Stadtbienen über den Dächern und ihr stilles Bienenjahr

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht
Auf einem Dach über der Stadt beginnt der Tag mit drei Holzkästen und dem leisen Aufbruch der Bienen.
Vom ersten Krokus bis zur Goldrute begleitet Fridolin die Bienen durch den Sommer und in die stille Nacht.
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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte
Drei Kästen auf dem Stadtdach
Stell dir ein Dach vor. Ein flaches Dach … über einer großen Stadt. Der Belag unter deinen Füßen ist dunkel und ein wenig rau. Kies liegt darauf … in einer dünnen Schicht. Die Steine sind klein. Sie liegen lose. Wenn du einen Schritt machst, knirscht es leise. Es ist früher Morgen. Die Luft ist noch kühl. Sie riecht nach Stein und nach Staub … und ein wenig nach Grün von unten. Die Sonne steht noch tief. Sie hat den Kies noch nicht erwärmt … aber sie ist schon da. Ihr Licht liegt flach über dem Dach. Es macht aus jedem Stein einen kleinen Schatten. Unter dir liegt die Stadt. Man hört sie … aber von hier oben klingt sie weit weg. Ein Auto. Eine Tür. Irgendwo ein Fenster, das geöffnet wird. Du stehst allein hier oben. Eine Tür führt ins Treppenhaus zurück … sie ist angelehnt. Sonst gibt es nichts auf diesem Dach. Nur Kies … und den Rand … und den Himmel darüber. Und am Rand des Dachs stehen drei Holzkästen.
Die Kästen sind nicht groß. Etwa so hoch wie ein Nachttisch … und ungefähr so breit. Sie stehen nebeneinander … mit ein wenig Abstand. Das Holz ist verwittert. Man sieht, dass sie schon ein paar Sommer hier stehen. Vor jedem Kasten liegt ein schmales Brett. Das ist das Anflugbrett. Es ragt ein Stück hervor … wie ein kleiner Absatz vor einer Tür. Die Imker streichen diese Bretter gern in verschiedenen Farben. Sie tun das in der Absicht, dass die Bienen ihren eigenen Kasten leichter wiederfinden. Ein Brett ist blau. Eines ist gelb. Eines ist weiß und schon etwas abgeblättert. Ob die Farbe wirklich reicht … das ist eine andere Frage. Die Bienen richten sich auch nach der Umgebung. Und nach dem Geruch ihres eigenen Volkes. Aber die Farben sind trotzdem da. Und sie sehen schön aus … am Morgen … auf einem Dach. Blau. Gelb. Weiß. Drei kleine Flächen Farbe auf einem grauen Dach. An den Rändern blättert die Farbe ab. Das Holz darunter ist hell geworden. Niemand streicht die Bretter jedes Jahr neu.
Einschlafgeschichte weiterlesenDie restlichen 3.715 Wörter, Wort für Wort wie Fridolin es erzählt
Ein Kasten wie dieser heißt Beute. Das ist das Wort der Imker für die Bienenwohnung. Es hat nichts mit Jagd zu tun. Es ist ein altes Wort für ein Gefäß … für einen Behälter. Ein Wort, das man sonst kaum noch hört. In der Imkerei ist es geblieben. Die Kästen bestehen aus mehreren Teilen. Man kann sie aufeinandersetzen … wie Kisten, die zusammengehören. So wächst die Wohnung mit dem Volk mit. Von außen sieht man das kaum. Ein Kasten sieht aus wie der andere. Erst wenn man näher kommt, erkennt man die Fugen zwischen den Teilen. Auch das Wort Imker ist alt. Es steckt in zwei Teilen darin. Der erste Teil kommt aus dem Niederdeutschen. Imme … so hieß dort die Biene. Der zweite Teil kommt aus dem Mittelniederdeutschen. Kar … das war der Korb … das Gefäß. Ein Imker ist dem Wortursprung nach der Mensch beim Bienenkorb. Ein ruhiges Wort, wenn man es einmal auseinandergenommen hat.
Drei Kästen also. Auf einem Dach über der Stadt. Die Sonne steigt … und der Kies wird langsam warm. Noch ist es ruhig vor den Kästen. Ein paar Bienen sitzen auf dem Brett und warten auf die Wärme. Sie bewegen sich kaum. Sie halten sich einfach am Holz fest. Dann wird das Licht kräftiger. Und eine nach der anderen hebt ab.
