Gute Nacht mit Fridolin – zur Startseite

Folge 53 · 14. September 2026 · 42 Minuten

Ein Ton über dem Tal

Fridolin hält ein langes Alphorn aus hellem Holz mit gebogenem Becher als kleines Modell in den Händen, über Wolken.

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht

Eine Einschlafgeschichte für Erwachsene über das Alphorn — und über eine Einordnung, die erst einmal falsch klingt: Es ist ein Blechblasinstrument. Obwohl es aus Holz ist. Fridolin steht am Abend auf einer Wiese über der Baumgrenze, wo ein langes Rohr an einer Hüttenwand lehnt, und hört einem einzigen Ton nach, bis er weg ist.

Unterwegs kommen vor: die Naturtonreihe und warum ein Instrument ohne Züge und Ventile nur die Töne hat, die in seiner Länge stecken, das «Alphorn-Fa», das nicht auf unsere Tasten passt, über siebzig Stunden Aushöhlen von Hand auf sechs bis acht Millimeter Wandstärke, Kuhreihen mit den Namen einzelner Kühe — und die Überraschung, dass die frühesten Belege für das Wort «jodeln» aus Franken und dem Donauraum kommen.

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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte

4.235 Wörter · rund 21 Minuten zum Lesen, Mitlesen oder Vorlesen

Ein Rohr an der Hüttenwand

Stell dir eine Wiese vor … hoch oben, über der Baumgrenze, an einem Hang. Auf dem Boden wächst kurzes Gras, dazwischen liegen Steine. Es ist Abend. Die Sonne ist hinter dem Grat verschwunden, aber der Himmel ist noch hell. Auf der Wiese steht eine Hütte aus Holz. Und an der Wand der Hütte lehnt etwas Langes. Es ist ein Rohr aus Holz, so lang, dass es an der Wand fast bis zum Dach reicht. Es ist oben schmal und wird nach unten immer weiter. Und ganz unten biegt es sich zur Seite und geht in einen Becher über. Die Oberfläche ist glatt vom Anfassen. An einer Stelle ist das Holz heller … dort, wo viele Hände es gehalten haben. Um das Rohr ist etwas gewickelt, in ganz regelmäßigen Bahnen. Es sieht aus wie ein Muster. Wozu es da ist, erzähle ich dir später.

Ein Ton über dem Tal

Jemand nimmt das Rohr und stellt sich damit an den Rand der Wiese. Der Becher liegt auf dem Gras, das schmale Ende kommt an den Mund. Zuerst passiert nichts. Erst ist da nur Atem. Dann ein Rauschen. Und dann kommt der Ton. Er ist tief und breit … und er braucht einen Moment, bis er ganz da ist. Er geht hinaus über das Tal. Man kann ihm zuhören, wie er weitergeht … und leiser wird … und dann weg ist. Ein Ton geht hinaus über das Tal. Und dann ist es wieder still. Dieses Rohr heißt Alphorn. Und ein paar Dinge daran finde ich erstaunlich. Das erste: Es ist ein Blechblasinstrument. Obwohl es aus Holz ist. Denn ob ein Instrument dazugehört, entscheidet nicht das Material. Entscheidend ist, wie der Ton entsteht … und was für ein Mundstück daran sitzt. Und der Ton entsteht hier wie bei einer Trompete … durch die Lippen des Menschen, die im Mundstück schwingen. Das Alphorn ist also, wenn man es genau nimmt, ein Blechblasinstrument aus Holz.

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Keine Züge, keine Ventile

Das zweite Erstaunliche ist eine Einschränkung. Dieses Instrument hat keine Züge. Und keine Ventile. Es kann seine Länge also nicht verändern. Und weil es das nicht kann … kann es nur die Töne spielen, die in dieser Länge von Natur aus stecken. Diese Töne haben einen Namen. Man nennt sie die Naturtonreihe. Und ein Instrument, das nur sie spielen kann, nennt man ein Naturhorn. Ich möchte dir erzählen, was das bedeutet, denn es ist reine Physik … und trotzdem schön. In einem Rohr steht Luft. Und wenn man oben hineinbläst, fängt diese Luft an zu schwingen. Aber nicht beliebig. Sie schwingt in Wellen, die genau in das Rohr passen. So wie ein Seil, das an beiden Enden festgehalten wird, nur in bestimmten Formen schwingen kann. Eine dieser Wellen gibt den tiefsten Ton. Man nennt ihn den Grundton. Und darüber liegen weitere Töne, die man erreicht, indem man anders bläst. Mit mehr Druck. Mit festeren Lippen. Man nennt das Überblasen. Und jetzt kommt die Ordnung darin. Die Töne liegen nicht zufällig, wo sie liegen. Sie schwingen ganze Male so oft wie der Grundton. Doppelt so oft. Dreimal. Viermal.

