Gute Nacht mit Fridolin – zur Startseite

Folge 71 · 2. Oktober 2026 · 41 Minuten

Der Kirchturm

Fridolin sitzt in weichen Wolken und hält ein warm beleuchtetes Kirchenmodell mit Turm in beiden Händen, umgeben von einem sanft leuchtenden Sternenhimmel.

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht

Fridolin erzählt von Kirchtürmen, ihren Glocken, Uhren und den vielen Formen, die sie im Lauf der Jahrhunderte angenommen haben.

Ganz oben in der Turmkugel liegt ein kleines Bündel Gegenwart: Münzen, Geldscheine und eine Zeitung für die nächsten Generationen.

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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte

4.123 Wörter · rund 21 Minuten zum Lesen, Mitlesen oder Vorlesen

Ein Turm über den Dächern

Stell dir ein Dorf vor … in einem weiten Tal. Die Häuser stehen dicht beieinander. Die Dächer sind aus Ziegel … und zwischen ihnen laufen schmale Gassen. Die Gassen sind eng. Sie machen kleine Bögen … und führen doch alle in dieselbe Richtung. Es ist Abend geworden. In den Fenstern geht nacheinander das Licht an. Eins … und dann noch eins. Über den Dächern steht ein Turm. Er ist aus Stein … er ist viereckig … und er ist höher als alles andere hier. Man sieht ihn von weit her … lange bevor man das Dorf erreicht. Wer von den Feldern zurückkommt, sieht zuerst ihn. Erst danach die Häuser. Der Turm steht … und er steht weiter.

Woher die Kirchtürme kommen

Ein Kirchturm ist der Turm, der zu einem Kirchengebäude gehört. Nicht mehr … und nicht weniger. In den meisten christlich geprägten Ländern ist das das Grundschema eines Kirchenbaus. Eine Versammlungshalle … und ein Turm. Ein Raum, in dem man zusammenkommt. Und ein Bau, der nach oben zeigt. Und nun das Merkwürdige daran. Für diesen Turm gibt es keine theologische Begründung. Kein Glaubenssatz verlangt ihn. Er ist einfach da … in Dörfern und in Städten … seit vielen Jahrhunderten. Das ist ein freundlicher Gedanke für den Abend. Etwas, das so groß ist … und so selbstverständlich … und niemand muss begründen, warum es dort steht. Es steht einfach. Das genügt.

Die Antike kannte solche Türme nicht. Nicht am Tempel … und nicht an der Basilika, dem großen Versammlungsbau der Römer. Auch in der ersten Zeit des christlichen Kirchenbaus wurden noch keine Türme gebaut. Die Kirchen waren damals Häuser für Menschen. Noch keine Zeichen am Himmel. Hohe Bauten aber gab es lange vorher. In den ältesten Kulturen findest du Monolithe … einzelne, aufgerichtete Steinblöcke … dazu Säulen und Steintürme. Im alten Orient gab es die Zikkurats. So heißen die gestuften Tempeltürme Mesopotamiens. Stufe über Stufe … eine Terrasse über der anderen … immer schmaler nach oben. Über die Legende vom Turmbau zu Babel lieferten sie christlichen Baumeistern viel später die Idee des himmelhohen Turms.

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Der Anfang der Kirchtürme liegt in Italien. Seit dem sechsten Jahrhundert bekamen die Kirchen dort Glockentürme … und zwar freistehende. Man nennt sie Campanile. Das Wort kommt von campana … und campana heißt Glocke. Ein Wort für den Klang. Und daraus wurde ein Wort für den Bau. Ein solcher Campanile steht in Ravenna, bei der Kirche Sant’Apollinare Nuovo. Ein Turm allein … neben dem Kirchenschiff. Nicht angebaut. Nicht angelehnt. Einfach daneben. Freistehende Türme gelten bis heute als besonders typisch für Italien. Sie sind dort meist schlank … und hoch. Schlank … und hoch. Und ein Stück abseits vom Bau.

