Gute Nacht mit Fridolin – zur Startseite

Folge 102 · 2. November 2026 · 43 Minuten

Steinmetze, Werksteine und alte Zeichen im Stein

Fridolin sitzt in weichen Wolken und hält einen warm leuchtenden, marmorierten Würfel auf dem Schoß, während goldene Sterne am dunkelblauen Himmel funkeln.

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht

Diese Einschlafgeschichte nimmt dich mit auf einen Werkplatz am Abend. Auf einer Holzbank liegt ein Block aus Naturstein, der langsam seine Form bekommt. Fridolin erzählt ruhig vom Steinmetz, einem der ältesten handwerklichen Berufe, von alten Werkzeugen mit seltsamen Namen und von kleinen Zeichen in alten Mauern.

Du erfährst, dass die Seiten eines Quaders Haupt, Lager und Stoß heißen und dass Steinmetzen einen Stein vor der Arbeit mit der Klangprobe prüfen. Alte Werkzeuge tragen Namen wie Fläche, Pille und Krönel. In großen Hallen teilen Gattersägen mit bis zu achtzig Sägeblättern Steinblöcke in Platten. Und Steinmetzzeichen, etwa an der Porta Nigra in Trier, sind für die Forschung bis heute wertvoll.

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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte

4.481 Wörter · rund 22 Minuten zum Lesen, Mitlesen oder Vorlesen

Ein Werkplatz am Abend

Stell dir einen Werkplatz vor … unter freiem Himmel, am Rand einer kleinen Stadt. Der Boden ist aus festgetretenem Sand … und überall liegt feiner, heller Staub. Es ist Abend geworden. Die Arbeit ist für heute getan. Auf einer schweren Holzbank liegt ein Block aus Naturstein. Er ist etwa so groß wie ein Koffer … kantig … an manchen Stellen noch rau. An einer Seite des Blocks sieht man schon eine glatte Fläche. Dort hat jemand angefangen. Daneben liegen Werkzeuge … Meißel mit breiten und mit schmalen Schneiden … und ein runder Hammer aus Holz. Niemand ist mehr da. Der Block bleibt bis morgen liegen. Und morgen geht die Arbeit weiter. Stein für Stein … Schicht um Schicht.

Ein sehr alter Beruf

Wer an so einem Platz arbeitet, ist Steinmetz. Und dieser Beruf ist alt. Der Steinmetz übt einen der ältesten handwerklichen Berufe aus. Und anders als manch anderer Beruf ist er im Lauf der Zeit nicht verloren gegangen. Auch das Wort selbst ist alt. Im Althochdeutschen hieß es steinmezzo … später, im Mittelhochdeutschen, steinmetze. Der zweite Teil des Wortes kam aus einer romanischen Sprache ins Deutsche. Er ist mit einem alten Wort für Maurer verwandt. Und dieses alte Wort gehört letztlich zu unserem Wort machen … in seiner alten Bedeutung … bauen … errichten. Ein Steinmetz ist also jemand, der mit Stein baut.

Was stellt ein Steinmetz heute her. Die Antwort ist eine lange, ruhige Liste. Grabsteine … mit Inschriften und Ornamenten. Treppen, Bodenbeläge und Fensterbänke. Küchenarbeitsplatten … Bäder … und Fassaden aus Naturstein. Im Garten entstehen Gartenmauern und Brunnen … Skulpturen … und Vogeltränken. An Straßen und Wegen werden Mauern, Brücken und Pflaster aus Naturstein gebaut. Ein Straßenbord aus Granit hält länger als ein Straßenbord aus Beton. Vor allem bei großen Bauten gibt es Fassaden aus Platten aus Naturstein. Die Platten hängen an Ankern aus nichtrostendem Edelstahl. Zwischen der Wärmedämmung und den Platten liegt eine Schicht aus Luft … die Fachleute sagen, die Fassade ist hinterlüftet. Und im Inneren eines Hauses gibt es offene Kamine aus Naturstein. Sie dienen als Zierde … und sie tragen zur Behaglichkeit bei. Und dann gibt es noch die Steinbildhauerei … und die Pflege alter Bauwerke. Zu beidem kommen wir später noch.

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Was ein Werkstein ist

Der Block auf der Holzbank hat einen eigenen Namen. Er heißt Werkstein. Ein Werkstein ist ein Stein, der als Werkstück betrachtet wird … also als etwas, das bearbeitet und gefertigt wird. Damit unterscheidet sich der Werkstein von anderen Steinen. Ein Lesestein ist unbearbeitet. Ein Bruchstein ist es auch. Und selbst der große Rohblock, der frisch aus dem Steinbruch kommt, ist noch kein Werkstein. Er dient noch nicht als Baumaterial … und noch nicht als Gegenstand für den Gebrauch. Erst wenn jemand beginnt, den Rohblock zu formen, wird aus ihm ein Werkstein. Für den Steinbildhauer ist der Werkstein noch mehr. Er ist sein wichtigstes künstlerisches Medium … das Material, aus dem seine Figuren entstehen.

