Zwei Pfeifen und ein Gong

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht
Eine Einschlafgeschichte für Erwachsene über die Kuckucksuhr — und über eine Kleinigkeit, die alles trägt: Der Kuckuck ist kein Vogel. Er ist ein hoher und ein tiefer Ton im richtigen Abstand. Fridolin sitzt am Abend in einer Stube, in der eine Uhr an der Wand hängt, und wartet, bis der Minutenzeiger ganz oben ist.
Unterwegs kommen vor: zwei Pfeifen mit zwei Blasebälgen, eine Scheibe mit zwölf Stufen, die die Stunden zählt, ohne eine einzige Zahl im Werk zu haben, das Zunftrecht, das die Holzuhr in den Schwarzwald brachte, eine Uhr pro Tag statt einer pro Woche — und ein Architekt, der achtzehnhundertfünfzig die Fassade eines Bahnwärterhäuschens nahm und daraus die Form machte, die man heute überall kennt.
Einschlafgeschichten in deiner Lieblings-App hören
In deiner Podcast-App liegt sie am Abend schon bereit – auch offline.
Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte
Eine Uhr, die aussieht wie ein Haus
Stell dir eine Stube vor … im Erdgeschoss eines alten Hauses, mit einem Fenster zum Garten. Der Boden besteht aus dunklen Holzdielen. Es ist Abend. Draußen ist es dunkel, drinnen brennt eine Lampe über dem Tisch. An der Wand hängt eine Uhr. Sie ist aus Holz und sieht aus wie ein kleines Haus … mit einem Dach, das auf einer Seite schräg abfällt. Vorn ist ein rundes Zifferblatt mit zwei Zeigern. Darunter hängen zwei Gewichte an dünnen Ketten … und sie haben die Form von Tannenzapfen. Und zwischen ihnen schwingt ein Pendel. Hin. Und her. Über dem Zifferblatt ist eine kleine Klappe. Jetzt ist sie zu. Aber sie wird sich öffnen, und zwar bald. Denn der Minutenzeiger ist fast oben. Und wenn er ganz oben ist, passiert etwas. Im Inneren löst sich eine Sperre. Man hört ein leises Klicken. Dann geht die Klappe auf … und ein Vogel fährt heraus. Und er ruft. Zuerst der hohe Ton. Dann der tiefe.
Zwei Pfeifen und zwei Blasebälge
Der Ruf kommt von zwei kleinen Pfeifen. Das ist das ganze Geheimnis. Zwei Pfeifen, die verschieden hoch gestimmt sind. Und vor jeder Pfeife sitzt ein Blasebalg … also ein kleiner Luftsack, der sich zusammendrücken lässt. Auf jedem Blasebalg liegt ein kleines Beschwerungsstück. Manchmal ein Metallstück, manchmal ein Holzklötzchen. Im Uhrwerk dreht sich ein Rad. Auf dem Rad sitzen kleine Erhebungen … man nennt sie Nocken. Und diese Nocken heben die beiden Bälge an … einen nach dem anderen. Beim Anheben geht der Balg auf. Dann lässt die Nocke ihn wieder los. Er sinkt durch sein eigenes Gewicht nach unten … und die Luft muss in die Pfeife. Und die Pfeife klingt. Erst der hohe Balg. Dann, kurz danach, der tiefe. Und nur wenn der zeitliche Abstand zwischen den zwei Tönen stimmt, hört man einen Kuckuck. Kommen sie zu weit auseinander, hört man zwei Pfeifen.
Einschlafgeschichte weiterlesenDie restlichen 3.973 Wörter, Wort für Wort wie Fridolin es erzählt
Kein Vogel, sondern zwei Töne
Ich finde das schön. Der Kuckuck in der Uhr ist kein Vogel. Er ist ein hoher und ein tiefer Ton im richtigen Abstand. Nach der zweiten Pfeife macht dasselbe Rad noch etwas. Es schlägt eine Feder aus Metall an … und das ist der Gong. Und daran, wie oft das Ganze passiert, hörst du die Stunde. Um drei Uhr ruft der Kuckuck dreimal. Um zwölf ruft er zwölfmal. Zuerst der hohe Ton. Dann der tiefe. Und dann der Gong.
