Glasmalerei und das langsam wandernde Licht

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht
Fridolin erzählt von bemalten Fenstern, dem Licht hinter dem Glas und den ruhigen Handgriffen in einer alten Werkstatt.
Eine stille Reise durch farbige Kirchenfenster, Grisaille, alte Scheiben und das langsam wandernde Licht führt in die Nacht.
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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte
Ein Fenster, durch das Licht hereinkommt
Stell dir eine Kirche vor. Einen hohen Raum aus Stein. Der Boden ist glatt und kühl … und über dir verliert sich die Decke im Halbdunkel. Es ist Vormittag. Draußen steht die Sonne über den Dächern. Und in der Wand ist ein Fenster. Kein Fenster, durch das man hinaussieht. Sondern eines, durch das etwas hereinkommt. Bleib einen Moment davor stehen. Es hat keine Eile. Der Stein ist still. Die Luft ist kühl. Und über dem Boden liegt ein Fleck aus Farbe. Das Licht geht durch das Glas. Und es kommt gefärbt wieder heraus. Das ist der ganze Vorgang. Mehr passiert hier nicht. Das Wort dafür heißt Glasmalerei. Gemeint ist damit vor allem eines … die Herstellung farbiger Fenster mit Bildern darin. Nicht Bilder, die an einer Wand hängen. Bilder, die selbst die Wand sind. Und sie brauchen etwas, das andere Bilder nicht brauchen. Sie brauchen das Licht von hinten. Ein Bild aus Farbe auf Papier wirft dir das Licht zurück. Ein Bild aus Glas lässt es durch. Deshalb ist die Wirkung eine andere. Keine andere Art von Malerei zeigt so viel Farbleuchtkraft … und so große Unterschiede zwischen hell und dunkel. Zwischen dem dunkelsten Blau und dem hellsten Weiß liegt in so einem Fenster eine sehr weite Strecke.
Das Licht geht durch das Glas. Und es kommt gefärbt wieder heraus. Man hat das früh bemerkt. Und man hat es früh genutzt. Denn diese Farbenpracht erzeugt eine Stimmung … eine, die man mystisch nennen kann … oder feierlich. Deshalb findet sich die Glasmalerei überwiegend im sakralen Bereich. Also dort, wo Menschen sich zum Gebet versammeln. Und sie steht dabei nie für sich allein. Sie ist Teil eines größeren Werks. Sie steht im Dienst der Architektur … im Dienst des Baus, in dem sie hängt. Das ist ein ruhiger Gedanke. Ein Fenster, das nicht der Mittelpunkt sein will. Sondern ein Teil. Es gehört zu den Mauern. Es gehört zu dem Raum. Und es tut nichts anderes, als das Licht hereinzulassen.
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Farben, Schwarzlot und Silbergelb
Jetzt geh in Gedanken näher heran. Ganz nah an so eine Scheibe. Was du siehst, ist gemalt. Und dafür gibt es zwei grundlegende Wege. Der erste Weg geht so. Das Glas ist schon farbig … blau, rot, grün. Darauf wird nur die Zeichnung aufgetragen. Die Linien. Die Konturen. Dafür nimmt man Schwarzlot. So heißt eine dunkle Malfarbe für Glas. Mit ihr zeichnet man nicht nur Umrisse. Man erzielt damit auch Schatten … und Licht. Der zweite Weg geht andersherum. Das Glas ist farblos … oder nur in einem Ton gehalten. Darauf kommen Schmelzfarben. Die entwickeln ihre Farbe erst später. Nämlich beim Brennen. Erst im Ofen wird aus dem Aufgetragenen das, was man am Ende sieht. Das ist eine Eigenart dieses Handwerks. Man malt etwas … und weiß in dem Moment noch nicht, wie es leuchten wird. Zwei Wege also. Merk sie dir ganz grob. Beim ersten ist die Farbe schon im Glas. Der Maler legt nur die Zeichnung darüber. Beim zweiten ist das Glas noch hell. Die Farbe kommt erst im Ofen dazu. Der eine Weg zeichnet. Der andere Weg färbt. Und beide brauchen am Ende dasselbe. Das Licht von hinten.