Das Wort Stadtimkerei klingt neu. Es klingt nach einer Erfindung der letzten Jahre. Aber die Sache selbst ist es nicht. In Berlin gibt es einen Imkerverein, der schon in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gegründet wurde … im Bezirk Neukölln. Das ist über hundert Jahre her. Schon damals hielten Menschen zwischen Häusern ihre Bienen. In Hamburg gibt es einen zweiten. Er wurde in den dreißiger Jahren gegründet … am rechten Ufer der Alster. Und in Zürich reicht es noch weiter zurück. Dort galt der Stadtimker über Jahrhunderte als Zunftberuf … festgehalten in der Verfassung der Stadt. Ein Beruf also, der in der Ordnung der Stadt seinen festen Platz hatte. Das ist lange her. Vom vierzehnten Jahrhundert bis kurz vor achtzehnhundert. Bienen in der Stadt sind also kein Einfall von gestern. Sie sind eine Gewohnheit … die nur eine Weile in Vergessenheit geraten war.
Blüten zwischen Häusern
Die Bienen fliegen los. Sie kommen. Und sie gehen. Stell dir eine einzelne Biene vor. Sie startet vom Brett … und lässt sich erst ein Stück fallen. Dann steigt sie über den Dachrand und ist weg. Unter ihr liegen Dächer. Ziegel … Blech … Kies … und immer wieder ein Stück Grün. Ein Hinterhof mit einem Baum. Ein Balkon mit Kästen voller Blüten. Ein Streifen Gras neben einer Straße. Sie fliegt nicht weit für unsere Begriffe. Für ein Tier dieser Größe ist es trotzdem eine Reise. Und sie findet zurück. Immer wieder … zum selben Brett … zum selben Kasten.
Wohin fliegen sie eigentlich, wenn rundherum nur Häuser stehen? Das ist die Frage, die man sich beim ersten Blick auf so ein Dach stellt. Die Antwort ist einfach. Die Stadt hat mehr Blüten, als man ihr ansieht. Man muss nur einmal von oben schauen. Dann sieht man das Grün zwischen den Dächern. Da sind die Parkanlagen. Da sind die Alleen mit ihren Bäumen. Da sind die Friedhöfe, die oft alt sind und stark bewachsen. Es sind stille Orte. Und sie blühen, ohne dass jemand darauf achtet. Da sind die Hausgärten hinter den Häusern. Und die Gründächer … also Dächer, auf denen Erde liegt und Pflanzen wachsen. Da sind Grundstücke, die niemand mehr pflegt. Auf ihnen wächst, was von selbst kommt. Die Fachleute nennen so einen Bewuchs Ruderalvegetation. Das sind Pflanzen, die sich auf gestörtem Boden ansiedeln … an Rändern … auf Schutt … auf Brachen. Sie sind niemandes Plan. Und sie blühen trotzdem. Ein langes Wort für etwas, das einfach da ist. Dazu kommen die Verkehrsinseln. Und die Balkonpflanzen … tausendfach … über die ganze Stadt verteilt. Jeder Balkon ist für sich genommen klein. Zusammen ergeben sie eine Fläche, die niemand gezählt hat.
Denk an einen Park im Juni. Das Gras ist hoch. Die Bäume stehen voll. Über den Blüten liegt ein Geräusch, das man erst hört, wenn man stehen bleibt. Eine blühende Linde riecht über die ganze Straße. Wer darunter steht, hört es über sich summen … und sieht nichts.
All das zusammen ergibt das, was der Imker die Tracht nennt. Tracht ist alles, was die Bienen an Nektar und Pollen holen können. Alles, was gerade blüht und etwas hergibt. Auf dem Land ist die Tracht oft ein einziges großes Feld. Raps zum Beispiel … oder eine Obstplantage. Das ist viel auf einmal. Aber es ist nur für kurze Zeit da. Wenn die Blüte vorbei ist, ist die Fläche leer. In der Stadt ist es anders. Dort ist die Tracht kleinteilig … und über den Sommer verteilt. Ein Balkon hier. Ein Park dort. Eine Linde in einer Allee. Nichts davon ist groß. Aber es hört auch nicht so schnell auf. Die Bienen der Stadt sind darum weniger auf eine einzige Blüte angewiesen. Sie haben mehr zur Auswahl. Und sie haben länger etwas zur Auswahl.
