Gute Nacht mit Fridolin – zur Startseite

Folge 48 · 9. September 2026 · 40 Minuten

Ein Gang um den Klosterhof

Fridolin hält ein kleines Modell einer Klosteranlage mit Innenhof und Bogengang in den Händen, über Wolken.

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht

Eine Einschlafgeschichte für Erwachsene über Klöster — und über den Gang, der dem Ganzen den Namen gab: Kloster kommt vom lateinischen claustrum, dem verschlossenen Ort, und später hieß so nur noch der Innenhof mit dem Gang darum. Fridolin geht diesen Gang einmal im Viereck ab und kommt genau dort heraus, wo er begonnen hat.

Unterwegs kommen vor: Refektorium, Dormitorium und Kapitelsaal, das Kloster St. Johann in Müstair mit einhundertfünfunddreißig Fresken aus der Zeit um achthundert, die Bibliothek von Stift Melk mit verborgenen Türen in den Regalen, damit man mit dem Buch ans Licht treten kann, und das evangelische Kloster Amelungsborn, wo ein Kiesweg den Kreuzgang nachzeichnet, den es nicht mehr gibt.

Einschlafgeschichten in deiner Lieblings-App hören

In deiner Podcast-App liegt sie am Abend schon bereit – auch offline.

Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte

4.239 Wörter · rund 21 Minuten zum Lesen, Mitlesen oder Vorlesen

Ein Hof, ein Brunnen, ein Gang mit Dach

Stell dir einen Hof vor … nicht groß, und beinahe quadratisch. Der Boden ist mit Gras bewachsen, und mitten darin steht ein Brunnen. Rings um den Hof läuft ein Gang mit einem Dach darüber. Der Boden dort ist aus Stein. Es ist Abend. Über dem Hof steht ein Stück Himmel, gerade so groß wie der Hof selbst. Im Gang ist es dunkler als draußen, und seine Bögen öffnen sich zum Gras hin. Und weil dieser Gang ein Dach hat, hallt jeder Schritt ein wenig. Dieser Gang heißt Kreuzgang. Er führt an allen vier Seiten des Hofes entlang … und wenn du ihn zu Ende gehst, stehst du wieder an der Tür, aus der du gekommen bist. Der Kreuzgang geht im Viereck … und kommt dort heraus, wo er begonnen hat. Von diesem Gang aus gehen alle anderen Räume ab. Von ihm aus erreicht man jeden von ihnen … und gleichzeitig ist er der Ort, an dem am wenigsten passiert.

Claustrum: der verschlossene Ort

Fangen wir mit dem Wort an, denn es erzählt schon die halbe Geschichte. Kloster kommt vom lateinischen claustrum … und das heißt verschlossener Ort. Später bezeichnete man mit claustrum nur noch einen Teil davon … nämlich den Hof und den Gang darum. In anderen Sprachen ist diese engere Bedeutung geblieben. Die Engländer sagen cloister, die Franzosen cloître, die Italiener chiostro … und gemeint ist jedes Mal nur der Kreuzgang. Im Deutschen dagegen bekam das Wort eine weitere Bedeutung. Bei uns heißt Kloster das ganze Bauwerk. Ebenso in den skandinavischen Sprachen, im Niederländischen, im Polnischen und im Tschechischen. Es gibt noch ein zweites Wort für das Kloster, und es kommt aus dem Griechischen. Es heißt monastérion … und darin steckt das griechische Wort für Mönch. Daraus wurden das englische monastery … das französische monastère … das spanische monasterio. Und im Deutschen ist aus derselben Wurzel ein Wort geworden, das du kennst. Münster. Und vom griechischen Wort für Mönch kommt auch das Wort, mit dem man diese Lebensform bezeichnet … monastisch. Ein Kloster, das von einer Äbtissin oder einem Abt geleitet wird, heißt Abtei. Und die Gemeinschaft, die darin lebt, heißt Konvent.