Das Schwarzlot ist ein einfaches Gemisch. Zermahlenes Glas … Glasfluss nennt man das … dazu Kupfer oder Eisenoxid. Mehr ist es nicht. Und es hält seit sehr langer Zeit. Ab dem achten Jahrhundert sind Scheiben erhalten, die damit bemalt wurden. Man nutzt es zum Konturieren. Zum Beschriften. Und für Flächen, die ganz überzogen werden. Konturieren. Beschriften. Überziehen. Drei Aufgaben für eine einzige dunkle Farbe. Später kam eine Farbe dazu, die sich anders verhält als alle übrigen. Sie heißt Silbergelb. Im vierzehnten Jahrhundert begann man, sie zu verwenden. Sie ist eine Mischung aus Silbercarbonat und Ockererde. Und nun das Besondere. Bei allen anderen Schmelzfarben verbindet sich die Farbe nur mit der Oberfläche des Glases. Sie sitzt obenauf. Beim Silbergelb ist es anders. Das Silber dringt beim Brennen in das Glas ein … und färbt es selbst gelb. Die bräunliche Erde bleibt dabei als Schicht zurück. Die wird danach abgewaschen. Übrig bleibt ein Ton irgendwo zwischen hellem Zitronengelb und dunklem Braun. Benutzt wurde er meist für Kronen … für Heiligenscheine … für Haare und für Teile von Wappen und Kleidern. Denk einen Augenblick an diese Reihe. Eine Krone. Ein Heiligenschein. Ein Haar. Lauter kleine Stellen, die warm werden sollen. Und dafür wandert Silber in das Glas hinein. Ganz langsam. Im Feuer. Im fünfzehnten Jahrhundert kam noch ein Rot dazu. Eisenrot. Für Fleischteile und für Ornamente.
Das Licht geht durch das Glas. Und es kommt gefärbt wieder heraus. Im sechzehnten Jahrhundert kamen weitere Schmelzfarben hinzu. Man nennt sie auch Emailfarben. Sie bestehen aus pulverisiertem Glas … aus Blei … und aus Farbkörpern. Als Farbkörper dienen Metalloxide. Eisenoxid, Kupferoxid, Zinnoxid, Chromoxid. Und dazu Sulfide und Selenide. Bei sechshundertvierzig Grad verschmelzen diese Farben mit dem Glas. Und dann sind sie ein Bestandteil davon. Nicht mehr etwas darauf. Sondern etwas darin. Eine dieser Farben hat eine schöne Eigenschaft. Sie heißt Mattweiß. Wenn man sie flächenhaft aufträgt, leuchtet sie hell auf. Am stärksten dann, wenn das Licht von der Rückseite und von der Seite kommt … und dahinter ein dunkler Hintergrund liegt.
Gebrannt wird alles. Ohne Ofen kein fertiges Fenster. Die Glasmalereifarben werden bei fünfhundertfünfzig Grad bis sechshundertvierzig Grad eingebrannt. Das ist der Moment, in dem aus Pulver und Bindemittel etwas Dauerhaftes wird. Bindemittel, das ist der Stoff, der das Farbpulver zusammenhält, bis es in den Ofen kommt. Man nimmt dafür Gummi arabicum mit Wasser und Essig … oder Dicköl mit Terpentin. Nach dem Brand ist das Bindemittel fort. Und die Farbe sitzt fest. Auch das ist ein ruhiger Gedanke. Etwas hält das Pulver zusammen … bis es nicht mehr gebraucht wird. Dann geht es im Feuer fort. Und lässt nur das Bild zurück.
Die Werkstatt und ihre ruhigen Werkzeuge
Jetzt stell dir die Werkstatt vor, in der so etwas entsteht. Ein Tisch. Darauf eine Glaspalette, eine Spachtel und ein Läufer. Ein Läufer ist ein Stein oder ein Gerät zum Reiben. Der Glasmaler mischt das Farbpulver mit wenig Gummi arabicum und Wasser. Dann reibt er es mit dem Läufer. So lange, bis eine feinkörnige, geschmeidige Masse entsteht. Das dauert. Es ist eine gleichmäßige Bewegung, immer wieder dieselbe. Reiben. Prüfen. Weiterreiben. So lange, bis die Masse weich und gleichmäßig ist. Die Scheibe, die bemalt werden soll, stellt er auf eine durchsichtige Tischstaffelei. Oder er legt sie auf einen Leuchttisch. Oder auf die Vorlagezeichnung, die genau so groß ist wie das fertige Bild. Und dann gibt es noch ein Brett. Es heißt Konturbrett. Darauf stützt er den Unterarm auf. Damit die Hand, die malt, ruhig bleibt. Das ist ein sehr einfaches Werkzeug für eine sehr einfache Sache. Eine Hand, die nicht zittern soll. Stell dir das vor. Ein Arm, der aufliegt. Eine Hand, die ruhig wird. Und eine Linie, die deshalb gelingt.
