Gute Nacht mit Fridolin – zur Startseite

Folge 57 · 18. September 2026 · 42 Minuten

Das Seil zieht, der Pylon drückt

Fridolin sitzt auf Wolken und hält ein Modell einer Hängebrücke mit zwei Türmen und einem durchhängenden Tragseil.

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht

Ein Ufer, ein breiter Fluss, und darüber eine Fahrbahn, unter der nichts ist als Wasser. Keine Pfeiler, kein Gewölbe. Diese Einschlafgeschichte für Erwachsene folgt einem Satz durch die ganze Folge: das Seil zieht, der Pylon drückt.

Was das Seil an beiden Enden festhält, ist ein Betonklotz im Boden — bei einer Brücke in Dänemark hundertzweiundzwanzig mal fünfundfünfzig Meter Grundfläche und dreiundsiebzig Meter hoch, ein Hochhaus im Boden, dessen ganze Aufgabe darin besteht, sich nicht zu bewegen. Ein Tragseil ist kein Seil im gewohnten Sinn, sondern tausende Drähte parallel nebeneinander. Und beim Bauen zieht man sie einzeln über das Wasser.

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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte

4.176 Wörter · rund 21 Minuten zum Lesen, Mitlesen oder Vorlesen

Stell dir ein Ufer vor … einen Fluss, breit und langsam, und einen gepflasterten Weg. Der Boden ist trocken, und am Rand wächst Gras zwischen den Steinen. Es ist Abend, und über dem Wasser hängt Dunst. Drüben brennen schon Lichter. Und über dem Fluss liegt eine Brücke. Aber nicht so, wie du sie zuerst vor dir siehst. Denn die Fahrbahn liegt auf nichts. Unter ihr ist Wasser und sonst gar nichts. Keine Pfeiler. Kein Gewölbe. Nichts, was von unten drückt. Die Brücke hängt. Was du siehst, sind zwei Türme. Einer hier am Ufer, einer drüben. Und über ihre Spitzen läuft ein Seil. Es kommt aus dem Boden neben dir, geht schräg nach oben zum ersten Turm … und von dort in einem weiten Bogen hinunter über den Fluss. In der Mitte ist es dem Wasser am nächsten. Dann steigt es wieder zum anderen Turm. Und dahinter geht es wieder in den Boden. Und von dem weiten Bogen, den das Seil über dem Fluss macht, hängen senkrechte Seile herab. Viele, in gleichen Abständen. Kurze in der Mitte. Lange an den Türmen. Und an ihren unteren Enden hängt die Fahrbahn.

Das Seil zieht. Der Pylon drückt.

Das Seil zieht, der Pylon drückt

Denn das ist der ganze Gedanke, und er ist erstaunlich einfach. Alles, was auf der Brücke liegt, zieht an einem senkrechten Seil nach unten. Diese senkrechten Seile heißen Hänger. Und sie hängen an dem großen Bogen, der über die Türme läuft. Der große Bogen heißt Tragseil. Und in ihm ist Zug. Nichts als Zug. Das ganze Seil wird auseinandergezogen, in seiner ganzen Länge. Oben auf dem Turm läuft das Seil über die Spitze und auf der anderen Seite wieder hinunter. Es zieht also von links und von rechts nach unten. Und darum wird der Turm nach unten gedrückt. Der Turm wird also zusammengedrückt. Von oben. Und er gibt diesen Druck in den Boden weiter. Diese Türme heißen Pylone. Sie stehen, und sie drücken. Das Seil zieht also, und der Pylon drückt. Und dazwischen hängt eine Straße.

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Und jetzt kommt die Frage, die ich zuerst nicht bedacht hatte. Wenn das Tragseil an beiden Enden zieht, was hält es dann fest. Denn es endet nicht am Pylon. Es läuft über ihn hinweg und geht dahinter weiter. Schräg nach unten, in den Boden hinein.