Die Scheibe mit zwölf Stufen
Wie die Uhr überhaupt weiß, wie oft sie rufen muss … dahinter steckt eine hübsche Mechanik. Dafür sitzt hinter dem Zifferblatt eine Scheibe mit zwölf Stufen. Sie sitzt am Stundenzeiger und dreht sich mit ihm … einmal herum in zwölf Stunden. Und über dieser Scheibe hängt ein Hebel mit Zähnen. Wenn sich zur vollen Stunde die Sperre im Werk löst, fällt dieser Hebel nach unten auf die Stufenscheibe. Ist die Stufe hoch, fällt er nur ein kleines Stück. Ist sie tief, fällt er weit. Um zwölf Uhr ist die Stufe am tiefsten. Da fällt der Hebel am weitesten. Und je tiefer er gefallen ist, desto mehr Zähne muss das Werk wieder hochziehen … einen nach dem anderen. Und bei jedem Zahn ruft der Kuckuck einmal. Die Uhr zählt also nicht. Sie hat gar keine Zahlen im Inneren. Sie tastet nur ab, wie tief der Hebel gefallen ist.
Die Vogelstange und der Drahtbügel
Und der Vogel selbst sitzt auf einer Stange. Sie heißt Vogelstange. Wenn der Ruf beginnt, schwenkt diese Stange nach vorn und schiebt den Vogel zur Klappe. Die Klappe geht dabei nicht von selbst auf. Am Fuß des Vogels ist ein Drahtbügel befestigt … und der drückt die Klappe auf, während der Vogel herausfährt. Am Ende schwenkt die Stange zurück. Der Vogel verschwindet, und die Klappe fällt zu. Von außen sieht es aus wie ein Vogel, der herausfliegt. Von innen ist es ein Draht, der eine Klappe aufdrückt. Traditionell ist dieser Vogel aus Holz geschnitzt und bemalt. Je nach Bauart bewegt er sich beim Rufen … oder er öffnet nur den Schnabel. Und an manchen Uhren bewegt sich außen noch mehr. Tänzer, die sich drehen. Weitere Vögel. Bewegt wird das alles vom selben Werk, meist nur zur vollen Stunde.
Die Wachtel hinter der zweiten Klappe
Es gibt Uhren mit einer zweiten Klappe. Und dahinter sitzt kein Kuckuck. Darin sitzt eine Wachtel. Die Wachtel schlägt nicht die Stunden, sondern die Viertel oder die halben Stunden. An solchen Uhren hängen drei Ketten, nicht zwei. Und wenn man so eine Uhr neu einstellen muss, damit die Rufe wieder zur Uhrzeit passen … dann öffnet man sie an der linken Seite und tippt einen Drahthebel an … der gehört zur Wachtel. Und danach an der rechten Seite … der gehört zum Kuckuck. Man tippt so oft, bis die Rufe zur Uhrzeit passen. Und jedes Mal lässt man den Draht gleich wieder los. Eine Uhr, die man mit dem Finger zurechtstellt.
Mit der Hand aufgezogen
Aufgezogen wird so eine Uhr nicht mit einem Schlüssel, sondern mit der Hand. Denn die Kraft kommt aus den Gewichten, die langsam nach unten wandern. Je nach Bauart muss man sie alle vierundzwanzig Stunden aufziehen … oder alle acht Tage. Man zieht die Ketten, und die Gewichte gehen wieder nach oben. Diese Bauweise hat zwei Vorteile, die ich mag. Erstens sieht man immer, wie lange die Uhr noch läuft … an der Höhe der Gewichte. Und zweitens kann man so eine Uhr nicht überdrehen. Bei einer Uhr mit Federantrieb kann man zu weit aufziehen und das Werk beschädigen. Hier nicht. Die Kette ist irgendwann oben, und dann ist es gut. Und es gibt noch etwas, das genau in diese Sendung passt. Manche Uhren haben einen Schlagabsteller. Damit stellt man den Ruf ab. Zum Beispiel nachts. Dann läuft die Uhr weiter, und der Kuckuck schläft.
Spuren aus dem siebzehnten Jahrhundert
Woher diese Uhr kommt, weiß man nicht genau. Die Ursprünge liegen im Dunkeln. Aber es gibt Spuren. Und die sind älter als die Werkstätten im Schwarzwald, von denen ich dir gleich erzähle. Sechzehnhundertneunzehn kam eine Uhr mit einem Kuckucksschrei in die Sammlung eines Kurfürsten. Sechzehnhundertfünfzehn hatte ein Mechaniker beschrieben, wie man diesen Ruf mit zwei Pfeifen nachmacht. Sechzehnhundertfünfzig stellte ein Gelehrter in einem weit verbreiteten Handbuch zur Musik … eine mechanische Orgel mit Figuren vor. Und darunter war ein Kuckuck. Dieser Kuckuck öffnete den Schnabel und bewegte Flügel und Schwanzspitze. Und dazu erklangen zwei Orgelpfeifen … gestimmt auf eine kleine oder eine große Terz. Sechzehnhundertneunundsechzig schlug dann jemand in einem Buch vor … diesen Ruf zu benutzen, um die Stunden anzuzeigen. Ab da war die Kuckucksuhr denkbar.
