Gute Nacht mit Fridolin – zur Startseite

Folge 47 · 8. September 2026 · 41 Minuten

Unter der Kuppel der Sternwarte

Fridolin hält ein kleines Modell einer Sternwarte in den Händen, die helle Kuppel mit offenem Spalt, über Wolken.

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht

Eine Einschlafgeschichte für Erwachsene über Sternwarten — und über einen Gedanken, der beim Zuhören immer ruhiger wird: Das Fernrohr in so einem Haus steht nicht auf dem Boden des Gebäudes, sondern auf einem eigenen Pfeiler, der bis in den Fels hinunterreicht. Kein Schritt im Saal erreicht ihn. Fridolin steht auf einem Hügel über einer Stadt, bei einem runden Haus, dessen Kuppel sich langsam dreht.

Unterwegs kommen vor: die weiß gestrichene Kuppel und die Saalrefraktion, ein Lichtdom, der hundert Kilometer weit reicht, der Große Refraktor in Berlin-Treptow mit einundzwanzig Metern und hundertdreißig Tonnen, der Urania-Turm in Zürich auf achtundvierzig Holzpfählen — und die Frage, ob Beobachten nicht vor allem eine Art des Wartens ist.

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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte

4.222 Wörter · rund 21 Minuten zum Lesen, Mitlesen oder Vorlesen

Ein Hügel, ein rundes Haus, eine Kuppel

Stell dir einen Hügel vor … am Rand einer Stadt, ein Stück oberhalb der letzten Häuser. Der Boden ist festgetretener Kies. Ein Weg führt hinauf, zwischen alten Bäumen hindurch. Es ist Nacht geworden. Unten liegen die Straßen, oben liegt der Himmel. Auf dem Hügel steht ein Gebäude. Es ist nicht hoch … und es hat ein rundes Dach. Dieses runde Dach ist eine Kuppel. Sie ist hell gestrichen … fast weiß. Und sie kann sich drehen. Ein Mensch geht eine Treppe hinauf … und legt oben einen Schalter um. Dann hörst du ein Geräusch, das du sonst nirgends hörst … ein tiefes, gleichmäßiges Summen. Die Kuppel setzt sich in Bewegung. Ganz langsam. Und in ihr geht ein Spalt auf. Ein schmaler Streifen … von unten bis über den höchsten Punkt hinweg. Dahinter liegt der Nachthimmel. Die Kuppel dreht sich … und der Spalt bleibt offen.

Sternwarte oder Observatorium

So ein Haus nennt man eine Sternwarte. Oder ein Observatorium. Observatorium kommt aus dem Lateinischen … von observare … und das heißt beobachten. Eine Sternwarte ist ein Ort mit wissenschaftlichen Instrumenten zur Beobachtung des Sternhimmels. Das klingt nüchtern. Aber genau das ist es. Ein Ort, an dem Geräte stehen … und an dem jemand hinaufschaut. Beobachtet wird alles, was da oben ist. Die Himmelskörper unseres Sonnensystems … Sterne, Sternhaufen und Nebel in der Milchstraße … und Objekte weit außerhalb davon, in anderen Galaxien. Bleiben wir noch bei der Kuppel. Sie hat zwei Aufgaben, und die eine ist das Gegenteil der anderen. Offen und in die richtige Richtung gedreht … lässt sie das Beobachten überhaupt zu. Geschlossen … schützt sie, was darunter steht, vor Wind, Regen und Schnee. Und dann ist da noch die Farbe. Eine hell gestrichene Kuppel wirft das Sonnenlicht des Tages zurück … und ihre Haut ist gedämmt, damit die Wärme von draußen nicht hereinkommt. Darum bleibt die Luft unter ihr gleichmäßig kühl.

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Saalrefraktion: der Rest, der bleibt

Den Raum unter der Kuppel nennt man den Kuppelsaal. Ganz gleichmäßig wird die Luft dort trotzdem nie. Ein Rest an Wärme bleibt immer. Und für diesen Rest haben die Astronomen ein eigenes Wort. Sie sagen Saalrefraktion. Refraktion heißt Ablenkung … gemeint ist die Ablenkung des Lichts auf seinem Weg durch die Luft. Ein Wort für etwas, das man nicht ganz wegbekommt. Jetzt kommt der Teil, der mir am besten gefällt. Er hat damit zu tun, dass nichts wackelt. Das Fernrohr in so einem Saal steht nicht auf dem Boden des Gebäudes. Es steht auf einem eigenen Pfeiler … einem Sockel, der vom Haus vollständig getrennt ist. Kein Balken berührt ihn. Keine Wand stützt sich auf ihn. Der Saal hat einen Holzboden. Wenn also jemand darin einen Schritt macht … dann wandert dieser Schritt durch die Dielen … und läuft am Pfeiler vorbei. Der Pfeiler nimmt nichts davon auf. Das Bild im Fernrohr bleibt ruhig.