Und dort steckt etwas, das ich mir vorher nie vorgestellt hatte. Ein Klotz aus Beton. Sehr groß, sehr schwer und ganz unten im Grund. Man nennt ihn den Ankerblock. Und seine Aufgabe ist, nicht nachzugeben. Auch dann nicht, wenn die Brücke voll beladen ist und ein Sturm darüber geht. Und weil das so ist, sind diese Klötze gewaltig. Bei einer Brücke in Dänemark hat einer eine Grundfläche von hundertzweiundzwanzig … mal fünfundfünfzig Metern. Und er ist dreiundsiebzig Meter hoch. Er wirkt allein durch sein Gewicht. Und nur seine Spitze schaut aus dem Wasser. Bei einer Brücke zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada ist der Ankerblock … so hoch wie ein Gebäude mit sechzehn Geschossen. Und zur Hälfte steckt er unter der Erde. Ein Hochhaus im Boden, dessen ganze Aufgabe darin besteht, sich nicht zu bewegen. Früher waren solche Blöcke aus Steinquadern gemauert. Heute sind sie aus Beton. Eine Brücke, die den Zug in den Boden weitergibt, nennt man erdverankert. Und das sind die meisten. Es gibt aber noch eine zweite Art, und die ist raffiniert. Da befestigt man die Tragseile nicht im Boden, sondern an der Fahrbahn selbst. Dann zieht das Seil an den beiden Enden der Fahrbahn nach innen … und drückt sie damit zusammen. Die Brücke hält sich also selbst. Man nennt das selbstverankert. Und man baut so, wenn der Boden den Zug nicht aufnehmen kann. Der Preis dafür ist allerdings hoch. Die Fahrbahn muss dann viel kräftiger sein … die Seile schwerer, die Pylone stärker. Und die Seile kommen erst an die Reihe, wenn die Fahrbahn schon da ist. Die Reihenfolge ist also umgedreht. Durchgesetzt hat sich das nicht. Aber es gibt sie. Eine steht in Köln, von neunzehnhundertsiebenundzwanzig. In Duisburg eine. In Krefeld eine.

Beim Tragseil gibt es eine Zahl, die alles andere bestimmt. Und das ist der Durchhang. Also wie tief der Bogen in der Mitte hinunterkommt. Und der beträgt ein Zwölftel bis ein Achtel der Spannweite. Also des Abstands zwischen den beiden Türmen. Also: Ist dieser Abstand achthundert Meter, dann hängt das Seil in der Mitte … etwa siebzig bis hundert Meter tiefer als an den Pylonspitzen. Und daraus folgt etwas, das man an jeder großen Brücke sieht. Wer weiter spannen will, braucht höhere Türme. Denn der Durchhang wächst mit der Spannweite mit. Und wenn er in der Mitte nicht ins Wasser reichen soll … muss der Bogen weiter oben anfangen. Wie viele Tragseile so eine Brücke hat, ist übrigens schnell gesagt. Es sind zwei. Eines links, eines rechts. Bei sehr breiten Brücken auch drei oder vier. Und oben auf dem Pylon liegt das Seil nicht einfach auf. Es läuft über ein Lager, das man Sattel nennt. Manche Sattel liegen offen. Manche stecken in einem Gehäuse. Der Bogen selbst folgt übrigens nicht ganz der Linie, die eine hängende Kette macht. Die kennt jeder: eine Kette, die man an zwei Enden hält, hängt durch. Aber diese Form gilt nur, wenn die Kette nichts trägt als sich selbst. Hier hängt eine Straße daran. Und darum ist die Form hier eine andere.

Woraus so ein Tragseil besteht, ist der Teil, den ich am schönsten finde. Denn es ist kein Seil im gewohnten Sinn. Es ist ein Bündel aus sehr vielen einzelnen Drähten, die alle parallel liegen. Nicht verdrillt. Nebeneinander, in dieselbe Richtung. Diese Drähte sind hochfest und verzinkt, damit sie nicht rosten. Und riesige Klemmen pressen das Bündel zusammen. Bei mittleren Brücken macht man es anders. Da nimmt man fertige Drahtseile. Siebenunddreißig davon, zu einem Sechseck gepresst. Und die Anordnung darin ist wunderbar regelmäßig. Ein Sechseck aus Seilen. Und das ist dann das Tragseil. Die Hänger sind ebenfalls verzinkt. Und sie hängen nicht überall senkrecht. Bei manchen Brücken hängen sie schräg. Abwechselnd schräg nach vorn und schräg nach hinten. An jedem Befestigungspunkt enden dann zwei. Das sieht aus wie ein Zickzack in der Luft. Und es hat einen Grund. Die Brücke wird dadurch steifer und biegt sich weniger … wenn die Last nur auf einer Seite liegt. An manchen Hängerenden sitzen außerdem Dämpfer. Damit nichts nachschwingt.

