Gute Nacht mit Fridolin – zur Startseite

Folge 19 · 11. August 2026 · 43 Minuten

Die ruhige Säule – vom Tragen aus Stein und Holz

Fridolin sitzt auf Wolken und hält eine kleine weiße Säule mit ionischem Kapitell.

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht

Die ruhige, aufrechte Stütze aus Stein und Holz, die seit langer Zeit die Dächer der Menschen trägt. Diese Einschlafgeschichte für Erwachsene geht langsam durch stille Hallen und folgt den feinen Rillen nach oben.

Der Unterschied zum Pfeiler ist einfach: Der Pfeiler hat Ecken, die Säule hat keine. Drei Teile tragen sie – Fuß, Schaft und Kopf, das Kapitell. Der Schaft ist leicht gewölbt; diese Entasis fühlt das Auge mehr, als es sie sieht. Die alten Säulenordnungen, dorisch, ionisch, korinthisch, gehen von schwer nach leicht.

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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte

4.475 Wörter · rund 22 Minuten zum Lesen, Mitlesen oder Vorlesen

Stell dir eine große, stille Halle vor. Es ist Abend … und das Licht ist schon fast gegangen. In der Mitte steht eine Säule. Nur eine. Sie ist aus hellem Stein … schlank und aufrecht … und sie reicht ruhig nach oben. Sie steht dort schon lange. Vielleicht seit vielen hundert Jahren … und sie hat es nie eilig gehabt. Sie trägt. Ganz ruhig. Und sie wird auch heute Nacht weitertragen … während du langsam zur Ruhe kommst. Eine Säule ist etwas sehr Einfaches. Sie ist eine Stütze … aufrecht, senkrecht, gerade nach oben. Sie steht auf dem Boden … und oben hält sie etwas. Ein Dach vielleicht … oder einen langen, ruhigen Balken aus Stein.

Woraus eine Säule gebaut wird – und was sie vom Pfeiler trennt

Man baut sie aus Holz … aus Stein … aus gebranntem Ziegel … oder auch aus Metall. Was sie ausmacht, ist ihre Form. Sie ist rund. Wenn du oben auf sie herabschauen könntest … sähst du einen Kreis … einen ruhigen, geschlossenen Kreis. Das ist ihr stilles Kennzeichen. Sie ist rund … und sie steht frei … und sie trägt. Neben der Säule gibt es noch andere Stützen. Es gibt den Pfeiler. Der Pfeiler ist auch aufrecht … und er trägt auch. Doch er ist eckig. Wenn du von oben auf ihn schaust … siehst du ein Viereck … klare Kanten, klare Ecken. Die Säule dagegen ist weich in ihrer Linie. Sie ist rund … und darum wirkt sie schlanker … und ruhiger.

Das ist der ganze Unterschied. Der Pfeiler hat Ecken. Die Säule hat keine. Und die runde Säule trägt genauso still und sicher … wie ihr eckiger Bruder. Schauen wir die Säule von unten nach oben an. Ganz langsam. Ganz unten ist die Basis. Der Fuß. Die Basis steht fest auf dem Boden … und sie verteilt das Gewicht … sanft und breit. Oft liegt ganz unten eine flache, viereckige Platte. Man nennt sie die Plinthe. Auf ihr sitzen runde Wülste. Weiche Ringe aus Stein … die sich nach außen wölben. Und zwischen den Wülsten liegen kleine Kehlen. Sanfte Einschnitte … in denen der Schatten ruht. Der Fuß der Säule ist also nicht einfach eine Platte. Er ist ein ruhiges Spiel aus runden Formen … das die Last auffängt … und weitergibt an den Boden.