Doppelt, dreimal, viermal so oft

Diese Reihe hat eine einfache Ordnung. Und die lässt sich in einem Satz sagen. Der zweite Naturton schwingt doppelt so oft wie der erste. Das ist eine Oktave. Der dritte schwingt dreimal so oft. Der vierte viermal so oft … und das ist wieder eine Oktave über dem zweiten. Und so geht es weiter, immer in ganzen Zahlen. Je höher man kommt, desto näher liegen die Töne beieinander. Unten hat man große Sprünge. Oben liegen sie so nah, dass eine Melodie möglich wird. Darum liegen die spielbaren Melodien auf einem Alphorn meist im oberen Bereich. Und auch bei Saiten gibt es solche Töne. Es ist also keine Eigenheit des Alphorns. Es ist eine Eigenheit von Rohren und Saiten. Das Alphorn ist nur so gebaut, dass man nichts anderes bekommt.

Sechzehn Töne, vier Oktaven

Ein geübter Bläser erreicht auf einem Alphorn die ersten sechzehn dieser Töne. Damit hat er einen Umfang von vier Oktaven. Nach oben ist diese Reihe offen. Sie hört nicht auf. Sie wird nur immer schwerer zu spielen, je weiter man hinaufgeht. Den tiefsten spielt man selten. Er ist nicht einfach zu treffen … und er ist leiser als die höheren. Der tiefste Ton, den man normalerweise nimmt, liegt eine Oktave darüber. Und ganz oben liegen die Töne dann so eng beieinander, dass sie schwer zu spielen sind. Und drei dieser Naturtöne sind etwas Besonderes. Sie liegen nämlich nicht dort, wo die Töne auf einem Klavier liegen. Denn auf einem Klavier ist eine Oktave in zwölf gleiche Schritte geteilt. Halbtöne. Drei der Naturtöne liegen ziemlich genau zwischen zwei solchen Tasten. Der siebte. Der elfte. Und der dreizehnte. Für ein Ohr, das an unsere Musik gewöhnt ist, klingen sie ungewohnt … manche sagen: falsch. Der elfte hat einen eigenen Namen. Man nennt ihn das Alphorn-Fa. Und über ihn gibt es zwei Meinungen. Manche Musiker benutzen ihn nicht, weil er nicht in unser System passt. Andere benutzen ihn genau deswegen. Weil er zeigt, dass hier ein Naturinstrument spielt … und keine Tastatur.

Was Posaune und Trompete anders machen

Was so ein Naturinstrument von anderen unterscheidet, merkt man an einem Vergleich. Denn andere Blasinstrumente können ihre Rohrlänge verändern. Am anschaulichsten ist das bei einer Posaune. Die hat einen Zug, den man herausschiebt … und damit wird das Rohr länger. Und je weiter man den Zug herausschiebt, desto tiefer wird der Ton. Und damit hat man auf einmal alle Töne, nicht nur die natürlichen. Bei einer Trompete machen das die Ventile. Man drückt, und das Rohr wird länger. Das Alphorn hat davon nichts. Es gibt allerdings kleine Kunstgriffe. Ein Bläser kann einen Ton ein Stück nach oben … oder nach unten ziehen, indem er anders bläst. Etwa einen halben Halbton weit in jede Richtung. Beim Waldhorn gibt es dafür noch einen Trick. Man schiebt die Hand in den Becher … und verändert damit den Ton. Beim Alphorn geht das nicht. Der Becher liegt im Gras.