Die Fahrbahn selbst hat einen Namen, der ihre Aufgabe verrät. Man nennt sie den Versteifungsträger. Denn sie trägt nicht nur die Autos. Sie verteilt jede Last auf viele Hänger. Ohne sie würde die Brücke unter einem einzelnen Fahrzeug eine Delle bekommen. Gebaut wird sie auf drei Arten. Als Fachwerk, also als Gitter aus Stäben. Als flacher Träger mit Wänden. Oder als geschlossener Kasten. Und eine Eigenschaft muss sie unbedingt haben. Sie darf sich nicht verdrehen lassen. Also steif gegen Drehung sein, über ihre ganze Länge. Darum wird ihr Querschnitt im Windkanal untersucht und geformt. Man baut ein Modell, lässt Luft daran vorbeiströmen und schaut, was passiert. Und bei sehr breiten Brücken macht man etwas, das erst einmal seltsam klingt. Man teilt die Fahrbahn längs in zwei Streifen. Mit einem offenen Spalt dazwischen. Bei einer Brücke in Schottland sind Gehweg und Radweg auf diese Weise abgetrennt. Und dann strömt die Luft mitten durch die Brücke hindurch.

Und jetzt kommt eine Kleinigkeit, die ich beim Nachlesen gar nicht erwartet hätte. Auf den Tragseilen großer Brücken liegt ein Weg. Ein schmaler Steg, manchmal eine Treppe, mit einem einfachen Geländer aus Drahtseil. Für die Leute, die die Brücke prüfen und pflegen. Das heißt: Man kann das Tragseil zu Fuß hinaufgehen. Vom Ufer bis zur Pylonspitze, auf dem Seil. Und für die Prüfung der Seile gibt es eigene Maschinen. Sie haben einen Namen, der so umständlich ist, dass ich ihn mag. Brückenseilbesichtigungsgeräte. Auch der Rostschutz ist Handarbeit über Jahrzehnte. Man streicht die Seile in wiederkehrenden Abständen mit Schutzfarbe. Oder man umwickelt sie mit einem Band aus Kunstkautschuk. Das hält deutlich länger, und dann muss man seltener hin.

Die Pylone sind meistens keine einfachen Türme, sondern Rahmen. Zwei Pfeiler, durch zwei oder mehr Querriegel verbunden. Bei sehr breiten Brücken auch drei Pfeiler. Gebaut werden sie als Kasten aus Stahl oder aus Stahlbeton. Früher waren es gusseiserne Pfeiler auf Sockeln aus Stein. Oder ganze Tortürme, gemauert. Und in sehr hohen Stahlpylonen sitzt etwas, das mir gefällt. Ein Einbau, der die Schwingungen des Turms dämpft. Damit oben nichts nachschwingt, wenn der Wind kommt.

Und jetzt möchte ich dir die zweite Brückenart erklären, die man leicht verwechselt. Denn beide haben Seile und Türme. Aber sie arbeiten verschieden. Bei der Hängebrücke läuft ein Seil über die Turmspitzen, in einem Bogen. Und von diesem Bogen gehen senkrechte Hänger nach unten. Bei der anderen gibt es keinen Bogen. Da laufen die Seile gerade. Schräg vom Turm hinunter zur Fahrbahn, jedes einzeln. Man nennt sie darum Schrägseilbrücke. Und wenn du eine siehst, siehst du kein Durchhängen. Du siehst lauter Geraden. Von der Ferne sieht es aus wie ein Fächer. Oder wie eine Harfe. Und der große Unterschied liegt darin, wohin die Kraft geht. Denn ein Schrägseil zieht die Fahrbahn nach oben und den Turm nach unten. Aber es zieht auch waagerecht. Nach innen, zum Turm hin. Und diese waagerechten Züge bleiben in der Fahrbahn. Sie nimmt sie in sich auf. Und darum braucht so eine Brücke keinen Ankerblock im Boden. Keinen Betonklotz, kein Hochhaus in der Erde. Das macht sie günstiger. Für die Anordnung der Seile gibt es drei Muster mit hübschen Namen. Beim Büschelsystem laufen alle Seile in einen einzigen Punkt oben am Turm. Dann wird der Turm nur senkrecht belastet. Beim Harfensystem laufen die Seile parallel. Alle im gleichen Winkel. Sie überschneiden sich nie, egal von wo man schaut. Dafür zieht jedes an einer anderen Stelle des Turms, und der muss das aushalten. Und dann gibt es die Mischform, das Fächersystem. Weder alle Seile in einem Punkt noch alle parallel, sondern dazwischen. Früher nahm man wenige, sehr starke Seile. Heute nimmt man viele kleinere. Und die kann man einzeln austauschen. Ein Bauwerk, dessen tragende Teile man ersetzen kann, ohne es abzureißen.