Glocken und Höhe

Dass der Turm zu einem typischen Element des Kirchenbaus wurde, hängt mit der Glocke zusammen. Die Kirchenglocke war der akustische Zeichengeber der christlichen Kirche … das Mittel, mit dem sie sich hörbar machte. Ein Zeichen aus Klang braucht Höhe. Also baute man Höhe. Je höher die Glocke hängt, desto weiter trägt sie über die Dächer. Allein aus der Aufgabe, eine Glocke aufzuhängen, lassen sich die aufwändigen Turmbauten des Mittelalters aber nicht begründen. Dafür sind sie zu groß. Man hätte es einfacher haben können. Man hat es nicht einfacher gemacht. Und auch die Symbolik des Christentums kann das Phänomen des Kirchturms nicht erklären. Da bleibt ein Rest, der offen ist. Den darfst du heute Abend offen liegen lassen. Nicht jede Frage muss heute Nacht beantwortet werden.

Anderswo ist es anders gewachsen. Auch in China haben Glocken seit ältester Zeit eine kultische Funktion. Die hohen sakralen Bauten Asiens aber, die Stupas und die Pagoden, kommen aus einer anderen Richtung. Sie entwickelten sich aus Reliquien- und Grabbauten. Ein anderer Anfang also. Und trotzdem wieder Höhe. Seit dem siebten Jahrhundert entstanden die Moscheen mit dem Minarett. Als erhöhter Standort für einen Schallgeber, für den Gebetsruf, ist das Minarett dem christlichen Glockenturm vergleichbar. Menschen bauen nach oben, wenn sie gehört werden wollen. Überall … und immer wieder.

Von innen ist so ein Turm mehr als eine Hülle für Glocken. Im Erdgeschoss wurde er sakral genutzt … als Kapelle … als Vorraum … oder als Teil des Kirchenschiffs. Diesen Vorraum nennt man Narthex. Ein Raum vor dem Raum. Man kommt an … bevor man ankommt. Die oberen Geschosse konnten eine Empore tragen … eine Galerie also, die in den Kirchenraum schaut … oder wieder eine Kapelle. Turmkapellen sind oft dem Erzengel Michael geweiht. Ein Raum im Turm, der einen eigenen Namen trägt. Und im ersten Obergeschoss lag manchmal die Patronatsloge. Dort wohnte der Stifter der Kirche dem Gottesdienst bei … weit unterhalb der auffälligen Freigeschosse. Ein kleiner Platz im Turm. Mit Blick nach unten.

Formen und Plätze im Kirchenbau

Die frühen Formen sehen noch nicht aus wie das, was du im Kopf hast. Auf den Britischen Inseln gehören separate Rundtürme zu den ältesten Bauformen … dazu turmartige Rundkirchen. Rund also. Nicht eckig. Auch auf dem Sankt Galler Klosterplan erscheinen sie … einem Plan aus der Zeit um das Jahr achthundertzwanzig. Gezeichnet, lange bevor es die Türme gab, die wir heute im Kopf haben. Eine andere frühe Form ist das Westwerk. So nennt man den turmartigen Bau an der Westseite der Kirche … aus der Zeit der Karolinger und der Ottonen. Noch kein Turm, wie du ihn dir denkst. Aber schon Höhe an der Westseite.

Türme im Wandel der Zeiten

Erst im elften Jahrhundert wurden Kirchtürme zum dominierenden Element der Kirchenbauten der Westkirche. Damit wurden sie auch zum dominierenden Element der abendländischen Stadtsilhouetten … der Umrisse also, die eine Stadt von weitem zeigt. Wer sich einer Stadt näherte, sah zuerst die Türme. Ab dem zwölften Jahrhundert waren es meist die Westtürme … zwei Türme an der Eingangsseite. In Deutschland und in Skandinavien genügte auch bei großen Kirchen oft ein einziger Westturm. Einer reicht auch. Er muss nur hoch genug sein. Der Turm steht … und er steht weiter.