Noten für alle Hörner gleich

Wie man für so ein Instrument Noten schreibt, ist ein hübscher Trick. Die Hörner sind verschieden lang, und man benennt sie mit Buchstaben. Ein Alphorn in F klingt sieben Halbtöne tiefer als ein kürzeres Horn in C. In der Schweiz ist das Horn in Fis oder Ges am weitesten verbreitet. In Deutschland das Horn in F. Und die Noten schreibt man für alle gleich … immer in C. Obwohl Alphörner in C selten sind. Dadurch passen dieselben Noten auf jedes Horn, egal wie lang es ist … und die Tonhöhe verschiebt sich von selbst. Und für die Schweizer Hörner gibt es Verlängerungsstücke, mit denen man sie nach F stimmt. Ein Alphorn besteht aus mehreren Stücken. Und ganz genau stimmt man an den Übergängen … indem man sie ein wenig auseinanderzieht oder zusammenschiebt. Ein Instrument, das man durch Ziehen stimmt. Ohne Schrauben. Nur mit den Händen.

Ein Streit über acht Schwingungen

Ein Wort noch zur Stimmung, weil daran etwas Menschliches hängt. Als Grundlage für das Stimmen gilt ein bestimmter Ton, den man den Kammerton nennt. Er liegt bei vierhundertvierzig Schwingungen in der Sekunde. Und darüber wird tatsächlich diskutiert. Manche möchten etwas tiefer stimmen … bei vierhundertzweiunddreißig. Ein Streit über acht Schwingungen in der Sekunde. Bei einem Instrument, das man kilometerweit hört. Trotz der wenigen Töne kann man auf einem Alphorn viele Melodien spielen. Es gibt sogar ein klassisches Stück dafür, von Leopold Mozart … eine Sinfonia pastorella für Alphorn und Streicher. Und darin braucht das Alphorn vier Töne. Nur vier. Drei davon liegen dicht zusammen, und darunter liegt noch einer. Vier Töne, ein ganzes Stück. Wie weit man dieses Instrument hört, hängt von der Landschaft ab. Fünf bis zehn Kilometer. Und dafür ist es gebaut. Es ist kein Instrument für einen Raum. Es ist ein Instrument für ein Tal.

Siebzig Stunden Aushöhlen

Jetzt zum Bauen, denn das ist Handarbeit, und zwar viel. Die Technik, ein Rohr aus Holz zu machen, ist uralt. Bis in die jüngste Zeit hat man Wasserleitungen so gebaut. Ein Baumstamm wird geschält und der Länge nach in zwei Hälften geteilt. Und dann wird jede Hälfte von innen ausgehöhlt. So weit, dass am Ende eine Wand von sechs bis acht Millimetern übrig bleibt. Diese Arbeit dauert über siebzig Stunden. Von Hand. Siebzig Stunden Aushöhlen, für ein Rohr, das nachher wieder zusammengefügt wird. Danach wird das Horn außen umwickelt … heute mit Peddigrohr. Früher nahm man dafür Rindenblätter, Streifen aus Holz oder Wurzeln. Das ist kein Schmuck. Das ist Wetterschutz. Und oben kommt ein Mundstück hinein, meist ebenfalls aus Holz.

Der Becher kam von der Fichte

Die gebogene Form am unteren Ende hat einen Ursprung, der mir gefällt. Sie kam von der Fichte selbst. Denn ein Baum, der am Hang wächst, wächst krumm. Unten biegt sich sein Stamm. Und genau diese natürliche Krümmung war früher der Becher des Horns. Das macht man heute nicht mehr so. Der Becher ist inzwischen standardisiert … und es gibt zwei Formen davon. Die Berner Form hat einen größeren Bogen. Die Luzerner Form, die man auch die Innerschweizer nennt, hat einen engeren. Zwei Regionen, zwei Kurven. Ein Alphorn kann man übrigens auseinandernehmen. In der üblichen Ausführung zerlegt man es in drei Teile, es gibt auch Hörner in vier Teilen. Sonst könnte man es nicht tragen und nicht verstauen. Ein Horn dieser Länge trägt man nicht am Stück durch die Gegend. Was so ein Horn kostet, hat mich überrascht. Für ein Instrument aus Holz lag der Preis vor einigen Jahren bei etwa eintausendzweihundert … bis dreitausenddreihundert Euro. Wenn man die siebzig Stunden Aushöhlen dagegenrechnet, ist das eigentlich wenig. Und es gibt in der Schweiz zwei verwandte Instrumente, die nach demselben Prinzip arbeiten … aber viel seltener sind. Das eine heißt Büchel. Das andere Tiba.

