Wie der Regenbogen aus Licht und Regentropfen entsteht

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht
Fridolin erzählt, wie aus Sonnenlicht und einzelnen Regentropfen ein farbiger Bogen am Himmel entsteht.
Eine ruhige Reise durch Brechung, Reflexion und die vielen Formen des Regenbogens, bis der Garten langsam still wird.
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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte
Der Bogen nach dem Regen
Stell dir einen Garten vor … am späten Nachmittag. Der Boden ist nass. Die Wege sind dunkel … und über dem Gras liegt noch Feuchtigkeit. An den Blättern hängen Tropfen. Sie sammeln sich an den Rändern … werden schwer … und fallen ins Gras. Der Regen hat aufgehört. Die Wolken ziehen weiter. Die Luft ist kühl und klar. Sie riecht nach nasser Erde. Hinter dir wird es hell. Die Sonne steht tief … und sie scheint dir in den Rücken. Vor dir, über den Feldern, hängt der Schauer noch … ein grauer Vorhang aus fallendem Wasser. Und in diesem Vorhang steht ein Bogen. Er war eben noch nicht da. Jetzt ist er da … ganz ohne Geräusch.
Er steht als farbiges Band am Himmel … ein Kreisbogen, wie mit dem Zirkel gezogen. Außen liegt das Rot. Dann kommt Gelb … dann Grün … und innen das Blau, blass und weich. Die Farben gehen ineinander über. Nur das Rot am äußeren Rand ist wirklich rein. Du musst nichts dafür tun. Du schaust nur hin … und er steht da. Das ist der Hauptregenbogen. So heißt der kräftige, der große. Und er ist genau das: ein Lichtband in einem Regenschauer, den die Sonne beleuchtet. Mehr braucht es nicht. Regen vor dir … Sonne hinter dir … und deine Augen dazwischen. Die Sonne steht hinter dir … und der Bogen steht vor dir.
Der Weg des Lichts im Regentropfen
Der ganze Bogen entsteht in einzelnen Regentropfen. Ein fallender Regentropfen ist durchsichtig … und er ist fast genau kugelrund. Ein Sonnenstrahl trifft auf diese kleine Kugel. Er tritt ein … und dabei wird er abgelenkt. Diese Ablenkung an der Grenze zwischen Luft und Wasser heißt Brechung. Im Inneren läuft der Strahl bis zur Rückwand des Tropfens. Dort wird ein Teil von ihm zurückgeworfen … reflektiert. Dann läuft er wieder nach vorn, tritt aus … und wird ein zweites Mal gebrochen. Ein Eintritt … eine Reflexion … ein Austritt. Das ist der ganze Weg. Drei kleine Schritte. Mehr geschieht in einem Tropfen nicht. Geh diesen Weg noch einmal mit … ganz langsam. Ein Strahl kommt von hinten über deine Schulter. Er läuft durch die kühle Luft. Er trifft die runde Oberfläche eines Tropfens und tritt ein. Dabei knickt er ein wenig ab. Im Wasser läuft er weiter bis zur Rückwand. Dort kehrt ein Teil von ihm um. Er läuft zurück nach vorn und tritt wieder aus. Dabei knickt er ein zweites Mal. Der Tropfen fällt weiter. Der Strahl aber hat seine Richtung gefunden. Und diese Richtung zeigt genau zu dir.
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Wie die Farben auseinandergehen
Beim Brechen passiert etwas Feines. Das weiße Sonnenlicht ist eine Mischung. In ihm stecken alle Farben nebeneinander. Und nicht jede Farbe wird gleich stark abgelenkt. Das blaue Licht ist kurzwellig. Es wird am stärksten gebogen. Das rote Licht ist langwellig. Es wird am wenigsten gebogen. Dazwischen liegen die anderen Farben … jede mit ihrer eigenen kleinen Abweichung. So fächert der Tropfen das Sonnenlicht auf … wie ein winziges Prisma aus Wasser. Aus einem weißen Strahl werden viele farbige Strahlen … jeder in seinem eigenen Winkel.