Es gibt noch andere Plätze für einen Turm. Der Chorturm steht über dem Chor … also über dem Bereich beim Altar. Der Chorflankenturm steht daneben. Ein Turm über dem Bereich beim Altar. Und einer an seiner Seite. Der Querhausturm steht über dem Querhaus, dem querliegenden Arm des Baus. Und der Vierungsturm steht über der Vierung … dort, wo Langhaus und Querhaus sich kreuzen. Für jede Stelle im Bau gibt es einen Namen. Und für jeden Turm dazu. Am häufigsten aber steht der Turm an dem Ende des Kirchenschiffs, das dem Hauptaltar gegenüberliegt. Traditionell ist das das Westende. Seit dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert haben städtebauliche Überlegungen Vorrang. Die im Mittelalter übliche Ausrichtung nach Osten und Westen ist dann nicht mehr entscheidend. Nun zählt, wie der Turm in der Straße wirkt. Und wie er von den Plätzen aus aussieht.

Manche Türme wurden Vorbilder für viele andere. Die Doppelturmfassade, zwei etwa gleich hohe Türme über dem Eingang, hatte wohl schon ein früher Bau des Straßburger Münsters. Zwei Türme nebeneinander. Und dazwischen die Tür. Als frühe Höhepunkte des Kirchturmbaus gelten zwei normannische Abteikirchen … eine in Caen … und eine in Jumièges. Und die Turmfassade der Abteikirche Saint-Étienne in Caen war nach ihrer Fertigstellung das Vorbild für viele gotische Kathedralen des zwölften Jahrhunderts. Einmal gebaut … und dann viele Male weitergedacht. In Türmen ließ sich der Höhendrang des gotischen Baustils besonders gut verwirklichen. Die Gotik zieht alles nach oben. Die Fenster … die Pfeiler … und eben die Türme. Jede Linie zeigt in dieselbe Richtung. In Wien wurde der Südturm des Stephansdomes im fünfzehnten Jahrhundert vollendet. Ein einzelner spitzer Turm über einer ganzen Stadt. Von überall zu sehen. Aus jeder Gasse. Der Turm steht … und er steht weiter.

Dann gab es Zeiten, in denen der Turm nicht gefragt war. In der italienischen Renaissance verzichtete man oft auf Kirchtürme … und auch später noch, im italienischen Manierismus und im Barock. Der Grund war das Ideal der Proportionen, das an der Antike geschult war. Es erlaubte keine Bauten mit Türmen. Man wollte Ruhe im Bau. Und ein Turm ist keine Ruhe. Diese Kirchen tragen stattdessen eine Kuppel … prominent … über der Mitte des Raums. Kein Zeigen nach oben. Sondern ein Wölben über allem. Im deutschen Barock erlebte der Turmbau dagegen eine Erneuerung. Zahlreiche süddeutsche Kirchen zeigen Turmfassaden … vereinzelt auch Doppelturmfassaden. Eine Besonderheit vieler deutscher Barockkirchen ist, dass das neue Kirchenschiff an einen noch erhaltenen mittelalterlichen Kirchturm angebaut wurde. Das sparte Kosten und Aufwand. Der alte Turm durfte bleiben. Nur das Schiff wurde neu. Oft wurde der Turm dabei barockisiert … dem neuen Stil angepasst. In anderen Fällen blieb der Gegensatz stehen. Ein mittelalterlicher Turm … und daneben ein Schiff aus einer ganz anderen Zeit. Zwei Zeiten, die nebeneinander stehen. Und sich gut vertragen.

Der Klassizismus versuchte danach, die Turmbauten in den Baukörper zu integrieren … in eine Fassade, die nach antikem Muster gegliedert ist. Mit der Neogotik wurden Türme wieder zu herausragenden Symbolbauten … städtebaulich wirksam … weithin sichtbar. Sie traten zunehmend in Konkurrenz zu profanen Hochbauten für Industrie und Wirtschaft. Und es wurden Türme vollendet, die im Mittelalter unfertig geblieben waren … am Kölner Dom … am Ulmer Münster. Man nennt das die Kirchturmblüte. Die Kirchenbauarchitektur des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte dann neue Bauformen. Sie griff oft auf den Campanile zurück … den freistehenden Turm als Solitär … oder sie verzichtete ganz auf Turmbauten. Aus Traditionsgründen aber werden Kirchenneubauten noch heute vielfach mit einem Kirchturm versehen. Nicht, weil es sein muss. Sondern weil es dazugehört. Weil ein Ort ohne Turm sich anders anfühlt. Der Turm steht … und er steht weiter.