Drei Kästen. Auf einem Dach über der Stadt. Die Bienen kommen. Und sie gehen. Das geht so den ganzen Tag. Ohne Anfang und ohne Ende. Man kann lange zusehen, ohne dass sich etwas ändert. Und genau das macht ruhig.
Der Rhythmus des Bienenjahres
Das Jahr einer Stadtbiene hat einen eigenen Rhythmus. Er beginnt früher als auf dem Land … und er endet später. Das hat mit der Wärme zu tun. Eine große Stadt ist im Durchschnitt zwei bis drei Grad Celsius wärmer als das Land ringsum. Zwei Grad klingen nach wenig. Über ein ganzes Jahr gerechnet sind sie viel. Die Fachleute nennen das die städtische Wärmeinsel. Der Stein speichert die Wärme des Tages … und gibt sie nachts wieder ab. Die Mauern. Die Straßen. Die Dächer. Alles hält die Wärme ein wenig fest. Man merkt es abends, wenn man aus der Stadt hinausfährt. Die Luft wird kühler, sobald die Häuser aufhören. Bienen sind wärmeliebende Tiere. Für sie ist das ein Vorteil. Sie sind im Frühjahr früher unterwegs. Und im Herbst noch, wenn andernorts schon Ruhe ist.
Der Anfang liegt beim Krokus. Er steht niedrig im Gras … in Parks und in Gärten … und er blüht, wenn sonst noch fast nichts blüht. Man muss sich bücken, um ihn zu sehen. Die Bienen finden ihn trotzdem. Dann kommt alles andere. Die Obstblüten in den Gärten. Die Bäume in den Straßen. Der Sommer in den Parks. Monat um Monat … eine Blüte nach der anderen. Es ist wie eine lange Kette. Ein Glied gibt an das nächste weiter. Und am Ende steht die Goldrute. Sie ist hoch und gelb und blüht spät. Sie steht auf Brachen und an Rändern … dort, wo sonst nichts mehr kommt. Mit ihr geht die Nahrung der Stadtbienen bis in den November hinein. Vom Krokus bis zur Goldrute. Das ist die Spanne eines Bienenjahres in der Stadt. Zwischen diesen beiden liegt alles andere. Der ganze Sommer … Blüte für Blüte … Woche für Woche. Kaum ist die eine vorbei, fängt die nächste an.
Es ist Mittag geworden auf dem Dach. Der Kies ist jetzt warm. Man könnte sich daraufsetzen. Die Wärme kommt von unten durch die Kleidung. Langsam … und gleichmäßig. Vor den Anflugbrettern ist Betrieb. Bienen kommen an, halten kurz, verschwinden im Kasten. Andere schieben sich heraus und heben ab. Sie fallen erst ein Stück nach unten … und steigen dann in einem Bogen über den Dachrand. Es sieht nach Hektik aus. Aber es klingt nicht so. Es klingt wie ein einziger tiefer Ton … der nie ganz abreißt. Manchmal wird er kurz lauter. Dann sinkt er wieder in sich zurück. Auf dem Dach passiert sonst nichts. Der Kies liegt in der Sonne. Die Luft flimmert ein wenig über dem Belag. Weiter weg stehen Antennen und Schornsteine. Und dahinter noch mehr Dächer. Es ist ein Ort, an dem selten jemand ist. Genau darum steht hier etwas, das Ruhe braucht. Über dem Dach zieht ein Vogel vorbei. Sonst bewegt sich nichts. Der Himmel ist weit und leer. Die Stadt liegt unter dem Rand. Hier oben ist der Mittag eine sehr lange Zeit.
Drei Kästen. Ein warmes Dach. Und ein Ton, der bleibt.