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Fuß, Schaft und Kopf

Ganz ohne Mühe. Ganz ohne Eile. Über dem Fuß beginnt der Schaft. Der Schaft ist der lange, aufrechte Körper der Säule. Er ist der Teil, den du zuerst siehst … wenn du an einer Säule vorbeigehst. Er reicht vom Boden bis fast ganz nach oben … schlank … und ruhig … und gerade. Manchmal ist der Schaft aus einem einzigen Stück Stein. Aus einem einzigen langen Block. Man nennt das dann monolithisch. Ein Wort … das nur bedeutet: aus einem Stein. Und manchmal ist der Schaft aus mehreren runden Scheiben gebaut. Aus dicken Steinrädern … die man aufeinandergesetzt hat. Diese Scheiben nennt man Trommeln. Eine Trommel auf der anderen … sorgfältig geschichtet … bis der Schaft steht.

Von außen sieht man die Fugen kaum. Der Schaft wirkt wie aus einem Guss … still und ganz. Jetzt kommt etwas Feines. Etwas, das man leicht übersieht. Die Säule ist oben nicht so dick wie unten. Sie wird nach oben hin schmaler. Ganz langsam … ganz sanft … verjüngt sie sich. Das gibt ihr etwas Leichtes. Sie steht fest auf dem Boden … und wird nach oben hin zarter … als würde sie sich strecken. Und diese Verjüngung ist nicht schnurgerade. Sie folgt einer weichen Kurve. Der Schaft wölbt sich in der Mitte ein klein wenig nach außen. Nur ein Hauch. Kaum zu sehen. Diese leise Wölbung hat einen eigenen Namen. Man nennt sie Entasis.

Die scheinbare Wölbung des Schafts

Es ist eine scheinbare Wölbung … so fein … dass das Auge sie mehr fühlt als sieht. Sie macht die Säule lebendig. Nicht steif … nicht starr … sondern ruhig atmend … wie etwas, das trägt. Viele Säulen tragen feine Rillen. Senkrechte Rillen … von unten nach oben. Sie laufen den ganzen Schaft entlang. Gerade … parallel … Seite an Seite. Man nennt diese Rillen Kanneluren. Ein weiches Wort … für eine ruhige Sache. Bei manchen Säulen sind es etwa zwanzig Rillen. Sie treffen sich in scharfen Graten … Kante an Kante. Bei anderen Säulen sind es ein paar mehr. Und dann liegt zwischen den Rillen ein schmaler Steg. Ein kleiner, glatter Streifen … der die Rillen voneinander trennt … ganz sanft.

Wenn das Licht über eine solche Säule wandert … entsteht ein ruhiges Muster. Licht und Schatten … Rille für Rille … den ganzen Schaft hinauf. Und darum wirkt eine kannelierte Säule niemals schwer. Sie wirkt gestreift und leicht … wie ein Bündel dünner Stäbe … das ruhig nach oben steht. Sie steht aufrecht … und sie trägt … ganz ruhig. Ganz oben auf dem Schaft sitzt das Kapitell. Der Kopf der Säule. Das Kapitell ist die Stelle … an der die Säule ihre Last empfängt. Es sitzt zwischen dem Schaft und dem, was darüber liegt … und es fängt das Gewicht auf … weich und breit. Ohne Kapitell würde die Last hart auf den Schaft drücken. Mit dem Kapitell aber … verteilt sie sich sanft.

Das Kapitell ist wie eine ruhige Hand … die von oben etwas entgegennimmt … und es weitergibt nach unten. Manchmal ist es ganz schlicht. Nur ein weiches Kissen aus Stein … ein flacher, runder Wulst. Und manchmal ist es reich verziert. Mit Formen, die sich einrollen … oder mit Blättern aus Stein. Davon erzähle ich dir gleich. Ganz in Ruhe. Denn diese verschiedenen Köpfe … gehören zu den verschiedenen Arten von Säulen. Über sehr lange Zeit haben Menschen Säulen gebaut. Und dabei sind feste Formen entstanden. Man nennt sie die Säulenordnungen. Eine Ordnung … das ist eine Art … eine Säule zu bauen. Wie hoch sie ist im Verhältnis zu ihrer Dicke. Welchen Fuß sie hat. Welchen Kopf.