Ziegel, Beton und zehn Meter Fundament

Für diese Pfeiler nimmt man bis heute am liebsten Ziegel … gemauert und hinterlüftet. Beton ist ungünstiger. In ihm entstehen Spannungen, und er reagiert stärker auf Temperatur. Dann dreht sich der Pfeiler ein wenig … über Jahre … kaum messbar. Aber messbar. Und der Pfeiler reicht tief. Bei schweren Fernrohren … man sagt auch Teleskop … mindestens zwei Meter in festen Boden hinunter … am liebsten bis auf den Fels, der dort von Natur aus liegt. Wo der Untergrund lose ist, geht der Pfeiler bis zu zehn Meter hinab. Man kann es auch so sagen. Das Fernrohr steht nicht im Haus. Es steht auf dem Felsen … und das Haus steht nur drumherum.

Die Kuppel dreht sich … und der Spalt bleibt offen. Bleibt die Frage, warum dieses Haus auf einem Hügel steht und nicht in der Stadt. Darauf gibt es drei Antworten. Zwei haben mit der Luft zu tun … und eine mit dem Licht. Die erste ist einfach. Man braucht möglichst viele klare Nächte im Jahr. Also ein Gebiet mit ruhigem Klima … häufigem Hochdruck, also vielen ruhigen Tagen … viel Sonne und wenig Sturm. Die zweite ist das Licht. Und darauf komme ich gleich zurück. Die dritte ist die Luftunruhe. Luftunruhe heißt: die Luft über uns steht nicht still, sie flimmert. Und wenn die Luft flimmert, flimmert auch der Stern im Fernrohr. Die Astronomen haben dafür ein eigenes Wort … sie sagen Seeing. Am ruhigsten ist die Luft dort, wo sie in gleichmäßigen Schichten strömt … ohne Wirbel. Im Gebirge ist das oft der Fall. Aber nicht auf jedem Berg. Ein Gipfel mit gutem Klima kann trotzdem ungeeignet sein … wenn seine Form ungleichmäßig ist. Dann verwirbelt er die Luft, die an ihm hochstreicht. Dazu kommt: der Untergrund muss felsig sein, damit der Pfeiler festen Halt findet. Und eine Straße muss hinaufführen. Auch das entscheidet mit.

Der Lichtdom über der Stadt

Nun zum Licht. Über einer großen Stadt liegt nachts ein Schein aus Helligkeit. Man nennt ihn den Lichtdom. Und er reicht weit über die Stadt hinaus … oft fünfzig bis hundert Kilometer. So weit muss man sich entfernen, um ihm zu entgehen. Das war nicht immer ein Thema. Die frühen Sternwarten standen absichtlich nah bei den Städten … oft in der Nähe eines Fürstenhofs. Denn dort saß der, der sie bezahlte. Im neunzehnten Jahrhundert wuchsen die Städte, und mit ihnen wuchs das Licht. Und so zogen die Sternwarten, in denen geforscht wird, nach und nach fort … in wenig besiedelte Gegenden. Und im zwanzigsten Jahrhundert schließlich ins Gebirge.

Älter als das Fernrohr

Sternwarten gibt es länger als das Fernrohr. Das ist ein Gedanke, bei dem man kurz stehen bleibt. Bis etwa sechzehnhundertzwanzig waren sie fast ausschließlich für das bloße Auge eingerichtet. Man schaute hinauf und maß mit dem, was man hatte. Mit einem Sextanten … mit einer Armillarsphäre … mit einem Gnomon, also einem Stab, der einen Schatten wirft … oder mit einer großen Sonnenuhr. Und man maß immer dasselbe. Wo steht ein Stern … und wie bewegt er sich. Dieses Fach heißt Astrometrie … die Vermessung der Sternörter. Über Jahrtausende war sie die Hauptarbeit jeder Sternwarte. Aus ihr kam auch die Zeit. Wer wissen wollte, wie spät es ist, fragte die Sterne.