Das sichtbare Sonnenlicht ist nur ein kleiner Ausschnitt. Es gehört zu den elektromagnetischen Wellen … und von diesen sieht das Auge nur einen schmalen Streifen. Steht die Sonne hoch, erscheint sie beinahe weiß. Dann sind alle Anteile ungefähr gleich beisammen. Steht sie tief, erscheint sie rötlich. Der blaue Anteil wird auf dem langen Weg durch die Luft stärker gestreut als der rote. Daher kommt auch das Abendrot. Und daher kommt das Morgenrot. Das ist dieselbe Physik … nur ohne Bogen. Dasselbe Licht also. Nur ein anderer Weg durch die Luft. Am Abend siehst du es als Farbe am Himmel. Im Schauer siehst du es als Bogen. Und beides gehört zur tief stehenden Sonne.
Der Regenbogen um deinen Schatten
Jetzt kommt der Gedanke, der den Regenbogen erklärt. Aus jedem Tropfen tritt Licht in allen Farben aus. Aber dich erreicht aus jedem Tropfen nur eine davon. Die anderen Farben gehen an dir vorbei … über dich hinweg … unter dir hindurch. Das Rot, das du siehst, kommt aus Tropfen, die etwas weiter außen hängen. Das Blau kommt aus Tropfen, die näher an der Mitte liegen. Jeder Tropfen gibt dir also nur einen winzigen Beitrag. Erst alle zusammen ergeben das Band. Der Bogen ist deshalb kein Gegenstand. Er ist eine Ordnung … zusammengesetzt aus unzählig vielen Tropfen.
Winkel, Kegel und der eigene Regenbogen
Diese Ordnung lässt sich in einem Winkel angeben. Denk dir eine Linie von der Sonne … durch deinen Kopf … und weiter, geradeaus, in die Landschaft hinein. Dort, wo diese Linie am Himmel ankommt, liegt der Sonnengegenpunkt. Er liegt der Sonne genau gegenüber. Um diesen Punkt herum ordnet sich alles. Das rote Licht erreicht dich aus einem Winkel von rund zweiundvierzig Grad. Das blaue aus rund vierzig Grad. Deshalb ist der Bogen rund. Und deshalb liegt außen das Rot und innen das Blau. Ein Winkel und ein Punkt. Mehr steckt nicht dahinter. Das Licht verlässt einen Tropfen nicht in alle Richtungen gleichmäßig. Es sammelt sich auf der Fläche eines Kegels. Die Fachleute sagen Kegelmantel dazu. Jede Farbe bekommt ihren eigenen Kegel … und diese Kegel liegen ineinander. Auch die Strahlen aus den vielen Tropfen bilden zusammen einen Kegel, dessen Spitze bei deinem Auge liegt. Der eine Kegel entsteht im einzelnen Tropfen. Der andere endet bei dir. Die Winkel sind hier wie dort gleich groß. Deshalb passt beides zusammen.
Wo dieser Sonnengegenpunkt liegt, kannst du leicht finden. Schau auf den Schatten deines eigenen Kopfes … auf dem nassen Weg vor dir. Genau dort liegt der Mittelpunkt des Kreises, zu dem dein Regenbogen gehört. Der Bogen richtet sich nach dir. Er ist um deinen Schatten gelegt. Und wenn jemand neben dir steht, sieht dieser Mensch seinen eigenen Bogen … um seinen eigenen Schatten. Ihr steht nebeneinander … und jeder hat seinen. Ihr schaut auf dasselbe Regengebiet. Und doch sammelt jedes Auge sein eigenes Licht ein. Bleib noch einen Augenblick im Garten stehen. Die Wege glänzen. Aus der Dachrinne tropft es in unregelmäßigen Abständen. Ein Vogel fängt wieder an zu singen. Sonst ist es still. Der Bogen steht über den Feldern, als hätte er alle Zeit der Welt. Du musst ihn nicht festhalten. Du musst ihn nur ansehen. Atme ruhig ein … und wieder aus.