Die alten Säulenordnungen

Es sind ein paar wenige Ordnungen … und sie sind über die Zeit immer wieder verwendet worden. Jede hat einen eigenen Namen. Und jeder Name gehört zu einem eigenen Bild. Ich erzähle dir von den ruhigsten und ältesten. Ganz langsam. Eine nach der anderen. Die erste ist die dorische Säule. Sie ist die schlichteste von allen. Sie ist eher gedrungen. Kräftig … ruhig … mit einem festen Stand. Ihr Kopf ist ganz einfach. Nur ein weiches Kissen aus Stein … ein runder Wulst … und darüber eine flache Platte. Die dorische Säule braucht keinen Schmuck. Sie steht einfach da … und trägt … mit ruhiger Kraft. Man findet sie in den ältesten Hallen. In einem fernen, warmen Land am Meer … wo die Sonne hell auf den Stein fällt.

Sie ist wie ein ruhiger, kräftiger Mensch … der wenig sagt … und viel hält. Die zweite ist die ionische Säule. Sie ist schlanker. Sie streckt sich weiter nach oben … und sie verjüngt sich nur ganz leicht. Ihr Kopf trägt zwei eingerollte Formen. Zwei Schnecken aus Stein … links und rechts. Man nennt diese eingerollten Formen Voluten. Sie rollen sich ein … weich … wie zwei ruhende Wellen. Die ionische Säule wirkt darum feiner. Zierlicher. Sie steht ebenso sicher wie die dorische … doch sie tut es leiser … mit einem Kopf, der sich sanft einrollt. Die dritte ist die korinthische Säule. Sie ist die schlankste … und die höchste.

Sie reicht am weitesten nach oben … dünn … elegant … und ruhig. Und ihr Kopf ist der reichste von allen. Er ist mit Blättern aus Stein besetzt. Es sind Blätter einer Pflanze … in mehreren Reihen … die sich rund um den Kopf legen. Sie sehen aus wie ein Kelch aus Laub. Ein steinerner Blätterkelch … der die Last von oben aufnimmt. Die korinthische Säule ist die zierlichste. Und doch trägt auch sie … still … und ohne Mühe. Es gibt noch zwei weitere Ordnungen. Sie kamen später dazu. Die eine ist besonders schlicht. Ihr Schaft ist oft ganz glatt … ohne Rillen … und ihr Kopf ist einfach.

Sie ist die ruhigste und einfachste … und sie steht gern ganz unten … wo sie am meisten trägt. Die andere ist eine Mischung. Sie nimmt die eingerollten Formen der einen … und die steinernen Blätter der anderen. Und aus beidem macht sie einen reichen, vollen Kopf. Sie ist die schmuckvollste … und die schlankste. So gibt es also eine ganze ruhige Reihe. Von der schlichten, kräftigen Säule … bis zur zarten, reich geschmückten. Wenn Menschen ein Haus mit mehreren Stockwerken bauten … stellten sie die Ordnungen übereinander. Unten die kräftige, einfache Säule. Darüber die schlankere. Und ganz oben die zierlichste. So wie es sich anfühlt … wenn etwas Schweres unten steht … und etwas Leichtes oben.

Das Auge findet das ruhig. Es ist eine sanfte Ordnung … von schwer nach leicht … von kräftig nach zart. Und über allen Säulen liegt ein waagerechter Aufbau. Ein langer Streifen aus Stein … der von Säule zu Säule reicht. Man nennt ihn das Gebälk. Er ruht auf den Köpfen der Säulen … und die Säulen tragen ihn … Kopf um Kopf … den ganzen Gang entlang. Nun frage ich mich, wie man eine Säule aus Stein baut. Und die Antwort ist ruhig und geduldig. Zuerst kommt der Stein aus dem Berg. Aus dem Steinbruch … grob … kantig … schwer. Dann wird er langsam bearbeitet. Rund gemacht. Geglättet. Man drehte den Stein … und glättete ihn dabei … so ähnlich, wie man Holz auf einer Drehbank glättet.