Wenn der Werkstein aus der Natur stammt, sagen die Fachleute Naturwerkstein. Naturwerksteine sind Erzeugnisse aus Naturstein. Sie haben Flächen, die bearbeitet worden sind … von Hand, mit Maschinen oder mit Hitze. Und sie wurden zuvor aus großen Rohblöcken herausgearbeitet. Es gibt viele Formen davon. Eine Säule kann ein Naturwerkstein sein … oder ein Sockel. Ein Gesims an einer Hauswand … das Gewände um ein Fenster oder um eine Tür. Eine Blockstufe an einer Treppe … ein Baluster in einem Geländer … eine Bodenplatte … ein Kragstein. Das alles sind Werksteine. Jeder davon war einmal Teil eines rohen Blocks … und jeder davon wurde bearbeitet, bis er seine Form hatte.

Die Steinmetzen haben auch für die Seiten eines Steins eigene Wörter. Stell dir einen Quader vor, der in einer Mauer liegen soll. Seine sichtbare Vorderseite heißt das Haupt. Die Fläche dahinter, die man später oft nicht mehr sieht, heißt das Hintere Haupt. Links und rechts hat der Quader jeweils einen Stoß. Dort trifft er auf seine Nachbarn … und dazwischen liegt die Stoßfuge. Die Fläche, auf der der Quader unten aufliegt, heißt Lager. Und die Fläche oben heißt das Obere Lager. Haupt … Lager … Stoß. Werden an einem Werkstein alle sichtbaren Flächen bearbeitet, sprechen die Steinmetzen vom allseits bearbeiteten Werkstein. Flächen, die man später nicht sieht, bleiben dagegen meist rau. Sie werden nur so weit eingeebnet, wie es nötig ist … oft liegen sie im Inneren eines Bauwerks und werden später verputzt. Und in einer Mauer aus Bruchsteinen gelten die Steine gar nicht als Werksteine. Dort werden höchstens die Lager ein wenig bearbeitet, wenn es nötig ist.

Es gibt noch eine Unterscheidung. Sie hat mit der Dicke zu tun. Ist ein Naturstein dünner als acht Zentimeter, nennt man ihn eine Platte. Ist er dicker, spricht man von einer Massivarbeit. Massive Arbeiten herzustellen, das nennen die Steinmetzen Werkarbeit. Sie stellen also ein Werk her … und das Werk heißt Werkstein. Auch das Gestein selbst ist nicht immer gleich. Es gibt Weichgestein … und es gibt Hartgestein. Je nachdem, welches Gestein vor ihm liegt, arbeitet der Steinmetz anders. Er wählt andere Werkzeuge … und eine andere Technik. In der Schweiz und in Österreich wird übrigens mehr Naturstein verwendet als in Deutschland. Der Grund dafür sind die Vorkommen in der eigenen Region. Stein für Stein … Schicht um Schicht.

Werksteine gibt es nicht seit jeher. Bevor die Menschen sesshaft wurden, gab es überhaupt keine Bauten aus Stein. Erst bei den frühen religiösen Bauwerken wurden die größeren Steine behauen und geglättet. In den Tempeln Ägyptens, Griechenlands und Roms wurde diese Technik immer weiter verfeinert. Und später auch in den Kathedralen Europas … in der Romanik, in der Gotik und in der Renaissance. Oft wurden dabei nur die sichtbaren Seiten der Mauern mit genau behauenen Steinen verkleidet. Innen bestand die Füllung aus Bruchsteinen … und aus Bauschutt. Bei Burgen und Stadtmauern hielt sich das Bauen mit Bruchsteinen lange … oft bis ins ausgehende Mittelalter. Nur die Ecksteine von Torbauten und Türmen wurden meist genau behauen.

