höfischen Musik angepasst. Es bekam einen Korpus aus Spänen … also aus dünnen, gebogenen Holzstreifen, ähnlich wie bei einer Laute. Diese Form gaben ihm höfische Instrumentenbauer zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts. Ein Instrument, das vorher anderswo zuhause war, bekam neue Kleider.

Manche Instrumente aus dieser Zeit bekamen sogar Orgelregister eingebaut. Andere behielten einen Korpus in Gitarrenform. Viele technische Grundlagen der heute verwendeten Instrumente gehen auf diese Jahrzehnte zurück. Was damals am Hof erdacht wurde, steckt noch in den Drehleiern, die heute gebaut werden. Auch der französische Name des Instruments hat sich gehalten. Er lautet Vielle à Roue. Wörtlich übersetzt heißt das Rad-Fidel. Eine Fidel ist ein altes Streichinstrument … und das Rad kennst du schon. Rad-Fidel. Sprich es innerlich einmal nach, wenn du magst. Es klingt wie etwas, das sich langsam dreht. In Frankreich gibt es für die Drehleier bis heute eine starke Tradition. Besonders im Süden der Region Centre-Val de Loire … in der Auvergne … und in der Bourgogne. Im neunzehnten Jahrhundert passte sich das Instrument mehr und mehr der dörflichen Musik an. Es wurde robuster gebaut. Die Instrumente aus dieser Zeit stammen zum Beispiel aus Jenzat in der Auvergne. Und sie gleichen den Drehleiern, die heute gebaut werden. Zwischen damals und jetzt liegt bei dieser Bauform kaum ein Unterschied. Ein Ort. Eine Werkstatt. Eine Form, die geblieben ist.

Für die Bretagne fertigten die Instrumentenbauer aus dem Centre eine eigene Variante. Sie bauten Drehleiern mit einem größeren Korpus … tailliert … mit hohen Zargen an den Seiten. Eine Zarge ist der schmale Rand, der Decke und Boden eines Instruments miteinander verbindet. So wandert eine Bauform von Werkstatt zu Werkstatt. Und unterwegs verändert sie sich ein wenig. Niemand hat das beschlossen. Es ist einfach so geschehen, über viele Jahre. Es gibt auch eine Bauform, die eigentlich gar keine Drehleier mehr ist. Sie heißt Orgelleier. Auf Italienisch Lira organizzata … auf Französisch Vielle organisée. Dieses Instrument besteht aus einer Drehleier, die mit einer kleinen Orgel kombiniert ist. Die Tastatur der Drehleier steuert dabei auch die Mechanik der Orgelventile. Und die Kurbel treibt zusätzlich das Windsystem an, das die Orgel mit Luft versorgt. Eine Hand dreht. Und zwei Instrumente antworten. Im achtzehnten Jahrhundert wurden dafür Kompositionen geschrieben, unter anderem von Joseph Haydn.

Das Rad dreht sich … und dreht sich weiter. Wir sind jetzt eine Weile unterwegs gewesen. Von einer Stube zu einem Museum … von einem Steinrelief zu einem Hof in Frankreich. Wenn dir das alles schon ein wenig verschwimmt, ist das genau richtig.

Die Drehleier in Europa

Von Frankreich aus wandern wir nach Osten. In Ungarn hat die Drehleier eine eigene Gestalt und einen eigenen Namen. In der bäuerlichen Sprache hieß sie nyenyere. Seit dem zwanzigsten Jahrhundert sagt man dort meist tekerőlant … oder kurz tekerő. Das Wort tekerő bedeutet drehen oder kurbeln. Und lant bedeutet Laute. Der Name sagt also dasselbe wie unser Wort Drehleier. Nur in einer anderen Sprache. Zwei Sprachen, die weit auseinanderliegen. Und trotzdem derselbe Gedanke: etwas, das man dreht. Die ungarische Drehleier hat einen großen taillierten Korpus. Und sie hat eine Besonderheit im Inneren. Bei ihr verlaufen die Melodiesaiten, die Schnarrsaite und die Bordunsaiten alle innerhalb des Tangentenkastens … also innerhalb des Aufbaus, der die Tastatur trägt. Auch das Schnarrsystem ist anders gelöst als bei den französischen Instrumenten. Es wird mit einem Keil justiert. Ein kleines Stück Holz hinein … und der Klang ändert sich. Ein Handgriff, den man nicht sieht und trotzdem hört. Ein Keil. Mehr braucht es nicht.