Wie aus einem kantigen Block ein runder Schaft wird

Ganz langsam wurde aus dem kantigen Block ein runder Schaft. Schicht für Schicht … Strich für Strich. Und wenn die Säule aus Trommeln bestand … setzte man die runden Scheiben aufeinander. In der Mitte steckte oft ein kleiner Zapfen. Ein Dübel … der eine Trommel mit der nächsten verband. So hielt der Schaft zusammen. Ruhig … sicher … Scheibe auf Scheibe. Und erst ganz am Ende … wenn die Säule schon aufrecht stand … schnitt man die feinen Rillen in den Stein. Von oben nach unten … Rille für Rille … in aller Ruhe. Bevor die Menschen Säulen aus Stein bauten … bauten sie Säulen aus Holz. Das Holz war der Anfang. Ein gerader Stamm … aufrecht gestellt … der ein Dach trug.

Auch das Holz wurde geglättet. Auf einer Art Drehbank … rund und weich gemacht. Und man sagt, dass die Steinsäulen später … die Formen der Holzsäulen nachahmten. Der Stein erinnerte sich an das Holz. An den runden Stamm … an den ruhigen Wuchs nach oben. So trägt jede steinerne Säule ein altes Bild in sich. Das Bild eines Baumes … der aufrecht steht … und ein Dach hält. Sie steht aufrecht … und sie trägt … ganz ruhig. Wozu baute man so viele Säulen. Der Grund ist einfach. Eine Reihe von Säulen kann eine Wand ersetzen. Statt einer geschlossenen Mauer … steht eine Reihe schlanker Stützen. Dazwischen ist Luft. Dazwischen ist Licht.

So entsteht eine Halle, die offen ist. Man kann hindurchschauen. Man kann hindurchgehen. Und das Dach liegt trotzdem sicher oben … getragen von den Säulen … eine nach der anderen. Stell dir vor, du gehst durch eine solche Reihe. Links eine Säule … rechts eine Säule … und immer wieder eine neue. Eine lange Reihe gleicher, ruhiger Stützen. Wie Bäume in einer Allee. Zwischen ihnen wandert dein Blick … und findet immer wieder dasselbe stille Bild. Eine Säule … und dahinter noch eine … und dahinter noch eine. Manchmal stehen die Säulen vor einem Haus. Sie bilden eine Vorhalle. Man tritt aus der Sonne … in den Schatten der Säulen … bevor man ins Haus geht.

Es ist ein ruhiger Übergang. Draußen das helle Licht … und hier zwischen den Säulen … eine sanfte Kühle. Und manchmal stehen die Säulen ganz um einen Hof herum. Auf allen vier Seiten. Dann liegt in der Mitte ein stiller, offener Platz … und rundherum ein schattiger Gang aus Säulen. Man kann im Kreis gehen … immer im Schatten … immer an Säulen entlang … während in der Mitte die Sonne auf den Boden fällt. Nicht nur in einem Land am Meer baute man Säulen. Auch anderswo, weit weg. In einem alten, warmen Land an einem großen Fluss … baute man die ältesten Säulen der Welt. Und diese Säulen erinnerten an Pflanzen. An das Schilf, das am Wasser wächst.

Köpfe wie Blüten und Bündel – jedes Land seine Art

Manche sahen aus wie ein Bündel Stängel. Oben zusammengebunden … mit einem Kopf wie eine geschlossene Blüte. Andere trugen oben eine offene Blüte. Einen Kelch aus Stein … weit und ruhig. Und wieder andere trugen oben die Wedel einer Palme. So standen steinerne Pflanzen in den Hallen. Ein steinerner Garten … still … der ein schweres Dach trug. In einem anderen fernen Land, weiter im Osten … baute man sehr schlanke, sehr hohe Säulen. Auch sie hatten feine Rillen. Und oben trugen sie einen besonderen Kopf. Auf manchen Säulen ruhten dort Tiere aus Stein. Zwei Tierköpfe … Rücken an Rücken … die den Balken über sich hielten. Es ist ein ruhiges Bild. Ganz oben auf der schlanken Säule … zwei stille steinerne Tiere … die tragen.