Klangprobe und Werkzeuge

Zurück zu dem Block auf der Holzbank. Bevor ein Steinmetz ein Werkstück bearbeitet, prüft er etwas. Er möchte wissen, ob der Stein für die Bearbeitung geeignet ist. Für diese Prüfung gibt es ein Verfahren mit einem schönen Namen. Es heißt die Klangprobe. Die Klangprobe ist ein historisches Verfahren der Steinbearbeitung. Steinmetzen wenden es seit Jahrhunderten an. Das ist ein beruhigender Gedanke … Ehe das erste Werkzeug ansetzt, wird erst einmal hingehört. Erst prüfen … dann arbeiten. So war es vor Jahrhunderten. Und so ist es noch heute. Und dann kommen die Werkzeuge. Auch für sie haben die Steinmetzen ein eigenes Wort. Die Werkzeugausrüstung, mit der sie von Hand Flächen und Profile arbeiten, nennen sie Geschirr. Ein Profil ist eine geformte Kontur am Stein … zum Beispiel an einem Gesims. Geschirr … das klingt nach Küche und nach Tellern. Beim Steinmetz meint das Wort Meißel, Eisen und Hämmer. Diese Werkzeuge sind aus Werkzeugstahl. Oder sie tragen an ihren Schneiden und Spitzen ein eingelötetes Hartmetall. Werkzeuge mit diesem Hartmetall nennt man Widiaeisen. Meistens sind es traditionelle Handwerkzeuge. Viele von ihnen haben eine lange Geschichte.

Früher begann die Arbeit schon im Steinbruch. Die Steinblöcke, die dort gewonnen wurden, hat man grob bearbeitet. Diese erste, grobe Bearbeitung nennt man Bossieren. Danach kamen die Werksteine auf den Werkplatz. Dort wurden sie von Hand weiterbearbeitet … mit den Werkzeugen der Steinmetzen. Vom Steinbruch zum Werkplatz … vom groben Block zur fertigen Fläche. Das ist der Weg, den ein Werkstein geht. Langsam … Schritt für Schritt. Stein für Stein … Schicht um Schicht.

Manche Werkzeuge des Geschirrs haben eine eigene Geschichte. Man kann sie wie eine kleine Reihe durch die Jahrhunderte aufzählen. In der Zeit der Romanik erfanden die Steinmetzen ein neues Werkzeug. Sie nannten es die Fläche. In der Gotik wurde aus der Fläche ein Steinbeil. Seine Arbeitsbreite betrug etwa drei Zentimeter … und es hieß Pille. Die gotischen Steinmetzen beherrschten die Pille virtuos. Und sie setzten in Deutschland zum ersten Mal das Zahneisen ein. Ein Zahneisen ist eine metallene Schneide mit einer Reihe von kleinen Spitzen … wie viele kleine Spitzeisen nebeneinander. Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts kam das Scharriereisen dazu. Vermutlich kam es aus Frankreich. In der Renaissance erfanden die Steinmetzen ein Werkzeug für weiches Gestein … den Krönel. Und als die Bearbeitung von Hartgestein zunahm, wurde mehr und mehr der Stockhammer eingesetzt. Die Fläche … die Pille … das Zahneisen … der Krönel. Es sind Namen wie aus einem alten Kinderreim. Und jeder dieser Namen gehört zu einem echten Werkzeug.

Noch älter sind die Werkzeuge der Steinmetzen im alten Ägypten. Für die groben Arbeiten nahmen sie geformte Handstücke aus Stein … aus Dolerit oder Granodiorit. Sie führten diese Steine mit beiden Händen. Für die feinere Arbeit an weichem Gestein gab es Knüpfel aus Holz und Meißel aus Kupfer … später aus Bronze. Erst danach kamen Werkzeuge aus Eisen. Die Bronzemeißel waren damals sehr wertvoll. Am Abend mussten sie zurückgegeben werden. Geglättet wurde der Stein mit Poliersteinen aus Bims … und mit Quarzsand.

Schon in der Antike spielte die Oberfläche eine große Rolle. Die griechischen Steinmetzen bearbeiteten vor allem Marmor. Die Oberfläche ließen sie zunächst rau. Mit dem Spitzeisen bekam sie eine samtene Struktur. Die Skulpturen auf der Akropolis sind aus einem Marmor mit milchig-weißem Farbton. Von der Insel Paros stammt eine wärmer getönte Sorte. Die griechischen Skulpturen waren farbig gefasst. Vielleicht ließen die Steinmetzen die Oberfläche gerade deshalb rau … denn auf einer rauen Fläche haftet die Farbe besser. Die Unebenheiten, die das Spitzeisen hinterließ, ebneten die Griechen danach mit dem Zahneisen weiter ein. Die Römer übernahmen diese Technik im Wesentlichen. Aber sie änderten etwas. Je näher sie der fertigen Oberfläche des Marmors kamen, desto flacher hielten sie das Spitzeisen. Zum Schluss glätteten sie mit dem Schlageisen. So wurde der Marmor nicht so stark geprellt. Er bekam keine hellen Flecken … die man Preller nennt. Am Ende konnte die Oberfläche geschliffen und poliert werden. Und dann schimmerte der Marmor durchsichtig.