Wann man welche Bauart nimmt, entscheidet fast nur die Weite. Und die Zahlen dazu sind eindeutig. Bis etwa zweihundert Meter ist ein einfacher Balken oft am günstigsten. Also eine Brücke, die auf Pfeilern liegt. Darüber kommt lange die Schrägseilbrücke. Und ab etwa neunhundert Metern wird die Hängebrücke wirtschaftlicher. Über eintausend Meter bleibt am Ende nur die Hängebrücke. Denn Schrägseilbrücken kommen bisher nur auf etwa die halbe Spannweite einer Hängebrücke. Die größten liegen knapp über eintausend Metern. Und da ist die Grenze.

Wie so eine Brücke entsteht, erzähle ich dir gerne. Denn sie ist logisch, und der spannendste Teil kommt in der Mitte. Zuerst der Grund. Man hebt die Gruben aus und betoniert die Ankerblöcke. Bei jener Brücke in Dänemark, von der ich dir erzählt habe, hat man sie einfach auf den Meeresboden gesetzt. Dann zieht man die Pylone hoch. Und wenn sie sehr hoch sind, kommt oben der Einbau gegen die Schwingungen hinein. Und dann kommt der Schritt, der mich beeindruckt. Denn jetzt ist noch kein Seil da. Es gibt nur zwei Türme und zwei Klötze. Also spannt man ein erstes Hilfsseil über die Türme. Und daran hängt man schmale Laufstege auf. Für die Leute, die arbeiten müssen. Über dem Wasser, ohne Brücke darunter. Und diese Laufstege bekommen genau denselben Durchhang wie die späteren Tragseile. Man baut also erst die Kurve. Und dann legt man das Seil darauf. Und wie das Seil entsteht, hat einen Namen, der wörtlich stimmt. Man nennt es Luftspinnen. Denn einzelne Drähte werden über das Wasser gezogen. Einer nach dem anderen. Auf kleinen Wagen, die auf dem Hilfsseil laufen. Hin. Und zurück. Und wieder hin. Und jedes Mal liegt ein Draht mehr da. Diese Drähte werden zu Strängen gebündelt. Und dann kommen Pressmaschinen … und verdichten die Stränge zu einem runden Tragseil. Riesige Klemmen pressen es zusammen. Danach wird es umwickelt. Ein Tragseil, das eine ganze Brücke hält, entsteht also aus einzelnen Drähten … die jemand über das Wasser gefahren hat. Immer wieder. In Japan macht man es inzwischen etwas anders. Da nimmt man nicht einzelne Drähte … sondern fertige Bündel und fügt sie zusammen. Danach hängt man die Hänger an das Tragseil, hebt die Fahrbahnstücke ein … und schließt sie aneinander an. Und bei der Schrägseilbrücke geht es noch eleganter. Da baut man vom Turm aus in die Luft hinein, Stück für Stück, nach beiden Seiten. Man nennt das Freivorbau. Ein Bauwerk, das sich selbst vorwärts trägt.