So hatte jedes Land seine eigene Art. Seine eigenen Köpfe … seine eigenen Formen. Und doch taten alle Säulen dasselbe. Sie standen aufrecht … und sie hielten … das Dach über den Menschen. Nicht jede Säule trägt ein Dach. Manche stehen ganz für sich allein. Sie tragen nichts über sich … außer vielleicht eine kleine Figur ganz oben. Solche einzelnen Säulen stellte man auf … um an etwas zu erinnern. Sie standen mitten auf einem Platz. Hoch … schlank … und für sich. Manche waren rundherum mit Bildern bedeckt. Ein langes Band aus Bildern … das sich spiralförmig nach oben wand. Wie ein Faden … der sich um die Säule legt … vom Fuß bis zur Spitze.

Wer daran hinaufschaute … folgte dem Band mit den Augen … Runde um Runde … bis ganz nach oben. Doch auch diese Säule tat, was Säulen tun. Sie stand aufrecht … ruhig … und ließ den Blick nach oben wandern. Es gibt noch eine besondere Art von Stütze. Eine, die aussieht wie ein Mensch. Manchmal ersetzte man die Säule durch eine Figur. Durch eine Gestalt aus Stein … die den Balken auf ihrem Kopf trug. Eine ruhige, aufrechte Figur … die still dasteht … und die Last hält. Sie steht da wie eine Säule. Aufrecht … geduldig … ohne sich zu regen. Und über ihr liegt das Gewicht des Daches … das sie ruhig trägt … Jahr um Jahr.

So wird aus der Säule fast ein stiller Mensch … der aufrecht steht … und der trägt. Ganz am Anfang, vor sehr langer Zeit … banden Menschen Schilfrohr zu Bündeln. Sie stellten die Bündel aufrecht … und banden sie oben zusammen. So entstand eine erste, einfache Stütze. Aus Halmen … weich … und doch tragend. Später baute man dieselbe Form aus Stein nach. Der Stein erinnerte sich an das Schilf. An das Bündel … an die Bindung ganz oben … an die aufrechte, ruhige Gestalt. So trägt manche steinerne Säule bis heute ein altes Bild in sich. Das Bild eines Bündels Halme … am Ufer eines stillen Flusses … das sich im Abendwind kaum bewegt.

Die Säule wie ein Baum – und ihr Fuß

Immer wieder ist die Säule wie ein Baum. Ein aufrechter Stamm. Sie wächst aus dem Boden nach oben … gerade … schlank … ruhig. Unten steht sie fest … und oben breitet sich ihr Kopf aus … wie eine kleine Krone. Vielleicht mögen wir Säulen darum so gern. Weil sie uns an Bäume erinnern. An einen Wald … in dem die Stämme still nach oben stehen … und das Dach aus Zweigen tragen. Eine Halle voller Säulen ist wie ein steinerner Wald. Still … kühl … und aufrecht. Und du darfst ruhig durch diesen Wald gehen … langsam … Stamm um Stamm … bis der Schlaf dich holt. Es lohnt sich, noch einmal auf den Fuß der Säule zu schauen. Denn auch der Fuß hat viele Gestalten.

