Die Orgel und ihr Wind

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht
Eine leere Kirche am Abend, ein Gehäuse aus Holz auf der Empore – und darin ein Instrument, bei dem kein Ton angeschlagen wird, sondern angeblasen. Diese Einschlafgeschichte für Erwachsene geht der Orgel nach, von der Luft im Balg bis zu den Pfeifen, von denen jede einzelne genau einen Ton kann.
Bei einer großen Orgel traten früher bis zu zwölf Kalkanten die Bälge. Die Orgel im Dom zu Passau hat 233 Register und 17'974 Pfeifen. Das erste orgelartige Instrument entstand um 246 vor unserer Zeitrechnung in Alexandrien – und in Avenches liegen Reste einer antiken Orgel. In Deutschland stehen heute rund fünfzigtausend Instrumente.
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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte
Ein Gehäuse auf der Empore
Stell dir eine Kirche vor … am Abend, wenn niemand mehr da ist. Der Boden ist aus großen Steinplatten, ein wenig uneben. Und die Kühle des Steins steht im ganzen Raum. Es ist still. Draußen wird es dunkel, und im Innenraum bleibt nur noch ein Rest von Licht. Wenn du dich umdrehst und nach hinten schaust, siehst du oben eine Empore. Darauf steht ein hohes Gehäuse aus Holz. Und aus diesem Gehäuse ragen Reihen von Pfeifen … silbrig, unterschiedlich lang, dicht nebeneinander. Das ist eine Orgel. Und sie steht dort und tut gerade gar nichts. Der Name kommt aus dem Altgriechischen. Das Wort órganon bedeutet Werkzeug. Oder Instrument. Das Wort bedeutet also einfach: das Gerät. Und trotzdem hat es sich für dieses eine Instrument durchgesetzt. Es gibt heute auch Orgeln ganz ohne Pfeifen, elektronische. Um beide auseinanderzuhalten, sagt man zur alten manchmal Pfeifenorgel. Denn genau darum geht es. Um Pfeifen.
Warum jede Pfeife nur einen Ton kann
Eine Orgel ist ein Tasteninstrument, aber sie funktioniert nicht wie ein Klavier. Beim Klavier schlägt ein Hämmerchen auf eine Saite. Bei der Orgel geschieht etwas anderes. Da wird Luft durch eine Pfeife geblasen. Und jede Pfeife kann genau einen einzigen Ton. Man nennt das Eintonpfeifen. Wenn eine Orgel also fünfzig verschiedene Töne spielen soll, in einer Klangfarbe … dann braucht es dafür fünfzig Pfeifen. Eine für jeden Ton. Und das ist der Grund, warum so ein Instrument so groß wird. Die Luft, die durch die Pfeifen strömt, hat einen eigenen Namen. Man nennt sie den Orgelwind. Und das ist mehr als nur ein hübsches Wort. Es beschreibt genau, was dort passiert. Es weht etwas durch das Instrument hindurch. Kein Anschlag. Kein Zupfen. Kein Streichen. Ein Luftstrom, der nicht aufhört, solange die Taste unten bleibt. Und die Orgel atmet. Ganz ruhig.
Lippenpfeifen und Zungenpfeifen
Es gibt zwei Arten, wie so eine Pfeife ihren Ton macht. Bei der einen bläst die Luft unten aus einem schmalen Spalt gegen eine scharfe Kante. Dadurch beginnt die Luft, die in der Pfeife steht, zu schwingen. Genau so funktioniert eine Blockflöte. Man nennt diese Pfeifen Lippenpfeifen. Oder mit dem Fachwort: Labialpfeifen. Die meisten Pfeifen einer Orgel sind von dieser Art. Bei der zweiten Art sitzt im Inneren ein dünnes Blättchen. Der Luftstrom bringt es zum Schwingen, und dieses Schwingen macht den Ton. So arbeitet eine Klarinette. Diese Pfeifen heißen Zungenpfeifen. Oder Lingualpfeifen.