Einschlafgeschichte weiterlesenDie restlichen 3.890 Wörter, Wort für Wort wie Fridolin es erzählt

Der Klosterplan von St. Gallen

Wie so ein Haus gebaut ist, kann man an einem alten Plan ablesen. Es ist der Klosterplan von St. Gallen … und er zeigt, wie die Räume eines frühen Klosters verteilt sind … so, wie es idealerweise aussehen sollte. In der Mitte steht die Klosterkirche. Sie ist der räumliche Mittelpunkt … und auch der geistliche. An sie schließt der Hof an, den wir am Anfang angesehen haben … meist quadratisch, mit dem Kreuzgang darum. Und um diesen Hof herum liegen die Räume, in denen gelebt wird. Da ist das Refektorium. Das ist der Speisesaal. Da ist das Dormitorium. Das sind die Schlafräume. Da ist der Kapitelsaal … der Raum, in dem sich die Gemeinschaft versammelt. Es gibt einen Raum für die Kranken, das Infirmarium … und einen Raum, den man das Necessarium nennt … den Bedürfnisraum. Und je nachdem, worauf ein Kloster seinen Schwerpunkt legte, kam eine Schreibstube hinzu. Die heißt Scriptorium. Dazu in der Regel eine Bibliothek … und ein Gästehaus.

Mauer, Tor und zwei Ordnungen

Rings um all diese Räume liegen die Wirtschaftsgebäude. Gebäude für die Landwirtschaft. Bei manchen Klöstern auch Teiche für die Fischzucht. Und um alles zusammen läuft eine Mauer, mit einem Tor darin, und im Tor eine kleine Tür. Diese Mauer wirkte nach zwei Seiten. Sie hielt fest, wer drinnen war … und hielt draußen, wer nicht hereingehörte. In vielen Abteien gab es Speisesaal und Schlafsaal doppelt. Einmal für die Mönche, die Priester waren … und einmal für die Laienmönche, die man Konversen nannte. Zwei Speisesäle. Zwei Schlafsäle. Ein Haus, zwei Ordnungen. Was in so einem Haus getan wird, lässt sich in wenigen Wörtern sagen … und sie klingen fast schon wie eine Einschlafliste. Gemeinsames Gebet und stilles Gebet. Einkehr. Schweigen. Kontemplation … also das lange, ruhige Betrachten. Dazu Abgeschiedenheit von der Welt. Körperliche Arbeit. Studium … und Gastfreundschaft. Für viele dieser Klöster gilt außerdem etwas, das ich bemerkenswert finde. Wer in ein solches Kloster eintritt, bindet sich an dieses eine Haus … lebenslang. Nicht an den Orden. An das Haus. Bei anderen Gemeinschaften ist das anders. Die Bettelorden versetzen ihre Brüder von einem Kloster ins andere.

Der Kreuzgang geht im Viereck … und kommt dort heraus, wo er begonnen hat. Die ersten Klöster entstanden im vierten Jahrhundert, in Ägypten und in Palästina … und zwar aus Einsiedlerkolonien. Das heißt: Zuerst waren es einzelne Menschen, die allein lebten … jeder für sich, in der Wüste. Und dann zogen sie zusammen. Das älteste christliche Kloster der Welt steht in Ägypten und wurde in jener Zeit errichtet. Sehr alt ist auch ein Kloster in der heutigen Türkei, gegründet im Jahr dreihundertsiebenundneunzig. Es besteht bis heute. Das bedeutet, dass die Mönche und Nonnen dort eine Tradition fortführen, die seit sechzehnhundert Jahren nicht unterbrochen wurde. In Westeuropa steht das älteste Kloster, das ohne Unterbrechung besteht, seit dem sechsten Jahrhundert. Es wurde im Jahr fünfhundertfünfzehn errichtet — ein König hat es stiften lassen. Und dann kommt ein Jahr, das für alles Weitere wichtig ist. Fünfhundertneunundzwanzig. In diesem Jahr gründete Benedikt von Nursia ein Kloster in Montecassino … und stellte für das Zusammenleben darin eine Regel zusammen. Diese Regel heißt Regula Benedicti … die Regel des Benedikt. Sie hat über viele Jahrhunderte bestimmt, wie Klöster gebaut und geordnet wurden … und wie man in ihnen lebte. Und sie tut es bis heute.