Kreisgräben, Stonehenge und Sonnenobservatorien

Manche nennen auch viel ältere Anlagen Observatorien. Bauwerke ohne jedes Instrument … weil sie selbst das Instrument waren. Bei Goseck liegt ein Ring aus Gräben, aus dem fünften Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Man nennt so etwas eine Kreisgrabenanlage. Sie gilt als die älteste Anlage dieser Art, die sich genau datieren ließ. In England steht Stonehenge, aus dem dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Solche Bauten nennt man Sonnenobservatorien. Denn beobachtet wurde dort nicht ein Stern … sondern die Sonne. Und zwei besondere Tage im Jahr … die Sonnenwende im Sommer und die im Winter. Auch heute wird das noch gebaut. Im Süden von Wien gibt es einen Sternengarten von einem Astroverein … und einen ähnlichen im Ruhrgebiet.

Im Spätmittelalter und in der Zeit danach entstanden die ersten Vorläufer der klassischen Sternwarten. Sie beherbergten Geräte zum Vermessen der Sternörter … Quadranten … Astrolabien … und wieder große Sonnenuhren. Solche Häuser gab es nicht nur in Europa. Eines stand im Iran, eines in Usbekistan … und in Indien ließ ein Maharadscha eine ganze Anlage dieser Art errichten. Ein Wort noch zum Unterschied zweier Begriffe, die leicht durcheinandergehen. Observatorium ist der größere Begriff. Es gibt auch Observatorien für andere Wissenschaften … für das Wetter zum Beispiel … oder für die Biologie. Sternwarte dagegen meint immer ein Haus, das fest an einem Ort steht … und in dem man den Himmel beobachtet.

Paris, Greenwich und die astronomischen Türme

Sechzehnhundertacht wurde das Teleskop erfunden. Und in den Jahrzehnten danach … entstanden die ersten Sternwarten in dem Sinn, wie wir das Wort heute benutzen. Sechzehnhundertsiebenundsechzig das Observatorium in Paris. Sechzehnhundertfünfundsiebzig das Observatorium in Greenwich bei London … und dieses zweite vor allem für die Schifffahrt … damit man auf dem Meer wusste, wo man ist. Viele frühe Sternwarten waren gar keine eigenen Häuser. Man baute ein Dachgeschoss aus … oder setzte einen Turm an ein bestehendes Gebäude. Wo man dann doch eigenständig baute, wurde daraus oft ein astronomischer Turm. Einen davon gibt es in Kremsmünster in Oberösterreich … und er gilt als das erste Hochhaus … also als ein Haus, das für seine Zeit außergewöhnlich hoch war.

Der Seeberg bei Gotha: Instrumente auf den Boden

Siebzehnhundertneunzig wurde eine Sternwarte auf dem Seeberg bei Gotha in Betrieb genommen. Sie war die erste seit langer Zeit, bei der man die Instrumente nicht in einen Turm stellte … sondern in ein Gebäude, das ebenerdig war. Das klingt nach einer Kleinigkeit. Aber du kennst den Grund schon. Am Boden steht ein Instrument ruhiger als hoch oben in einem Turm. Zwischen siebzehnhundertneunzig und achtzehnhundertdreißig wurden dann viele bedeutende Sternwarten gegründet. In Hamburg-Altona, in München, in Leipzig, in Halle, in Düsseldorf … und in Königsberg. Der Grund war die Himmelsmechanik. Man rechnete Planetenbahnen, suchte Kometen und Asteroiden … und legte große Sternkataloge an. Um die Jahrhundertwende kam eine zweite Welle. Diesmal ging es um etwas anderes. Nicht mehr nur darum, wo ein Stern steht … sondern woraus er besteht. Dieses Fach heißt Astrophysik. In dieser Zeit entstanden das astrophysikalische Institut in Potsdam … die Universitätssternwarte in Wien … und eine Sternwarte in Zürich. Und ungefähr gleichzeitig geschah noch etwas. Die Häuser öffneten sich. Vorher waren Sternwarten Arbeitsplätze. Jetzt durfte auch hineingehen, wer einfach nur schauen wollte.