In Deutschland gelten drei Städte als Zentren dieser Art von Imkerei. Berlin ist die erste davon. Dort gibt es seit dem Jahr zweitausendelf eine Initiative, die an fünfzehn Stellen in der Stadt Bienenvölker aufgestellt hat. Fünfzehn Standorte … verteilt über eine ganze Stadt. Die Standorte sind mit Bedacht gewählt. Es sind Orte, die man kennt. Das Dach des Berliner Doms gehört dazu. Und ein weiteres, sehr ruhiges Dach … das der Mensa Nord der Humboldt-Universität. Eine Mensa ist der Speisesaal einer Hochschule. Unten essen die Studenten … oben stehen die Kästen. Die einen wissen meist nichts von den anderen. Auch dort ist es nur ein Dach. Kies … ein Rand … und der Himmel darüber. Die Kästen stehen still, so wie hier. Von dort oben sieht man über viele Dächer. Unten geht der Betrieb weiter. Teller, Stühle, Stimmen. Und darüber steht ein Kasten, von dem die meisten nichts wissen.
Die zweite deutsche Stadt ist Hamburg. Auch Hamburg gilt als ein Ort der urbanen Bienenzucht … also der Bienenhaltung mitten in der Stadt. Dort ist die Zahl der Imker in wenigen Jahren stark gewachsen. Im Jahr zweitausendzehn waren es dreihundert. Im Jahr zweitausendachtzehn waren es über eintausend. Das ist mehr als dreimal so viel … in acht Jahren. Eintausend Menschen in einer Stadt, die morgens auf ein Dach oder in einen Hinterhof gehen und nach ihren Völkern sehen. Man sieht es der Stadt von unten nicht an. Die Kästen stehen dort, wo sonst niemand hingeht. Auf Garagendächern. In Hinterhöfen. Hinter einer Hecke am Rand eines Gartens. Man geht jeden Tag daran vorbei und bemerkt sie nicht.
Die dritte Stadt ist München. Auch sie wird ausdrücklich als deutsche Großstadt mit urbaner Bienenzucht genannt. Und dann gibt es noch eine Landschaft, die dazugehört, obwohl sie keine einzelne Stadt ist. Das Ruhrgebiet. Viele Städte, die ineinander übergehen … mit Gärten und Brachen und Parks dazwischen. Dazwischen liegen Flächen, auf denen früher gearbeitet wurde und auf denen heute wieder etwas wächst. Auch das ist ein Rückzugsort für Bienen geworden. Berlin. Hamburg. München. Drei Städte … und über allen dreien Kästen auf Dächern.
Ein bekanntes Beispiel der Stadtimkerei findet sich in Paris. Dort stehen auf dem Dach der Opéra Garnier seit neunzehnhundertfünfundachtzig Bienenvölker. Die Opéra Garnier ist ein großes Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert … mit einem breiten, flachen Dach über dem Zuschauerraum. Ein Dach, auf das von unten niemand sieht. Unten sitzt abends das Publikum. Oben steht das Jahr der Bienen. Die beiden haben nichts miteinander zu tun … und teilen doch ein Haus. Die einen gehen nach der Vorstellung nach Hause. Die anderen bleiben oben. Ein Theaterdekorateur des Hauses hat die Völker dort aufgestellt. Also ein Mann, der unten im Haus die Bühnenbilder betreut … und oben auf dem Dach die Bienen. Zwei Arbeiten im selben Gebäude. Eine davon sieht niemand. Seine Bienen fliegen die Parks der französischen Hauptstadt an. Sie steigen vom Dach der Oper auf … und kommen mit dem zurück, was in den Grünanlagen der Stadt blüht. Das ist ein schöner Gedanke. Über einem Opernhaus, in dem abends gesungen wird, steht tagsüber ein leises Summen.
Drei Kästen. Ein Dach. Eine Stadt ringsum. Mehr braucht es nicht.