Wer die erste gebaut hat, ist umstritten
Wer im Schwarzwald die erste gebaut hat, ist umstritten … und zwar von Anfang an. Denn die beiden ersten Geschichtsschreiber dieser Uhrmacherei widersprechen sich. Der eine schrieb achtzehnhundertzehn, ein Mann aus Schönwald habe damit angefangen … Anfang der siebzehnhundertdreißiger Jahre. Der andere schrieb schon siebzehnhundertsechsundneunzig, es seien zwei andere gewesen … und zwar erst siebzehnhundertzweiundvierzig. Und ein dritter Autor schreibt die erste Uhr dem Vater jenes Mannes aus Schönwald zu. Man weiß es nicht. Und ich finde, das darf auch so bleiben. Warum diese Uhren überhaupt im Schwarzwald entstanden, hat einen Grund, den ich nicht erwartet hätte. Es war kein Erfindergeist. Es war das Recht. Uhren aus Metall zu bauen, war den Zünften vorbehalten … also den Uhrmachern in den Städten. Uhren aus Holz zu bauen war dagegen ein freies Gewerbe. Das durfte jeder. Darum entstanden die ersten Uhren dort, wo man ohnehin mit Holz arbeitete. In den Werkstätten der Holzhandwerker. Und darum stimmt die schöne Geschichte nicht, die man oft hört. Die von den langen, tristen Winterabenden und dem Tüftlergeist im Wald. Das ist, wie man heute weiß, ein romantisch verklärtes Wunschbild.
Hundert Jahre Uhren aus Holz
Wie weit die Uhrmacherei im Schwarzwald zurückreicht, ist selbst unsicher. Auch hier liegen die Anfänge im Dunkeln, und auch hier widersprechen sich die alten Chronisten. Als sicher gilt: Die ersten Schwarzwälder Holzuhren entstanden in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Ein Gewerbe wurde daraus aber erst später. Erst ab etwa siebzehnhundertdreißig konnte sich die Uhrenherstellung in größerem Umfang etablieren. Vorher kam es nicht dazu. Und dann kamen hundert Jahre, in denen aus Holz Uhren gemacht wurden. Holz war billig. Holz war leicht zu bearbeiten. Und Holz durfte jeder.
Arbeitsteilung: eine Woche, dann ein Tag
Was den Schwarzwald wirklich nach vorn gebracht hat, war etwas anderes … die Arbeitsteilung. Ein Uhrmacher baute seine Uhr nicht mehr allein. Er kaufte Teile ein. Und für jedes Teil gab es einen eigenen Handwerker. Es gab Gestellmacher für das Gerüst des Werks. Es gab Gießereien für die Glocken und für die noch unfertigen Zahnräder. Es gab Kettenmacher. Es gab Schilderdreher, die die runden Holzscheiben für die Zifferblätter herstellten. Und es gab Schildermaler, die sie bemalten. Jeder von ihnen entwickelte für seinen Handgriff eigene Werkzeuge und Maschinen. Und damit konnte man ganze Serien gleicher Teile schnell und günstig machen. Was das gebracht hat, hört man an zwei Zahlen. Um siebzehnhundertfünfzig brauchte ein Uhrmacher eine ganze Woche für eine Uhr. Dreißig Jahre später baute er eine Uhr pro Tag.
Eintausend Häuschen, sechshunderttausend Uhren
Diese Werkstätten waren keine Fabriken. Sie waren Teil der Wohnhäuser. In fast jeder arbeiteten der Inhaber, ein paar Gesellen und ein paar Lehrlinge. Und dann kommen Zahlen, bei denen ich zweimal hingeschaut habe. Um achtzehnhundert entstanden im Schwarzwald einhundertfünfzigtausend Uhren. Um achtzehnhundertvierzig gab es in dem Gebiet etwa eintausend Uhrmacherhäuschen … mit fünftausend Beschäftigten. Und die machten jährlich rund sechshunderttausend Uhren aus Holz. Ein Großteil der Weltproduktion. Aus kleinen Stuben im Wald. Die Holzuhr mit dem bunt bemalten Zifferblatt war damals die preisgünstigste Uhr auf dem Weltmarkt.