Die Pinsel haben eigene Namen. Und jeder kann etwas anderes. Der Überzugspinsel heißt auch Aufleger. Mit ihm streicht der Glasmaler den Überzug auf. Überzug, das ist eine Farbschicht über die ganze Fläche. Verteilt wird sie dann mit dem Vertreiber. Der ist aus weichem Dachshaar. Er macht die Schicht gleichmäßig. Für die Konturen und die bunten Farben nimmt er einen anderen. Einen Rindshaarpinsel mit langen Haaren. Der heißt Halbschlepper. Und dann gibt es die Stupfpinsel. Das sind Borstenpinsel in verschiedenen Größen. Meist kürzt der Glasmaler die Haare noch. Damit sie steifer werden. Mit einem Stupfpinsel kann man Flächen aufhellen. Aufleger. Vertreiber. Halbschlepper. Stupfpinsel. Vier Namen für vier Bewegungen. Auftragen. Verteilen. Ziehen. Tupfen. Du musst dir das nicht merken. Lass die Wörter einfach vorbeiziehen.
Licht zurücknehmen und aus dem Dunklen holen
Und nun kommt etwas, das ich schön finde. Ein Teil dieser Malerei besteht nicht aus Auftragen. Sondern aus Wegnehmen. Der Glasmaler bemalt die Scheibe zuerst mit Überzugsfarbe. Er vertreibt sie gleichmäßig über die Fläche. Dann lässt er sie trocknen. Und danach bearbeitet er sie wieder. Mit Radiertechniken und mit Wischtechniken. So entstehen die Grauabstufungen. Das Helle wird aus dem Dunklen herausgeholt. Ist der Überzug noch nass, nimmt er dafür sogar den Ringfinger. Damit wischt er helle Flecken aus der Farbe. Für Wolken … oder für Licht und Schatten. Für feinere helle Stellen nimmt er einen flachen Ölpinsel. Damit lässt sich genauer ausradieren. Und für die ganz feinen Striche kommen andere Dinge zum Einsatz. Ein Hölzchen. Ein Gänsekiel. Eine Stahlfeder. Damit setzt er Lichtkanten … also helle Ränder, die eine Form aufleuchten lassen. Mit dem Pinselstiel oder einem zugespitzten Hölzchen entstehen außerdem Damaste und Ziselierungen. Das sind feine Muster in der Farbschicht. Auftragen und wieder wegnehmen. Dunkel machen und dann das Helle herausholen. Das ist ein ruhiger Wechsel. Hin und her.
Das Licht geht durch das Glas. Und es kommt gefärbt wieder heraus. Es gibt noch andere Wege, die Farbe zu verändern. Sie setzen nicht am Pinsel an, sondern am Glas selbst. Dafür gibt es ein besonderes Material. Es heißt Überfangglas. So ein Glas hat zwei Schichten. Unten eine farblose Trägerschicht … darüber eine farbige Oberschicht. Und diese obere Schicht kann man teilweise entfernen. Man kann sie gravieren. Man kann sie sandstrahlen. Überall dort, wo die farbige Schicht fort ist, liegt wieder das farblose Glas frei. Ein Bild in zwei Tönen. Ganz ohne zweite Scheibe. Man nimmt etwas weg … und dadurch entsteht etwas.