Was im Turm hängt und geschieht

Nun zu dem, was oben im Turm hängt. Traditionell trugen Kirchtürme mehrere Kirchenglocken. Die kleinen Glocken hatten einen hohen Klang. Die großen Glocken sind im Klang harmonisch aufeinander abgestimmt. Zusammen ergeben sie das Geläut. Mehrere Töne … die zueinander passen. Und die man zusammen hört wie einen einzigen. Große Glocken sind schwer. Sie können eine erhebliche Belastung für das Mauerwerk darstellen … für die Wände also, die sie tragen. Jeder Schlag geht durch den ganzen Turm. Bis hinunter in das Fundament. Deshalb gibt es verschiedene Arten, eine Glocke aufzuhängen. Bei der verbreitetsten Art hängt die Glocke an einer Achse und pendelt hin und her. Der Klöppel ist das Schlagstück im Inneren. Er schwingt gemeinsam mit der Glocke … beide zusammen bilden ein Doppelpendel. Zwei Bewegungen … die sich treffen. Und in diesem Treffen entsteht der Ton. In manchen Kirchtürmen des Mittelmeerraums sind die Glocken fest aufgehängt. Dann bewegen sich nur die Klöppel. Und in manchen spanischen Kirchtürmen rotieren die Glocken … um eine Achse in Höhe ihres Schwerpunktes. Sie drehen sich also ganz herum. Immer wieder. Der Klang, der dabei entsteht, ist im Sinne der wissenschaftlichen Akustik weniger harmonisch.

Zwei Orte, an denen man das hören kann. Die Abteikirche Saint-Victor in Marseille … und die Kathedrale von Zamora. Dieselbe Aufgabe … und ein anderer Klang, nur weil die Glocke anders hängt. Solche Unterschiede halten sich über Jahrhunderte. Eine Gegend hängt ihre Glocken so … die nächste so. Und niemand kommt auf die Idee, das zu ändern.

Uhren, Türmer und andere Aufgaben

Der Turm trägt noch etwas anderes. Viele Kirchtürme sind mit einer Turmuhr ausgestattet. Meist ist auf mehreren Seiten des Turmes ein Zifferblatt angebracht … damit man die Uhr von überall im Ort sehen kann. Aus jeder Gasse eine Seite. Aus jedem Garten eine Zahl. Früher diente die Turmuhr den Bewohnern als Zeitnormal. So nennt man die Uhr, nach der alle anderen Uhren gestellt werden. Manchmal war sie ohnehin die einzige Uhr im Ort. Dann war die Zeit das, was der Turm zeigte. Und sonst nichts. Und durch den Glockenschlag machte sie die Zeit auch draußen wahrnehmbar … bei der Arbeit auf den umliegenden Feldern. Man musste nicht hinsehen. Man musste nur hinhören.

Früher wurden die Turmuhren mit Gewichten in Gang gehalten. Ein Gewicht sinkt langsam … und treibt dabei das Werk an. Und irgendwann musste jemand hinaufsteigen und es wieder hochziehen. Seit dem zwanzigsten Jahrhundert sind die Uhren zunehmend elektrifiziert. Ausgetauschte Uhrwerke und alte Zifferblätter werden häufig in Museen oder in Rathäusern ausgestellt. Räder und Zeiger, die einmal ganz oben waren. Und jetzt auf Augenhöhe stehen. Einige Kirchtürme besitzen auf einer Turmseite mehrere Zifferblätter. Bei modernen Kirchtürmen wird auf eine Turmuhr häufig verzichtet. In mittelalterlichen Städten gab es in mindestens einem der höchsten Kirchtürme eine Wohnung. Dort lebte der Türmer. Von oben hielt er Ausschau über die Stadt … das war sein Arbeitsplatz, bis ins neunzehnte Jahrhundert. Tag für Tag derselbe Blick. Und jede Nacht dieselben Dächer im Dunkeln. Erst im späten neunzehnten Jahrhundert wurde das Amt des Türmers allgemein abgeschafft. Bemannte Türme gab es aber noch im zwanzigsten Jahrhundert … in der Nikolaikirche in Eilenburg … und in der Thomaskirche in Leipzig. Jemand wohnte also da oben. Über den Dächern … neben den Glocken. Und ging abends nicht nach Hause. Er war schon zu Hause.