Einschlafgeschichte weiterlesenDie restlichen 4.132 Wörter, Wort für Wort wie Fridolin es erzählt
Pfeifenwerk, Windwerk, Regierwerk
Eine Orgel besteht aus drei Hauptteilen, und es lohnt sich, sie einmal zu benennen. Das erste ist das Pfeifenwerk. Also alles, was klingt. Das zweite ist das Windwerk. Ein Gebläse, das die Luft liefert. Bälge, die den Druck ruhig halten. Kanäle, die sie weiterleiten. Und die flachen Kästen, auf denen die Pfeifen stehen. Und das dritte heißt Regierwerk. Das ist die ganze Mechanik, die dem Wind den Weg zu einer bestimmten Pfeife öffnet. Der Spieltisch gehört dazu … der Platz mit den Klaviaturen, an dem der Organist sitzt. Und die Verbindungen von den Tasten zu den Ventilen. Und um das alles herum steht das Gehäuse, mit seiner Schauseite nach vorn. Die nennt man den Prospekt.
Holz, Orgelmetall und Rinderknochen
Gebaut wird eine Orgel vor allem aus Holz. Das Gehäuse ist aus Holz. Die flachen Kästen unter den Pfeifen sind aus Holz. Die Tasten auch. Und ein Teil der Pfeifen auch. Bei einer Orgel, bei der die Tasten die Ventile über Gestänge öffnen … man nennt sie mechanisch … sind sogar viele Teile dieses Gestänges aus Holz. Die Metallpfeifen bestehen meist aus einer Mischung von Zinn und Blei. Diese Mischung hat einen eigenen Namen. Man nennt sie Orgelmetall. Seit dem neunzehnten Jahrhundert kommt auch Zink vor, im zwanzigsten Jahrhundert Kupfer. Und vereinzelt gibt es Pfeifen aus Porzellan. Für die Beläge der Tasten nimmt man wieder etwas anderes. Meistens Rinderknochen. Seltener Elfenbein. Und daneben verschiedene Hölzer, jedes mit einem eigenen Namen. Ebenholz. Geschwärzter Birnbaum. Grenadill. Das sind Wörter, die niemand mehr oft hört. Und doch liegen die Finger eines Organisten jeden Tag darauf.
Register ziehen und abstossen
Jetzt zu dem Teil, der die Orgel zur Orgel macht. Den Registern. Eine Pfeifenreihe besteht aus Pfeifen gleicher Bauart und gleicher Klangfarbe. Eine Reihe für alle Töne, alle nach demselben Muster gebaut. So eine Reihe nennt man ein Register. Und jedes Register lässt sich einzeln ein- und ausschalten. Bei einer mechanischen Orgel geschieht das über Knäufe neben der Klaviatur. Man zieht sie heraus, um ein Register einzuschalten. Und schiebt sie hinein, um es abzuschalten. Daher kommen die alten Wörter dafür. Man sagt: ziehen. Und abstoßen. Welche Register eine Orgel überhaupt hat, ist keine Kleinigkeit. Diese Zusammenstellung heißt die Disposition. Sie wird beim Bau festgelegt, zwischen dem Orgelbauer und dem, der die Orgel bestellt. Und sie entscheidet darüber, was man auf diesem Instrument später spielen kann und was nicht. Deshalb gleicht kaum eine Orgel der anderen. Jede ist an ihren Raum angepasst. Und an den Geschmack der Zeit, in der sie entstand.
Beim Spielen kommt dann die zweite Kunst dazu. Man kann Register miteinander kombinieren. Das nennt man die Registrierung. Aus wenigen Reihen lassen sich so sehr viele verschiedene Klangfarben mischen. Und verschiedene Lautstärken. Die Kunst besteht darin, für ein Stück die richtige Mischung zu finden. Denn jede Epoche hatte ihr eigenes Klangbild. Ein Organist, der das kennt, hört einem Instrument an, wofür es gebaut wurde. Die Lage eines Registers gibt man nicht in Tönen an, sondern in Fuß. Denn wie tief eine Pfeife klingt, hängt davon ab, wie lang sie ist … und ihre Länge misst man seit alters in Fuß. Ein Register in normaler Lage heißt Acht-Fuß. Denn seine tiefste Pfeife ist ungefähr acht Fuß lang. Ein Register, das eine Oktave tiefer klingt, heißt Sechzehn-Fuß. Seine Pfeifen sind doppelt so lang. Und eines, das eine Oktave höher klingt, heißt Vier-Fuß. Und weil diese Zahl neben jedem Registernamen steht … sieht ein Organist schon am Spieltisch, wie tief ein Register klingt.