Wenn der ganze Kreis sichtbar wird
Wie viel du vom Kreis siehst, hängt vom Sonnenstand ab. Steht die Sonne ganz tief, dicht am Horizont, dann siehst du einen halben Kreis. Mehr ist vom Boden aus nie zu haben. Steigt die Sonne höher, rutscht der Mittelpunkt unter den Horizont. Der Bogen wird flacher … und kleiner. Steht die Sonne höher als zweiundvierzig Grad, liegt auch der Scheitel des Bogens unter dem Horizont. Dann brauchst du einen erhöhten Ort. Einen Berg … einen Turm … und eine Regenwand, die tiefer liegt als du. Aus einem Flugzeug oder aus einem Ballon kann der Bogen sogar ein geschlossener Kreis sein. Der Kreis gehört also immer dazu. Vom Boden aus siehst du nur seinen oberen Teil.
Am häufigsten zeigt sich der Bogen, wenn der Himmel nach einem Schauer schnell aufklart. Die tief stehende Sonne beleuchtet dann das Regengebiet, das gerade abzieht. In Mitteleuropa weht der Wind meistens aus Westen. Deshalb passt das oft am späten Nachmittag … nach einem Wärmegewitter. Am Vormittag fällt im Mittel weniger Regen als am Nachmittag. Darum ist die Aussicht auf einen Bogen nachmittags besser. Im Sommer um die Mittagszeit siehst du keinen. Die Sonne steht dafür zu hoch. Im Winter geht es auch mittags. Dann steht der Bogen flach über dem Land. Es lohnt sich also, nach einem Schauer kurz nach draußen zu schauen. Du kannst zusehen, wie er kommt und wie er geht. Zieht ein Regengebiet durch, dann hängt der Bogen an zwei Bedingungen … am Sonnenschein und am fallenden Regen. Fällt eine davon weg, verblasst er. Die Farben werden dünner. Das ganze Band verliert seine Kraft … und bleibt nur noch als schwacher Schimmer über dem Feld zurück. Und dann ist der Himmel wieder nur Himmel. Er kommt. Und er geht. Beides dauert nicht lange. Deshalb bleibt man kurz stehen, wenn man ihn sieht. Und geht dann weiter.
Regenbogen aus Springbrunnen und Gartenschlauch
Du musst aber gar nicht auf einen Schauer warten. Ein Regenbogen braucht nur Wassertropfen und Sonnenlicht im richtigen Winkel. Im Sprühnebel eines Springbrunnens findest du ihn. An einem Sprinkler auf einer Wiese. An einem Wasserfall, wo die Luft voller feiner Tropfen steht. Auch in der Gischt größerer Wellen tauchen Bruchstücke eines Bogens auf. Solche Bögen hängen an keinem Wetter. Deshalb sieht man sie viel einfacher … und viel öfter. Steh einen Moment vor einem solchen Sprühnebel. Geh ein paar Schritte zur Seite … und der Bogen verschiebt sich mit dir. Auch hier zählt nur der Winkel. Und dieser Winkel richtet sich nach deinen Augen. Und du kannst dir einen machen. Bei klarem Himmel und kräftiger Sonne genügt ein feiner Wasserstrahl aus dem Gartenschlauch. Stell dich so, dass die Sonne hinter dir steht. Dann schau in Richtung deines eigenen Schattens. Dort, im Sprühnebel, liegt der Scheitelpunkt. Ein künstlicher Regenbogen … nach genau denselben Regeln wie der große am Himmel. Beim Gartenschlauch entsteht der Bogen nur in einer kleinen Sprühwolke. Am Himmel liefern Tropfen in einem großen Regengebiet das Licht. Der Winkel bleibt derselbe. Nur das Gebiet, aus dem das Licht zurückkommt, ist viel kleiner. Die Sonne steht hinter dir … und der Bogen steht vor dir.