Ein weiteres Kennzeichen ist die Größe des Rades. Im Verhältnis zu den französischen Instrumenten sind Rad und Kurbel bei der ungarischen Drehleier kleiner. Das begünstigt kurze, akzentuierte Schnarrtöne. Die Schnarre heißt auf Ungarisch recsegő. Ihr Klangcharakter erinnert an ein Tamburin. Ein gedrehtes Instrument, das nebenbei auch ein wenig wie ein Schlaginstrument klingt. Ein Instrument, das seine eigene Begleitung mitbringt. Zuhause ist die ungarische Drehleier in bestimmten Gegenden. In der Volksmusik rund um Szentes und Csongrád … und im Gebiet der Donau südlich von Budapest. Die ersten schriftlichen Hinweise auf Drehleiern in Ungarn finden sich im sechzehnten Jahrhundert. Im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts setzte dort eine Renaissance der Drehleier ein. Instrumentenbauer lernten die Bauweise von Volksmusikern, die noch lebten … und übernahmen sie. So hat Ungarn, ähnlich wie Frankreich, eine durchgehende Tradition des Drehleierbaus und des Drehleierspiels. Etwas wurde weitergegeben, bevor es verschwinden konnte. Jemand hat zugehört, während noch jemand da war, der es zeigen konnte. So bleiben Dinge am Leben. Nicht durch Pläne. Durch Zuhören.

In der ungarischen Volksmusik sind Drehleierspieler häufig im Duett mit Klarinettisten überliefert. Die Klarinette übernahm den Melodiepart. Die Drehleier begleitete. Zwei Instrumente. Eines führt … eines trägt. Und es gibt eine Verbindung über die Grenze hinweg. Erhaltene Drehleiern aus Süd- und Ostösterreich und aus Ungarn weisen bauliche Ähnlichkeiten auf. Auch die historischen Abbildungen aus diesen Regionen gleichen einander. Grenzen auf der Karte. Und Werkstätten, die sich nicht darum gekümmert haben. In tschechischen Museen sind mehrfach Instrumente erhalten, die einer eigenen Bauweise folgen. Man nennt sie den böhmischen Typus. Diese Instrumente haben keine Bordunsaiten … und damit auch keine Schnarrsaite. Dafür haben sie Resonanzsaiten. Sie sind durch den Tangentenkasten geführt. Die Stege für die einzelnen Melodiesaiten sind zylindrisch geformt. Also rund wie kleine Walzen. Kleine Walzen aus Holz, jede für eine Saite. Du musst dir das nicht genau vorstellen. Es genügt das Wort: Walzen. Rund … glatt … und klein.

Zu jeder Melodiesaite und ihren Resonanzsaiten gehört ein eigener Saitenhalter. Auch die Tangenten sind besonders angeordnet. Diese Anordnung erlaubt etwas, das andere Drehleiern nicht können. Drückt man hier eine einzige Taste, so werden zwei Melodiesaiten zugleich verkürzt. Man hört also nicht einen Ton, sondern zwei: den Ton der ersten Melodiesaite und dazu den Ton der zweiten. Welche beiden Töne zusammen erklingen, wechselt von Taste zu Taste. Eine Taste … und immer ein Paar von Tönen. Meist gibt es zusätzlich einen Hebel, mit dem man eine Melodiesaite aushängen kann. Dann bleibt nur noch ein Ton übrig. Vermutlich hatte jede der beiden Tastenreihen sechs Töne. Wie sie genau gestimmt waren, lässt sich nur erschließen.

Diese Anordnung der Tasten hat einen eigenen Namen bekommen. Sie heißt Organum panarchicum. Erfunden wurde sie im siebzehnten Jahrhundert in Böhmen … von einem Gelehrten … und zwar allgemein für Tasteninstrumente. Du musst dir davon nichts behalten. Es genügt, dass irgendwo in Böhmen jemand in aller Ruhe über die Reihenfolge von Tasten nachgedacht hat. Und dass daraus ein Instrument wurde, das heute in einem Museum steht. Ein langer Gedanke. Ein sehr langsames Ergebnis. Weiter nördlich und weiter östlich trägt das Instrument wieder einen anderen Namen. In Polen, in der Ukraine, in Belarus und in Russland heißt es Lira. Manche dieser Instrumente haben einen geigenförmigen Korpus. Meist ist ihr Rad sehr klein. Und gelegentlich haben sie eine besondere Tastatur mit Knöpfen statt mit flachen Tasten. Dieselbe Idee … dasselbe Rad … und doch jedes Mal eine andere Gestalt. Wie ein Wort, das in jeder Gegend ein wenig anders ausgesprochen wird.