Mit all diesen Werkzeugen entsteht das, was man später sieht … die Oberfläche. Für das Handwerk der Steinmetzen ist die Gestaltung der sichtbaren Steinoberflächen von großer Bedeutung. Ein Werkstein kann ganz verschiedene Oberflächen bekommen. Die Fachleute haben für jede einen eigenen Namen. Spaltrau … geflammt … gestockt … bossiert. Gesägt … geschliffen … poliert. Von rau zu glatt … von matt zu glänzend. Eine geflammte Oberfläche wird heute oft noch gebürstet. So wird sie angenehmer … und leichter zu pflegen. Heute arbeiten Steinmetzen meistens mit Maschinen, die man in der Hand führt … statt mit reinen Handwerkzeugen. Drucklufthämmer zum Beispiel. Mit ihnen schlägt man Schriften ein … und stellt Oberflächen und Profile her. Dazu kommen Handschleifmaschinen und Winkelschleifer. Den Winkelschleifer nennen viele auch Flex. Und doch gilt ein schöner Grundsatz. Alle Arbeitsschritte, die ein Drucklufthammer erledigt, kann man auch von Hand ausführen. Von Hand dauert es in aller Regel länger. Aber es geht. Und bei einer Oberfläche zeigt sich, wie wichtig die Hand geblieben ist. Diese Oberfläche heißt scharriert. Eine scharrierte Oberfläche lässt sich am besten nur mit Handwerkzeugen herstellen. Stein für Stein … Schicht um Schicht.

Maschinen in der Werkhalle

Nun verlassen wir den Werkplatz für einen Moment. Wir gehen hinüber in eine große Werkhalle. Auch dort wird Naturstein bearbeitet … aber mit großen Maschinen, die von Computern gesteuert werden. Da gibt es Steinkreissägen. Ihre Sägeblätter haben einen Durchmesser von bis zu vier Metern … und mit ihnen wird der Stein aufgeteilt. Da gibt es Gattersägen. Eine Gattersäge arbeitet mit vielen Sägeblättern zugleich … mit bis zu achtzig Stück. So teilt sie einen großen Steinblock in viele Platten. Auf den Rändern der Sägeblätter können kleine Metallstücke aufgelötet sein. Man nennt sie Disken. In diesen Disken stecken kleine Diamanten. Das ist ein ungewöhnliches Bild … Diamanten, nicht als Schmuck, sondern als Werkzeug … Zentimeter um Zentimeter durch den Stein.

Eine andere Maschine heißt Brückensäge. Brückensägen formen Werkstücke für das Haus. Fensterbänke zum Beispiel … Waschtische … Bodenplatten … Platten für die Fassade … und Arbeitsplatten für die Küche. Die Brückensägen sind computergesteuert. Und die Entwürfe für die Werksteine entstehen vorher am Computer. Auch bei Treppen hilft der Computer. Für gewendelte Treppen und für Spindeltreppen gibt es eine besondere Software. Diese Software konstruiert die Treppe. Und sie steuert auch die Steinkreissägen, die die einzelnen Stufen aus dem Stein heraussägen. Die Stufen sind dabei vieleckig … die Fachleute sagen polygonal.

Heute erfolgen Zuschnitt und Formgebung von Werksteinen maßgeblich mit Verfahren, die vom Computer gestützt werden. Die Fachleute sprechen von CAD und CAM. Daneben gibt es weiterhin die Bearbeitung von Hand … und die Bearbeitung mit Hitze. In modernen Betrieben stehen Bearbeitungszentren, die mit fünf Achsen arbeiten. Es gibt Seilsägen mit Diamanten, die Konturen in den Stein schneiden. Und es gibt Anlagen, die mit einem Wasserstrahl schneiden. Ein solcher Wasserstrahl arbeitet mit einem Druck von bis zu viertausend bar. Mit ihm entstehen feine Einlegearbeiten aus Stein … die Intarsien. Am Anfang steht dabei ein digitales Aufmaß … oder ein dreidimensionales Modell im Computer. Aus diesen Daten arbeiten die Maschinen Werkstücke, Profile und genaue Passungen heraus … millimetergenau, direkt aus dem Rohblock. Stein für Stein … Schicht um Schicht.

Noch ein paar Helfer gehören in diese Halle. Automatische oder halbautomatische Steinschleifmaschinen erledigen die monotone Arbeit … das lange, gleichförmige Schleifen. Mit Lasertechnik werden Bodenplatten aus Naturstein rutschsicher gemacht. Und weil Steine ein beachtliches Gewicht haben, gibt es Kräne, Gabelstapler … und eigene Geräte nur für den Transport von Stein. Ein Werkstein wird gehoben, gedreht und wieder abgesetzt … behutsam und mit Geduld.