Gläser, die das Licht verschieden tragen
Das Glas selbst ist auch nicht einerlei. Man unterscheidet zwei große Gruppen. Mundgeblasenes Glas. Und maschinell hergestelltes Glas. Zum mundgeblasenen gehören das Echtantikglas und das Echtantik-Überfangglas. Dazu das Neuantikglas, das Goetheglas, das Kathedralglas und das Opalescentglas. Und dann gibt es noch eines mit einem eigenen Namen. Danziger Glas … auch Stromglas genannt. Es hat eine besonders starke Schlierenstruktur. Also sichtbare Schlieren im Material, die wie Strömungen wirken. Maschinell erzeugt werden dagegen das Ornamentglas und das Floatglas. Das sind viele Namen auf einmal. Du musst sie nicht behalten. Merk dir nur das eine … dass Glas nicht gleich Glas ist. Und dass jede Sorte das Licht ein wenig anders durchlässt. Echtantikglas. Neuantikglas. Goetheglas. Kathedralglas. Opalescentglas. Danziger Glas. Ornamentglas. Floatglas. Lass die Namen einfach vorbeiziehen. Du musst keinen einzigen davon festhalten.
Die leisen Farben der Grisaille
Und jetzt möchte ich dir von einer ganz zurückhaltenden Art dieser Fenster erzählen. Sie heißt Grisaille. Das ist der Name für eine Malerei, die fast ohne Buntfarbe auskommt. Im Hochmittelalter wurden die Klosterfenster der Zisterzienserabteien auch so ausgeführt. In Grau und Weiß. Ab dem dreizehnten Jahrhundert entstanden dann die Grisaille-Fenster als eigene Besonderheit. Und so sehen sie aus. Weiße Gläser. Graue Gläser. Hellgelbe. Und graugrüne. Diese Gläser werden zusammengefügt … entweder blank … oder versehen mit Schwarzlotmalerei oder Silbergelbmalerei. Denk einen Augenblick darüber nach, was das für einen Raum bedeutet. Ein Buntglasfenster färbt alles ein. Der Boden wird blau, die Hände werden rot. Ein Grisaille-Fenster tut das nicht. Es lässt das Licht fast so, wie es ist … und legt nur ein feines Muster hinein. Beispiele dieser Malerei aus dem dreizehnten und dem vierzehnten Jahrhundert kannst du heute noch sehen. Sie sind in der Zisterzienserkirche in Altenberg bei Köln. Eine Kirche mit hellen Fenstern. Und mit Licht, das kaum gefärbt hereinkommt. Weiß. Grau. Hellgelb. Graugrün. Das sind die leisen Farben. Sie drängen sich nicht vor. Ein Raum mit solchen Fenstern ist hell. Und trotzdem nicht nüchtern. Denn das feine Muster bleibt. Man sieht es, wenn man hinschaut.
Das Licht geht durch das Glas. Und es kommt gefärbt wieder heraus. Von dort aus gehen wir nun ein Stück zurück in der Zeit. Zu den ältesten Fenstern, die sich erhalten haben. Und zwar nicht als Splitter, sondern als ganze Flächen. Es sind vier Fenster. Genauer gesagt vier von fünf. Man nennt sie die Prophetenfenster. Sie zeigen Gestalten aus den biblischen Büchern. Diese vier Fenster sind die ältesten großflächig erhaltenen Buntglasfenster überhaupt. Sie stehen im Augsburger Dom. Denk einmal daran, was das heißt. Etwas so Zerbrechliches wie eine bemalte Glasscheibe … und sie ist noch da. Sie ist sehr alt. Und sie ist immer noch da. Das ist ein tröstlicher Gedanke. Dass ausgerechnet das Dünnste bleibt. Nicht die schweren Dinge. Sondern eine Scheibe, die man mit einer Hand tragen kann. Vier Fenster in einem Dom. Gestalten aus den biblischen Büchern. Und Licht, das seit langer Zeit denselben Weg nimmt.
Für die Zeit davor gibt es nur noch einzelne Stücke. Bruchstücke. Eines davon trägt einen fast zärtlichen Namen. Man nennt es das Schwarzacher Köpfchen. Es stammt aus dem Kloster Schwarzach und wird um das Jahr eintausend angesetzt. Heute liegt es als Leihgabe im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe. Es gibt noch drei weitere Scheiben aus dieser frühen Zeit. Einen Kopf eines Heiligen aus dem Kloster Lorsch. Er liegt heute im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt. Einen Christuskopf im Frauenhausmuseum in Straßburg. Und eine Timotheus-Scheibe aus einer Kirche im Elsass, die heute in Paris aufbewahrt wird. Alle drei werden heute zeitlich in das Umfeld der Augsburger Scheiben gestellt. Sie sind also ungefähr gleich alt. Ein paar kleine Scheiben und ein paar Fenster. Wenig ist aus jenen Jahrhunderten geblieben. Und es ist doch erstaunlich viel.