Die Namen dieses Instruments sind ein Kapitel für sich. Das Wort Leier geht auf das lateinische lyra zurück … und auf das italienische lira. Der erste Wortteil, Dreh-, kommt einfach vom Drehen. Er meint das Streichrad, das der Spieler bewegt. In alten Quellen wird Drehleier oft auf Leier verkürzt … manchmal mit einem ypsilon geschrieben, als Leyer. In mittelalterlichen Texten findet sich außerdem das Wort symphonie. Ein Instrument … und ein ganzer Korb voller Namen. Du musst sie nicht auseinanderhalten. Sie meinen ohnehin alle dasselbe Ding auf dem Tisch. Im Jahr sechzehnhundertzwanzig schrieb ein Musikgelehrter in einem großen Tafelwerk von Bawren Lyren. Gemeint waren Bauernleiern. Der Name half, die Drehleier von der antiken Leier zu unterscheiden. Denn die antike Leier war ein Zupfinstrument. Es gab auch die Bezeichnungen Bettelleier und Bettlerleier. Sie zeigen an, dass bettelnde Musiker Drehleiern spielten. Ein anderer Gelehrter verzeichnete das Instrument in einem großen Werk über die Musik als Lyra mendicorum. Und das Wort Savoyardenorgel bezeichnet die Drehleier als Instrument der reisenden Musiker aus Savoyen. Ein Instrument, das unterwegs war. In vielen Händen. Auf vielen Straßen. Wege durch Dörfer. Wege über Pässe. Und abends irgendwo ein Dach. So ist dieses Instrument weit gekommen.

Aus dieser Kurbel ist noch ein weiteres Wort entstanden, das du bestimmt kennst. Nach der Drehvorrichtung der Drehleier wurden nämlich auch andere Geräte mit einer gleichartigen Kurbel als Leier bezeichnet. Dazu gehörten kleine tragbare mechanische Musikwerke, die man mit einer solchen Kurbel betrieb. Ein Kasten mit einer Leier daran. Ein Leierkasten. Seither ist die Bedeutung des Wortes Leier nur aus dem Zusammenhang zu erschließen. Es kann das antike Zupfinstrument meinen … oder ein traditionelles Streichinstrument … oder eben die Drehleier. Ein Wort, das mehr als eine Sache geworden ist. Auch das darf heute Abend einfach so stehen bleiben. Man findet die Drehleier auch dort, wo man sie nicht sofort erwartet. Im Kloster Himmelkron gibt es eine Darstellung eines Engels mit einer Drehleier. Und in der Malerei taucht sie ebenfalls auf. Auf dem rechten Flügel eines dreiteiligen Gemäldes von Hieronymus Bosch ist eine Drehleier zu sehen. Ein solches Gemälde nennt man Triptychon. Das Bild heißt Der Garten der Lüste. Es entstand zwischen vierzehnhundertneunzig und fünfzehnhundert. Darauf findet sich die erste bekannte Darstellung eines Schnarrsteges an einer Drehleier. Ein gemaltes Detail.

Aus solchen Abbildungen ist eine ganze Gruppe heutiger Instrumente entstanden. Man nennt sie gotische Drehleiern. Gemeint sind meist Instrumente, deren Korpusform nach historischen Abbildungen geformt ist … aus der Zeit vom Beginn der Neuzeit bis etwa sechzehnhundertfünfzig. Manche davon sind sehr genaue Nachbauten einzelner Darstellungen. Andere sind freie Neuschöpfungen für die Verwendung auf Mittelaltermärkten. Beides steht heute nebeneinander in den Werkstätten. Das Genaue und das Freie. Sie scheinen sich gut zu vertragen. In einer Werkstatt riecht es nach Holz und nach Leim. Es ist dort meistens still. Man hört nur Werkzeug. Auch das ist ein guter Ort für einen späten Gedanken.

Und dann gibt es die jüngste Bauform. Seit den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wird die Alto-Drehleier entwickelt. Sie entstand nach den Klangvorstellungen der Instrumentenbauer und nach den Bedürfnissen von Spielern, die das Instrument in modernem Zusammenhang verwenden. Das Wort alto ist französisch und bedeutet Bratsche. Der Name deutet auf den erweiterten Tonumfang dieser Instrumente hin. Sie klingen meist tiefer. Ihr Tonumfang ist um bis zu drei Oktaven größer. Und sie tragen mehr Saiten. Bis zu siebenundzwanzig Saiten sind es. Nutzt man sie alle, kommt man auf bis zu viereinhalb Oktaven. Siebenundzwanzig Saiten. Und immer noch dasselbe Rad in der Mitte. Das Instrument ist größer geworden. Der Kern ist derselbe geblieben. Ein Rad. Und eine Hand.