Schale oder Trichter: das Mundstück

Noch ein Wort zum Mundstück. Denn davon hängt ab, dass man das Alphorn zu den Blechblasinstrumenten zählt. Bei den Blechblasinstrumenten gibt es zwei Grundformen davon. Die eine ist wie eine kleine Schale mit einem Loch in der Mitte. Die andere ist wie ein Trichter, der gleichmäßig enger wird. Und es gibt Mischungen aus beidem. Beim Alphorn ist dieses Mundstück meistens aus Holz … wie das ganze Instrument. Ein Stück Holz, in das man hineinbläst … und in dessen Rand die Lippen schwingen. Und noch etwas entscheidet über den Klang, ganz unten am anderen Ende. Die Form des Bechers. Sie wirkt nicht nur auf die Klangfarbe, sondern auch darauf … wie die Abstände zwischen den Naturtönen ausfallen. Darum sind die Berner und die Luzerner Form nicht nur Geschmack. Beide Formen wirken auf den Klang. Nur eben verschieden.

Trembita, Lur und Pūkaea

Lange Holzrohre ohne Grifflöcher gibt es übrigens nicht nur in den Alpen. Es gibt sie in vielen Kulturen, und sie haben überall eigene Namen. In den Karpaten heißt so ein Horn Trembita. In Polen Bazuna. In Rumänien Bucium. In Ungarn Fakürt. In Skandinavien gibt es den Lur. In Peru die Pampa Corneta. Und bei den Māori in Neuseeland die Pūkaea. Überall dort, wo Menschen über weite Strecken etwas mitteilen mussten … haben sie sich ein langes Rohr aus Holz gemacht.

Zwei Batzen für einen Walliser

Wie weit die Geschichte des Alphorns zurückgeht, ist nicht sicher. Aber es gibt eine Erzählung aus dem dreizehnten Jahrhundert, die ich gern weitergebe. Ein Schweizer Geschichtsschreiber berichtet, ein Kuhhirte habe im Jahr zwölfhundertzwölf … in einem Walliser Seitental so laut in sein Horn geblasen … dass man es bis in den nächsten Ort hören konnte. Und der Überlieferung nach benutzte man das Alphorn in manchen Gegenden im vierzehnten Jahrhundert … als Signalinstrument. Die erste schriftliche Erwähnung, die man sicher kennt, ist von fünfzehnhundertsiebenundzwanzig. Und sie steht in einem Rechnungsbuch eines Klosters. Dort ist eine Ausgabe verzeichnet: zwei Batzen an einen Walliser mit Alphorn. Zwei Batzen. Das ist die älteste sichere Spur dieses Instruments in der Schweiz. Kein Denkmal, kein Bild. Ein Eintrag in einer Abrechnung.

Fast vergessen, dann Nationalsymbol

Im achtzehnten Jahrhundert geriet das Alphorn dann fast in Vergessenheit. Es hatte in den Städten einen schlechten Ruf bekommen. Zurückgebracht haben es die Reisenden. Im neunzehnten Jahrhundert kamen Reisende in die Schweizer Alpen … zuerst vor allem Engländer. Und mit ihnen kam ein Interesse an allem, was dort einheimisch war. Achtzehnhundertfünf und achtzehnhundertacht fanden die ersten großen Hirtenfeste statt … mit Alphornmusik. Und heute gilt das Alphorn in der Schweiz als Nationalsymbol … neben dem Taschenmesser, dem Käse und der Schokolade. Ein Instrument, das man beinahe verloren hatte, ist zum Zeichen eines ganzen Landes geworden.

Kuhreihen: Lieder zum Rufen

Wofür man es früher gebraucht hat, führt zu einer Art von Liedern, die ich sehr mag. Man nennt sie Kuhreihen. Das waren Hirtenlieder, mit denen man in den Alpen die Kühe zum Melken anlockte. Nicht zum Vergnügen. Zum Rufen. Der älteste erhaltene Kuhreihen ist von fünfzehnhundertfünfundvierzig … und er ist ohne Text überliefert, für zwei Stimmen aufgeschrieben. Gespielt wurden diese Lieder auf dem Alphorn … auf der Schalmei … und auf der Sackpfeife. Melodien und Texte aus der Zeit vor achtzehnhundert kennt man aus mehreren Schweizer Tälern. Im französischsprachigen Teil heißen diese Lieder Ranz des vaches. Und auch dort steckt ein Ruf darin. Er heißt: Lîoba por aria. Das bedeutet: Kühe, kommt zum Melken.