Nun gehen wir nach Westen. Nach Frankreich. Auch dort haben sich alte Buntglasfenster gehalten. Die ältesten in Zentralfrankreich stehen an zwei Orten. Die einen im romanischen Langhaus der Kathedrale von Le Mans. Sie werden um eintausendeinhundertzwanzig angesetzt. Die anderen in der Westfassade der Kathedrale von Chartres. Um eintausendeinhundertfünfzig. Romanisch heißt der Baustil, der vor der Gotik kam. Er hat runde Bögen und dicke Mauern … und eher kleinere Fensteröffnungen. Das Licht in so einem Raum ist knapp. Und deshalb zählt jedes Fenster doppelt. In England gibt es Ähnliches. Nach neueren Untersuchungen stammen einige Fenster der Kathedrale von Canterbury ebenfalls aus der Mitte des zwölften Jahrhunderts.
Das Licht geht durch das Glas. Und es kommt gefärbt wieder heraus. Und dann kam eine Zeit, in der aus dem Fenster etwas anderes wurde. Nicht mehr eine Öffnung in einer Mauer. Sondern beinahe die Mauer selbst. Diese Zeit heißt Gotik. Sie gilt als die größte Blütezeit der mittelalterlichen Glasmalerei. Besonders in den französischen Kathedralen. Dort war die Glasmalerei Teil des Gesamtkonzepts. Das ist der entscheidende Satz. Teil des Gesamtkonzepts. Die Fenster wurden nicht nachträglich eingesetzt. Der Bau war von Anfang an für sie gedacht. Und die Zahlen dazu sind ruhig und groß. In Notre-Dame de Chartres entstanden zwischen eintausendzweihundertfünfzehn und eintausendzweihundertvierzig einhundertsechsundsiebzig Fenster. Auf zweitausend Quadratmetern werden dort Geschichten aus der Bibel erzählt … und Legenden von Heiligen … in leuchtenden Farbtönen. Zweitausend Quadratmeter Glas. Das ist eine Fläche wie ein kleines Feld. Nur eben senkrecht. Und durchscheinend. Einhundertsechsundsiebzig Fenster. Zweitausend Quadratmeter. Zahlen, die du nicht behalten musst. Nur der Gedanke bleibt. Ein ganzes Haus aus farbigem Licht.
Aus dem dreizehnten Jahrhundert stammen Glasgemälde an vielen Orten. In Colmar. In Amiens, in Bourges, in Reims, in Rouen und in Straßburg. Und in der Sainte-Chapelle in Paris. Sainte-Chapelle. Bleib einen Augenblick bei diesem Namen. Er klingt schon leise, wenn man ihn ausspricht. Auch dort sind es Glasgemälde aus dem dreizehnten Jahrhundert. So alt wie vieles, wovon wir heute schon gehört haben. Und auch dort gilt derselbe einfache Satz. Das Licht geht durch das Glas. Und es kommt gefärbt wieder heraus. Mehr braucht es nicht. Farbiges Glas. Und Licht dahinter. Du musst dir den Ort nicht genau vorstellen. Lass den Namen einfach vorbeiziehen. Und die Farben, die dazugehören.
Im deutschsprachigen Raum gibt es davon ebenfalls viel. Gotische Kirchenfenster findest du unter anderem im Kölner Dom und im Augsburger Dom. Im Freiburger Münster. Im Regensburger Dom. Im Ulmer Münster. Im Erfurter Dom, im Dom zu Münster, in der Frauenkirche in München und in Sankt Lorenz in Nürnberg. In der Schweiz sind bedeutende Fenster aus dem dreizehnten bis fünfzehnten Jahrhundert erhalten. Im ehemaligen Kloster Königsfelden. Im Berner Münster. Und in der Kathedrale Notre Dame in Lausanne. In Freiburg im Üechtland gibt es außerdem Buntglasfenster in der Kathedrale Sankt Nikolaus, die deutlich jünger sind. Sie dokumentieren Kunstströmungen des ausgehenden neunzehnten und des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts. Den Jugendstil zum Beispiel … die Historienmalerei … und die Volkskunst. In Österreich sind drei Orte für ihre sakralen Fenster bekannt. Der Stephansdom in Wien. Die Stadtpfarrkirche in Steyr. Und das Stift Klosterneuburg.