Die Farben im Bogen sind weicher als im Labor. In einem Prismenspektroskop schickt man das Licht zuerst durch einen schmalen Schlitz. Erst dann wird es zerlegt. Diese Blende fehlt beim Regentropfen. Deshalb legen sich die farbigen Strahlen beim Austritt teilweise wieder übereinander. Am äußeren Rand geht das gut aus. Dort liegt das Rot allein, und es bleibt gesättigt. Auf der blauen Seite mischt sich Streulicht aller Farben darunter. Darum wirkt das Blau blasser als das Rot. Der Bogen am Himmel ist eben kein Messgerät. Er ist ein weiches Bild.
Nebenregenbogen und dunkles Band
Manchmal steht über dem kräftigen Bogen noch ein zweiter. Er ist blasser. Er ist weiter außen. Und er heißt Nebenregenbogen. Sein Licht hat im Tropfen einen längeren Weg genommen. Es wurde nicht einmal … sondern zweimal an der Innenwand zurückgeworfen. Jede Reflexion gibt nur einen Teil des Lichts weiter. Deshalb ist dieser zweite Bogen schwächer, und er zeigt sich nur bei gutem Licht. Die doppelte Spiegelung dreht außerdem die Reihenfolge der Farben um. Beim Nebenregenbogen liegt das Rot innen … und das Blau außen. Die beiden Bögen kehren einander also ihre roten Seiten zu.
Zwischen ihnen liegt ein Streifen Himmel, der dunkler wirkt als alles ringsum. Das täuscht nicht. Dieser Streifen ist wirklich dunkler. Innerhalb des Hauptbogens überlagern sich die Farben, und zusätzlich kommt weißes Licht aus den Tropfen zu dir zurück. Dort ist der Himmel heller. Zwischen den beiden Bögen fehlt dieses zusätzliche Licht. Deshalb bleibt das Band dazwischen dunkel. Es trägt einen eigenen Namen. Man nennt es Alexanders dunkles Band … nach dem Gelehrten, der es als Erster beschrieben hat. Ein dunkler Streifen mit einem Namen. Das gefällt mir an diesem Thema. Zwei Bögen und ein dunkles Band dazwischen. Außen Rot, innen Rot, und in der Mitte der ruhige Schatten. Man kann das einfach anschauen … ohne etwas dazu zu sagen.
Es geht noch weiter. Licht kann im Tropfen auch drei Mal zurückgeworfen werden … oder vier Mal. Dann entstehen ein dritter und ein vierter Bogen. Der dritte steht etwa vierzig Grad von der Sonne entfernt. Der vierte etwa fünfundvierzig Grad. Sie liegen also nicht dir gegenüber, sondern auf der Seite der Sonne. Und sie sind so schwach, dass kein bloßes Auge sie erkennt. Félix Billet hat sie im neunzehnten Jahrhundert als Erster beschrieben und ihre Winkel berechnet. Mit der Fotografie nachgewiesen wurden sie erst viel später. Wenn dir die Zahlen zu viel werden, lass sie einfach vorbeiziehen. Zweiundvierzig Grad. Vierzig Grad. Ein dritter Bogen und ein vierter. Du musst dir davon nichts merken. Es genügt, dass es eine Ordnung gibt. Eine stille, verlässliche Ordnung … in fallendem Wasser. Sie war schon da, bevor jemand sie ausgerechnet hat. Und sie ist auch dann da, wenn niemand hinschaut.