Die Kuppel dreht sich … und der Spalt bleibt offen. Man unterscheidet heute drei Arten von Sternwarten. Sie tun dasselbe, aber aus verschiedenen Gründen. Die Forschungssternwarte liegt fern der Städte. Sie hat große Instrumente und viele Mitarbeiter … und gehört meist zu einer Universität oder einer Akademie. Die Volkssternwarte steht dort, wo die Menschen sind. Sie lebt von Führungen und Vorträgen. Getragen wird sie oft von einem Verein … oder von der Gemeinde. Für sie ist die gute Erreichbarkeit wichtiger als der dunkle Himmel. Und die Privatsternwarte gehört einem einzelnen Menschen, der gern selbst zum Himmel schaut.

Garten-, Terrassen- und Schulsternwarten

Von diesen privaten gibt es mehr, als du denkst. Viele stehen mit ihrem Fernrohr oben auf dem Wohnhaus … geschützt von einer kleinen Kuppel … oder von einem Dach, das man zur Seite schiebt. Steht ein solches Fernrohr im Garten, sagt man Gartensternwarte. Steht es auf der Terrasse, sagt man Terrassensternwarte. Und manchmal ist es einfach ein Fernrohr, das man hinausträgt und wieder hereinholt. An Astronomietagen öffnen manche von ihnen ihr Gartentor für die Nachbarschaft. Dann steht jemand in seinem Garten … und die Leute von der Straße schauen der Reihe nach durch sein Fernrohr. Es gibt auch Schulsternwarten. Die erste in Deutschland wurde achtzehnhundertzweiundsiebzig gegründet … im ostsächsischen Bautzen.

Berlin-Treptow: die Archenhold-Sternwarte

Und jetzt möchte ich dir drei Häuser zeigen. Eines in Berlin … eines in Zürich … eines in Wien. Alle drei sind Volkssternwarten. Alle drei stehen noch. Das erste liegt in Berlin, im Treptower Park … und es heißt Archenhold-Sternwarte. Der Park ist alt, mit hohen Bäumen und breiten Wegen. Und mitten darin steht ein langer, heller Bau … in der Form eines Hufeisens. In diesem Bau steht ein Fernrohr, das es sonst nirgends gibt. Es heißt Großer Refraktor … und es ist das längste bewegliche Linsenfernrohr der Welt. Man hat es auch die Himmelskanone genannt. Ein Refraktor ist ein Fernrohr mit Linsen … im Unterschied zum Spiegelfernrohr. Das Licht fällt vorn durch die große Linse ein und wird im Rohr gebündelt. Diese Linse wurde mit achtundsechzig Zentimetern Durchmesser gebaut. Vom vorderen Ende bis zum Punkt, an dem das Bild entsteht, sind es einundzwanzig Meter. Und das Ganze wiegt hundertdreißig Tonnen. Hundertdreißig Tonnen … die sich in jede Richtung und in jede Höhe bewegen lassen. Das ist das eigentliche Kunststück daran. Nicht die Länge. Die Beweglichkeit.

Ein Fernrohr für eine Ausstellung

Gebaut wurde es für eine Ausstellung. Achtzehnhundertsechsundneunzig fand in Berlin eine große Gewerbeausstellung statt … und die deutsche Industrie wollte dort etwas zeigen, das alle staunen lassen sollte. Ein riesiges Fernrohr aus einer deutschen Werkstatt passte dazu gut. Ein Astronom hatte die Pläne dafür schon Jahre vorher ausgearbeitet. Er hieß Friedrich Simon Archenhold … und nach ihm ist das Haus benannt. Man stellte das Rohr auf ein erschütterungsfreies Postament … also auf einen eigenen Sockel, wie wir ihn kennen … und baute ein hufeisenförmiges Haus aus Holz darum herum, mit einem Vortragssaal darin.

Aus der Not eine Volkssternwarte

Und dann ging etwas schief, auf eine schöne Weise. Nach der Ausstellung sollte das Fernrohr wieder abgebaut und an einem anderen Ort aufgestellt werden. Bezahlen wollte man das aus den Eintrittsgeldern. Die Ausstellung wurde im Mai eröffnet. Das Fernrohr aber wurde erst im September fertig. Damit blieben nur noch wenige Wochen … und so kam das Geld nie zusammen. Also blieb es stehen. Die Vertreter der Stadt entschieden Ende desselben Jahres … dass Fernrohr und Haus im Treptower Park bleiben durften. Geld vom Staat oder von der Stadt bekam Archenhold für seine Forschung keines. Nur Spenden. Unter anderem von den Gewerkschaften. Und so machte er aus der Not eine Tugend und betrieb das Haus als Volkssternwarte. Das heißt: Er ließ die Leute hinein.