Die Glasträger und die Uhrenhändler
Wie diese Uhren in die Welt kamen, ist die nächste schöne Sache. Denn im Schwarzwald machte man nicht nur Uhren, sondern auch Glas. Und das Glas trugen Händler durch die Gegend … man nannte sie die Glasträger. Die ersten Uhrmacher gaben ihre Uhren einfach mit. Daraus wurde ein eigener Beruf. Ab etwa siebzehnhundertvierzig gab es Uhrenhändler … und die ließen sich in fast allen Ländern Europas nieder. Sie bezogen die Ware direkt aus dem Schwarzwald und lagerten sie zentral. Und dann zogen sie los, mit einigen Uhren auf dem Rücken … über die Dörfer und die Märkte. Damit haben sie mehr verändert als nur ihren eigenen Handel. Vorher war eine Uhr ein Luxusgegenstand. Danach war sie ein Alltagsgegenstand.
Für jedes Land ein anderes Gesicht
Und weil diese Händler viel unterwegs waren, wussten sie genau, was sich wo verkauft. Und das ist die Stelle, die mir an dieser Geschichte am besten gefällt. In England wollte man Uhren mit einer Datumsanzeige … und Zifferblätter mit wenig Verzierung. In Frankreich wollte man es farbenprächtig. Und für den Mittelmeerraum machte man Uhren mit einem schwarzen Rand … und mit Motiven, die man dort kannte. Dieselbe Mechanik. Dasselbe Werk aus Holz. Und außen für jedes Land ein anderes Gesicht. Von der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts an gab es einen Uhrentyp, der den Markt beherrschte. Man nennt ihn die Lackschilduhr … nach dem Lack über dem bemalten Zifferblatt. Ihr Zifferblatt war eine Holzplatte, weiß grundiert und bunt bemalt. Darüber kam ein farbloser Schutzlack. Und der machte sie unempfindlich gegen Feuchtigkeit und Schmutz. Diese Uhren gingen durch ganz Europa, später über das Meer und bis in den Fernen Osten. Später kamen andere Formen dazu … Uhren mit einem hinter Glas gemalten Bild … und Rahmenuhren, deren Zifferblatt aus geprägtem Blech bestand. Und in allen diesen Gehäusen steckte weiterhin ein Werk aus Holz.
Das Zifferblatt war eine Platte aus Holz
Bevor ich dir erzähle, was aus den Werkstätten geworden ist, ein Wort zum Zifferblatt. Denn das war bei diesen Uhren keine Scheibe aus Metall, sondern eine Platte aus Holz. Sie wurde gedreht, dann weiß grundiert und dann bunt bemalt … von Hand. Das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch sah eine Schwarzwalduhr so aus. Und darüber kam der Lack. Der war farblos und schützte die Farbe. Gegen Feuchtigkeit. Und gegen Schmutz. In Furtwangen im Schwarzwald gibt es eine große Uhrensammlung. Und dort stehen noch ganz andere Uhren … Uhren, die mit dem Alltag nichts zu tun hatten. Im achtzehnten Jahrhundert bauten Mönche und Pfarrer, die sich mit Mechanik beschäftigten … Uhrwerke, die den Lauf des Himmels nachbildeten. Einige davon stehen in dieser Sammlung. Eine astronomische Kalenderuhr von siebzehnhundertsiebenundachtzig, gebaut von einem Benediktinerpater … ein Planetarium von siebzehnhundertvierundsiebzig … und eine Uhr mit einem Globus darauf. Denn bis weit ins zwanzigste Jahrhundert richtete man die Uhren nach dem Lauf der Sonne … und nach den Sternen. Eine Uhr war nicht das Maß. Der Himmel war das Maß.
Achtzehnhundertfünfzig: die Uhrmacherschule
Und jetzt kommt das Jahr, in dem die Uhr ihr heutiges Gesicht bekam. Achtzehnhundertfünfzig. In Furtwangen wurde damals die erste deutsche Uhrmacherschule gegründet. Die Landesregierung wollte damit den kleinen Handwerkern eine gute Ausbildung geben … und die Maße und Formen etwas vereinheitlichen. Im September desselben Jahres rief der Direktor dieser Schule zu einem Wettbewerb auf. Gesucht war ein zeitgemäßes Uhrendesign. Und der Entwurf, der alles verändert hat, kam von einem Architekten. Dieser Mann war als Architekt für die meisten Bauten entlang der badischen Staatseisenbahn verantwortlich. Er nahm also die Fassade eines Bahnwärterhäuschens, das er selbst entworfen hatte … und setzte ein Zifferblatt hinein. Das war es. Das ist die Form, die du heute noch überall siehst. Ein kleines Haus mit einem schrägen Dach … und einer Uhr in der Wand.