Werkstätten und Bibliotheken

Von Anfang an waren Klöster aber nicht nur Orte des Gebets. Sie waren auch Werkstätten … und sie waren Bibliotheken. In den Schreibstuben wurden alte Bücher abgeschrieben, Blatt für Blatt. Alte Bücher, die es fast nirgends mehr gab, lagen dort wieder an einem Ort. Und weil im Mittelalter Lesen und Schreiben fast nur in den Klöstern verbreitet waren … konnte man lange Zeit fast nur in diesen Häusern lernen. Dazu betrieben sie eigene Werkstätten und Höfe. Sie entwickelten Verfahren im Landbau … in der Pflanzenzucht … und in der Kräuter- und Heilkunde. Der Klostergarten war beides: ein schöner Ort und ein Labor. Ein Beispiel für so eine Sammlung ist ein Kloster in Süditalien, das im sechsten Jahrhundert gegründet wurde. Es hieß Vivarium … und es war ein Ort, an dem Wissen zusammengetragen wurde. Und die Mönche machten nicht nur Bücher. Sie fertigten auch Kunstwerke an. Einige der kostbarsten Stücke jener Zeit sind in Klosterwerkstätten entstanden. Dazu unterhielten sie Klosterschulen … für den eigenen Nachwuchs. Und wer dort aufgenommen wurde, lernte lesen und schreiben.

Woher das Wort Stift kommt

Die Landesherren merkten, dass die Bildung an diesen Häusern hing. Sie gründeten Klöster gern in Gegenden, in denen noch kaum etwas stand … und gaben ihnen große Ländereien dazu. Von dieser Gewohnheit ist ein Wort übrig geblieben, das du oft hörst … das Wort Stift. Es erinnert daran, dass ein weltlicher Herr das Haus gestiftet hat. Besonders ein Orden ging so vor, die Zisterzienser. Sie rodeten im Norden und Osten Europas Wälder … und bereiteten das Land für Siedler vor. Man nennt sie darum einen Kolonisationsorden.

Das Stadtkloster

Später verschob sich diese Ordnung noch einmal. Die Städte wuchsen … und mit ihnen kamen Handwerker, Schulen und Universitäten. Damit ging die Rolle der Klöster als Zentren der Bildung an die Städte über. Und es entstand ein neuer Typ von Kloster … das Stadtkloster. Diese Häuser lagen nicht mehr abgeschieden, sondern mitten in der Stadt, innerhalb der Mauern. Praktisch jede größere neue Stadt bekam mindestens eines. Sie hatten weniger Räume … aber auch dort gruppierten sich die Gebäude um einen Innenhof. Und ich möchte noch etwas erwähnen, das nicht alle wissen. Es gibt Klöster nicht nur in der katholischen und der orthodoxen Kirche. Es gibt auch protestantische … und es gibt Gemeinschaften, in denen Menschen aus mehreren Kirchen zusammenleben.

Für die Nonnen änderte sich das lange nicht. Sie lebten bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein streng von der Welt abgeschlossen … und zwar auch dann, wenn ihr Kloster mitten in der Stadt stand. Das änderte sich erst langsam, und es änderte sich über die Arbeit. Es entstanden Schulorden … und Gemeinschaften von Schwestern, die in Schulen und Krankenhäusern arbeiteten. Damit bekamen die Frauenklöster ein neues Feld … die Fürsorge für Arme … die Pflege von Kranken und die Pflege alter Menschen.

Müstair: Bauholz aus dem Jahr 775

Und jetzt möchte ich dir drei Häuser zeigen. Eines in der Schweiz … eines in Österreich … eines in Deutschland. Sie sind sehr verschieden. Und alle drei stehen noch. Das erste liegt in einem Tal in Graubünden, im Val Müstair. Es ist das Benediktinerinnenkloster St. Johann in Müstair … und es ist sehr alt. Wie alt, das weiß man ziemlich genau … denn man hat das Holz befragt. Das älteste Bauholz der Kirche stammt aus der Zeit um das Jahr siebenhundertfünfundsiebzig. Dafür zählt man die Jahresringe … das Verfahren heißt Dendrochronologie. Das Kloster gilt als Stiftung Karls des Großen. Und es hieß am Anfang schlicht Monasterium … also einfach: Kloster. Aus diesem Wort ist über die Jahrhunderte der Name geworden, den das Tal heute benutzt … Müstair.