Die Geschichte fängt weit weg von Europa an

Und jetzt zur Geschichte der Hängebrücke, denn die fängt sehr weit weg von Europa an. In den Gebirgen Ostasiens und Südamerikas gab es Hängebrücken schon lange … bevor hier jemand davon Notiz nahm. Aus Naturmaterialien. Aus geflochtenen Seilen, aus Lianen, aus Bambus. In Peru hängt über einem Fluss eine Brücke, die es seit über fünfhundert Jahren gibt. Sie gilt als die einzige noch funktionstüchtige Hängebrücke der Inka. In Afrika gab es Brücken aus schräg gespannten Lianen. Und in Laos, auf Borneo und auf Java Brücken aus Bambus. Und dann kommt eine Brücke, die alles Wesentliche zum ersten Mal hat. Sie wurde im Jahr vierzehnhundertdreißig in Tibet gebaut, über einen großen Fluss. Sie war die erste mit eisernen Ketten. Und die erste, bei der man die drei Dinge getrennt hat. Die tragenden Ketten oben. Die Hänger dazwischen. Und der Weg unten. Also genau die Aufteilung, die heute jede Hängebrücke hat. Ihre Weite lag bei etwa hundertsiebenunddreißig Metern. In Europa erschien diese Bauform erst um sechzehnhundertsechzehn auf Papier. In einem Buch über neue Maschinen, mit einer Zeichnung. Und gebaut wurde die erste europäische Kettenbrücke um siebzehnhunderteinundvierzig. In Nordengland. Siebzehnhundertvierundachtzig gab es in Weilburg an der Lahn etwas Merkwürdiges. Da hingen eiserne Stangenketten über den Fluss. Und daran hing keine Straße, sondern die Rohre einer Wasserleitung. Eine Hängebrücke für Wasser.

Ab achtzehnhunderteins begann in Amerika jemand, Kettenbrücken zu bauen … und zwar erstmals außerhalb Asiens so: Tragketten, Hänger und ein Weg, über den man fahren kann. Achtzehnhundertvierundzwanzig entstand in Nürnberg ein Steg über die Pegnitz. Achtundsechzig Meter weit. Und dieser Steg ist die älteste Kettenbrücke Deutschlands. Er steht heute noch.

Schon drei Jahre vor dem Nürnberger Steg war aber in Genf etwas passiert, das die ganze Sache verändert hat. Denn achtzehnhundertdreiundzwanzig baute man dort eine Brücke … die nicht an Ketten hing, sondern an Drahtseilen. Zweiundachtzig Meter. Und es war die erste Drahtseil-Hängebrücke der Welt. Ein Jahr später kam in Frankreich die erste, über die man auch fahren konnte. Und warum das in Frankreich anfing und nicht in England, ist eine hübsche Geschichte. Denn England hatte gute Ketten. Verlässliche, gleichmäßige Ketten. Frankreich hatte die nicht, weil es vom englischen Eisen abgeschnitten war. Also musste man dort etwas anderes nehmen. Und nahm Draht. Und der Grund, warum das ein Vorteil war, ist einfach. Eine Kette ist immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Ein Bündel aus vielen Drähten nicht. Da gleichen sich Unterschiede aus. Ist ein Draht schlechter, tragen die anderen mit. Ein Mangel an verlässlichen Ketten führte also zur besseren Bauweise. Achtzehnhundertdreißig wurde dann das Luftspinnen vorgestellt. Also das Ziehen der einzelnen Drähte, einer nach dem anderen, über das Wasser. Und achtzehnhundertvierunddreißig erfand ein Oberbergrat in Clausthal … das Drahtseil. Ein Jahr später stand in Freiburg im Üechtland die weiteste Brücke der Welt. Zweihundertdreiundsiebzig Meter. Und die Tragseile dieser Brücke bestanden aus eintausendsechsundfünfzig Einzeldrähten … von je drei Millimetern. Alle parallel. Über eintausend Drähte, jeder drei Millimeter dick. Ein Unternehmen in Frankreich baute in vierzig Jahren über sechzig solche Brücken. Und der Grund war einfach Geld. Man konnte damit breite Flüsse überqueren, für einen Bruchteil dessen … was eine steinerne Bogenbrücke gekostet hätte. Und man konnte Flüsse überqueren, in denen wegen des Bodens oder der Strömung … gar keine Pfeiler möglich waren. Und die Franzosen machten dabei etwas, das ich charmant finde. Die Fahrbahnen ähnelten sich. Aber die Pylone gestalteten sie ganz verschieden. Als dorische Säulen. Als ägyptische Säulen. Als Obelisken. Und manchmal als kleine Triumphbögen. Dieselbe Technik, jedes Mal ein anderes Tor.