Ein Gehäuse, jünger als sein Werk
Bevor das Bahnwärterhäuschen kam, saß der Kuckuck in anderen Gehäusen. Im neunzehnten Jahrhundert fand er sich in den Lackschilduhren … und auch in den Rahmenuhren mit ihrem Zifferblatt aus geprägtem Blech. Und dann ging es sehr schnell. Innerhalb weniger Jahre verdrängte die neue Form alle anderen vom Markt. Das ist eine merkwürdige Sache mit dieser Uhr. Sie sieht so aus, als wäre sie immer so gewesen. Dabei ist ihr Gehäuse jünger als ihr Werk … und zwar um mehr als hundert Jahre. Die erste Schwarzwälder Kuckucksuhr entstand in den siebzehnhundertdreißiger oder vierziger Jahren. Das Häuschen, das wir heute vor uns sehen, kam achtzehnhundertfünfzig dazu. Und die Schule in Furtwangen, die das ausgelöst hat, hatte es nicht leicht. Sie wollte die kleinen Handwerker ausbilden und ihnen bessere Absatzchancen geben … und sie zu noch mehr Arbeitsteilung anleiten. Aber gerade die kleinen Uhrmacher wollten von ihr nichts wissen. Die Uhr, die aus ihrem Wettbewerb hervorging, hat trotzdem die Welt erobert.
Vom glatten Entwurf zum Stück Wald
Am Anfang war dieser Entwurf noch streng und glatt. Klare Linien, keine Schnitzerei. Aber um achtzehnhundertsechzig fing das Verzieren an. Achtzehnhundertzweiundsechzig bot ein Uhrmacher aus Eisenbach zum ersten Mal reich verzierte Kuckucksuhren an … mit geschnitzten Zeigern aus Knochen … und mit Gewichten in Form von Tannenzapfen. Und seitdem sitzen auf diesen Uhren Schnitzereien, die aus dem Holz herausstehen. Pflanzen. Und Tiere. Üppig geschnitzt. Aus einem Bahnwärterhäuschen war ein Stück Wald geworden. Was aus den kleinen Stuben geworden ist, hing davon ab, wo sie standen. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurden aus manchen Werkstätten Betriebe. Nicht gleich Fabriken … eher überschaubare Häuser mit zehn bis fünfunddreißig Leuten. Solche Betriebe legten Wert auf Qualität. Achtzehnhunderteinundfünfzig entstand dann eine der ersten richtigen Uhrenfabriken, in Lenzkirch. Und achtzehnhundertachtundsechzig eine in Furtwangen. Denn wo diese Betriebe standen, hing an zwei Dingen. An guten Wegen … und an Wasserkraft. Darum wuchsen einige Orte: St. Georgen. Triberg. Furtwangen. Titisee-Neustadt. Lenzkirch. Und andere, die weiter draußen lagen, wurden wieder kleiner. Ein Ort, der eben noch ein Zentrum war, wurde wieder ein Dorf.
Der Wecker im Gehäuse aus Metall
Ab achtzehnhundertachtzig verschob sich das Ganze noch einmal. Weg vom badischen Teil des Schwarzwalds, hinüber in den württembergischen Teil … und hinauf auf die Hochebene, die man die Baar nennt. Dort wurden zwei Städte zu Weltzentren der Uhrenindustrie … Schramberg und Schwenningen. Und der Grund war ein neues Produkt. Nicht die schöne Wanduhr. Sondern der Wecker im Gehäuse aus Metall. Um neunzehnhundert war der Wecker das Paradepferd dieser Industrie. Er war von Anfang an für die Maschine entworfen, nicht für die Hand … sparsam im Material, auf besonderen Maschinen gefertigt … und seine Einzelteile ließen sich schnell zusammensetzen. Ein einzelnes Weckerwerk aus den achtzehnhundertachtziger Jahren wurde zum Vorbild für alle anderen. Es wurde bis in die dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts in riesigen Mengen gebaut … und von vielen anderen Herstellern nur leicht verändert nachgebaut. Und damit war der Wecker aus dem Schwarzwald das, was vorher die Holzuhr gewesen war. Die preisgünstigste Uhr auf dem Markt.