Einhundertfünfunddreißig Szenen an der Wand

Die Kirche wurde als einfacher Saal gebaut, mit einer flachen Decke aus Holz. An den Seiten gehörten zwei niedrigere Räume dazu … man nennt sie Seitenschiffe. Damit hatte die ganze Anlage einen quadratischen Grundriss. Und dann wurden die Wände ausgemalt. Um das Jahr achthundert … über beide Längswände … in fünf waagerechten Streifen übereinander. Einhundertfünfunddreißig einzelne Szenen sind erhalten. Sie gehören zu den bedeutendsten Wandbildern, die aus jener Zeit übrig sind. Übrig geblieben sind sie aber nur, weil man sie vergessen hat. Irgendwann wurden die alten Bilder übertüncht … also mit Farbe zugestrichen. Danach zog man eine neue, gewölbte Decke ein … etwa einen Meter tiefer als die alte Decke aus Holz. Dadurch verschwand ein Teil der Bilder hinter dem Mauerwerk. Dort ist er heute noch. Freigelegt wurden die Fresken erst im vorigen Jahrhundert. Von neunzehnhundertsiebenundvierzig bis neunzehnhunderteinundfünfzig hat man sie hervorgeholt. Vorsichtig … Schicht für Schicht. Seit neunzehnhundertdreiundachtzig steht das Kloster auf der Liste des Weltkulturerbes.

Die älteste Holzbalkendecke Europas

Es gibt in Müstair noch einiges, das ich dir nennen möchte. Zur Anlage gehört auch ein Friedhof. An seinem Eingang steht eine zweistöckige Kapelle, die Heiligkreuzkapelle. In ihrem Obergeschoss liegen Bodenbalken, die noch tragen … aus dem achten Jahrhundert. Sie bilden die älteste Holzbalkendecke Europas. Balken, die seit mehr als zwölfhundert Jahren ihre Last halten. Dann ist da ein Turm, der einmal ein Wohn- und Wehrturm war, gebaut um das Jahr neunhundertsechzig. Eine Äbtissin ließ ihn später aufstocken und mit Zinnen versehen … und nach ihrer Familie heißt er Plantaturm. Heute ist das Klostermuseum darin.

Ein Esel mit einem Dudelsack

Am Wirtschaftshof im Westen stehen zwei Tortürme, aus der Zeit um fünfzehnhundert. Außen sind ihre Bögen rund, innen laufen sie spitz zu. Und auf dem südlichen Turm ist etwas gemalt, das ich zweimal ansehen musste, um es zu glauben. Auf rotem Grund bläst ein Esel einen Dudelsack. Daneben stehen drei Figuren. Aber der Esel bleibt im Kopf. Dann gibt es noch eine Doppelkapelle, zwei Räume übereinander. Der untere entstand im elften Jahrhundert. Von seiner ursprünglichen Decke ist eine Verzierung erhalten … vier Engelsfiguren in Gewändern, wie man sie in der Antike trug. Der obere Raum ist beinahe ein Würfel … fünf Meter in jeder Richtung. Heute ist er die Totenkapelle der Schwestern.

Das Fürstenzimmer und die lesende Nonne

Und dann gibt es das Fürstenzimmer, oben in einem Flügel im Norden. Wände und Decke sind mit Zirbenholz getäfelt, mit aufwändigen Schnitzereien darin. In einer Ecke steht ein farbig glasierter Kachelofen. Er funktioniert noch. In der Mitte der Decke ist das geschnitzte Wappen einer Äbtissin eingelassen. Und ein Erker gibt den Blick hinunter auf den Wirtschaftshof frei. Daneben liegt die Trinkstube, einst ein Raum für Versammlungen und Besuche. Dort sitzt am Tisch eine lebensgroße Figur … eine lesende Nonne. Sie sitzt da, seit langem, und liest weiter. Im Kloster leben zuletzt acht Nonnen. Und im Turm der Kirche hängen vier Glocken, die man regelmäßig läutet … von der größten zur kleinsten.

Stift Melk auf dem Felsen über der Donau

Das zweite Haus liegt in Niederösterreich, in der Stadt Melk … auf einem Felsen über der Donau. Es heißt Stift Melk, und offiziell Abtei Melk. Am einundzwanzigsten März des Jahres eintausendneunundachtzig zogen dort Benediktinermönche ein … gekommen aus einem anderen Kloster, mit ihrem Abt. Was du heute siehst, ist aber nicht dieses erste Haus. Der heutige Bau entstand zwischen siebzehnhundertzwei und siebzehnhundertsechsundvierzig … nach den Plänen eines Baumeisters, der Jakob Prandtauer hieß. Es ist die größte Klosteranlage des österreichischen Barocks. Allein der Flügel im Süden ist über zweihundertvierzig Meter lang. Und von einem Ende des Hauses zum anderen sind es dreihundertzwanzig Meter. Man betritt es von Osten. Hinter dem Portal liegt ein Hof, und dahinter ein zweiter … und dieser zweite ist vierundachtzig Meter lang und zweiundvierzig Meter breit. Er heißt Prälatenhof. Seine Grundfläche ist nicht rechteckig, sondern ein Trapez … er wird also nach hinten schmaler. Das ist Absicht. Dadurch schaut man umso stärker nach vorn, dorthin, wo die Kirche steht. Die Fassaden ringsum sind einfach gehalten. Und in der Mitte des Hofes steht ein Brunnen. Wieder ein Brunnen.