Die ruhige Arbeit des Imkers
Der Nachmittag geht auf dem Dach langsam vorbei. Der Ton vor den Kästen wird etwas leiser. Nicht viel … aber ein wenig. Wenn der Imker jetzt käme, würde er etwas mitbringen. Ein Gerät aus Blech, mit einem kleinen Blasebalg an der Seite. Das ist der Smoker. Ein Rauchapparat. Er passt in eine Hand. Oben sitzt eine Tülle, unten der kleine Behälter. Darin glimmt etwas Trockenes … und der Imker bläst den kühlen Rauch vor das Flugloch, bevor er den Deckel abhebt. Man sagt, er beruhige damit die Bienen. Das stimmt so nicht. Die Bienen werden vom Rauch nicht ruhiger. Sie werden beschäftigt. Sie gehen an die Zellen mit dem Honig und füllen sich damit. Für eine Weile kümmern sie sich um nichts anderes. Der Imker nutzt das aus. Die Bienen sind abgelenkt … und er kann in Ruhe arbeiten. Er nimmt sich Zeit dabei. Schnelle Bewegungen braucht es hier nicht. Zwischen zwei Handgriffen hält er kurz inne. Dann geht es weiter. Ruhig … und ohne Hast. Es ist eine Arbeit, bei der Eile nichts nützt.
Dann hebt er den Deckel ab und zieht ein Rähmchen heraus. Ein Rähmchen ist ein Holzrahmen, in dem die Bienen ihre Waben bauen. Es lässt sich einzeln herausnehmen wie ein Buch aus einem Regal. Er hält das Rähmchen gegen das Licht und schaut es an. Auf beiden Seiten sitzen Bienen. Dicht … aber ohne Eile. Sie laufen über die Waben und tun, was sie ohnehin tun würden. Der Imker dreht den Rahmen langsam. Dann stellt er ihn zurück an seinen Platz. Er schließt den Deckel wieder. Das Geräusch wird noch einmal etwas lauter … und dann wieder gleichmäßig. Das Rähmchen ist noch nicht sehr alt. Bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bauten die Bienen fest ins Gefäß hinein. Die Imker nennen das den Stabilbau. Wabe und Wohnung waren damals ein Stück. Bei der Ernte musste damals ein Teil des Wabenwerks herausgeschnitten werden. Was die Bienen gebaut hatten, ging dabei verloren. Und sie mussten es danach wieder neu bauen. Dann kam der bewegliche Wabenbau. Rähmchen, die man ziehen kann … in Kästen, die man stapeln kann. Seither kann der Imker den Honig entnehmen, ohne die Wohnung zu zerstören. Eine kleine Erfindung. Aber eine, die alles verändert hat. Seither sieht ein Bienenkasten überall ähnlich aus. Ein Kasten … und Rahmen darin. Auf dem Land wie in der Stadt. Auf einem Dach wie in einem Garten. Ein einfaches Ding, das sich bewährt hat.
Und was ist in dem Rähmchen drin? Vor allem Honig. Er ist bis heute das Hauptprodukt fast jeder Imkerei. Der Honig aus der Stadt hat dabei einen eigenen Ruf. Er gilt als besonders aromatisch. Das liegt an der Mischung der Blüten. Auf dem Land kommt der Nektar oft von einer einzigen Sorte. In der Stadt kommt er von vielen. Der Park, der Balkon, die Allee, die Brache … alles zusammen in einem Glas. Kein Glas schmeckt darum genau wie das andere. Ein Glas Stadthonig steht später in einer Küche. Vielleicht in derselben Straße, in der die Linde steht, von der er kommt. Das ist ein kurzer Weg für ein Lebensmittel. Und noch etwas ist überraschend. Die Erntemengen der Stadtimker liegen deutlich über denen der Landimker. In Berlin und in Hamburg sind sie am höchsten … im ganzen Land. Ausgerechnet dort, wo man am wenigsten Blüten vermutet.
Neben dem Honig gibt es noch anderes aus dem Kasten. Das Wachs zum Beispiel. Daraus werden Kerzen gemacht … und Pflegemittel … und Kosmetik. Früher war das Wachs sehr wichtig. Heute ist es das weniger. Aber es wird noch gebraucht. Auch in der Lebensmittelherstellung, als dünner Überzug auf manchen Früchten. Dann der Pollen. Er ist ein Eiweißprodukt und wird zur Nahrungsergänzung verwendet. Rein schmeckt er ziemlich herb. Darum wird er oft mit Honig gemischt angeboten. Die kleinen Körner haben viele Farben. Gelb … orange … manchmal fast grau. Man sieht sie an den Beinen der Bienen, wenn sie zurückkommen. Und dann gibt es noch das Propolis. Ein anderes Wort dafür ist Kittharz. Die Bienen dichten damit ihren Stock ab … an Ritzen und Fugen. Überall dort, wo Zugluft hereinkäme, sitzt ein wenig davon.