Für jeden Raum die passende Uhr
Wie groß das war, sagt eine einzige Zahl. Vor neunzehnhundertvierzehn kamen sechzig Prozent der großen Uhren, die weltweit ausgeführt wurden, aus dem Schwarzwald. Und das lag nicht nur am Preis, sondern auch an einer neuen Idee. Vorher hatte man eine Uhr im Haus gehabt. Eine. Jetzt bot man für jeden Raum die passende an. So stand es auf einem Werbeplakat aus dieser Zeit. Eine Uhr mit abwaschbarem Gehäuse für die Küche. Eine schöne Wand- oder Standuhr für die gute Stube, aus einem Holz, das zu den Möbeln passte. Und den Wecker für das Schlafzimmer. Ein ganzes Haus voller Uhren, die alle dasselbe sagen.
Das Deutsche Uhrenmuseum in Furtwangen
Diese ganze Geschichte kann man anschauen. In Furtwangen gibt es das Deutsche Uhrenmuseum. Angefangen hat es mit dem Direktor der Uhrmacherschule … demselben Mann, der den Wettbewerb ausgerufen hat. Achtzehnhundertzweiundfünfzig begann er, alte Uhren zu sammeln … als Zeugnisse eines alten Handwerks. Heute gehören achttausend Stücke dazu. Etwa eintausenddreihundert Uhren sind dauerhaft ausgestellt. Darunter sind frühe Kuckucksuhren aus dem achtzehnten Jahrhundert … und die Uhr, mit der das heutige Schwarzwald-Souvenir angefangen hat. Wenn du hinfahren willst, musst du allerdings noch warten. Das Museum ist seit dem Sommer zweitausendvierundzwanzig wegen einer Sanierung geschlossen. Die Ausstellung soll voraussichtlich zweitausendsiebenundzwanzig wieder öffnen. In der Zwischenzeit ist das Museum unterwegs. Es geht auf Tour … mit einem Kurs zur Kuckucksuhr und mit Besuchen in Kindergärten.
Die Armbanduhr kam später als sie könnte
Über die Uhr am Handgelenk muss ich dir noch etwas erzählen, weil es so menschlich ist. Denn die Armbanduhr hätte es viel früher geben können. Technisch war im neunzehnten Jahrhundert alles da. Es gab sogar Schmuckbänder mit einer Uhr darin. Und trotzdem kam sie erst Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wirklich auf. Ab neunzehnhundert baute man viele Taschenuhren einfach um. Man machte ein Band aus Leder oder Metall daran und trug sie am Arm. Frauen taten das zuerst, vor allem berufstätige. Sie trugen die Uhr als Schmuck. Die Männer aber wollten nicht. Ein Band am Handgelenk galt als unmännlich. So steht es geschrieben. Erst zwei Gruppen brachten die Männer dazu, ihre Meinung zu ändern. Die Sportler … und die Leute beim Militär. Denn beide lernten schätzen, wie schnell man auf eine Uhr am Arm schauen kann. In den zwanziger Jahren war die Armbanduhr dann auch bei den Herren angekommen. Und die Taschenuhr davor. Die war lange weniger Zeitmesser als Schmuckstück. Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert trug man sie am Hals und sie war ziemlich dick. Erst um achtzehnhundert gab es Taschenuhren, die am Tag nur wenige Minuten falsch gingen. Und die hatten damals nur wohlhabende Leute … und die Wissenschaft.
Wald und Jagd auf dem Gehäuse
Was auf so einer Uhr geschnitzt ist, folgt fast immer demselben Thema. Es geht um den Wald. Und es geht um die Jagd. Und darum sind darauf Pflanzen und Tiere zu sehen … immer wieder. Nicht als Zierrat, sondern als Bild einer Landschaft. Eine Uhr, die von der Gegend erzählt, in der sie gemacht wurde. Und die genau darum in aller Welt gekauft wurde. Zu dem Museum in Furtwangen gehören übrigens nicht nur Uhren. Es hat auch ein Archiv mit den Schriften der alten Firmen … und eine Fachbibliothek. Das heißt: Dort liegen nicht nur die Dinge, sondern auch die Papiere. Die Schriften, die die Firmen damals selbst herausgegeben haben. Und beides zusammen erzählt mehr als jedes für sich. Die Uhr sagt, was man konnte. Das Papier sagt, was man wollte.