Das Licht geht durch das Glas. Und es kommt gefärbt wieder heraus. Doch nicht alle Glasmalerei hängt in Kirchen. Es gibt auch die andere Seite. Man nennt sie die profanen Fenster. Profan heißt hier einfach weltlich … also nicht für den Gottesdienst gemacht. Seit dem Spätmittelalter gibt es davon viele Beispiele. Schlösser wurden damit ausgestattet … und Adelssitze. Und dann kamen die Bürgerhäuser dazu. Wohlhabende Bürger bestellten künstlerische Verglasungen für ihre Hallen … für ihre Treppenhäuser … für ihre Privatkapellen. In Nürnberg tat das eine Kaufmannsfamilie. Sie hieß Tucher. In ihrem Haus befinden sich heute noch die ursprünglichen Fenster aus dem sechzehnten Jahrhundert. Darauf sind Figuren aus der griechischen und der römischen Mythologie zu sehen. Im neunzehnten Jahrhundert wurden Glasmalereien dann eine beliebte Dekoration in Bürgerhäusern. Und sie hatten dort noch eine zweite Aufgabe. Sie waren nicht nur Schmuck. Sie verdeckten auch unschöne Ausblicke. Das gefällt mir. Ein Fenster, das man einbaut, damit man weniger sieht. Und dafür etwas Schöneres. Ein Treppenhaus mit farbigem Licht. Eine Halle, in der der Boden bunt wird. Und draußen bleibt, was man nicht sehen möchte.
Auch Zunftstuben und Gaststätten bestellten solche Scheiben. Wappenscheiben. Brauereischeiben. Handwerkerscheiben. Und Stadtansichten für ihre Räume. Ein Beispiel aus dem zwanzigsten Jahrhundert steht in München. Fünfundzwanzig Fenster in einem Bierkeller … gestaltet im Jahr neunzehnhundertvierundsiebzig … mit bayerischen Motiven und Sprüchen. Und in Freiburg im Breisgau gibt es Fenster für ein Rathaus. Sie wurden im Jahr neunzehnhundert gemalt. Auch das Neue Rathaus in München birgt viele Glasgemälde. Ihre Themen stammen aus der Geschichte der Stadt. Sogar Schulen wurden mit Glasfenstern ausgestattet. Im Treppenhaus eines englischen Colleges sind die Fabeln des Äsop abgebildet. Das war im Jahr achtzehnhundertsiebenundsechzig. Und für ein deutsches Klassenzimmer an einer amerikanischen Universität entstanden vierundzwanzig Szenen aus den Märchen der Brüder Grimm. Märchen in einem Fenster. Das ist beinahe zu passend für diese Stunde.
Kleine Scheiben für die Hand
Und dann gibt es noch die kleinen Scheiben. Die, die man in die Hand nehmen kann. Sie heißen Kabinettscheiben. Bei ihnen war die Malweise auf etwas anderes ausgelegt als bei den großen Fenstern. Nämlich darauf, sie aus nächster Nähe zu sehen. Und in Augenhöhe. Meist waren sie nicht für einen bestimmten Raum entworfen. Deshalb waren sie beweglich … und auswechselbar. Fast immer waren sie Geschenke. Und wegen ihres handlichen Formats wurden sie gern gesammelt. Oft entstanden sie in kleinen Serien. Als Kopien von Holzschnitten und Stichen. Die Motive kamen bis ins dreizehnte Jahrhundert aus dem Glauben. Die christliche Heilsbotschaft. Das Marienleben. Heiligenlegenden. Später wurde die Auswahl weiter. Da sind Jahreszeiten. Monatsbilder. Tierkreiszeichen. Griechische und römische Mythen. Und ab dem sechzehnten Jahrhundert nahm die Heraldik einen großen Raum ein. Heraldik ist die Lehre von den Wappen. Dann kommen die Wesen, die es nie gab. Ein Drache. Ein Greif. Ein Kentaur. Und daneben Menschen aus dem Alltag. Gaukler. Kaufleute. Szenen aus dem Volksleben zeigten Handwerker bei der Arbeit. Maurer. Bäcker. Geldwechsler. Hufschmiede. Dazu Kutschausfahrten. Und wieder Stadtansichten. Eine Scheibe, die man in die Hand nimmt. Und gegen das Licht hält. Und dann dreht, bis die Farben kommen.