Und in Frankreich war noch etwas anderes verbreitet, das man heute selten sieht. Die mehrhüftige Brücke. Also nicht ein Feld zwischen zwei Türmen, sondern viele. Ein Turm, ein Feld, ein Turm, ein Feld … immer weiter über den Fluss. Schon die erste Drahtseilbrücke in Genf hatte zwei Felder statt einem. Berühmt wurde dann eine Straßenbrücke von achtzehnhundertdreiunddreißig … mit fünf Feldern hintereinander, jedes hundertneun Meter weit. Zu ihrer Zeit war das wohl die größte und die längste Hängebrücke überhaupt. Und über die Loire ging eine mit acht Feldern. Bei dieser Bauform reichen die Tragseile nur von Turmspitze zu Turmspitze. Und zwischen den Spitzen laufen zusätzlich Ausgleichsseile. Die Franzosen hatten dafür ein hübsches Wort. Sie nannten sie Gleichgewichtsseile. Und wenn du wissen willst, wie weit man das treiben kann: in Osaka steht eine selbstverankerte Brücke mit nur einem einzigen Tragseil. Nicht zwei, links und rechts. Eines, genau in der Mitte. Und getragen wird es von Pylonen in der Form eines großen A. In Deutschland entstanden ebenfalls solche Brücken. Achtzehnhundertachtunddreißig die Löwenbrücke im Berliner Tiergarten. Später kamen Drahtbrücken in Kassel, in Braunschweig und über die Argen am Bodensee dazu.

Und dann kommt ein Mann mit einer Drahtseilfabrik in New Jersey … der das Luftspinnen weiterentwickelt hat. Von ihm sind drei Brücken, deren Weiten die Entwicklung zeigen. Achtzehnhundertvierundfünfzig eine über den Niagara mit zweihunderteinundfünfzig Metern. Und achtzehnhundertdreiundachtzig die Brooklyn Bridge mit vierhundertsechsundachtzig Metern. Also in nicht einmal dreißig Jahren fast eine Verdoppelung. Neunzehnhundertneun kam dann ein Rechenverfahren dazu, das viel verändert hat. Man konnte jetzt berücksichtigen, wie sich die Brücke unter Last verformt. Und weil man es rechnen konnte, durfte man leichter bauen. Man musste nicht mehr sicherheitshalber alles größer bauen als nötig. Neunzehnhunderteinunddreißig stand in New York eine Brücke mit eintausendsiebenundsechzig Metern. Neunzehnhundertzweiundsechzig kam eine zweite Ebene darunter dazu. Vierzehn Fahrspuren auf einer einzigen Hängebrücke. Neunzehnhundertsiebenunddreißig kam die Golden Gate Bridge mit eintausendzweihundertachtzig Metern. Und seit neunzehnhundertachtundneunzig steht in Japan noch eine größere. Ihr Versteifungsträger ist vierzehn Meter hoch. Also so hoch wie ein vierstöckiges Haus, nur damit die Fahrbahn steif bleibt.

Bei der Form der Fahrbahn gab es dann zwei Schulen. Die erste baute große Fachwerkträger. Also Gitter aus Stäben, hoch und steif. Sie sollten die Fahrbahn versteifen und dabei möglichst wenig Wind fangen. Und neunzehnhundertdreiundfünfzig zog ein deutscher Ingenieur einen anderen Schluss. Sein Gedanke war ein anderer. Statt der Bewegung mit großen Trägern entgegenzuwirken … sollte man die Luft gar nicht erst stören. Also eine Form, an der die Strömung einfach vorbeigeht. Ein flacher, geschlossener Kasten, glatt, mit schmalen Rändern. Versuche in einem Windkanal bei London bestätigten ihn. Und daraufhin wurde eine große Brücke in England umgeplant. Ihr Kasten ist nur drei Meter hoch. Drei Meter. Etwa so hoch wie ein Zimmer. Und danach baute man in Europa fast überall so. Die längste Hängebrücke Deutschlands steht am Rhein, bei Emmerich. Fünfhundert Meter, seit neunzehnhundertfünfundsechzig. Und im Süden von Köln steht eine Hängebrücke von neunzehnhunderteinundvierzig … mit dreihundertachtundsiebzig Metern. Und damals war das die am weitesten gespannte … Hängebrücke Europas.