Dreiundzwanzigtausend Besucher, dann sechzigtausend

Und sie kamen. Im ersten vollen Jahr waren es etwa dreiundzwanzigtausend Besucher. Zwei Jahre später waren es über sechzigtausend. So viele blieben es dann, Jahr für Jahr, bis in die dreißiger Jahre hinein. Das Holzhaus war für eine Ausstellung gedacht und hielt nicht ewig. Neunzehnhundertacht wurde es abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Wieder in der Form eines Hufeisens … diesmal aus Stein, im Stil des Klassizismus … und mit einer Terrasse für die Besucher. In dem großen Vortragssaal dieses Hauses hielt später ein Physiker seinen ersten öffentlichen Vortrag … über die Allgemeine Relativitätstheorie. Er hieß Albert Einstein. Das Riesenfernrohr steht heute noch dort. Seit neunzehnhundertsiebenundsechzig steht es unter Denkmalschutz. Zweimal wurde es gründlich überholt … einmal in den späten Siebzigern, einmal um neunzehnhundertneunzig. Beim zweiten Mal war das äußere Blechrohr durchgerostet und musste Stück für Stück ersetzt werden … nach dem historischen Vorbild. Die Archenhold-Sternwarte gilt heute als die größte Volkssternwarte Deutschlands … und als eine der ältesten.

Sonnenlicht in vier Prismen

Auf dem Gelände stehen noch zwei kleine Häuser, die ich mag. Das eine heißt Sonnenphysikalisches Kabinett … und es ist ein Haus für das Licht der Sonne. Draußen steht ein Gerät mit einem Spiegel, ein Coelostat. Er fängt das Sonnenlicht ein und lenkt es ins Gebäude. Drinnen stehen vier Prismen … Glaskörper mit schrägen Flächen. Sie zerlegen das Sonnenlicht in seine Farben. Ein Streifen Licht kommt herein … und heraus kommt ein Regenbogen, der bewegungslos an der Wand liegt. Das andere ist ein kleines Planetarium unter einer Kuppel von acht Metern Durchmesser. Dort ist Platz für einunddreißig Menschen. Ein Projektor in der Mitte wirft ungefähr siebentausend Sterne an die Decke … dazu die Milchstraße. Draußen dreht sich die echte Kuppel. Drinnen dreht sich der künstliche Himmel.

Kometen, eine Feuerkugel, leuchtende Nachtwolken

Und gearbeitet wurde dort auch, mit dem großen Rohr und mit Kameras. Was man beobachtete, kam in Berichte und Fachartikel. Über zwei Kometen … über eine Feuerkugel am Nachthimmel … und über leuchtende Nachtwolken. Einmal beobachtete man auch einen Stern, der plötzlich viel heller wurde. So etwas nennt man eine Nova. Damals verstand noch niemand, warum ein Stern das tut. Auch in Treptow schaute man hin … gemeinsam mit anderen Sternwarten. Und neunzehnhundertzwölf entstand eine Arbeit über den Großen Roten Fleck … jenen großen Fleck, den man auf dem Jupiter sieht … beobachtet mit dem Riesenfernrohr im Park. Seit den siebziger Jahren gibt das Haus außerdem ein eigenes Jahrbuch heraus. Es heißt «Blick in die Sternenwelt» … ein astronomisches Jahrbuch, gerechnet für genau diesen Standort. Für Treptow. Für diesen Park. Für diesen Punkt auf der Erde. In der Dauerausstellung steht ein bewegliches Modell des Großen Refraktors … ein kleines Fernrohr also, das man schwenken kann wie das große draußen. Auf dem Dach kam später ein Radioteleskop hinzu … für Strahlung, die kein Auge sieht.