Besonders die Schweizer Scheiben hatten ein hohes künstlerisches Niveau. Darauf sind Hochzeiten abgebildet. Taufen. Und Wappen. Wappen von Adelsgeschlechtern, von Städten, von Zünften, von Bürgern und von Bauern. Und es gab dort einen schönen Brauch. Kantone und Städte tauschten Wappenscheiben aus. Man schickte einander also Glas. Und jeder hängte das Zeichen des anderen in sein Fenster. Über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt wurden drei Glasmaler. Christoph Murer aus Zürich, Hans Rütter und Lukas Zeiner. In Norddeutschland gab es dafür etwas anderes. Dort wurden Bierscheiben bemalt … auf frische und naive Art. Ihre Themen sind Berufe. Metzger. Imker. Töpfer. Lehrer. Koch. Man sieht Reiter darauf. Wanderer. Und Pfeifer mit einem Dudelsack. Frauen beim Sticken und beim Spinnen … oder mit einem Willkommenstrunk in der Hand. Dazu Segelschiffe. Vögel. Bäume. Und Landschaften. Ein ganzes Leben auf einer Scheibe, die kaum größer ist als ein Buch. Metzger. Imker. Töpfer. Lehrer. Koch. Reiter. Wanderer. Ein Pfeifer mit seinem Dudelsack. Lauter kleine Leute in einem Stück Glas.
Wenn die Glasmalerei wiederkehrt
Es gab auch Zeiten, in denen das alles wenig gefragt war. Im Barock waren Kirchen und Wohnräume dem Geschmack der Zeit entsprechend hell und lichtdurchflutet. Deshalb wurden sie meist nicht mit Farbverglasungen ausgestattet. Das Licht sollte klar hereinkommen. Ungefärbt. Auch das gehört dazu. Dass etwas eine Weile nicht gebraucht wird. Und später wiederkommt. Erst zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts erlebte die Glasmalerei eine zweite Blütezeit. Sie hielt an bis zum Beginn des zwanzigsten. In München wurde die Gründung von Werkstätten gefördert. Und auch anderswo entstanden Glasmalereifirmen. In Benediktbeuern und Goch. In Kevelaer, Düsseldorf, Köln und Linnich. In Zittau und Berlin. In Innsbruck und in Freiburg im Üechtland. Um achtzehnhundertsiebzig wurden viele Kirchen im Baustil der Neugotik errichtet. Neugotik heißt, dass man die Formen der alten Gotik noch einmal aufnahm. Und dafür wurden viele neue Fenster gebraucht. Neue Werkstätten. Neue Öfen. Neue Fenster. Und dahinter wieder dasselbe alte Handwerk. Schwarzlot. Silbergelb. Der Brand.
Um die Jahrhundertwende kam dann ein Name dazu, den man bis heute kennt. In Amerika wurde ein Glaskünstler durch seine Fenster und seine Lampen bekannt. Er hieß Louis Comfort Tiffany. Es war die Zeit des Jugendstils. Häufig verwendete man damals Kathedralglas und Ornamentglas. Und dazu das Opalescentglas, das Tiffany erfunden hatte. Es schillert metallisch. Ein Glas, das nicht nur Farbe durchlässt. Sondern selbst schimmert. In den letzten beiden Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts geschah dann noch etwas. Man sah vermehrt Rekonstruktionen älterer Glasmalereien. Sie traten an die Stelle moderner Verglasungen. Ein Beispiel dafür ist der Kölner Dom. Man ging also zurück. Und holte etwas wieder, das schon einmal da gewesen war. Ein altes Fenster, noch einmal gemacht. Mit denselben Mitteln wie früher.