Manche Füße sind ganz flach und breit. Andere sind höher … mit mehreren Ringen übereinander. Da ist ein dicker Wulst unten … darüber eine sanfte Kehle … und darüber wieder ein Wulst. Es ist ein ruhiges Auf und Ab. Rund … schmal … rund. Wenn Licht darauf fällt … legt sich in die Kehlen ein weicher Schatten … und die Wülste leuchten sacht. So steht die Säule nicht einfach auf dem Boden. Sie steht auf einem kleinen, ruhigen Sockel aus runden Formen … der die Last breit verteilt. Denk noch einmal an eine ganze Reihe von Säulen. An einen langen Gang. Wenn du hindurchgehst … zählst du sie fast von selbst.

Eine … und noch eine … und noch eine. Immer der gleiche Abstand. Immer die gleiche Höhe. Es ist wie ein ruhiger Takt. Ein stiller Schritt … Säule um Säule. Und wenn du in einem solchen Gang stehen bleibst … und ganz leise bist … hörst du vielleicht das feine Echo deiner eigenen Schritte … das langsam verklingt. Zwischen den Säulen wird alles ruhig. Der Schall … das Licht … und die Gedanken. Manche Säulen stehen ganz für sich, mitten im Land. Nicht in einer Halle … sondern frei unter dem Himmel. Früher stellte man sie auf … um an etwas zu erinnern. An einen Dank … an ein Versprechen … an ein altes Wort.

Säulen, die eine Figur tragen

Manchmal trug eine solche Säule oben eine kleine Figur. Manchmal nur eine Kugel … oder gar nichts. Sie stand einfach da … hoch … schlank … sichtbar von weitem. Und die Menschen, die vorbeikamen … schauten kurz hinauf … und gingen weiter. Die Säule aber blieb. Ruhig … geduldig … Jahr um Jahr am selben Ort. Nicht jede Säule steht im Freien. Manche stehen versteckt. Hoch oben, unter dem Dach eines Hauses … stehen kleine Säulen aus Holz. Sie stützen den Dachstuhl. Sie halten die schweren Balken … die das Dach tragen. Niemand sieht sie. Sie arbeiten im Verborgenen … über den Köpfen der Menschen. Und doch tun sie genau dasselbe. Sie stehen aufrecht … und sie tragen … still … im Dunkeln unter dem Dach.

So gibt es Säulen im Licht … und Säulen im Schatten … und alle halten, was über ihnen liegt. Es ist ein schöner Gedanke. Eine Säule sieht ein wenig aus wie ein Mensch, der steht. Sie hat einen Fuß … mit dem sie auf dem Boden steht. Sie hat einen langen, aufrechten Körper. Und sie hat einen Kopf … ganz oben. Vielleicht haben die Menschen die Säule darum so gebaut. Weil sie selbst so stehen … aufrecht … und ruhig. Und wenn eine Figur aus Stein die Säule ersetzt … dann steht dort wirklich ein steinerner Mensch … und trägt. Aufrecht … geduldig … mit dem Dach auf den Schultern.

Lass uns noch einen Augenblick in der Halle bleiben. Es ist kühl hier zwischen den Säulen. Der Stein hält die Kühle des Tages fest. Er gibt sie langsam wieder ab … ganz sacht … in die Abendluft. Wenn du die Hand auf den Schaft legen würdest … wäre er glatt und kühl … und fest. Er würde sich nicht bewegen. Nicht einen Hauch. Er würde einfach dastehen … so wie er gestern dastand … und wie er morgen dastehen wird. Und diese Ruhe des Steins … diese schwere, sichere Ruhe … darf sich ein wenig auf dich legen. Ich denke jetzt an dieses eine Wort. Tragen. Eine Säule trägt. Das ist das Einzige, was sie tut.

Sie hält etwas Schweres … und gibt es weiter nach unten … still … ohne zu klagen. Das Gewicht kommt von oben. Vom Dach … vom langen Balken aus Stein. Es wandert durch den Kopf der Säule … durch den langen Schaft … durch den ruhigen Fuß … bis in den Boden. Und der Boden nimmt es auf. Ganz ruhig. So fließt das Gewicht nach unten … wie Wasser, das den sanftesten Weg sucht … immer nach unten … immer zur Ruhe. Ganz oben, dort wo der Schaft endet … liegt manchmal ein feiner Hals. Ein schmaler Streifen unter dem Kopf … den man mit kleinen Ringen verziert hat. Ein paar dünne Ringe aus Stein … die um die Säule laufen … wie ein stilles Band.