Manche Drehleiern nehmen die Schwingungen ihrer Saiten heute über Tonabnehmer ab. Ähnlich wie bei einer elektrischen Gitarre gehen die Signale dann an einen Verstärker. Manchmal werden sie über einen Synthesizer verändert wiedergegeben. Und es gibt Drehleiern, die ganz ohne Saiten auskommen. Bei ihnen entstehen die Signale für die Melodie rein elektronisch … aus der Tastatur und aus den Bewegungen des Drehrades. Auch die elektronischen Schnarr- und Bordunklänge werden durch die Bewegung der Kurbel gesteuert. Selbst dort, wo keine einzige Saite mehr gespannt ist … dreht sich immer noch ein Rad. Das ist vielleicht der ruhigste Gedanke von allen. So vieles hat sich verändert. Und die Hand macht noch dieselbe Bewegung.

Zu allen Zeiten war die Drehleier ein Instrument der populären Musik. Ein Instrument der traditionellen Tanzmusik … und der Liedbegleitung. Heute findet man sie in der Alten Musik … im Jazz … in der Rockmusik … und in der Neuen Musik. Eine große Zahl von Werken für dieses Instrument entstand im achtzehnten Jahrhundert, im Umfeld des französischen Hofes. Und auch Komponisten der Gegenwart schreiben noch für die Drehleier. Ein Instrument aus dem Mittelalter, für das immer wieder neue Noten geschrieben werden. Alte Noten und neue Noten. Sie liegen in denselben Regalen. Und irgendwo sitzt gerade jemand und schreibt eine Zeile für dieses Instrument. Bis ins neunzehnte Jahrhundert ist die Drehleier in vielen Ländern Europas dokumentiert. Als traditionelles Musikinstrument verbreitet ist sie heute in Zentralfrankreich … in Nordwestspanien … und in Ungarn. In vielen anderen Regionen Europas erlebt sie eine Renaissance. Vermutlich hat sie heute eine größere Verbreitung als zu jeder anderen Zeit. Ein altes Instrument, das gerade jetzt am weitesten gereist ist. Auch das ist ein beruhigender Gedanke. Etwas Altes, das nicht verschwunden ist. Etwas Leises, das weitergeht. Mehr muss ein Abend nicht hergeben.

Das Rad bleibt in Bewegung

Und damit sind wir wieder in der Stube … am Tisch … beim Instrument aus Holz. Die Kurbel steht ein wenig ab. Das Rad steht still. Es hat alles schon gesehen. Steinrelief und Kirchenraum … Hof und Dorf … Werkstatt und Museum. Es hat in Frankreich einen Korpus aus Spänen bekommen … und in Ungarn einen Keil für die Schnarre. Es hat in Böhmen zwei Melodiesaiten unter eine Tastatur gelegt … und im Osten kleine Knöpfe statt flacher Tasten. Und immer war da ein Rad. Und eine Hand an einer Kurbel. Du musst dir nichts davon gemerkt haben. Die Namen dürfen wieder gehen. Organistrum … Kastenleier … Vielle à Roue … tekerő … Lira. Sie ziehen vorbei wie die Häuser am Fenster. Und dann sind sie weg. Was bleibt, ist ein sehr einfaches Bild. Ein Tisch. Ein Instrument. Eine Kurbel, die ein wenig absteht. Und die Ruhe in einem Raum, in dem niemand etwas von dir will.

Das Rad dreht sich … und dreht sich weiter. Langsam … gleichmäßig … ohne Eile. Das Licht über dem Tisch bleibt, wie es ist. Die Ecken bleiben dunkel. Das Rad dreht sich … und dreht sich weiter. Und irgendwann hört die Hand auf zu drehen. Dann bleibt das Rad stehen. Und es ist still in der Stube. Nichts muss jetzt noch geschehen. Und du darfst jetzt schlafen. Leg dich zurecht … so wie es dir gefällt. Die Schultern dürfen schwer werden. Der Kiefer darf locker sein. Atme ruhig ein … und wieder aus. Die Stube bleibt. Das Holz bleibt warm. Der Tisch bleibt. Das Instrument bleibt liegen. Alles ist gut. Du musst nichts mehr festhalten. Auch die Drehleier nicht. Sie bleibt auf dem Tisch liegen, während du einschläfst. Und das Rad steht still, bis jemand es wieder dreht. Alles ist gut. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.

Quelle und Lizenz

Dieser Text beruht auf dem Wikipedia-Artikel «Drehleier». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.

Verwendete Fassungen: «Drehleier» Version 264452714, abgerufen am 16. September 2026.

Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.