Mondregenbogen, Nebelbogen und Taubogen
Ein Regenbogen braucht nicht unbedingt die Sonne. Es gibt ihn auch bei Nacht. Dann heißt er Mondregenbogen, und sein Licht ist Mondlicht. Er ist selten. Und er ist schwach. Für dein Auge erscheint er meist weiß. Das liegt am Auge selbst. Es nimmt Unterschiede in der Helligkeit viel feiner wahr als Farben. Bei klarer Luft und bei ausgeprägtem Vollmond können die Farben doch hervortreten. Auf einer Farbaufnahme sind sie ohnehin da … sobald das Verfahren lichtempfindlich genug ist. Ein blasser Bogen über einer dunklen Landschaft. Still … und leicht zu übersehen. Manchmal ist der Bogen weiß, obwohl die Sonne scheint. Dann sind die Tropfen zu klein. Kleiner als fünfzig Mikrometer … also weniger als ein zehntel Millimeter. So kleine Tröpfchen zeigen dir die Farben nicht mehr getrennt. Auch diese Tröpfchen lenken die Farben unterschiedlich ab. Ihre Farbbänder liegen jedoch so breit übereinander, dass der Bogen fast weiß erscheint. Nebel besteht aus genau solchen Tröpfchen. Deshalb heißt dieser blasse Bogen Nebelbogen. Er steht über einer Wiese im Frühnebel … oder über einem Tal, wenn die Sonne die Schwaden von der Seite trifft. Ein Bogen ohne Farbe. Und trotzdem derselbe Vorgang.
Und es gibt einen Bogen, der nicht am Himmel steht, sondern auf dem Boden. Er heißt Taubogen. Sein Licht wird beim Eintritt gebrochen, im Tautropfen zurückgeworfen und beim Austritt noch einmal gebrochen. Das geschieht im Tau auf einer Wiese … oder im Tau, der in Spinnweben hängt. Dieser Bogen sieht nicht rund aus. Er wirkt länglich … wie eine Ellipse … oder wie eine weit gezogene offene Kurve. Der Grund ist einfach. Das zurückgeworfene Licht liegt wieder auf einem Kegel von zweiundvierzig Grad. Nur schneidet dieser Kegel jetzt die Fläche des Bodens. Was du auf der Wiese liegen siehst, ist dieser Schnitt. Der Bogen selbst hält seinen Winkel. Immer zweiundvierzig Grad vom Sonnengegenpunkt entfernt.
Seltene Formen und feine Muster
Zwei weitere Formen sind selten. Wird das Sonnenlicht zuerst an einer Wasserfläche gespiegelt und trifft danach auf den Regen, kann ein zweiter Bogen entstehen. Am Horizont trifft er den Hauptbogen. Weiter oben kreuzt er ihn. Das ist der Spiegelregenbogen. Und dann gibt es den Zwillingsregenbogen. Er entsteht, wenn zwei Schauer zusammenlaufen, deren Tropfen verschieden groß sind. Große Tropfen werden beim Fallen vom Luftwiderstand etwas flach gedrückt. Sie brechen das Licht ein wenig anders als kleine. Jede der beiden Tropfengrößen lenkt das Licht in einen etwas anderen Winkel. So kann jede Tropfengruppe ihren eigenen Hauptbogen bilden. So stehen zwei Hauptbögen dicht beieinander … mit gleicher Farbfolge. Die Sonne steht hinter dir … und der Bogen steht vor dir.
Am inneren Rand des Hauptbogens liegt manchmal noch etwas. Schmale helle und dunkle Streifen … dicht an der blauen Seite … wie ein feines Muster. Man nennt sie überzählige Bögen. Sie entstehen, weil Lichtstrahlen derselben Farbe im Tropfen unterschiedlich lange Wege nehmen. Treffen sie beim Austritt wieder zusammen, verstärken sie einander … oder sie löschen einander aus. Dieses Zusammenspiel heißt Interferenz. Zu sehen ist es nur bei kleinen Tropfen. Bei solchen mit weniger als einem halben Millimeter Durchmesser. Ein feines Muster am Rand eines großen Bildes.