Gäste sollen wie Christus aufgenommen werden

Im ersten Stock läuft ein Gang fast die ganze Südseite entlang, hundertsechsundneunzig Meter lang. An seinen Wänden hängen die Bildnisse aller österreichischen Herrscher, jedes mit einer kurzen Lebensbeschreibung. Von diesem Gang aus kommt man in den Marmorsaal. Er war der Fest- und Speisesaal für die weltlichen Gäste. Die Türfüllungen sind aus echtem Salzburger Marmor, die Wände aus Stuckmarmor. Über den Türen stehen zwei Sätze aus der Regel des Benedikt. Der erste heißt: Gäste sollen wie Christus aufgenommen werden. Der zweite: und allen möge die angemessene Ehre erwiesen werden. Ein Speisesaal, über dessen Türen steht, wie man mit Fremden umgeht. Vom Marmorsaal führt eine breite Terrasse hinüber zur Bibliothek. Man nennt sie die Altane. Von dort sieht man nach Westen über die Donau … nach Nordwesten in die Berge … und nach Norden hinunter auf die Stadt, die dem Kloster zu Füßen liegt. Die Bibliothek selbst ist nach der Kirche der wichtigste Raum eines Benediktinerklosters. In Melk verteilt sie sich über drei Stockwerke. Sie enthält ungefähr eintausendachthundert handgeschriebene Bücher … das älteste aus dem neunten Jahrhundert. Dazu siebenhundertfünfzig frühe Drucke aus der Zeit, als der Buchdruck gerade anfing. Insgesamt sind es rund hunderttausend Bände.

Türen im Bücherregal

Und jetzt der Teil, den ich an dieser Bibliothek am liebsten mag. Das Holz der Regale ist dunkel, mit eingelegten Mustern. Und die Buchrücken haben alle dieselbe Farbe … ein einheitliches Goldbraun, Reihe um Reihe. Dadurch wirkt der Raum wie aus einem Stück. Er ist aber auch dunkel. Deshalb gibt es in den Regalen verborgene Türen. Man kann sie öffnen. Dann fällt Licht herein … und wer dort liest, kann mit seinem Buch ans Licht treten. Eine Tür in einem Bücherregal, allein dafür gebaut, dass man besser sehen kann.

Fünf Glocken und eine kleine

Die Kirche des Stifts ist ein großer Saal mit einer gewölbten Decke. Darüber sitzt eine Kuppel, vierundsechzig Meter hoch. Zum Geläut dieser Kirche gehören fünf Glocken. Die größte heißt Vesperin und wiegt siebentausendachthundertvierzig Kilogramm. Sie ist die größte Glocke Niederösterreichs. Und dann gibt es eine kleine Chorglocke. Die läutet jeden Morgen … zur Messe des Konvents. Jeden Morgen dieselbe Glocke, für dieselben Menschen, zur selben Zeit. Draußen liegt der Stiftspark, angelegt Mitte des achtzehnten Jahrhunderts. Darin steht ein barocker Gartenpavillon, innen ausgemalt mit Bildern aus fernen Ländern. Es gibt ein Paradiesgärtlein … und ein barockes Wasserbecken. Daneben stehen Linden, zweihundertfünfzig Jahre alt. Im Kloster lebten vor wenigen Jahren siebenundzwanzig Mönche. Und im Haus ist eine Schule … die älteste noch bestehende Schule Österreichs.