Und dann gibt es die Brücken, bei denen niemand fährt. Nur geht. Und die mag ich am meisten. In Frankfurt gibt es einen Steg über den Main. In Tirol eine Hängebrücke bei Holzgau. Und in Nepal steht wahrscheinlich die längste Fußgängerhängebrücke überhaupt. Eintausendvierhundertdreiundfünfzig Meter lang. Denn der Fluss darunter ist an dieser Stelle fast eineinhalb Kilometer breit. Eine Brücke, die man nicht überblicken kann, während man auf ihr steht. Und wie man solche Brücken in abgelegenen Gegenden baut, finde ich klug. Denn man nimmt, was da ist. Die Tragseile sind oft ausgediente Seile von Seilbahnen. Oder von den großen Kränen in den Häfen. Die Pylone sind handelsübliche Stahlrohre. Oft billig abgegeben oder geschenkt. Der Gehweg ist aus Gitterrosten oder aus Latten. Und das Geländer ist Maschendraht. Nur eines ist dabei besonders schlau. Das Dämpfen. Denn so ein leichter Steg schwingt, wenn er belastet wird. Also spannt man auf jeder Seite ein weiteres Hauptseil in einem weiten Bogen … und verbindet es über viele kleine Seile mit dem Gehweg. Und das ist genau dasselbe Prinzip wie bei den großen Brücken. Nur in die Waagerechte gedreht. Ein Tragseil mit Hängern, seitwärts gelegt. Gebaut werden solche Brücken oft von einzelnen Leuten und von Vereinen … die sich das zur Aufgabe gemacht haben. Einer dieser Vereine kommt aus der Schweiz.

In der Schweiz stehen überhaupt viele Brücken, die in dieser Geschichte vorkommen. An der Straße von Genf nach Grenoble, schon jenseits der Grenze … liegt eine Brücke hundertsiebenundvierzig Meter über einer Schlucht. Bei den Schrägseilbrücken hat ein Ingenieur zwei gebaut, die als besonders schön gelten. Eine an einer Passstraße, eine bei Klosters. Und in Diepoldsau über den Alpenrhein steht eine Schrägseilbrücke, deren Fahrbahnplatte … nur fünfundfünfzig Zentimeter dick ist. Fünfundfünfzig Zentimeter Beton, über einem Fluss. In Winterthur steht seit neunzehnhundertsechsundneunzig eine Brücke … deren Schrägseile nicht aus Stahl sind, sondern aus Kunststoff mit Kohlenstofffasern. Und in Österreich gibt es neben der Fußgängerbrücke in Tirol … eine Schrägseilbrücke in Wien von neunzehnhundertfünfundsiebzig.

Und dann gibt es die Schrägseilbrücken, bei denen jemand etwas Ungewöhnliches gemacht hat. In Bratislava sitzt auf einem Pylon ein Restaurant. Ein Turm, der eine Brücke hält, und oben isst jemand zu Abend. Bei einer Brücke am Rhein in der Nähe eines Flughafens stehen die Pylone … in der Form eines Dreiecks, das auf der Spitze steht. In Sevilla steht eine, bei der der Turm selbst schräg steht. Und damit ist er das Gegengewicht zur Fahrbahn. Es gibt keine Seile auf der anderen Seite. Der Turm lehnt sich einfach gegen die Fahrbahn.