Schutzglas und Hinterglasmalerei
Es gibt noch eine Sorge, die zu diesen Fenstern gehört. Eine ganz praktische. In Kirchen erfordern die Witterungseinflüsse oft ein Schutzglas. Denn die Bemalung kann beschädigt werden. Durch Versinterung … durch Vogelkot … durch Kondenswasser … durch sauren Regen und Abgase. Versinterung, das ist eine Ablagerung, die sich als Kruste auf der Oberfläche bildet. Deshalb setzt man vor das alte Fenster eine zweite Scheibe. Ein Schutzglas. Das alte Glas bleibt, wo es ist. Und bekommt nur etwas vor sich, das den Regen nimmt. Das ist eine ruhige Art von Fürsorge. Man rührt das Kostbare nicht an. Man stellt sich davor. Ein Glas vor dem Glas. Mehr braucht es nicht. Und das Alte darf bleiben, wie es ist.
Und es gibt noch eine Art Malerei auf Glas, die ganz anders funktioniert. Sie heißt Hinterglasmalerei. Bei ihr geht das Licht nicht hindurch. Man betrachtet sie nur in der Aufsicht … also von vorn, mit dem Licht auf der eigenen Seite. Damit ist alles anders. Keine Leuchtkraft von hinten. Kein gefärbter Boden. Ein Bild, das auf Glas liegt … statt eines Bildes, durch das man in den Tag hinausschaut. Zwei Wege mit demselben Material. Und nur einer davon füllt einen Raum mit Farbe. Wir bleiben bei dem Fenster. Bei dem Licht, das hindurchgeht. Das ist das Bild für diese Nacht. Das Licht geht durch das Glas. Und es kommt gefärbt wieder heraus. Jetzt geh in Gedanken noch einmal zurück in den hohen Raum aus Stein. Der Boden ist glatt und kühl. Über dir verliert sich die Decke im Halbdunkel. Und in der Wand steht das Fenster. Schwarzlot für die Linien. Silbergelb für eine Krone. Ein Stück Mattweiß, das aufleuchtet. Draußen zieht die Sonne weiter. Sie fragt nicht nach. Und der Farbfleck auf dem Boden wandert mit. Langsam. Am Vormittag liegt er da drüben. Am Nachmittag liegt er hier. Und irgendwann am Abend ist er fort.
Dann sind die Fenster nur noch dunkle Flächen. Von innen sieht man kaum, was darauf gemalt ist. Sie warten einfach. Es ist ganz still in diesem Raum. Nur der Stein und das Glas. Und das Licht, das langsam weitergezogen ist. Und morgen früh kommt die Sonne wieder. Und dann fängt es wieder an. Das Licht geht durch das Glas. Und es kommt gefärbt wieder heraus. Seit vielen Jahrhunderten geschieht das nun schon. In Augsburg. In Chartres. Jeden Morgen. Ohne dass jemand etwas tun muss. Die Scheiben sind dünn. Sie sind zerbrechlich. Und sie sind immer noch da. Das Licht geht durch das Glas. Und es kommt gefärbt wieder heraus. Ein Fenster. Ein Farbfleck. Ein langsamer Weg über den Boden. Mehr ist es nicht. Und es reicht.
Ein Fenster, Licht und gute Nacht
Du musst dir nichts davon merken. Nicht die Namen der Gläser. Nicht die Jahreszahlen. Nicht die Pinsel. Nimm nur das Bild mit. Ein hoher Raum. Ein farbiges Fenster. Und Licht, das langsam hindurchgeht. Keine Namen. Keine Zahlen. Kein Werkzeug. Nur ein Raum, in dem es still ist. Und ein Fenster, durch das das Licht langsam hereinkommt. Die Sonne zieht weiter. Der Farbfleck wandert. Und dann ist es Abend. Das Licht geht durch das Glas. Und es kommt gefärbt wieder heraus. Es ist ruhig geworden. Der Farbfleck ist fort. Die Fenster warten. Deine Augen dürfen zu bleiben. Dein Atem darf langsam werden. Es ist nichts mehr zu tun. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.
Quelle und Lizenz
Dieser Text beruht auf dem Wikipedia-Artikel «Glasmalerei». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.
Verwendete Fassungen: «Glasmalerei» Version 269095720, abgerufen am 12. September 2026.
Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.