Von der Schulsammlung zum Museum
Dieses Museum hat selbst eine lange Geschichte, und sie beginnt klein. Zuerst war es nur eine Sammlung an einer Schule. Achtzehnhundertachtundfünfzig wurde sie zum ersten Mal öffentlich gezeigt … auf einer Industrieausstellung in Villingen. Ab achtzehnhundertvierundsiebzig standen die alten Uhren dann dauerhaft in einer neuen Gewerbehalle … und zwar zusammen mit den aktuellen Erzeugnissen der Gegend. Alt und neu im selben Raum. Das finde ich eine gute Idee. Neunzehnhundertfünfundzwanzig erschien der erste gedruckte Katalog. Darin standen schon über eintausend Uhren. Neunzehnhundertneunundfünfzig kam ein Neubau, an der Stelle der alten Halle. Und neunzehnhundertfünfundsiebzig kaufte das Bundesland eine große Sammlung dazu … die Sammlung einer Uhrenfabrik. Damit kamen viele Taschenuhren und Uhren aus der Renaissance hinzu. Und weil die Sammlung damit weit über den Schwarzwald hinausreichte … bekam sie drei Jahre später ihren heutigen Namen. Den heutigen Bau gibt es seit neunzehnhundertzweiundneunzig.
Wenn der ganze Raum klingt
Was ich an diesem Museum mag, ist etwas, das man nicht in einer Vitrine sieht. Ein Drittel der Besucher bucht eine Führung. Und in dieser Führung lässt man die Uhren schlagen und rufen. Auch die mechanischen Musikinstrumente werden in Gang gesetzt. Dann klingt der ganze Raum. Nicht ein Ton, sondern viele. Und in den Ferien können Kinder in einer Werkstatt selbst eine Uhr bauen und bemalen. Draußen führt außerdem eine Straße durch diese ganze Gegend … und sie verbindet die Orte, an denen Uhren gemacht wurden. Sie heißt Deutsche Uhrenstraße. Man kann diese Geschichte also auch fahren, nicht nur lesen. Es gibt übrigens Kuckucksuhren, die in kein Zimmer passen. Weil sie selbst ein Haus sind. In Triberg im Schwarzwald hat man ein Original-Uhrwerk nachgebaut … sechzigmal so groß wie das echte. Das größte Rad hat einen Durchmesser von zwei Metern sechzig. Das Werk wiegt sechs Tonnen. Und das Pendel ist acht Meter lang. Fünf Jahre hat der Bau gedauert. Ein Pendel von acht Metern schwingt langsam. Sehr langsam. Man kann ihm zusehen, wie man einem Baum im Wind zusieht. Und es gibt weitere davon. In Schonach. In Hornberg. Im Harz. Eine in Wiesbaden, die es seit neunzehnhundertsechsundvierzig gibt. Und eine in Argentinien.
Attrappen: ein Pendel, das nichts tut
Die Kuckucksuhr gibt es heute auch in Ausführungen, bei denen fast nichts mehr echt ist. Es gibt Modelle ohne dieses Räderwerk, bei denen der Ruf elektronisch erzeugt wird. Und weil die Uhr trotzdem aussehen soll wie eine Kuckucksuhr … hängen daran ein Pendel und Ketten, die nichts tun. Man nennt sie Attrappen. Ein Pendel, das schwingt, weil es schwingen soll. Nicht, weil die Uhr es braucht. Gleichzeitig arbeiten Leute an ganz anderen Versionen. In der Kunst und sogar in der Mode gibt es moderne Kuckucksuhren … und im Uhrenhandwerk versucht man, das alte Schwarzwälder Werk mit einem neuen Äußeren zu verbinden. Und es gibt eine Bewegung, die mir gefällt. Ein Verein möchte die Kuckucksuhr auf die Liste des immateriellen Kulturerbes bringen. Immateriell heißt: Es geht nicht um das Ding. Es geht um das Können. Nicht um die Uhr an der Wand … sondern um das Wissen, wie man sie baut.