Die Größe der Tropfen
Überhaupt entscheidet die Größe der Tropfen darüber, wie der Bogen aussieht. Große Tropfen von mehreren Millimetern geben helle Bögen mit klaren Farben. Werden die Tropfen kleiner als anderthalb Millimeter, wird zuerst das Rot schwächer. Und in Nebelschwaden, wo ein Tröpfchen oft nur ein hundertstel Millimeter misst, bleiben nur verwaschene Farben übrig. Häufig sind die beiden Enden des Bogens besonders hell. Dort unten, wo er in der Landschaft zu stehen scheint. Auch das hängt an der Größe der Tropfen … und daran, wie weit sie von der Kugelform abweichen. Große Tropfen, kleine Tropfen, feine Schwaden. Jede Größe gibt dem Bogen ein anderes Gesicht. Der Bogen ist schmaler, als er wirkt. Zwischen Rot und Blau liegen knapp zwei Grad. Das ist die ganze Auffächerung. Dazu kommt, dass die Sonne selbst keine Nadelspitze ist. Sie erscheint uns als Scheibe … etwa ein halbes Grad breit. Deshalb ist auch jede einzelne Farbe etwa ein halbes Grad breit. Und der ganze Hauptregenbogen misst gut zwei Grad. In einem einen Kilometer entfernten Schauer stammt das Licht des schmalen Farbbands aus einem nur etwa fünfunddreißig Meter breiten Bereich. Ein Band, das kaum breiter ist als zwei Daumen am ausgestreckten Arm.
Zwei Daumen breit. Und darin die ganze Farbfolge. Außen das Rot. Innen das Blau. Dazwischen alles andere. So schmal ist das Band, das den halben Himmel zu überspannen scheint. Aus der Ferne wirkt es wie ein Bauwerk. Aus der Nähe ist es nur Licht in fallendem Wasser. Mehr ist es nicht. Und doch schaut jeder hin. Das Licht des Regenbogens trägt eine Eigenschaft, die man ihm nicht ansieht. Es ist stark polarisiert. Das heißt, seine Wellen schwingen bevorzugt in einer Richtung. Mit einem Polarisationsfilter vor dem Auge oder vor der Kamera kannst du das prüfen. Drehst du den Filter in die eine Stellung, tritt der Bogen kräftiger hervor. Drehst du ihn weiter, verschwindet er beinahe ganz. Ein Bogen, den man wegdrehen kann. Und der wiederkommt, sobald man weiterdreht. Man sieht dem Licht diese Eigenschaft nicht an. Und doch ist sie da … in jedem einzelnen Farbstreifen.
Wo der Regenbogen eigentlich steht. Das ist die alte Frage. Er wandert mit dir. Gehst du zur Seite, geht er mit. Er legt sich vor die Landschaft, ohne sie zu verdecken. Der Grund ist schlicht. Der Bogen hat keinen festen Ort in der Landschaft. Du siehst jeweils die Tropfen, aus denen Licht im passenden Winkel in deine Augen gelangt. Bewegst du dich, liefern andere Tropfen den Bogen. Der Bogen bleibt von deinem Standort aus immer der Sonne gegenüber. Wenn du dich bewegst, entsteht dieses Bild aus anderen Tropfen neu. Deshalb kannst du ihn nicht einholen. Er weicht dir nicht aus. Er wird nur immer wieder neu gebildet. Merkwürdig ist nur, dass der Bogen nicht wie die Sonne aussieht. Die Sonne ist eine kleine Scheibe am Himmel. Der Bogen dagegen ist ein großer Ring. Das liegt daran, dass die Strahlen aus den Tropfen nicht parallel bei dir ankommen. Sie stammen aus all den Tropfen, die mit dem Sonnengegenpunkt denselben Winkel bilden. So wird aus der kleinen Scheibe ein weiter, schmaler Ring. Und dieser Ring ist noch einmal unterteilt … in die schmalen Ringe der einzelnen Farben.
Licht, Geschichte und Wissenschaft
Menschen haben lange gebraucht, um das zu verstehen. Um dreizehnhundert hatte ein Gelehrter aus Freiberg den entscheidenden Gedanken. Er schrieb, der Bogen lasse sich aus Brechung und Reflexion in einzelnen Tröpfchen erklären. Gut dreihundert Jahre später griff ein französischer Philosoph diesen Gedanken auf und rechnete ihn durch. Das Gesetz der Brechung war kurz zuvor gefunden worden. Den Weg des Lichts im Tropfen bekam er richtig heraus. Bei den Farben lag er daneben. Die Dispersion, also die farbabhängige Brechung, kannte er noch nicht. Ein halber Schritt also. Aber ein wichtiger.