Eine Maschine zeigt besonders schön, wie Hand und Technik zusammenarbeiten. Diese Maschine ist der Kopierfräser. Digital gesteuerte Kopierfräser stellen Skulpturen her. Sie fräsen die Umrisse einer Figur aus dem Stein. Dabei entfällt die körperlich schwere Arbeit mit Fäustel und Meißel. Aber der Kopierfräser macht die Figur nicht fertig. Die Oberfläche der Skulptur wird am Ende von Hand bearbeitet. Ihre Form und ihre Haut entstehen mit dem Eisen des Steinbildhauers. Erst die Maschine … dann die Hand. Ähnlich ist es bei der Schrift. Digital gesteuerte Sandstrahlautomaten vertiefen Inschriften und Ornamente in Steinoberflächen. Auch bei der Beschriftung von Grabsteinen hat die Schrift aus dem Computer Einzug gehalten. Trotzdem bleibt das gestalterische Auge des Steinmetzen wichtig … und seine geschulte Hand.

Das Steinmetzhandwerk ist heute ein modernes Handwerk. Und es ist sich seiner Traditionen bewusst. Beides gehört zusammen. Der Computer in der Halle … und das Geschirr auf der Holzbank. Neben den alten Werkzeugen verwendet der Steinmetz oft Maschinen, die ihm das Schleifen und Meißeln erleichtern. Sein Werkstoff ist der Naturwerkstein. In den letzten Jahrzehnten sind auch Kunststeine und Betonwerksteine dazugekommen. Ein Betonwerkstein wird künstlich hergestellt. Man nennt ihn auch Kunststein. Und doch steckt auch im Betonwerkstein Natur … denn als Zuschlag dient meist Kies, also natürliches Gestein. Stein für Stein … Schicht um Schicht.

Der Steinbildhauer

Neben dem Steinmetz gibt es einen verwandten Beruf. Es ist der Steinbildhauer. Steinbildhauer stellen plastische Arbeiten aus Naturstein her … Figuren und plastische Schmuckformen. Ihre Arbeit ist mehr gestalterisch und weniger geometrisch. Ein Steinbildhauer fertigt keine Treppen und keine Küchenarbeitsplatten. Man kann den Unterschied auch mit Messwerkzeugen erklären. Was ein Steinmetz herstellt, ist meist geometrisch geformt … ein massives Baustück zum Beispiel … oder ein Grabmal. Solche Werkstücke lassen sich mit Winkel und Gliedermaßstab vermessen. Eine Figur dagegen hat frei geformte Oberflächen. Diese Oberflächen lassen sich mit Winkel und Gliedermaßstab nicht erfassen. Vermessen kann man auch eine Figur … aber dafür braucht der Steinbildhauer andere Hilfsmittel. Der Steinbildhauer kann schöpferisch arbeiten … also eigene Ideen in Stein umsetzen. Er kann aber auch vorgegebene Plastiken in Stein umsetzen … nach einem Modell, das schon da ist. Beides ist ein Handwerk. Und beides braucht Geduld.

Ein Steinbildhauer arbeitet in einer bestimmten Richtung … von außen nach innen. Er nimmt einen Steinblock und haut die Skulptur aus dem Steinblock heraus. Damit arbeitet er entgegengesetzt zu einem Modelleur. Ein Modelleur baut ein Modell aus Ton auf … Stück für Stück. Der eine fügt hinzu. Der andere nimmt weg. Und am Ende steht bei beiden eine Figur.

Schon in sehr alten Zeiten haben Steinbildhauer auf eine gleichmäßige Weise gearbeitet. Im alten Ägypten wurde der Block aus dem Steinbruch zuerst grob zurechtgehauen. Dann zeichnete man auf alle vier Seiten des Blocks die Umrisse der Figur. Und das überstehende Gestein wurde abgetragen. Die Steinbildhauer arbeiteten Schicht für Schicht. Dabei hatten sie stets die ganze Skulptur im Blick. Die frühen griechischen Steinbildhauer arbeiteten ähnlich. Sie arbeiteten nie an einem Bein, an einem Arm oder an einem Kopf für sich allein. Die Figur war in jedem Stadium der Arbeit ein Ganzes. Das ist ein schöner Gedanke. Am Anfang ist die Figur nur ein grober Umriss … und trotzdem ist sie schon vollständig da. Mit jeder Schicht wird sie ein wenig deutlicher. Stein für Stein … Schicht um Schicht.