Weil sie so hoch sind, bekamen Kirchtürme immer wieder Aufgaben, die mit der Kirche nichts zu tun haben. In Meeresnähe diente ein Turm als Seezeichen … als Marke, an der Schiffe sich orientieren … manchmal sogar als Leuchtturm. Ein Turm für das Dorf. Und zugleich ein Turm für das Wasser. Im Turm einer Kirche in Kopenhagen wurde im siebzehnten Jahrhundert eine Sternwarte eingerichtet. Ganz oben … und von dort aus noch weiter hinaufgeschaut. In der kurzen Zeit der optischen Telegrafen, die Nachrichten mit Zeichen von Station zu Station weitergaben, wurde ein Turm zur Telegrafenstation. Und an einer Kirche in Otterndorf diente der Turm zeitweise als Wasserturm. Höhe ist brauchbar. Wofür auch immer.

In jüngerer Zeit kam noch eine Aufgabe dazu. Der Aussichtsturm. Einige Kirchtürme besitzen eine Aussichtsplattform. Anders als bei Wassertürmen und Fernsehtürmen ist sie im Regelfall nur über ein Treppenhaus zugänglich … der Einbau eines Aufzugs ist meist nicht möglich. Man geht also zu Fuß hinauf. Stufe für Stufe … an den Glocken vorbei. Die Treppe wird enger. Das Licht kommt durch schmale Öffnungen. Und oben ist es still … und der Wind geht anders. Der Turm steht … und er steht weiter. Für Geodäten sind Kirchtürme ideale Festpunkte. Geodäten sind die Fachleute, die das Land vermessen. Ein Turm ist eindeutig zuzuordnen … und leicht verfügbar. Er steht dort, wo er hingehört … und er bleibt dort. Genau das braucht eine Messung. Etwas, das sich nicht bewegt. Seitlich des Eingangs findet sich oft ein Turmbolzen … ein Bolzen im Mauerwerk. Er kann als Nivellementpunkt dienen … als stabiler Bezugspunkt für Höhenmessungen. Ein kleines Stück Metall. Und daran hängt die Höhe einer ganzen Gegend.

Auch heute übernehmen Türme Nebenaufgaben. Manche werden für den Mobilfunk genutzt. Die Antennen sind dabei häufig unter dem Dach anzubringen … wegen der Auflagen des Denkmalschutzes. Man sieht sie nicht. Sie sind trotzdem da. Vereinzelt werden Kirchtürme für Werbezwecke genutzt. Und lange vorher war der Kirchturm häufig der Ort, an dem die gemeindeeigenen Löscheimer aufbewahrt wurden … Eimer aus Leder oder aus Stroh … aus der Zeit, bevor es Feuerwehren gab. Ein Turm voller Eimer. Für den Fall, dass es brennt.