Zürich: die älteste Volkssternwarte der Schweiz

Jetzt gehen wir in die Schweiz, nach Zürich … und dort in die Altstadt. Denn dieses zweite Haus steht nicht auf einem Hügel. Es steht mitten in der Stadt. Es heißt Urania-Sternwarte Zürich und ist die älteste Volkssternwarte der Schweiz. Urania war in der griechischen Mythologie die Muse der Sternkunde. Und ihr Name kommt von Uranos … dem Himmel in Göttergestalt. Bevor es das Haus gab, schaute man in Zürich von Dächern. Zuerst vom Dach eines Zunfthauses … dem Zunfthaus zur Meisen. Von dort gelang es einer astronomischen Kommission im Jahr siebzehnhundertneunundfünfzig … den höchsten Sonnenstand des Tages zu messen … und daraus zu berechnen, wo Zürich auf der Erde liegt. Später beobachtete man vom südlichen Turm des Grossmünsters, dem Karlsturm.

Ein Turm ohne Verbindung zum Haus

Das Haus selbst kam durch einen Zufall in die Welt. Achtzehnhundertneunundneunzig begann die Planung … angestoßen vom Verkauf eines Grundstücks in der Stadt. Denn dieser Verkauf war an eine Bedingung geknüpft. Innerhalb von fünf Jahren sollte dort etwas Schönes stehen. Das Schöne, das dort entstand, war diese Sternwarte. Neunzehnhundertfünf begann der Bau, und im Juni neunzehnhundertsieben wurde sie eröffnet. Es war der erste Betonbau, den man in Zürich errichtete. Zu diesem Haus gehört ein Turm. Er ist einundfünfzig Meter hoch. Und jetzt kommt der Teil, den ich dir erzählen wollte. Dieser Turm hat keine Verbindung zum Haus, an dem er steht. Dahinter steckt derselbe Gedanke wie beim Pfeiler … nur einundfünfzig Meter hoch.

Achtundvierzig Holzpfähle in der Seekreide

Der Boden dort ist Seekreide, also weich. Deshalb rammte man achtundvierzig Holzpfähle zwölf Meter tief hinunter … bis sie auf Fels stießen. Darüber goss man eine Betonplatte, die keine Erschütterung weitergibt. Auf dieser Platte steht eine Säule. Sie steigt durch das ganze Gebäude nach oben … und berührt dabei nichts. Oben in der Kuppel steht das Fernrohr darauf. Wer hinaufkommt, steht über den Dächern der Stadt. Bei klarer Sicht sieht man von dort die Stadt … den See … und dahinter die Alpen.

Zwölf Tonnen aus Jena

Das Fernrohr ist zwölf Tonnen schwer und kam aus Jena, aus der Werkstatt von Carl Zeiss. Seine Linse hat dreißig Zentimeter Durchmesser. Und bis zu der Stelle, an der das Bild entsteht, sind es gut fünf Meter. Es kann bis zu sechshundertfach vergrößern. Meist nutzt man aber weniger … etwa das Hundertfünfzig- bis Zweihundertfache. Für eine Volkssternwarte war so ein Gerät damals ungewöhnlich gut. Es galt als das Vollkommenste, was man nach dem Stand der Wissenschaft herstellen konnte … so schrieb man damals darüber. Man nannte diese Bauart später den Urania-Typ. Zum hundertsten Geburtstag der Sternwarte hob man es aus der Kuppel und schickte es zurück nach Jena, in die Werkstatt. Ein Jahr später kam es wieder … und wurde nachts mit einem Kran in die Kuppel gehoben.

Wenn die Stadt selbst leuchtet

Und es gibt ein Problem, das mit dem Standort zusammenhängt. Der Turm steht mitten in der Stadt … und die Stadt leuchtet. Fassaden werden von unten angestrahlt, und ein Teil dieses Lichts geht nach oben. Deshalb sind von dort kaum noch Galaxien und Nebel zu sehen. Was bleibt, sind der Mond … die Planeten … und die hellen Sterne. Und das reicht. Denn Führungen gibt es trotzdem … donnerstags, freitags und samstags. Bei jedem Wetter. Die Kuppel dreht sich … und der Spalt bleibt offen. Das dritte Haus steht in Wien, im Bezirk Ottakring, auf einer Anhöhe über der Stadt. Es heißt Kuffner-Sternwarte. Gegründet wurde sie achtzehnhundertvierundachtzig … als private Sternwarte mit einem Forschungsinstitut daran. Bezahlt hat das ein Bierbrauer. Er hieß Moriz von Kuffner … und er bezahlte nicht nur den Bau, sondern auch den Betrieb. Das Haus wurde in zwei Jahren gebaut und später noch einmal vergrößert. Nach fünfundzwanzig Jahren war es ein international bekanntes Institut … und galt als eine der bedeutendsten Sternwarten im Kaiserreich, zu dem Wien damals gehörte.