Kühe mit Namen

Und jetzt kommt die Stelle, die mich am meisten freut. In diesen Liedern stehen die Namen einzelner Kühe. Nicht «die Kühe». Sondern diese und jene, mit Namen. Man rief sie, wie man Kinder ruft. Das Wort Lobe für Kuh gibt es in den alemannischen und in den romanischen Alpendialekten. Ein Volkskundler hat vermutet, dass es sehr alt ist … älter als die indogermanischen Sprachen. Und mancherorts in der Schweiz heißen die Kühe bis heute Loobe. Oder, in der Verkleinerungsform, Loobeli. Es gibt einen Bericht von siebzehnhundertachtundneunzig, der mich zum Lächeln bringt. Ein Arzt schrieb damals, sogar die Kühe bekämen Heimweh … wenn man ihnen in der Fremde einen Kuhreihen vorspiele. Sie würfen dann augenblicklich den Schwanz krumm in die Höhe, schrieb er … zerbrächen alle Zäune und wären wild und rasend. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich mag nur die Vorstellung … dass eine Melodie in einem Tier etwas auslöst, das man Heimweh nennen kann.

Hö, hä, ä und ein Triller nach unten

Wie so ein Rufen klang, hat jemand achtzehnhundertneunzig beschrieben. Und diese Beschreibung ist so genau, dass man es fast hört. Ein Senn auf einer Alp im Appenzell hatte die Kühe in kürzester Zeit bei der Tränke. Er setzte auf den Silben hö, hä, ä ein … mit dem höchsten Ton, den er mit voller Stimme erreichte. Und von dort ließ er einen Triller hören, der langsam nach unten glitt. Dazwischen rief er: Chönd wäädli. Das heißt: Kommt schnell. Ähnliche Rufe kennt man auch von Hirten in Belgien und in Norwegen. Und in einer Stadt in Baden-Württemberg wird seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts … jedes Jahr am vierundzwanzigsten Dezember ein Kuhreihen geblasen. Auf einer Holztrompete, die dort Herterhorn heißt.

Vom Ruf zum Jodeln

Aus diesen Rufen ist noch etwas anderes geworden, und das kennt heute jeder. Das Jodeln. Ursprünglich war das kein Gesang, sondern ein Ruf. Ein Hirtenruf in den Alpen. Erst im neunzehnten Jahrhundert wurde daraus ein Volksgesang … aus Silben, mit einem schnellen Wechsel zwischen zwei Stimmlagen. Dieser Wechsel ist das Kennzeichen. Die Stimme springt von der Brust in den Kopf und zurück. Dazu kommen große Sprünge zwischen den Tönen und ein weiter Tonumfang. Und das Wort selbst ist mit einem anderen verwandt … mit johlen. Es gibt in den Alpen eine ganze Familie solcher Rufe, und sie heißen alle anders. Es gibt den Juchzer, einen kurzen Ruf. Es gibt den Viehlockruf, mit dem man die Tiere holt. Und es gibt den Almschrei. Den finde ich am schönsten. Der Almschrei ist ein Ruf von einer Hütte zur nächsten. Nachbarn, die sich von Hütte zu Hütte verständigen … ohne Telefon und ohne Weg. Der Jodler unterscheidet sich von all diesen Rufen dadurch, dass er eine Form hat. Er ist länger. Und er hat einen Aufbau. Ein Ruf ist ein Ruf. Ein Jodler ist ein Stück.