Kleine Türme und große Formen

Zurück zum Turm selbst. Nicht jeder freistehende Turm ist schlank und hoch. In Ostfriesland stehen Türme, die eher Haus sind als Turm. Sie sind oft niedriger als das Kirchenschiff. Ein Turm, der sich klein macht. Neben einer Kirche, die größer ist. In Nordfriesland gibt es stattdessen manchmal nur einen unscheinbaren Glockenstuhl … das Gerüst also, in dem die Glocke hängt. Diese Bauten heißen Glockenstapel. Kein Turm mehr. Nur noch das Nötigste, damit die Glocke hängen kann. Freistehende Türme finden sich von der Spätantike bis in die Gegenwart. In der modernen Kirchenarchitektur geht man zunehmend wieder zu campanileartigen Türmen zurück … als Landmarke … und als Träger des Geläuts. Bei manchen romanischen Kreuzbasiliken ist der Vierungsturm der höchste Turm des Baus. Eine Kreuzbasilika ist eine Kirche, deren Grundriss ein Kreuz bildet. Beispiele sind die Basilika Saint-Sernin in Toulouse … und der Limburger Dom. In solchen Vierungstürmen reicht auch der Innenraum über den First des Hauptschiffes hinaus. Dann nennt man den Turm einen Laternenturm. Durch die Fenster des Turms fällt Licht … von oben … mitten in die Kirche. Ein heller Fleck auf dem Boden. Der langsam wandert.

Sonst wird ein Westturm angebaut. In ihm sind das Portal und die Portikus untergebracht … der Eingang also, und die Vorhalle. Man geht durch den Turm hindurch, um in die Kirche zu kommen. Manche Basiliken haben zwei Westtürme. Zwischen ihnen liegt das Westwerk. Ebenfalls in der Romanik baute man gern einen Westriegel … einen breitgelagerten Bau quer vor der Kirche, statt eines einzelnen Turms. Selten finden sich Vierturmkirchen. Es gibt Kirchen mit zwei bis sechs etwa gleich hohen Türmen. Sechs Türme über einem Bau. Man muss sie erst einmal zählen. Von oben gesehen sind die Türme verschieden. Die Formen und Dimensionen der Grundflächen weichen stark voneinander ab. Sie sind quadratisch … rechteckig … rund … oder polygonal, also vieleckig. Rundtürme sind regional sogar häufig. Auch sechs- und achteckige Türme kommen vor. Ein sechseckiger Turm steht an der Grote Kerk in Den Haag. Der Campanile des Doms von Oristano auf Sardinien ist achteckig. Bei Quertürmen ist die Achse quer zum Kirchenschiff länger als die Längsachse. Ein Turm also, der breiter wirkt, wenn man von vorn kommt.

Was man nicht sieht, ist das Fundament. Bei hohen Türmen musste es wesentlich stärker ausgeführt werden als das Fundament des benachbarten Kirchenbauwerks. Das Gewicht eines Turms sammelt sich auf einer kleinen Fläche … und muss von dort in den Boden. Alles, was oben steht, drückt nach unten. Ruhig … und ohne Pause. Ein Turm ist also nicht nur ein Bau nach oben. Er ist auch ein Bau nach unten. Und der untere Teil ist der, den niemand bewundert. Es gibt auch die kleinen Türme. Ein kleiner Turm, der auf dem Dachfirst des Kirchenschiffes sitzt, heißt Dachreiter. Auch über der Vierung bleibt er ein Dachreiter, weil er auf dem Dach sitzt und nicht als eigener Turmbau aus der Vierung emporwächst. Manche Mönchsorden bauten als Ausdruck christlicher Demut nur einen Dachreiter mit einer Glocke … die Zisterzienser … und die Bettelorden … auch bei Kirchen stolzer Ausmaße. Ein großer Bau. Und ganz oben ein kleiner Turm mit einer einzigen Glocke. Eine Glocke genügt, wenn man nur einmal rufen will.

Kleine Aufsätze mit Fensteröffnungen auf Kirchtürmen werden Laternen genannt. Und dann gibt es eine Kleinform, die gar kein Turm mehr ist. Den Glockengiebel. Er besteht aus einem oder mehreren Bögen zur Glockenaufhängung … und diese Bögen stehen oben auf der Giebelwand. Eine Wand mit Öffnungen. Und in den Öffnungen hängen die Glocken. Besonders häufig ist das in Südeuropa. Man findet es aber auch nördlicher, etwa bei der Kirche von Germigny-des-Prés.