Zwei Anmerkungen zur Technik
Zwei Anmerkungen noch zur Technik, dann lassen wir die Uhr in Ruhe. Die Steuerung, von der ich dir erzählt habe, mit der Stufenscheibe und dem Hebel … ist die heute übliche. Bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein arbeiteten diese Uhren anders. Da steuerte eine andere Scheibe den Schlag. Dasselbe Ziel, ein anderer Weg. Und das Zweite: In den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts … haben elektronische Werke die alte Mechanik bei den Armbanduhren fast vollständig ersetzt. Fast. Denn ab den späten achtziger Jahren kam die Mechanik wieder … und zwar dort, wo sie etwas Besonderes sein durfte. Ein Uhrwerk mit Rädern und Federn war auf einmal kein billiger Antrieb mehr … sondern ein Grund, eine Uhr zu kaufen. Bei der Kuckucksuhr ist das ohnehin so. Ihr Ruf ist nicht praktisch. Man braucht keinen Vogel, um zu wissen, wie spät es ist. Man will ihn nur hören.
Im falschen Land vermutet
Zum Schluss noch eine Verwirrung, die mir Freude macht. Denn im Ausland gilt die Kuckucksuhr nicht nur als Zeichen für den Schwarzwald. Sie gilt als Zeichen für ganz Deutschland. Und weil sich die Nachbarländer kulturell ähneln und die Uhren überall verkauft wurden … gilt sie auch als Zeichen für die Schweiz und für Österreich. Das hat zu schönen Irrtümern geführt. In einem Kinderbuch von Astrid Lindgren geht es um eine Kuckucksuhr. Und darin erklärt der Vater den Kindern, die Kuckucksuhren kämen aus der Schweiz. In einem berühmten Film von neunzehnhundertneunundvierzig sagt ein Schauspieler dasselbe. Und in einem Asterix-Band spielt man darauf an. Dort stehen in den Herbergen Sanduhren, die man umdrehen muss … immer dann, wenn der Wirt „Kuckuck“ ruft. Eine Uhr, die so bekannt ist, dass die halbe Welt sie im falschen Land vermutet.
Die Schlüsselmaschine des Industriezeitalters
Und noch etwas über das Sammeln selbst, weil dieses Museum es anders macht als andere. Viele Uhrensammlungen zeigen vor allem das Seltene und das Teure. In Furtwangen zeigt man auch Uhren, die damals fast nichts gekostet haben … weil gerade sie zeigen, wie die Leute wirklich gelebt haben. Und der Rundgang erzählt nicht nur, wie die Uhren genauer wurden. Er erzählt auch, welche Wünsche eine Uhr in ihrer Zeit geweckt hat … und welche sie erfüllt hat. Denn seit den achtzehnhundertsechziger Jahren bestimmen Uhren den Alltag … und überall auf der Welt im gleichen Takt. Ein Historiker hat die Uhr darum die Schlüsselmaschine des Industriezeitalters genannt. Nicht die Dampfmaschine. Die Uhr. Und das ist ein Gedanke, über den man vor dem Einschlafen gut nachdenken kann. Dass das kleine Haus an der Wand, mit seinem Vogel und seinen Tannenzapfen … zur selben Familie gehört wie die Fabrik.
Spät in der Stube
Es ist spät geworden in unserer Stube. Die Lampe über dem Tisch brennt noch. Die Uhr an der Wand geht weiter. Die beiden Gewichte sind ein Stück tiefer gewandert als vorhin. Das Pendel schwingt. Hin. Und her. Hinter dem Zifferblatt dreht sich die Stufenscheibe, ganz langsam. Und der Hebel darüber wartet auf die nächste Stunde. Der Vogel sitzt hinter seiner Klappe, auf seiner Stange. Und die zwei Blasebälge liegen unbewegt an ihrem Platz. Zuerst der hohe Ton. Dann der tiefe. Und dann so viele Male, wie die Stunde es verlangt. Danach ist wieder eine Stunde Zeit. Eine ganze Stunde, in der nichts passieren muss. Nur das Pendel. Und die Gewichte, die ein wenig tiefer sinken. Und wenn du magst, stellst du den Schlag für heute Nacht ab. Dann läuft die Uhr weiter … und sagt nichts mehr.
Und du darfst jetzt schlafen. Das Pendel schwingt weiter, ganz ohne dich. Die Gewichte sinken langsam nach unten … Stunde für Stunde. Und morgen früh zieht sie jemand wieder hoch. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.
Quelle und Lizenz
Dieser Text beruht auf den Wikipedia-Artikeln «Kuckucksuhr», «Uhrenproduktion im Schwarzwald» und «Deutsches Uhrenmuseum». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.
Verwendete Fassungen: «Kuckucksuhr» Version 266176105, abgerufen am 20. August 2026, «Uhrenproduktion im Schwarzwald» Version 265619946, abgerufen am 20. August 2026 und «Deutsches Uhrenmuseum» Version 267755375, abgerufen am 20. August 2026.
Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.