Die Melker Klosterreform

Und Melk hat noch etwas hinterlassen, das man nicht sehen kann. Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts ging es in vielen Klöstern nicht gut. Auf einem großen Kirchentreffen wurde deshalb beschlossen, die Benediktinerklöster zu erneuern. Und der Ausgangspunkt dieser Erneuerung sollte Melk sein. Man schickte einen Mann dorthin, der zuvor Rektor der Wiener Universität gewesen war … und der dann Mönch geworden war. Vierzehnhundertachtzehn wurde er Abt in Melk. Er setzte durch, dass in Melk wieder streng nach der Regel gelebt wurde. Und daraus wurde eine Bewegung, die man die Melker Klosterreform nennt. Mönche aus anderen Klöstern kamen nach Melk, um sich anzusehen, wie es dort gemacht wurde. Und Mönche aus Melk wurden als Äbte in andere Klöster berufen. So griff die Reform über Österreich hinaus … bis in den Schwarzwald. In derselben Zeit arbeitete das Kloster eng mit der Universität in Wien zusammen … und in den Schreibstuben entstanden neue Handschriften, und andere wurden abgeschrieben. Zwei Drittel der Melker Handschriften, die es heute noch gibt, stammen aus jenen Jahren.

Der Kreuzgang geht im Viereck … und kommt dort heraus, wo er begonnen hat. Das dritte Haus liegt in Südniedersachsen, nicht weit von der Weser. Es heißt Kloster Amelungsborn … und es ist ein evangelisches Kloster, also ein protestantisches. Das ist selten. Gegründet wurde das Haus im zwölften Jahrhundert von Zisterziensern. Heute lebt dort eine protestantische Gemeinschaft weiter. Den Namen hat das Kloster von einer Quelle, die auf dem Gelände liegt … und die es noch gibt. Born ist ein altes Wort für Brunnen. Der Born des Amelung … Amelungsborn.

Amelungsborn: der Born des Amelung

Die Mönche kamen aus einem anderen Zisterzienserkloster am Niederrhein. Sie erreichten ein Gelände, das ihnen ein Graf gestiftet hatte, und fingen dort an zu bauen. Das Kloster wuchs schnell — und half dann anderen beim Anfangen. Wenige Jahre nach der Gründung stellte es schon den Gründungsabt für ein anderes Kloster … und später schickte es einen ganzen Konvent aus, um noch eines zu gründen. In diesem neuen Kloster legten die Brüder Teiche für die Fischzucht an. Achtundzwanzig Teiche waren es einmal. Elf davon gibt es heute noch … und sie sind inzwischen ein Naturschutzgebiet. Um das Jahr zwölfhundertachtzig lebten in Amelungsborn fünfzig Mönche … und neunzig Laienbrüder. Hundertvierzig Menschen in einem Haus, das für die Ruhe gebaut war.

Grangien, Stadthöfe und ein Schreiber

Wovon so ein Haus lebte, kann man an Amelungsborn gut ablesen. Zum Kloster gehörten Höfe, die außerhalb lagen und auf denen Landwirtschaft betrieben wurde. Man nennt sie Grangien. Manche davon entstanden aus Dörfern oder Weilern, die aufgegeben worden waren. Dazu kamen Höfe in den Städten … in Einbeck, in Höxter und in Hameln … und Wald in der Nähe des Klosters. Damit wurde Amelungsborn das reichste Kloster im damaligen welfischen Gebiet. Und geschrieben wurde dort auch. Dreizehnhundertzweiundsiebzig arbeitete ein Mönch aus Amelungsborn … als Schreiber an einem Buch mit gemalten Bildern, für einen Herzog. Und nun das, was mich an diesem Ort am meisten berührt. Der Kreuzgang von Amelungsborn ist fast ganz verschwunden. Er stand an der Südseite der Kirche, und ringsum lagen Speisesaal, Schlafsaal und Kapitelsaal. Diese Räume sind alle verschwunden. Damit man trotzdem sieht, wo sie waren, hat man einen Kiesweg angelegt. Er zeichnet den Umriss des alten Kreuzgangs in den Boden. Man geht also den Gang, den es nicht mehr gibt … und er führt einmal im Viereck herum. Auch die Stelle, an der der Brunnen stand, ist markiert. Dort liegt eine Schale aus Sandstein. Das ist alles. Und es genügt.