Dächer, Helme und Hauben

Nun das Dach. Frühe Kirchtürme endeten in Pyramiden- oder Kegeldächern … und diese waren nicht sehr steil. So ist es bei den byzantinischen Kirchen von Ravenna. Auch Sattel- und Walmdächer gab es. Sie unterschieden sich in ihren Proportionen wenig von Hausdächern. Ein Turm mit einem Dach wie ein Haus. Das ist der Anfang … und es wirkt heute fast vertraut. Als hätte jemand ein Haus genommen und es sehr hoch gemacht. In der Spätromanik und in der Gotik baute man dann hohe spitze Dächer. Man nennt sie Turmhelme … oder Turmhauben. Vor allem in Frankreich und in England verzichtete man in der Gotik oft auf die Turmspitze. Dort endet das reich verzierte hohe Gemäuer mit einer Plattform. Der Turm hört einfach auf. Und darüber ist Himmel. Die hölzernen Dachstühle wurden zunächst oft mit Blei gedeckt. Die heutige Kupferdeckung derselben Türme ist in der Regel jünger. Blei … dann Kupfer. Das Dach wechselt. Der Turm bleibt.

Typisch wurde der Rhombenhelm. Bei dieser Dachform können alle Wände eines Turms als Giebel enden, ohne dass man mehrere Dachfirste braucht. Vier Giebel … ein First. Eine einfache Lösung für ein Problem, das man sonst gar nicht bemerkt. Es gab auch gemauerte Dächer. Sie entzünden sich nicht bei Blitzschlag … aber sie erhöhen das Gewicht. Sicherer oben. Schwerer unten. Mancherorts errichtete man Turmspitzen aus Maßwerk … aus steinernem Zierwerk mit vielen Öffnungen … wie beim Freiburger Münster. Stein, durch den man hindurchsehen kann. In der Renaissance und im Barock kamen andere Formen in Mode. Man setzte modifizierte Kuppeln auf die Türme, mit einer aufgesetzten Laterne. Diese Form heißt Welsche Haube. Statt hoher spitzer Turmhelme bevorzugte man solche Hauben … und mehrere Laternen übereinander. Rund statt spitz. Und darüber noch einmal rund. Zwiebeltürme besitzen eine zwiebelförmige Turmhaube. Besonders im deutschsprachigen Alpengebiet kam der Zwiebelturm auf. Eine andere regionaltypische Form ist die thüringische Haube. Dazu kommen Glockenhauben und Schweifhauben … augenfällige Kennzeichen für den Barockstil in Deutschland. Für jede Gegend eine eigene Kappe.

Im Rokoko weisen viele Kirchtürme eine durch Bögen durchbrochene Trauflinie auf. Die Trauflinie ist die untere Kante des Dachs. Fast immer nimmt die Wölbung eine Turmuhr auf. Beispiele für diese Bauweise finden sich besonders in Bayern. Ein Bogen, der die Uhr trägt. Und über dem Bogen geht das Dach weiter. In der Übergangszeit zwischen Gotik und Barock wählte man in Unterfranken oft die Form des Julius-Echter-Turms … mit Knickhelm oder mit spitzem achteckigem Helmdach über quadratischem Grundriss. In der Regel wurden dabei romanische oder gotische Turmreste einer neuen Verwendung zugeführt. Alter Stein unten. Neue Form oben. Eine besondere Form ist der gedrehte Kirchturm … genauer gesagt sein geschraubtes Dach. Die gewundene Form kommt in Europa etwa einhundert Mal vor. In Deutschland ist sie neunzehn Mal vertreten … unter anderem bei Sankt Clemens in Mayen in Rheinland-Pfalz. Von unten sieht es aus, als hätte sich die Spitze beim Aufstieg ein wenig gedreht. Als wäre sie unterwegs gewesen. Und dann stehen geblieben. Der Turm steht … und er steht weiter.