Die Farben kamen erst danach. Zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts zeigte eine neue Theorie des Lichts, dass weißes Licht aus verschiedenen Anteilen besteht … und dass diese Anteile unterschiedlich stark gebrochen werden. Damit wurde die Farbenpracht verständlich. Als Rätsel blieben die überzähligen Bögen übrig. Sie führten um achtzehnhundert zu einem berühmten Versuch mit zwei feinen Spalten … und zu dem Nachweis, dass Licht Wellencharakter hat. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurde die Rechnung verfeinert. Da zeigte sich, wie stark der Farbverlauf von der Tröpfchengröße abhängt. Und im zwanzigsten Jahrhundert kam eine Streutheorie dazu, auf der die modernen Beschreibungen bis heute beruhen. Viele Jahrhunderte für ein Band, das nach einem Schauer einfach da ist.
Im Schulunterricht gibt es seit den achtziger Jahren einen Bogen zum Mitnehmen. Auf eine schwarze Fläche werden feine Glasperlen aufgebracht. Ein Strahlmittel, wie man es sonst zum Bearbeiten von Oberflächen nimmt. Die Perlen übernehmen die Arbeit der Regentropfen. Sie brechen das Licht und werfen es zurück. Wer davorsteht, sieht einen Bogen. Wer einen Schritt zur Seite geht, sieht ihn mitwandern. So lässt sich in einem Raum zeigen, was sonst nur der Himmel zeigt. Zum Anfassen ist auch dieser Bogen nicht. Auch dort bleibt er nur Licht. Und auch dort gehört er jedem Auge einzeln. Der Regenbogenwinkel hat sogar einen Beruf. Bei kugeligen Tropfen hängt er nicht von der Größe der Tropfen ab. Er hängt nur vom Brechungsindex ab … also davon, wie stark eine Flüssigkeit das Licht ablenkt. Und dieser Brechungsindex ändert sich mit der Temperatur. Also schickt man in technischen Anlagen einen Laserstrahl in einen Nebel und misst den Winkel, unter dem das Licht zurückkommt. Daraus liest man ab, wie warm der Nebel an welcher Stelle ist. Ohne ihn zu berühren. Ein Regenbogen als Thermometer.
Am Himmel gibt es Verwandte, die man leicht mit dem Regenbogen verwechselt. Der Halo zum Beispiel. Er legt sich als Kranz von zweiundzwanzig Grad rund um die Sonne. Der Regenbogen dagegen steht dir gegenüber, mit der Sonne im Rücken. Dazu kommen die Nebensonnen. Sie stehen waagerecht neben der Sonne, klein und ohne Bogenform. Und es gibt den Zirkumzenitalbogen. Das ist ein kleiner, nach oben gewölbter Ausschnitt hoch über dir. Manche Wolken schillern in Farben wie ein Regenbogen … bilden aber keinen Bogen. Wer einmal auf den Winkel achtet, verwechselt sie nicht mehr. Kein Wunder, dass ein solches Schauspiel Spuren hinterlassen hat. Der Regenbogen ist auf der ganzen Erde bekannt. Und er gilt fast überall als etwas Gutes. Deshalb taucht er in unzähligen Bildern auf. Bei Landschaftsmalern des neunzehnten Jahrhunderts genauso wie heute in der Naturfotografie. Auch in Wappen kommt er vor. In der Heraldik, also der Lehre von den Wappen, kann ein Bogen, der beide Ränder des Schildes berührt, ein Heroldsbild sein. Und in der Sprache steckt er ebenfalls. In der Regenbogenpresse … und in der Regenbogenforelle. Ein Bild, das jeder kennt. Und das trotzdem nur selten am Himmel steht.