Die frühesten Belege kommen nicht aus den Alpen

Wie das Jodeln zu seinem heutigen Ansehen gekommen ist, ist eine kleine Überraschung. Denn die frühesten Belege für das Wort kommen gar nicht aus den Alpen. Sie kommen aus Franken und aus dem deutschsprachigen Donauraum … aus dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert. Und dort bedeutete jodeln nichts Musikalisches. Es bedeutete: schreien, rufen … und auf lärmende Weise im Wirtshaus lustig sein. Zur Musik wurde das Wort erst um achtzehnhundert, in Wien. Dort begann eine Mode, und Theaterautoren und Zeitungsschreiber trieben sie voran. Diese Mode erfasste in den achtzehnhundertzehner Jahren die deutschsprachigen Städte … dann Paris … und achtzehnhundertsiebenundzwanzig London. Ab achtzehnhundertvierundzwanzig gingen Sängergruppen aus den Alpentälern auf internationale Bühnen. Und bekannte Komponisten schrieben Jodellieder und Jodelarien. Dabei bekam auch eine Gegend eine Rolle zugeschrieben. Und die wird sie seither nicht mehr los. Tirol wurde zum Stammland des Jodelns erklärt … von Wiener Theaterautoren. Es gibt für dasselbe Tun übrigens viele andere Wörter, je nach Landschaft. Dudeln. Ludeln. Rugusen. Zauren. Almen. Und in manchen Gegenden sagt man einfach: Arien singen. Gejodelt wird auch weit außerhalb der Alpen. Im Harz zum Beispiel … und dort gibt es jedes Jahr Wettbewerbe.

Ein Ruf wird ein Lied für den Salon

Nach dem großen Hirtenfest von achtzehnhundertfünf wurden die Kuhreihen plötzlich beliebt. Zwei Herausgeber brachten acht Schweizer Kuhreihen heraus … und schmückten sie mit romantischen Geschichten über das Leben auf der Alp. Es folgten erweiterte Auflagen, dreimal in den nächsten gut zwanzig Jahren. Die letzte hatte sechsundsiebzig Lieder mit Klavierbegleitung und aufwändige Bilder. Gemacht war sie für gebildete Touristen. Ein Ruf, mit dem man Kühe holt … wird zu einem Lied mit Klavier, für den Salon. Ein Appenzeller Kuhreihen war schon früher gedruckt worden … unter anderem in einem Musiklexikon, das siebzehnhundertachtundsechzig in Paris erschien. Achtzehnhundertneun kam er in Wien in einem Singspiel vor. Und dadurch wurde er europaweit bekannt. Und danach griffen ihn Komponisten auf, deren Namen man kennt. Liszt. Rossini. Meyerbeer. Und Wagner. Diese Lieder haben außerdem etwas anderes beeinflusst … das schweizerdeutsche Jodellied, das im neunzehnten Jahrhundert aufkam.

Wie die Kuhreihen aufgeschrieben wurden

Und noch ein Wort dazu, wie die Kuhreihen aufgeschrieben wurden. Denn diese Lieder waren zuerst nichts, was auf Papier stand. Sie waren ein Ruf, den man von jemandem hörte und dann selbst machte. Der älteste, den man kennt, wurde erst gedruckt, als jemand ihn zweistimmig setzte … also für zwei Stimmen aufschrieb. Und was in den Sammlungen des neunzehnten Jahrhunderts dann daraus wurde, war schon etwas anderes. Die Herausgeber schrieben Geschichten dazu über das Leben auf der Alp … und die waren nicht immer so, wie das Leben dort war. Man hat das später «naivtuend» genannt. Also: so, als wäre alles einfach und schön gewesen. Ich finde das eine bemerkenswerte Verwandlung. Ein Ruf wird zu einem Lied. Das Lied wird zu einer Sammlung. Und die Sammlung wird zu einem Bild von einem Leben … das die Leute, die es lebten, so nicht erzählt hätten.

Ähnliche Gesänge in aller Welt

Und weil wir beim Jodeln sind, noch etwas, das den Blick weit macht. Gesänge, die mit sinnfreien Silben arbeiten oder zwischen zwei Stimmlagen wechseln … gibt es an vielen Orten der Welt. Es gibt sie bei Völkern im Regenwald Afrikas. Es gibt sie im Kaukasus. Es gibt sie in Melanesien, in China, in Thailand und in Kambodscha. In Spanien gibt es eine solche Gesangsart. In Lappland gibt es den Joik. Und in Schweden gibt es das Kulning. Aber jetzt kommt ein Gedanke, der mir gefällt, weil er so sorgfältig ist. Man hat diese Gesänge lange alle «Jodeln» genannt. Und die Musikwissenschaft geht davon inzwischen ab. Denn sie haben mit dem mitteleuropäischen Jodeln keinen gemeinsamen Ursprung. Sie klingen nur ähnlich. Nicht, weil einer es vom anderen gelernt hätte. Eine Ausnahme gibt es. Das amerikanische Yodelling stammt tatsächlich von den Alpensängern ab. Es ist über die Bühnen des neunzehnten Jahrhunderts dorthin gekommen.