Das Fachwerkhaus namens «Stein»

Ganz weg ist er aber nicht. Der westliche Teil des Kreuzgangs steckt heute in einem Fachwerkhaus … das dort angebaut wurde und, obwohl es aus Fachwerk ist, einfach «Stein» heißt. Darin sind heute die Küche, der Speisesaal und ein Versammlungsraum. Von der Bruderschaft, die sich dort trifft, erzähle ich noch. Daneben liegt das Brauhaus, ebenfalls aus Fachwerk. Es war die Werkstatt der Laienbrüder. In seinem Keller lagerten die Fässer … gebraut wurde dort unten aber nicht. Östlich der Kirche steht das Priorhaus aus Buntsandstein, zweigeschossig. Ein kleines gotisches Fenster zeigt, wo darin einmal eine Hauskapelle war. Und südöstlich steht die Kantorey, gebaut im siebzehnten Jahrhundert für den Rektor und den Kantor einer Klosterschule. Heute schlafen dort Pilger, und es finden Tagungen statt. Südlich schließt ein Klostergarten an.

Die Mauer steht, die Räume sind fort

Vollständig erhalten ist etwas anderes … nämlich die Mauer. Sie läuft um den ganzen Klosterbezirk und wurde um das Jahr dreizehnhundert errichtet. In einem Torhaus stecken noch gotische Teile. Die Räume in der Mitte sind fort, und die Mauer darum steht. Die Kirche selbst zeigt, wie Zisterzienser bauten. Man baute einfach und zweckmäßig … ohne Bilder und ohne Figuren. Einen Turm hatte sie am Anfang gar nicht. Quer durch den Innenraum stand eine Wand, ein Lettner. Sie trennte den westlichen Teil, in dem die Laien beteten, von dem Teil, der den Mönchen gehörte. Ein Haus, zwei Ordnungen. Wie bei den Speisesälen. Der Raum in der Mitte ist deutlich höher als die beiden Seitenschiffe. Darum sitzen oben Fenster, durch die zusätzliches Licht hereinfällt. Um das Jahr dreizehnhundertfünfzig baute man den vorderen Teil der Kirche größer und höher, im gotischen Stil … und setzte ihn mit drei Stufen gegen den übrigen Raum ab. Er ist auch nicht ganz gerade angesetzt, sondern um wenige Grad nach Süden gedreht. An der gewölbten Decke sitzen Scheiben mit den Wappen der wichtigsten Stifter. Und im Langhaus und im Querhaus, dort, wo die Rippen der Decke zusammenkommen, ist ein Lamm dargestellt.

Ein neuer Turm und eine Kapsel darin

Vor einigen Jahren bekam die Kirche einen neuen Turm. Der alte war abgebaut worden, und der neue folgt in seinem Umriss dem spätgotischen Vorgänger … den man von alten Bildern kennt. Er ist neunundzwanzig Meter hoch und besteht aus rund fünfhundert Teilen aus Stahl. Verkleidet ist er mit einem rostbraunen Stahl, der als äußerst beständig gilt … mindestens hundert Jahre soll er halten. Zwei Tieflader brachten die Teile zur Baustelle, und ein Kran setzte sie auf die Kirche. Vorher füllten der Abt und der Bauleiter eine Kapsel, die unter die Turmspitze kam. Darin liegen Münzen … Baupläne … ein altes Bild der Klosterkirche mit ihrem früheren Turm … und eine Tageszeitung von jenem Tag. Eine Kapsel für jemanden, der in hundert Jahren nachschaut.

Acht Konventuale und vierzig Familiaren

Die Gemeinschaft von Amelungsborn ist heute klein. Zu ihr gehören der Abt und acht Männer, die zum Konvent gehören. Dazu kommt eine Laienbruderschaft von etwa vierzig Männern. Sie kommen von auswärts. Sie treffen sich elfmal im Jahr … zu Einkehrwochenenden. Und das Kloster liegt an einem Pilgerweg. Wer ihn geht, kommt dort vorbei … schläft in der Kantorey … und geht am nächsten Morgen weiter. Zum Schluss noch ein Blick weit über Europa hinaus … denn Klöster gibt es nicht nur bei uns. Auch die Häuser buddhistischer Mönche nennt man so. Sie sind aus einer sehr praktischen Sache entstanden … aus dem Regen. Die Mönche waren früher ständig unterwegs, das ganze Jahr über. Nur während der Regenzeit brauchten sie ein Dach. Dafür stifteten gläubige Laien zuerst Grundstücke, auf denen die Mönche einfache Unterkünfte errichteten. Später wurden daraus feste Häuser … und dazu kam eine Halle für die Zusammenkünfte. Heute gilt ein solches Haus erst dann als Kloster, wenn es diese Versammlungshalle hat … und wenn ihm ein Mönch vorsteht, der ganz aufgenommen ist.