Ein Wort noch zum Wichtigsten. Das Wichtigste, was eine Biene tut, kommt gar nicht in ein Glas. Es ist die Bestäubung. Wenn eine Biene von Blüte zu Blüte fliegt, trägt sie Pollen mit. Und die Pflanze kann Frucht ansetzen. Sie tut es nebenbei. Sie sammelt für sich … und arbeitet dabei für die Pflanze. Man sieht diese Arbeit nicht. Man sieht nur das Ergebnis. Einen Apfel an einem Baum. Eine Kirsche. Eine Beere an einem Strauch. Honigbienen sind die wichtigsten Bestäuber von Blütenpflanzen überhaupt. Nach dem Rind und dem Schwein ist die Honigbiene deshalb weltweit das drittwichtigste Nutztier in der Landwirtschaft. Das ist eine merkwürdige Reihenfolge, wenn man sie sich vorstellt. Zwei große Tiere. Und dann ein Tier, das man kaum in der Hand spürt. Man denkt bei Nutztieren an Ställe und an Weiden. Hier geht es um ein Tier, das einfach wegfliegt und wiederkommt. Und dessen Arbeit man erst später an den Bäumen sieht.
Auf dem Dach wird es Abend. Die Sonne steht wieder tief … von der anderen Seite jetzt. Die Schatten der Kästen sind lang geworden. Sie liegen quer über den Kies. Der Kies gibt die Wärme des Tages noch ab. Man merkt es, wenn man die Hand darauflegt. Vor den Anflugbrettern wird es ruhiger. Die letzten Bienen kommen zurück. Sie halten kurz auf dem Brett … und dann sind sie drin. Der Ton wird tiefer und leiser. Über der Stadt gehen die Lichter an. Erst einzeln. Dann in Reihen … Fenster für Fenster. Auf dem Dach bleibt es dunkel. Hier oben leuchtet nichts. Nur der Himmel ist noch ein wenig hell am Rand.
Die meisten Menschen, die so ein Dach betreuen, tun das nicht als Beruf. In den deutschsprachigen Ländern gibt es rund einhundertsiebzigtausend Imker. Die allermeisten von ihnen haben weniger als zehn Völker. Es ist etwas, das sie neben ihrer Arbeit tun. In Deutschland sind fünfundneunzig von hundert Imkern Freizeitimker. Von hundert Menschen mit Bienen leben also nur fünf von dieser Arbeit. Eine besondere Ausbildung braucht es dafür nicht. Die meisten besuchen einen Grundkurs … und dann fangen sie an. Das Übrige lernt man an den Kästen. Jahr für Jahr. Wer mehr will, kann mehr machen. In der Schweiz gibt es einen Abschluss mit eidgenössischem Fachausweis. In Deutschland gibt es eine Berufslehre. Aber der Regelfall ist der andere. Ein paar Kästen. Ein Dach oder ein Garten. Und ein Jahr, das sich wiederholt.
In Österreich sieht es ähnlich aus. Dort gibt es gut siebenundzwanzigtausend Imker … mit im Schnitt zehn Völkern. In der Schweiz sind es rund neunzehntausendfünfhundert … ebenfalls mit etwa zehn Völkern. Und in Liechtenstein war es vor gut zwanzig Jahren eine sehr überschaubare Zahl. Zweiundachtzig Imker … mit neunhundertdreiundvierzig Völkern. Das ist so wenig, dass man es fast durchzählen könnte. Zweiundachtzig Namen. Mehr braucht es nicht für ein ganzes Land. Drei Länder … und überall dasselbe Bild. Viele Menschen mit wenigen Völkern. Es ist fast dunkel auf dem Dach. Die Kästen sind jetzt nur noch Umrisse. Man erkennt sie mehr an ihrer Form als an ihrer Farbe. Der Ton ist noch da. Aber er ist so leise geworden, dass man sich hinunterbeugen müsste, um ihn zu hören.