Eine Brücke in Frankreich hat man vollständig neben dem Fluss gebaut … und dann um neunzig Grad herumgeschwenkt. Und bei einer Talbrücke in Süddeutschland laufen die Schrägseile unter der Fahrbahn weiter. Also Seile, die die Fahrbahn nicht nur von oben halten, sondern auch von unten. Die längste Schrägseilbrücke der Welt hat sieben Pylone. Von einem Ufer zum anderen sind es zweitausendvierhundertsechzig Meter … aber in sieben kurzen Abschnitten, nicht in einem Sprung. Und bei so einer Brücke mit vielen Türmen passiert etwas Feines. Ein einzelner Lastwagen, der zwischen zwei Türmen rollt, wirkt nicht nur auf den Turm neben ihm. Er wirkt über ihn auf den nächsten. Und über den auf den nächsten. Ein Fahrzeug, das die ganze Brücke bemerkt. Und bei den Hängebrücken gibt es welche, die man aneinandergereiht hat. In Japan liegen an einer Stelle zwei Hängebrücken hintereinander. An einer anderen drei. Und in San Francisco teilen sich zwei eigenständige Hängebrücken einen Ankerblock. Einen Klotz in der Mitte, an dem von beiden Seiten gezogen wird. Und es gibt Verwandte dieser Bauform, die einfacher sind. Bei einer liegt der Weg direkt auf den Seilen und folgt ihrer Kurve. Man geht also erst hinunter und dann wieder hinauf. Eine Brücke, die durchhängt, weil sie das Seil selbst ist. Und dann gibt es Brücken, die fast nur aus Seilen bestehen. An Klettersteigen zum Beispiel. Und es gibt eine Brücke, die nie gebaut wurde und die mich staunen lässt. Über eine Meeresstraße in Italien, mit einer Hauptspannweite … von dreitausenddreihundert Metern. Mehr als das Doppelte der Golden Gate Bridge.

Zwei Zahlen zum Schluss

Zwei Zahlen möchte ich dir noch nennen, weil sie in verschiedene Richtungen gehen. Die eine geht nach oben. Eine Brücke in China trägt ihre Fahrbahn … vierhundertzweiundsiebzig Meter über einem Gebirgsfluss. Man fährt also fast einen halben Kilometer über einem Fluss. Die andere Zahl geht in die Breite. Die breiteste Schrägseilbrücke … hat zwölf Fahrspuren und ist siebenundsechzig Meter breit. Siebenundsechzig Meter. Zwölf Fahrspuren nebeneinander, quer über den Fluss. Und es gibt eine, die vor allem eines wollte. Angeschaut werden. Neunzehnhundertneunundzwanzig entstand über einer Schlucht in Amerika eine Brücke … zweihunderteinundneunzig Meter über dem Grund. Sie war bis zweitausendeins die höchste Brücke der Welt. Und sie war wohl die erste Hängebrücke, die man für Besucher gebaut hat. Nicht um irgendwohin zu kommen. Nur um darüber zu gehen.

Es ist dunkel geworden am Ufer. Drüben brennen die Lichter noch. Die Brücke liegt über dem Wasser, und man sieht jetzt vor allem die Kurve. Das Tragseil kommt aus dem Boden neben dir, geht über den ersten Turm … hängt in der Mitte am tiefsten … und steigt wieder zum anderen Turm. Und von ihm gehen die Hänger nach unten. Lange an den Türmen, kurze in der Mitte. In diesem Seil stecken Tausende einzelne Drähte. Jeder einmal über das Wasser gezogen, hin und zurück, von einem kleinen Wagen. Und irgendwo unter deinen Füßen liegt der Betonklotz, der alles festhält. So groß wie ein Haus. Zur Hälfte in der Erde. Er bewegt sich nicht. Das ist seine ganze Arbeit.

Das Seil zieht. Der Pylon drückt. Und wenn ein Lastwagen darüberfährt, wandert das durch alles hindurch. Vom Reifen in die Fahrbahn. Von der Fahrbahn in einen Hänger. Vom Hänger in das große Seil. Vom Seil über die Turmspitze. Und vom Turm in den Boden. Ein Gewicht, das einen Weg nimmt. Und der Weg ist immer derselbe. Und du darfst jetzt schlafen. Die Brücke hängt heute Nacht genauso, wie sie gestern gehangen hat. Die Drähte im Tragseil ziehen. Die Türme drücken. Und der Klotz im Boden bleibt, wo er ist. Und morgen früh fährt der erste Wagen darüber, und nichts davon wird sich ändern. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.

Quelle und Lizenz

Dieser Text beruht auf den Wikipedia-Artikeln «Hängebrücke» und «Schrägseilbrücke». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.

Verwendete Fassungen: «Hängebrücke» Version 266384371, abgerufen am 22. August 2026 und «Schrägseilbrücke» Version 269410611, abgerufen am 22. August 2026.

Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.