Die Platte, auf der das Gebälk ruht

Und ganz oben auf dem Kopf … liegt oft eine flache, viereckige Platte. Auf ihr ruht das Gewicht. Sie ist die letzte, oberste Fläche … auf der der Balken liegt. So hat die Säule unten eine viereckige Platte … und oben eine viereckige Platte … und dazwischen ihren runden, schlanken Körper. Über den einfachen, kräftigen Säulen … liegt manchmal ein besonderes Band aus Stein. Ein Streifen … in dem sich zwei Formen abwechseln. Da sind schmale Felder mit senkrechten Rillen. Drei Rillen nebeneinander … immer wieder. Und dazwischen liegen glatte, ruhige Flächen. Manchmal ganz leer … manchmal mit einem stillen Bild. So läuft das Band über die Säulen hinweg. Ein gerilltes Feld … dann eine glatte Fläche … dann wieder ein gerilltes Feld.

Ein ruhiger Wechsel … den ganzen Gang entlang … über allen Köpfen der Säulen. Man kann eine Säule auch in Zahlen beschreiben. Ganz ruhig. Man schaut, wie oft ihre Dicke in ihre Höhe passt. Wie oft der untere Durchmesser … nach oben hineinpasst. Bei der kräftigen, gedrungenen Säule … passt er etwa sieben Mal hinein. Sie ist also sieben Mal so hoch wie dick. Das macht sie stämmig … und fest. Bei der schlanken Säule … passt er zehn oder zwölf Mal hinein. Sie ist also viel höher als dick. Und darum wirkt sie so zart … so aufgeschossen … wie ein junger Stamm. Es ist nur ein einfaches Verhältnis. Und doch entscheidet es … ob eine Säule kräftig wirkt … oder leicht.

Säulen in fernen Ländern

In einem fernen Land im Osten … drehte man Säulen aus vollem Stein. Man spannte den Steinblock ein … und drehte ihn … und formte ihn dabei rund. So entstanden Säulen mit vielen weichen Wülsten. Ring über Ring … Wulst über Wulst … wie gedrechselt. Sie sahen aus, als hätte man sie aus Holz gedreht. Und doch waren sie aus hartem Stein. Manche Schäfte waren nicht rund … sondern hatten viele flache Seiten. Acht Seiten vielleicht … die sich sanft um den Schaft legten. So gab es überall auf der Welt … Menschen, die geduldig Stein drehten … und Säulen formten. Noch weiter im Osten … baute man vor allem mit Holz.

Dort standen die Säulen aus Holz … und trugen lange Balken … die quer über ihnen lagen. Es waren ruhige, hölzerne Hallen. Warm … und still. Der Balken lag über der Säule … und weitere Balken lagen darüber … Schicht um Schicht … bis das Dach getragen war. So war es nicht immer der Stein … der die Dächer der Menschen hielt. Oft war es das Holz. Ein ruhiger Stamm … aufrecht gestellt … der ein Dach trug. Und in einem Land weit über dem Meer … baute man runde Säulen aus Stein. Sie waren oft ganz schlicht. Aus einem einzigen Stück … ohne verzierten Kopf. Nur ein schmuckloser, runder Schaft … der einen Block über sich trug.