Es gibt ihn sogar zum Aufkleben. Am siebten Februar zweitausendneunzehn gab die Deutsche Post AG ein Postwertzeichen heraus … also eine Briefmarke. Sie gehört zu einer Serie mit dem Namen Himmelsereignisse und hat einen Wert von siebzig Eurocent. Die Marke heißt Regenbogenfragment. Ein Bruchstück eines Bogens also … so, wie man ihn oft am Himmel sieht. Der Entwurf stammt von einer Gestalterin. Ein Stück Himmel, klein genug für einen Briefumschlag. Auch im Rundfunk kommt er vor. In Baden-Württemberg nennt sich ein privater Radiosender Radio Regenbogen. Der Name arbeitet mit demselben Bild. Hell … freundlich … nach dem Regen. Man muss dazu nichts erklären. Das Wort bringt seine Farben schon mit.
Und manchmal steckt der Bogen in einem Namen, ohne dass man ihn gleich sieht. Die Hilfsorganisation AIDA e. V. trägt ihn als Abkürzung. Die vier Buchstaben sind die Anfangsbuchstaben von Arco Iris do Amor. Das ist Portugiesisch … und heißt Regenbogen der Liebe. Der Name knüpft damit unmittelbar an den Regenbogen an … und an seine freundliche Bedeutung. Vier Buchstaben. Und ein ganzes Bild darin. Ein Firmenlogo führt den Bogen ebenfalls. Der Markt+Technik Verlag hat zumindest von zweitausendelf bis zweitausendfünfundzwanzig einen Regenbogen im Logo. So steht dieselbe Erscheinung, die über einem nassen Feld hängt, auch in einem Firmenzeichen. Vom Tropfen zum Zeichen. Das ist ein kurzer Weg.
Der Regenbogen zum Schluss
Lass uns den ganzen Weg zum Schluss noch einmal zusammenlegen. Die Sonne steht tief und scheint dir in den Rücken. Vor dir fällt Regen. Unzählige kleine Kugeln aus Wasser. In jeder dieser Kugeln wird Licht gebrochen, einmal zurückgeworfen und noch einmal gebrochen. Jede Farbe kommt dabei in ihrem eigenen Winkel wieder heraus. Aus den einen Tropfen erreicht dich Rot. Aus anderen erreicht dich Blau. Dein Auge setzt daraus ein Band zusammen … rund um den Schatten deines Kopfes. Das ist alles. Und es ist genug.
Nacht über dem stillen Garten
Und jetzt lass den Bogen wieder dort stehen, wo er hergekommen ist. Über dem Garten … am späten Nachmittag … über dunklen, nassen Wegen. Die Wolken ziehen weiter. Der Schauer wird dünner. Die Farben verblassen. Ganz langsam … bis das Band nicht mehr zu sehen ist. Die Tropfen fallen noch eine Weile. Dann hören auch sie auf. Die Sonne steht hinter dir … und der Bogen steht vor dir. Der Garten wird langsam grau. An den Blättern hängen noch Tropfen. Sie werden schwer … und fallen ins Gras. Der Weg ist dunkel und still. Weit hinten zieht der Schauer über die Felder davon. Und der Himmel wird ruhig. Lass die Augen zu. Der Bogen bleibt trotzdem dort, wo du ihn hingelegt hast. Über den Feldern. Über den nassen Wegen. In der kühlen Luft nach dem Regen. Du musst nichts mehr festhalten. Die Farben verlieren sich. Die Geräusche werden leiser. Und alles wird langsam still.
Er hat keinen Ort. Er hat nur einen Winkel. Zweiundvierzig Grad … um den Schatten deines Kopfes. Und er kommt wieder. Beim nächsten Schauer. Bei der nächsten tiefen Sonne. Sonne hinter dir. Regen vor dir. Mehr braucht es nicht. Der Regen ist vorbei. Die Luft ist kühl … und der Garten liegt dunkel. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.
Quelle und Lizenz
Dieser Text beruht auf dem Wikipedia-Artikel «Regenbogen». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.
Verwendete Fassungen: «Regenbogen» Version 270016230, abgerufen am 16. September 2026.
Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.