Wenn ein Steinbildhauer eine Figur nach einem Modell anfertigt, braucht er eine Methode, um die Maße zu übertragen. Eine solche Methode ist das Punktieren. Dabei werden einzelne Punkte vom Modell auf den Stein übertragen. Steinbildhauer arbeiten dafür mit Punktiergeräten, vor allem im Maßstab eins zu eins … also in derselben Größe wie das Modell. Mit einem Proportionalwinkel können sie ein Modell auch vergrößern oder verkleinern. Und es gibt eine Methode mit drei Zirkeln. Sie heißt die Drei-Zirkelmethode. Eine besondere Kunst ist es, ein Modell spiegelverkehrt zu punktieren. Das beherrscht nicht jeder Steinbildhauer. Diese Verfahren werden vor allem bei der Restaurierung genutzt … wenn von einer wertvollen Skulptur eine Kopie entstehen soll.

Wie alte und neue Technik zusammenfinden, zeigt ein Beispiel aus Berlin. Für das Berliner Schloss wurden große, barocke Adler aus Stein nachempfunden. Die Adler haben eine Spannweite von einem Meter achtzig bis zu zwei Meter siebzig. Zuerst modellierten Bildhauer und Steinbildhauer die Adler in Ton … so, wie man es früher auch getan hat. Dann wurden die Tonmodelle in Gips abgegossen. Die Gipsmodelle bildeten eine stabile Grundlage. Diese Gipsmodelle wurden gescannt. Und digital gesteuerte Maschinen frästen die Umrisse der Adler aus dem Sandstein heraus. Die weitere Überarbeitung aber … und die letzte Oberfläche … die stellten wieder Bildhauer und Steinbildhauer von Hand her. Erst die Maschine … dann die Hand. Der Ton … der Gips … der Sandstein. Und am Ende das Eisen in der Hand.

Auch die Modelle haben ihre eigene Geschichte. In der Barockzeit verwendete man sogenannte Bozetti. Das sind skizzenhafte plastische Modelle aus Holz oder aus Ton. Die Bozetti dienten als Entwurf für eine Figur oder für eine große Statue. Dabei wurden auch die Vorstellungen des Auftraggebers berücksichtigt. Und wenn Steinarbeiten fertig sind, finden manche von ihnen einen besonderen Ort. Ein Ausstellungsort für Kunst aus Stein heißt Lapidarium. Das Wort klingt selbst ein wenig nach Stein … schwer und alt. Stein für Stein … Schicht um Schicht.

Ausbildung und Traditionen

Wie lernt man diesen Beruf. In Deutschland, in Österreich und in der Schweiz ist das recht ähnlich. In allen drei Ländern lernen angehende Steinmetzen im sogenannten dualen System. Das heißt … die Fertigkeiten lernen sie im Betrieb und in eigenen Lehrgängen. Und die Theorie lernen sie in der Berufsschule. In Deutschland lernen Steinmetz und Steinbildhauer in den ersten beiden Jahren dasselbe. Erst im dritten Jahr trennen sich die Wege. In der Schweiz gibt es vier Fachrichtungen … Steinmetz, Steinbildhauer, Steinwerker und Marmorist. Und in Österreich ist der Steinmetz ein Lehrberuf, der drei Jahre dauert. Am Ende der Lehre in Deutschland steht ein Gesellenstück. Heute heißt es Prüfungsstück eins … und der Prüfling darf es frei wählen. Die Unterschiede zwischen den drei Ländern sind klein. Die Techniken und das Steinmaterial unterscheiden sich nicht.

Die Steinmetzen gehören zu den wenigen Berufsgruppen im heutigen Handwerk, die ihre Traditionen pflegen. Eine einheitliche Kleidung für alle gibt es nicht. Aber manche legen Wert auf die blaue Schürze. Die blaue Schürze ist ein altes Erkennungszeichen der Steinmetzen und Steinbildhauer. Auch alte Worte haben sich gehalten. Braucht jemand in der Werkstatt Hilfe, dann wird ein Kollege mit einem «angesprochen» dazu aufgefordert. Und wenn die Hilfe vorbei ist, verabschiedet man den Kollegen mit einem «bedankt». Angesprochen … bedankt. Zwei kleine Worte. Sie stammen noch aus dem Mittelalter. Und einige junge Steinmetzen gehen noch heute auf Wanderschaft. Wie früher ziehen sie als Wanderburschen durch Europa … und neuerdings auch nach Übersee.