Eintausendachthundert Bläser

Wie viele Leute heute Alphorn spielen, lässt sich ungefähr sagen. Der Eidgenössische Jodlerverband zählt an die eintausendachthundert organisierte Bläser … in der Schweiz und in der ganzen Welt. In Deutschland gibt es zahlreiche Alphornbläser, die sich zu Treffen zusammenfinden. Es gibt ein jährliches Treffen im Allgäu … und ein Landestreffen in Baden-Württemberg. Dort spielen sie als Solisten, in kleinen Gruppen … und manchmal in Massenchören. Stell dir das einen Moment vor. Ein ganzer Chor, nur aus Alphörnern. In Österreich gibt es ein Alphornfestival im Kleinwalsertal. Und in der Innerschweiz werden Kurse angeboten, bei denen sich ganze Gruppen zusammenfinden. Es gibt eine Gegend, in der das Alphorn gar nicht heimisch ist und trotzdem gespielt wird. In den Vogesen, im heutigen Frankreich. Dorthin kamen vor Jahrhunderten Einwanderer aus den Alpenländern. Und die Sennen auf den Bergweiden dort spielen seit zwei Jahrhunderten Alphorn. Später fing man dort an, eigene zu bauen … aus anderen Materialien. Aus Glas. Und aus Weißblech.

Siebenundvierzig Meter

Wie lang so ein Horn werden kann, ist eine eigene Geschichte. Das längste der Welt ist siebenundvierzig Meter lang. Gebaut hat es ein Alphornbauer aus der Innerschweiz, zusammen mit einem Amerikaner. Spielen kann man dieses Horn allerdings nicht. Aber wenn man beim Zusammenbau nicht alle Teile verwendet, ist es noch vierzehn Meter lang … und das ist dann das längste spielbare Alphorn. Und jetzt die Zahl, die mich staunen lässt. Ein normales Alphorn hat sechzehn Töne. Dieses hat vierundsechzig. Vierundsechzig Töne, auf vierzehn Metern Holz. Viermal so viele wie auf einem gewöhnlichen Horn. Das längste Horn, das aus einem Stück gefertigt wurde, ist zwanzig Meter und siebenundsechzig Zentimeter lang. Es steht in Oberbayern, in der Werkstatt, in der es gemacht wurde … und man kann es dort ansehen.

Kunststoff, Klappen und ein Ventil

Es gibt inzwischen auch Alphörner, die nicht aus Holz sind. Man baut sie aus Kunststoff, verstärkt mit Glas- oder Kohlenstofffasern … und aus Acrylglas. Sie wiegen weniger als ein Kilogramm. Und darüber gibt es ein klares Urteil. Klanglich sind sie den Holzhörnern deutlich unterlegen. Man kann verstehen, warum es solche Hörner gibt. Sie sind leicht. Und man kann verstehen, warum die meisten trotzdem beim Holz bleiben. Man hat auch versucht, dem Alphorn mehr Töne zu geben. Mit Klappen. Oder mit einer Ventilmaschine, wie sie eine Trompete hat. Mit Klappen kommen einige Töne dazu. Mit einer Ventilmaschine alle. Eine Alphornspielerin hat sich dafür ein eigenes Instrument entwickeln lassen … ein klassisches Alphorn mit einem Ventil-Aufsatz. Und in manchen Orgeln gibt es eine Reihe von Pfeifen, die Alphorn heißt. Dort ahmt eine Orgelpfeife aus Holz diesen Klang nach. Ein Instrument, das so eigen klingt, dass man es in einer Kirche nachbaut.

Vom Jodlerverband bis zum Jazz

Heute spielt man auf dem Alphorn längst nicht mehr nur Hirtenmusik. Es gibt Konzerte für Alphorn und Orchester, mehrere davon aus den letzten Jahrzehnten. Von zwei besonderen erzähle ich dir später noch. Im Jazz wird das Instrument vereinzelt eingesetzt. Und einmal war es sogar in einem Lied beim Eurovision Song Contest zu hören … neunzehnhundertsiebenundsiebzig, gespielt von einer Schweizer Band. In der Schweiz war das ein Nummer-eins-Hit und hielt sich achtzehn Wochen in den Charts.