Vier Instrumente aus dem neunzehnten Jahrhundert

Vier große Instrumente aus dem neunzehnten Jahrhundert stehen bis heute dort. Gebaut hat sie eine Werkstatt in Hamburg und eine in München … beide damals weltbekannt für ihre Präzision. Das erste ist wieder ein Großer Refraktor … das drittgrößte Linsenfernrohr Österreichs. Das zweite ist ein Meridiankreis. Die Astronomen nennen ihn ein Passageinstrument … denn er misst, wo ein Stern steht, genau in dem Moment, in dem dieser an ihm vorbeizieht. Er war zu seiner Zeit das größte Gerät dieser Art im Kaiserreich. Und an ihm wurde ein Streifen des Himmels vermessen … achttausendvierhundertachtundsechzig Sterne … einer nach dem anderen. Die Liste wurde dann veröffentlicht. Das dritte Instrument ist ein Vertikalkreis. Und das vierte trägt einen Namen, den ich mir gern merke … Heliometer. Es ist bis heute weltweit das größte Instrument seiner Art. Was diese Geräte im Einzelnen tun, ist etwas für den Tag. Heute Nacht genügt, dass sie noch dort stehen, wo man sie damals aufgestellt hat. Alle vier wurden vor einigen Jahren nach den Regeln der Denkmalpflege restauriert. Sie stehen nicht hinter Glas. Man kann sie bei besonderen Führungen ansehen … und durch das große Fernrohr von achtzehnhundertsechsundachtzig auch hindurchschauen.

Hunderttausend freiwillige Arbeitsstunden

Dass es dieses Haus noch gibt, liegt an einem Verein. Neunzehnhundertzweiundachtzig taten sich Leute zusammen, um die Sternwarte vor dem Verfall zu retten. Über hunderttausend freiwillige Arbeitsstunden haben sie dafür aufgebracht. Siebentausend Besucher im Jahr, bei vierhundert Führungen und Veranstaltungen … das überzeugte dann auch die Stadt. Sie kaufte das Haus und ließ es von Grund auf renovieren. Und die Sternwarte kümmert sich um etwas, das gut zu ihr passt. Bei ihr läuft in Österreich die Arbeit gegen die Lichtverschmutzung zusammen … also gegen das Licht, das nachts nach oben verloren geht. Sie unterstützt außerdem eine Sternlichtoase im Land … einen Ort, an dem es dunkel bleiben darf. Und noch etwas geschieht dort, das alt und neu zusammenbringt. An dem historischen Refraktor hängt heute ein moderner Bildsensor … so wie ihn die beobachtende Astronomie überall benutzt. Das alte Rohr sammelt das Licht … und ein neues Auge nimmt es auf. Außerdem betreut die Sternwarte eine Datenbank für Beobachtungen im ultravioletten Licht … in Licht also, das kein Auge sieht … gemeinsam mit der europäischen Weltraumorganisation. Und im Haus selbst entsteht ein Museum … über die Geschichte der Sternwarte und über ihren Gründer.

Spiegel statt Linsen

Wenn du heute in eine große Forschungssternwarte kämst, sähe es anders aus als in diesen drei Häusern. Die Linsenfernrohre sind dort selten geworden. Ihre Bedeutung nimmt seit langem ab. Das Licht sammelt heute meist ein Spiegel … tief hinten im Rohr. Die größten dieser Spiegel haben zehn Meter Durchmesser. Und Spiegel mit vierzig Metern sind geplant. Solche Teleskope stehen nicht mehr unter einer Kuppel. Sie stehen in würfelförmigen Häusern, die man zum Beobachten öffnet. Auch die Art, wie man ein Fernrohr lagert, hat sich geändert … und zwar wegen des Gewichts. Ein Fernrohr sitzt in einem Gestell, das sich drehen lässt. Dieses Gestell nennt man Montierung. Die klassische Bauweise heißt äquatoriale Montierung. Bei den großen Spiegeln von heute nimmt man dagegen eine andere … die azimutale. Sie ist mechanisch einfacher gebaut. Und bei diesen Massen zählt genau das.