Viele dieser Traditionen gehen auf die Bauhütten zurück … und auf die Bruderschaften der Steinmetzen im Mittelalter. Eine Bauhütte war die große kirchliche Baustelle vor Ort. Die Steinmetzbruderschaft war die Organisation über die einzelnen Orte hinaus. In ihr waren die Steinmetzen der Bauhütten verbunden. In der Gotik brauchte man an den Domen besonders gut ausgebildete Steinmetzen. Denn der gotische Gliederbau verlangte, dass alle Werksteine sehr genau zueinander passen. Jeder Stein musste zu seinem Nachbarn passen … Lager auf Lager … Stoß an Stoß. Die gotischen Steinmetzen waren hoch geachtet. Zum ersten Mal in der Geschichte konnten Handwerker ihren Arbeitsplatz frei wechseln. Und sie waren die bestbezahlten Handwerker jener Zeit. Manche Bauhütten gibt es bis heute. Eine von ihnen ist die Dombauhütte Regensburg. Neben solchen Bauhütten gibt es oft eigenartige, verwilderte Ecken. In diesen Ecken ragen Werksteine halb begraben aus der Erde. Das passt zu einer alten Gewohnheit. Ein Werkstein, der bei der Arbeit missglückt ist, heißt bei den Steinmetzen ein Bernhard. Im Mittelalter wurde ein solcher Bernhard mit einer kleinen Prozession auf dem Kirchhof begraben. Stell dir einen solchen Winkel vor … Gras wächst um die Steine … und hier und da schaut eine gerade Kante aus dem Boden. Die Steine liegen da. Sie haben nichts mehr zu tun. Stein für Stein … Schicht um Schicht.

Steinmetzzeichen in alten Mauern

An vielen alten Bauten, vor allem an Kirchen, kann man noch heute kleine Zeichen im Stein erkennen. Sie heißen Steinmetzzeichen. Ein Steinmetzzeichen ist eine Markierung, die Steinmetzen auf ihrer Arbeit anbrachten. Üblich war das von der Antike bis in die frühe Neuzeit … vor allem im Mittelalter. Die Zeichen sind meist geometrisch. Manche sehen aus wie ein Monogramm … wie ein paar verbundene Buchstaben. Viele haben Bezüge zu geometrischen Konstruktionen … zum Beispiel zum Dreipass oder zum Vierpass. In der Gotik führte jeder Steinmetz einer Bauhütte ein eigenes Zeichen. Die leitenden Meister setzten ihr Zeichen in einen Wappenschild. Dieses Zeichen nannte man Meisterzeichen.

Wozu dienten diese Zeichen. Die wahrscheinlichste Erklärung ist praktisch. Durch das Zeichen konnte man einen behauenen Stein als Werk eines bestimmten Steinmetzen erkennen. Das erleichterte die Abrechnung. Ein Baumeister des Ulmer Münsters hat dafür eine Erklärung gefunden. Man nennt sie die Stapel-Theorie. Der Steinmetz stapelte seine fertigen Quader in der Nähe seines Arbeitsplatzes auf. Am Zahltag wurden die Steine aufgenommen. Und dabei erhielten einzelne Steine das Zeichen … vielleicht die ganze oberste Schicht. Stell dir diesen Stapel vor … Quader auf Quader … und auf den obersten Steinen ein kleines eingeschlagenes Zeichen. Geklärt ist dabei nicht alles. An manchen Werksteinen stehen mehrere Steinmetzzeichen zugleich … und warum das so ist, weiß man nicht. Es gibt auch ähnlich aussehende Zeichen, die mit dem Versetzen der Steine zu tun hatten. Ob man sie sicher von den Steinmetzzeichen unterscheiden kann, ist noch nicht abschließend geklärt.

Die ältesten Steinmetzzeichen findet man in Ägypten. Und auch in römischer Zeit sind solche Zeichen häufig belegt. Auch in den römischen Provinzen gibt es Steinmetzzeichen. Ein Beispiel liegt in Trier … an der Porta Nigra. Die Porta Nigra stammt aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus. Und die Forschung hat an ihr Steinmetzzeichen belegt. Stell dir vor, du stehst vor diesem Bauwerk und schaust die Steine an. Irgendwo an diesen Steinen hat vor sehr langer Zeit ein Steinmetz ein Zeichen angebracht. Viele Generationen sind seitdem an diesen Steinen vorbeigegangen. Stein für Stein … Schicht um Schicht.

Im Mittelalter tauchten die Zeichen dann auch in Mitteleuropa auf. Die ersten wurden an Kirchen angeschlagen … und nicht an Burgen. Gegen die Mitte des zwölften Jahrhunderts erscheinen sie fast gleichzeitig an mehreren Orten. Zum Beispiel an der Klosterkirche Maulbronn in Deutschland … und am Dom zu Gurk in Österreich. In der Steiermark gibt es ein altes Buch, das Admonter Hüttenbuch. In diesem Buch sind die Zeichen der Steinmetzen und der Meister vermerkt. Und in Basel, in der Schweiz, beginnt am Münster eine besondere Geschichte … die Geschichte der Baumeisterbildnisse. Im Inneren des Georgsturms ist dort ein Denkmal eingelassen. Es zeigt zwei Männer … den Baumeister und den Werkmeister. Die Meister haben sich also nicht nur mit Zeichen verewigt. Manche haben sich auch mit einem Bildnis aus Stein verewigt.