Ein geweihter Ort bleibt geweiht

Eines finde ich daran besonders schön. Ein buddhistisches Kloster wird geweiht … und dann bleibt es für immer ein Kloster. Auch wenn niemand mehr darin wohnt. Auch wenn nur noch Ruinen dastehen. Ein geweihter Ort kann nicht mehr entweiht werden. In Thailand, in Myanmar, in Laos und in Kambodscha heißen diese Klöster Wat. Und es gibt sie in verschiedenen Formen … Höhlenklöster und Waldklöster für den Rückzug … Dorfklöster, die auch der Bevölkerung offenstehen … und Klöster, in denen gelehrt wird. In Indien heißen Klöster Mathas. Manche von ihnen unterhalten Tempel und Schulen. Und der Grundgedanke ist derselbe wie bei uns … sich aus der Welt zurückzuziehen … und in der Abgeschiedenheit zu leben.

Kartäuser, Karmel und der Osten

Ein paar Dinge möchte ich noch nachtragen, weil sie zeigen, wie verschieden das alles sein kann. Es gibt Orden, in denen man zwar in einem Kloster lebt … aber trotzdem sehr für sich. Die Kartäuser sind so ein Orden. Ihre Lebensweise ist eher die eines Einsiedlers … also so, wie es in Ägypten angefangen hat, bevor die Einsiedler zusammenzogen. In den orthodoxen Kirchen sind die Klöster viel eigenständiger als bei uns. Sie gehören keinem Orden. Sie sind entweder ganz selbstständig … oder in lockeren Verbänden zusammengeschlossen. Für diese Kirchen sind die Klöster besonders wichtig … fast alle ihre höheren Geistlichen kommen aus dem Mönchtum. Und je nach Orden heißt so ein Haus anders. Nicht immer Kloster. Ein Kloster der Karmeliten heißt Karmel … nach einem Gebirge in Israel.

Zurück in den Hof

Aber wir wollten ja nur einmal um den Hof gehen. Also gehen wir zurück. Es ist inzwischen dunkel geworden. Über dem Hof steht immer noch dasselbe Stück Himmel. Der Brunnen in der Mitte macht ein Geräusch, das sich nicht ändert. Im Gang ist der Stein unter den Füßen kühl. Die Bögen zum Hof hin sind jetzt nur noch Umrisse. Hinter der einen Tür liegt der Speisesaal. Hinter der nächsten der Saal, in dem sich alle versammeln. Und hinter der letzten der Schlafsaal. Der Kreuzgang geht im Viereck … und kommt dort heraus, wo er begonnen hat. Vier Seiten. Vier Ecken. Und an jeder Ecke geht es weiter. In Müstair liest die Figur einer Nonne an ihrem Tisch weiter. In Melk stehen die Bücher Reihe um Reihe in ihrem gleichmäßigen Goldbraun. Und in Amelungsborn zeichnet ein Kiesweg den Gang, den es nicht mehr gibt, in den Boden. Drei Häuser, drei Länder … und in allen dreien ein Hof mit einem Gang darum.

Morgen früh wird in Melk eine kleine Glocke läuten, wie an jedem Morgen. Aber das ist morgen. Heute Nacht bleibt der Hof leer und still. Ein Stück Himmel über dem Gras. Ein Brunnen in der Mitte. Und ein Gang, der im Viereck herumführt … immer und immer wieder. Du musst dabei nichts denken. Du kannst einfach mitgehen … eine Seite … noch eine Seite … und um die Ecke. Und du darfst jetzt schlafen. Der Gang bleibt, wo er ist … und der Hof bleibt leer. Der Brunnen läuft weiter. Ganz ohne dich. Und morgen Abend gehen wir wieder eine Runde. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.

Quelle und Lizenz

Dieser Text beruht auf den Wikipedia-Artikeln «Kloster», «Benediktinerinnenkloster St. Johann», «Stift Melk» und «Kloster Amelungsborn». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.

Verwendete Fassungen: «Kloster» Version 264121233, abgerufen am 19. August 2026, «Benediktinerinnenkloster St. Johann» Version 269569604, abgerufen am 19. August 2026, «Stift Melk» Version 269692711, abgerufen am 19. August 2026 und «Kloster Amelungsborn» Version 269506323, abgerufen am 19. August 2026.

Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.