Früher galt der Imker als eine besondere Figur. Man konnte seine Arbeit nicht schnell jemand anderem übergeben. Er musste seine Völker kennen. Er sah mit einem Blick, wie es ihnen ging … aber er konnte es kaum erklären. Darum galt er als Einzelgänger. Dazu kam, dass ihm niemand gern über die Schulter schaute. Summende Bienen halten Zuschauer von selbst auf Abstand. Und wenn er gestochen wurde, zeigte er es nicht. Er arbeitete einfach weiter. Weil man die Arbeit auch im Alter noch tun kann, wurde sie oft den Älteren überlassen. So verband sich das Bild des Imkers mit Alter und Erfahrung … und mit ein wenig Wunderlichkeit. Heute ist das Bild ein anderes. Heute gilt der Imker als jemand, der draußen arbeitet und sich seine Zeit selbst einteilt. Auf einem Dach über der Stadt trifft das ziemlich genau zu. Ein paar Stunden in der Woche … je nach Jahreszeit. Und dazwischen ein Blick von oben über die Stadt. Das ist kein schlechter Platz zum Arbeiten.
Es gibt noch eine letzte Sache, die im Herbst geschieht. Sie hat einen irreführenden Namen. Man nennt sie die Winterfütterung. Aber der Imker füttert nicht im Winter. Er füttert im Spätsommer und im Frühherbst. Das hat einen einfachen Grund. Unterhalb von etwa zehn Grad Celsius können die Bienen kein Futter mehr aufnehmen und einlagern. Wer zu spät kommt, kommt umsonst. Darum steht der Imker im September auf dem Dach und gibt seinen Völkern Zuckerwasser. Damit ersetzt er den Honig, den er geerntet hat. Das Zuckerwasser wird zum Vorrat für die kalten Monate. Die Bienen nehmen es auf und lagern es in den Waben ein. Und der Pollen bleibt ohnehin im Stock. Er wird beim Schleudern nicht entnommen. Er liegt in den Waben und ist da, wenn das Volk ihn braucht. Danach wird der Kasten geschlossen. Und der Imker kommt eine Weile nicht mehr. Was jetzt noch geschieht, geschieht ohne ihn.
Wenn es still wird
Dann wird es still auf dem Dach. Die Bienen sind drinnen. Sie rücken zusammen und halten sich gegenseitig warm. Sie sitzen dicht beieinander. Ein Ball aus vielen Tieren. Von außen sieht man nichts davon. Nur einen Holzkasten im Dunkeln. Draußen kühlt der Kies aus. Die Stadt bleibt ein wenig wärmer als das Land ringsum … so wie immer. Und irgendwann kommt der Krokus wieder. Dann fängt alles wieder von vorn an. Genau so wie im Jahr davor. Erst ein paar Bienen auf dem Brett. Dann mehr. Und irgendwann wieder dieser tiefe Ton über dem Kies. Drei Kästen. Auf einem Dach über der Stadt. Die Bienen kommen. Und sie gehen. Die Luft über dem Kies wird kühler. Man spürt, wie der Tag aus den Steinen geht. Irgendwo unten fährt noch ein Auto. Weiter weg als am Morgen … oder es kommt einem nur so vor.
Denk noch einmal an das Dach. An den Kies. An die drei Kästen am Rand. An die bunten Bretter davor. An den tiefen Ton, der über den Tag hinweg da war. An die Wärme, die noch in den Steinen liegt. Es war ein ganz gewöhnliches Dach. Und doch ist von dort oben ein ganzer Sommer ausgeflogen. In Berlin stehen Kästen über einer Mensa. In Hamburg gehen tausend Menschen nach ihren Völkern sehen. In München ist es dasselbe. Und in Paris steht ein Opernhaus mit Bienen auf dem Dach. Überall dasselbe leise Geräusch. Über den Dächern … den ganzen Sommer lang. Der Kies ist ausgekühlt. Die Kästen stehen still. Die Stadt ist dunkel geworden. Und die Bienen schlafen.
Drei Kästen. Ein Dach. Und Ruhe. Und der tiefe Ton von heute Morgen ist noch irgendwo in deinem Kopf. Gleichmäßig … und weit weg. Die Bienen kommen. Und sie gehen. Und morgen kommen sie wieder. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.
Quelle und Lizenz
Dieser Text beruht auf dem Wikipedia-Artikel «Imker». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.
Verwendete Fassungen: «Imker» Version 269143749, abgerufen am 11. September 2026.
Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.