In einer alten Ordnung der Steinmetzen aus Rochlitz, aus dem Jahr vierzehnhundertzweiundsechzig, steht eine schöne Regel. Ein Lehrling durfte schon vor dem Ende seiner Lehrzeit ein Zeichen bekommen. Damit konnte er auf Wanderschaft gehen. Man legte also Wert darauf, ein eigenes Zeichen zu besitzen. Mit der Zeit wurde das Steinmetzzeichen auch zu einem Ehrenzeichen. Und manche traditionell orientierten Innungen, zum Beispiel in Hessen, übergeben noch heute ein Steinmetzzeichen … bei der Feier, wenn ein Lehrling Geselle wird. Ein altes Zeichen … für einen neuen Anfang.

Für die Forschung von heute sind diese Zeichen sehr wertvoll. Die Steinmetzzeichen sind für moderne Archäologen eine wichtige Orientierungshilfe. Sie lassen Rückschlüsse auf die Baugeschichte zu … und auf die Organisation einer historischen Baustelle. An den historischen Gebäuden verwittert der Stein durch die Umwelt schneller. Deshalb ist es wichtig, die Steinmetzzeichen zu sichern. Dabei helfen heute digitale Verfahren. Es gibt Programme und Datenbanken, in denen Steinmetzzeichen erfasst und verglichen werden. Eine dieser Datenbanken trägt den Namen Steinmetzzeichen. Sie verzeichnet mehr als dreizehntausend verschiedene Zeichen … und neunzehntausend Befunde in Mitteleuropa. Mit ihrer Hilfe konnte man sogar Lebensläufe einzelner Steinmetzen nachvollziehen. Ein kleines Zeichen im Stein … und daraus wird ein ganzer Lebenslauf. Stein für Stein … Schicht um Schicht.

Damit sind wir bei einem weiteren Feld der Steinmetzen … der Denkmalpflege. Steinmetzen und Steinbildhauer restaurieren historische Bauten. Sie arbeiten dabei mit modernen Methoden … und mit Methoden, die den Stein konservieren. Ein Beispiel dafür ist die Frauenkirche Dresden. Auf solche Arbeiten haben sich vor allem Betriebe spezialisiert, deren Mitarbeiter dafür besonders qualifiziert sind. In Deutschland gibt es dafür eine eigene Fortbildung. In einem Monat können sich Gesellen zum Gesellen in der Denkmalpflege fortbilden. Und Meister können sich zum Restaurator im Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk fortbilden. Steinreinigung … Steinkonservierung … Steinergänzung. Ein alter Stein wird gereinigt, gesichert und dort ergänzt, wo etwas fehlt. So kann er an seinem Platz bleiben. Und nun gehen wir noch einmal zurück. Zurück auf den Werkplatz vom Anfang. Es ist inzwischen dunkel geworden. Der Sand am Boden ist kühl. Auf der Holzbank liegt immer noch der Block aus Naturstein … der Werkstein. Eine Seite des Werksteins ist schon glatt. Die anderen Seiten sind noch rau. Daneben liegt das Geschirr … die Meißel … die Eisen … der Hammer aus Holz. Morgen kommt jemand wieder. Erst wird hingehört … und dann wird weitergearbeitet. Stein für Stein … Schicht um Schicht.

Haupt … Lager … Stoß. Spaltrau … geschliffen … poliert. Die Fläche … die Pille … der Krönel. Vom Steinbruch zum Werkplatz. Vom Block zur Form. Von außen nach innen … langsam. Stein für Stein … Schicht um Schicht. Du musst nichts mehr festhalten. Der Stein liegt da … und er bleibt bis morgen liegen. Und du darfst jetzt schlafen. Stein für Stein … Schicht um Schicht … Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.

Quelle und Lizenz

Dieser Text beruht auf den Wikipedia-Artikeln «Steinmetz», «Steinmetzzeichen», «Steinbildhauer» und «Werkstein». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.

Verwendete Fassungen: «Steinmetz» Version 270321203, abgerufen am 26. Oktober 2026, «Steinmetzzeichen» Version 269721813, abgerufen am 26. Oktober 2026, «Steinbildhauer» Version 270808445, abgerufen am 26. Oktober 2026 und «Werkstein» Version 270158254, abgerufen am 26. Oktober 2026.

Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.