Es gibt einen Dokumentarfilm über dieses Instrument. Er heißt «Musik der Alpen – Das Alphorn». Er beginnt bei den Ursprüngen und führt bis zur heutigen Art, damit umzugehen. Vom Verband der Jodler bis zum Jazz, so hat man das zusammengefasst. Und das trifft es. Denn dieses Instrument hat in den letzten Jahrzehnten seine Rolle gewechselt. Es war ein Werkzeug. Dann war es Folklore. Und jetzt ist es ein Instrument wie andere auch. Es gibt Musikerinnen und Musiker, die damit Weltmusik machen. Es gibt Quartette, die nur aus Alphörnern bestehen. Und es gibt junge Spielerinnen, die damit auf großen Bühnen stehen. Ein Rohr aus Holz, das ursprünglich dazu diente, über ein Tal zu rufen.

Was für das Alphorn geschrieben wurde

Was für dieses Instrument geschrieben wurde, ist überschaubar … und wächst. Klassische Stücke gibt es wenige. Das bekannteste ist die Sinfonia pastorella, von der ich erzählt habe. Dazu kommt ein Stück, das für Bauerninstrumente geschrieben wurde … und ein Concertino von einem ungarischen Komponisten. Ein Schweizer Dirigent hat ein Konzert für Alphorn und Orchester geschrieben … und ein zweites Werk mit einem Titel, der mir gefällt. Es heißt «Dialog mit der Natur», für Alphorn, Piccolo und Orchester. Neunzehnhundertsiebenundachtzig kam ein Konzert für Alphorn und Streichorchester dazu. Neunzehnhundertsechsundneunzig ein Concertino für ein Horn in F und Streicher. Zweitausendvier wurde ein Konzert für ein Schweizer Musikfestival in Auftrag gegeben. Uraufgeführt hat es ein russischer Hornist. Dieses Stück braucht ein normales Sinfonieorchester … und dazu drei Schlagzeuger und einen Synthesizer. Man nennt so etwas Crossover. Zwischen Jazz und Klassik. Und zweitausendvierzehn kam ein Werk für vier Alphörner und Orchester heraus. Es arbeitet mit den Naturtönen und mit ganz kleinen Tonabständen … kleiner als ein Halbton. Und damit macht es genau das, was das Alphorn ohnehin tut. Es benutzt die Töne, die nicht auf unsere Tasten passen … als Material. Was manche falsch nennen, ist hier die Idee des Stücks.

Alles ist schon in der Luft

Es ist inzwischen dunkel geworden auf unserer Alp. Das Horn lehnt wieder an der Hüttenwand, mit dem Becher im Gras. In seinem Inneren steht Luft. Ganz still. Und in dieser Luft steckt schon alles, was das Horn kann. Sechzehn Töne. Nicht mehr. Der tiefste ganz unten … und dann die anderen darüber, immer enger beieinander. Sie sind alle schon da. Man muss sie nur herausholen. Mit den Lippen. Und mit dem Atem. Das ist ein schöner Gedanke für den Abend, finde ich. Dass in einem Stück Holz, das an einer Wand lehnt … schon alles drin ist. Man muss nichts hinzufügen. Man muss nichts einstellen. Man muss nur hineinblasen … und warten, welcher Ton kommt.

Ein Ton geht hinaus über das Tal. Und dann ist es wieder still. Und dann noch einer, ein bisschen höher. Er geht bis zum gegenüberliegenden Hang … und ein Stück darüber hinaus. Fünf bis zehn Kilometer weit. Irgendwo dort unten hört ihn jemand, der nicht weiß, wer bläst. Und hört einfach zu. Und du darfst jetzt schlafen. Das Horn steht an der Wand … und die Luft darin ist ruhig. Die Töne warten. Sie haben Zeit. Und morgen Abend geht wieder einer hinaus über das Tal. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.

Quelle und Lizenz

Dieser Text beruht auf den Wikipedia-Artikeln «Alphorn», «Naturtonreihe», «Kuhreihen» und «Jodeln». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.

Verwendete Fassungen: «Alphorn» Version 269563407, abgerufen am 20. August 2026, «Naturtonreihe» Version 266460667, abgerufen am 20. August 2026, «Kuhreihen» Version 267702349, abgerufen am 20. August 2026 und «Jodeln» Version 268421827, abgerufen am 20. August 2026.

Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.