Eine Kamera, die die ganze Nacht nach oben schaut

Etwas anderes ist dazugekommen, das mir gut gefällt, weil es so geduldig ist. Viele Sternwarten haben heute eine Kamera, die nichts weiter tut, als nach oben zu schauen. Die ganze Nacht. Auf den ganzen Himmel. Man nennt sie Allsky-Kamera … also Kamera für den ganzen Himmel. Aus ihren Bildern macht man Zeitraffer … und Strichspuraufnahmen. Auf einer Strichspuraufnahme ist kein Stern mehr ein Punkt. Jeder zieht einen feinen Strich … das Wort sagt es schon. Und diese Kameras sind miteinander verbunden, in Netzwerken, die Meteore erkennen … also Sternschnuppen. Radioteleskope gibt es auch in großer Zahl … aber die zählt man kaum zu den Sternwarten. Sie arbeiten nicht mit Licht, sondern mit Antennen.

Ins Gebirge und über die Lufthülle hinaus

Und dann ist da immer noch die Luft. Erst zog man in die näheren Gebirge … in die Pyrenäen und in die Alpen. Später weiter … auf einen Berg auf Hawaii … und in die Atacamawüste in Chile. Es gibt inzwischen eine Technik, die das Flimmern der Luft fast vollständig ausgleicht. Sie heißt adaptive Optik. Aber sie schafft das nur in einem kleinen Stück des Bildes … nicht auf der ganzen Fläche. Der andere Ausweg ist, die Luft ganz zu verlassen. Darum gibt es Teleskope, die im Weltraum kreisen … über der Lufthülle der Erde, wo nichts mehr flimmert. Aber ich bleibe heute Abend lieber hier. Auf dem Hügel, bei dem hellen runden Haus. Denn hier passiert etwas, das mit Metern und Tonnen nichts zu tun hat. Hier wird gewartet. Man wartet auf eine klare Nacht. Man wartet, bis die Luft sich beruhigt hat. Man wartet, bis der Stern hoch genug steht. Und dann wartet man noch einmal … bis sich die Augen an das Dunkel gewöhnt haben. Das dauert länger, als man denkt. Vielleicht ist das Beobachten vor allem eine Art des Wartens … bei dem man nach oben schaut.

Die Lichter gehen aus

Es ist spät geworden auf unserem Hügel. Unten in der Stadt gehen die Lichter in den Fenstern aus. Der Lichtdom über den Dächern wird ein wenig schwächer. Und der Himmel darüber wird ein wenig dunkler. Im Kuppelsaal ist es kühl, so wie es sein soll. Das Fernrohr steht auf seinem Pfeiler … und der Pfeiler steht auf dem Fels. Kein Schritt erreicht ihn. Der Spalt in der Kuppel zeigt einen schmalen Streifen Nacht. Und in diesem Streifen wandern die Sterne langsam von einer Kante zur anderen. Die Kuppel dreht sich … und der Spalt bleibt offen. Sie dreht sich weiter … so langsam, dass man es kaum sieht. Ein Stern kommt herein. Und ein Stern geht hinaus. Und die Kuppel dreht sich den Sternen nach. Das Summen ist tief und gleichmäßig. Der Saal ist kühl. Der Fels hält alles still. Über dir ein Streifen Himmel … und darin ein Licht … und noch eines. Es muss nichts gemessen werden heute Nacht. Es genügt, dass die Kuppel offen steht.

Und du darfst jetzt schlafen. Die Kuppel dreht sich weiter … ganz ohne dich. Die Sterne wandern durch den Spalt … von einer Kante zur anderen. Und morgen Abend geht der Spalt wieder auf. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.

Quelle und Lizenz

Dieser Text beruht auf den Wikipedia-Artikeln «Sternwarte», «Archenhold-Sternwarte», «Urania-Sternwarte Zürich» und «Kuffner-Sternwarte». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.

Verwendete Fassungen: «Sternwarte» Version 269600080, abgerufen am 19. August 2026, «Archenhold-Sternwarte» Version 263528997, abgerufen am 19. August 2026, «Urania-Sternwarte Zürich» Version 260083538, abgerufen am 19. August 2026 und «Kuffner-Sternwarte» Version 262434656, abgerufen am 19. August 2026.

Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.