Auch hier also, weit weg … stellten Menschen runde Stützen auf … und legten ein Dach darüber. Es scheint fast … als hätten Menschen überall dasselbe gedacht. Etwas Aufrechtes … etwas Rundes … das die Last vom Boden nach oben hebt. Auch heute noch baut man Säulen. Sie sind nur oft aus anderem Stoff. Man gießt sie aus flüssigem Beton … in ein rundes Rohr. Der Beton füllt das Rohr … wird fest … und wird zur Säule. Dann nimmt man das Rohr weg … und die runde Säule steht. Sie trägt eine Decke … oder ein ganzes Haus … so still wie ihre steinernen Vorfahren. Und in mancher Stadt steht eine runde Säule am Straßenrand. Dick … und ruhig … mit Zetteln beklebt, die von Dingen erzählen.

Auch sie ist rund … auch sie steht aufrecht … mitten im leisen Abend der Stadt. Nicht immer liegt ein gerader Balken auf den Säulen. Manchmal liegt dort ein Bogen. Von einer Säule zur nächsten spannt sich ein runder Bogen aus Stein. Und daneben noch einer … und noch einer. So entsteht eine ganze Reihe von Bögen … die auf schlanken Säulen ruhen. Es ist ein weiches Auf und Ab. Die Säule steht gerade … und darüber schwingt der Bogen … rund … und ruhig. Wenn du an einer solchen Reihe entlangschaust … siehst du Bogen hinter Bogen. Ein sanftes Wellen aus Stein … das immer kleiner wird in der Ferne … bis es sich im Schatten verliert.

In einer sehr großen Halle

Und manchmal steht man in einer sehr großen Halle … in der die Säulen in alle Richtungen stehen. Nicht nur in einer Reihe … sondern in vielen Reihen … nach vorn … und zur Seite. Wohin du auch schaust … steht eine Säule … und dahinter noch eine. Es ist ein dichter, stiller Wald aus Stein. Kühl … und schattig … und ruhig. Zwischen den Schäften wandert der Blick … und findet kein Ende. Nur Säule um Säule … Stamm um Stamm … in einem ruhigen, gleichmäßigen Muster … so weit das Auge reicht. Sie steht aufrecht … und sie trägt … ganz ruhig. Stell dir vor, es ist jetzt Nacht in der alten Halle. Der Mond ist aufgegangen.

Sein Licht fällt schräg herein … und legt sich über die Säulen. Auf jedem Schaft wandert das Licht in die feinen Rillen. Eine helle Kante … und daneben ein dunkler Grund. Rille für Rille … den ganzen Schaft hinauf … ein ruhiges Spiel aus Silber und Schatten. Die Säulen stehen still. Sie schlafen nicht … und sie wachen nicht. Sie stehen einfach … und tragen … die ganze Nacht hindurch … ohne müde zu werden. Lass uns nun langsam zurückgehen. Zurück in die stille Halle vom Anfang. Es ist immer noch Abend. Das Licht ist fast ganz gegangen. Und in der Mitte steht die Säule. Nur eine. Sie hat einen Fuß … der fest auf dem Boden ruht.

Sie hat einen Schaft … schlank und aufrecht … mit feinen Rillen. Und sie hat einen Kopf … der die Last von oben aufnimmt … weich … und ruhig. Sie steht aufrecht. Und sie trägt. Ganz ruhig. Sie hat es nie eilig gehabt. Sie hat immer nur getragen … langsam … still … über sehr lange Zeit. Und während du hier liegst … darf auch dein Tag zur Ruhe kommen. Alles, was schwer war … darf jetzt nach unten sinken. So wie die Last einer Säule nach unten sinkt … durch den Schaft … durch den Fuß … in den ruhigen Boden. Du musst nichts mehr halten. Nichts mehr tragen.

Die Säule hält. Ganz ruhig. Und du darfst jetzt loslassen. Ganz weich. Die Säule steht. Sie trägt. Sie bleibt. Morgen Abend steht sie noch immer da … in ihrer stillen Halle … aufrecht … und ruhig. Und du musst nichts tun … als atmen … und ruhig werden … und schlafen. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.

Quelle und Lizenz

Dieser Text beruht auf den Wikipedia-Artikeln «Säule» und «Säulenordnung». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.

Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.