Bauen über Jahrhunderte

Kirchtürme sind oft jünger als die übrige Kirche … manchmal aber auch älter. Im Mittelalter begann man den Kirchbau typischerweise mit dem Chor, dem Bereich um den Altar. Nach seiner Weihe konnte man dort schon Messen feiern … während die westlichen Teile errichtet wurden. Ein Teil war fertig. Am Rest wurde noch gearbeitet. Der Turm wurde zuletzt gebaut … wenigstens zuletzt vollendet … manchmal nie … manchmal erst nach Jahrhunderten. Wer anfing, sah das Ende nicht. Und wer aufhörte, hatte nicht angefangen. Bei manchen Kirchen baute man aber früh ein oder zwei untere Turmgeschosse. Sie dienten der Einwölbung des Langhauses als Widerlager … als Gegenhalt für den Druck des Gewölbes. So war es beim Kölner Dom. Unten war der Turm also schon nötig. Oben noch lange nicht.

Wie lang so eine Baugeschichte werden kann, zeigt der Schweriner Dom. Im zwölften Jahrhundert stand dort zuerst eine Bischofskirche. Dann folgte, als Fortsetzung, eine romanische Basilika … und als deren letzte Bauphase ein frühgotischer Turm. Ab etwa dreizehnhundert wurde diese Kirche durch eine hochgotische Hallenkirche ersetzt, beginnend mit dem Chor. Die Lücke zum Turm wurde am Ende des vierzehnten Jahrhunderts geschlossen … die Einwölbung einige Jahre später vollendet. Und am Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurde der frühgotische Westturm durch den heutigen ersetzt … einen neugotischen. Mehr als siebenhundert Jahre an einem Bau. Und er steht immer noch. Immer wieder hat jemand weitergemacht. Und irgendwann war es dieser Turm. Der Kirchturm ist geradezu sprichwörtlich geworden. Haus mit Turm ist zur Chiffre für Kirche geworden … so steht es auf Verkehrsschildern mit Gottesdienstzeiten. Ein kleines Bild am Straßenrand. Und jeder weiß, was gemeint ist. Es gibt aber in manchen Gegenden auch andere Gebäude mit hohem Glockenturm. In Flandern haben viele Rathäuser einen Belfried … einen städtischen Glockenturm. Auch dort hängen Glocken. Nur gehört der Turm der Stadt. Auch in der Toskana gibt es Rathäuser mit hohem Turm, beispielsweise in Siena. Nicht jeder hohe Turm gehört also zu einer Kirche.

Die Kugel auf der Spitze

Und nun das, was ganz oben liegt. Auf der Spitze vieler Kirchtürme sitzt eine Kugel. Man nennt sie Turmknopf … oder Turmzier. Teils sitzt sie auf einer verjüngten Spitze, dem Kaiserstiel. In dieser Kugel werden traditionell Zeitkapseln hinterlegt. Man legt zeittypische Dinge hinein … Münzen … Geldscheine … die Zeitung des Tages … und gibt sie damit an die nächsten Generationen weiter. Dinge, die an dem Tag ganz gewöhnlich waren. Und die später niemand mehr kennt. Oben in der Kugel liegt also ein kleines Bündel Gegenwart. Und wartet. Ohne Eile. Es hat ja Zeit.

Der Turm steht weiter

Stell dir noch einmal das Dorf vor. Die Häuser dicht beieinander … die Dächer aus Ziegel … und der Turm über allem. Es ist Nacht geworden. Die Gassen sind leer. In den Fenstern geht das Licht wieder aus. Oben hängen die Glocken. Sie hängen und warten. Die Uhr geht weiter … Zeiger für Zeiger. Ganz ruhig. Ganz gleichmäßig. Ohne dass jemand zusieht. Und in der Kugel auf der Spitze liegen die Münzen und die Zeitung von damals. Der Turm steht … und er steht weiter. Er hat den Chor gesehen … und das Schiff … und die Helme und die Hauben. Er hat Blei getragen … und dann Kupfer. Er hat die Türmer gesehen … und die Glocken … und die Zeit, die weiterging. Er wird auch morgen dort stehen. Der Turm steht. Und er steht weiter. Und du darfst jetzt schlafen. Alles ist ruhig. Es muss nichts mehr getan werden. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.

Quelle und Lizenz

Dieser Text beruht auf dem Wikipedia-Artikel «Kirchturm». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.

Verwendete Fassungen: «Kirchturm» Version 266401988, abgerufen am 10. September 2026.

Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.