Aliquoten, gedackte Pfeifen und Mixturen
Es gibt aber nicht nur Oktaven. Es gibt auch Register, die nicht den gespielten Ton bringen, sondern einen darüber. Fünf Stufen höher … das nennt man eine Quinte. Oder drei Stufen … eine Terz. Solche Register nennt man Aliquoten. Ihr Sinn liegt woanders. In jedem Ton stecken ja neben dem Grundton noch weitere Töne … leise, darüber liegend. Man nennt sie Obertöne. Sie sind es, die einer Geige ihren Klang geben und einer Flöte ihren. Und ein Aliquotregister verstärkt genau solche Obertöne. Es fügt dem Klang etwas hinzu, das man nicht als eigenen Ton hört … sondern als Farbe. Bei den Pfeifen gibt es noch einen hübschen Unterschied. Manche sind oben offen. Andere sind oben zu, mit einem Deckel verschlossen. Die verschlossenen nennt man gedackt. Und bei gleicher Länge klingen sie eine ganze Oktave tiefer. Für den Orgelbauer ist das sehr praktisch. Wo eine offene Pfeife acht Fuß lang sein müsste, genügt eine gedackte von vier Fuß. So bekommt man tiefe Töne auch dort unter, wo wenig Platz ist.
Dann gibt es Register, bei denen für eine einzige Taste mehrere Pfeifen zugleich klingen. Man nennt sie gemischte Stimmen. Eine davon heißt Mixtur. Manchmal sagt man auch Klangkrone. Sie legt über den Klang noch die hohen Töne … hell, glänzend, ein wenig scharf. Andere gemischte Stimmen tragen eigene Namen. Die Sesquialtera. Und das Kornett. Beide krönen den Klang nicht. Sie färben ihn. Es gibt auch etwas, das gar keine Pfeifen hat und trotzdem einen eigenen Knauf am Spieltisch bekommt. Den Tremulanten. Er lässt den Winddruck leicht auf und ab gehen, gleichmäßig, immer weiter. Und dadurch beginnt der Ton zu zittern … so wie eine Stimme, die ein wenig bebt. Er schwankt dabei ein wenig in der Höhe und ein wenig in der Stärke. Er wird lebendig. Bei neueren Orgeln lässt sich einstellen, wie schnell dieses Schwingen sein soll.
Und dann gibt es Register, die nur zum Vergnügen da sind. Ein Glockenspiel zum Beispiel. Oder ein Kuckuck. Oder ein Vogelgesang. Manche Orgeln haben sogar einen Donner. Und Pauken. Man nennt sie Effektregister. Sie stehen etwas verloren zwischen all den ernsten Namen … und ich finde sie sehr sympathisch. Jetzt zum Wind. Denn ohne ihn geht gar nichts. Bis gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurde die Luft von Hand ins Instrument gepumpt. Dafür gab es große Blasebälge. Man trat sie mit den Füßen. Oder man zog sie mit Seilen auf. Und bei einer großen Orgel brauchte es dafür Leute. Bis zu zwölf davon, für ein einziges Instrument. Sie hatten einen eigenen Namen. Man nannte sie die Kalkanten. Die Balgtreter.
Man muss sich das einen Moment vorstellen. Während oben jemand spielt, stehen hinter der Orgel zwölf Menschen … und treten der Reihe nach auf die Bälge. Sie hören die Musik. Aber sie sehen nichts davon. Und ohne sie bliebe das ganze Instrument stumm. Heute macht das ein elektrisches Gebläse. Der Druck wird über einen großen Balg ausgeglichen, den Magazinbalg … und von dort läuft die Luft durch hölzerne Kanäle weiter ins Instrument. Und jetzt kommt etwas, das ich sehr mag. Bei alten Orgeln, die man heute wieder mit Bälgen betreibt, ist der Wind nicht ganz gleichmäßig. Er schwankt ein wenig. Er ist lebendig. Und die Fachleute haben dafür ein Wort. Sie sagen: die Orgel atmet. Für alte Musik schätzt man das sehr. Für die Musik ab dem späteren neunzehnten Jahrhundert braucht es dagegen das Gegenteil. Dort muss der Wind völlig ruhig stehen, ohne jede Schwankung. Denn dort steht der Klang oft lange und schwillt langsam an. Jedes Schwanken würde man hören. Und die Orgel atmet. Ganz ruhig.
Windlade, Kanzellen und Schleiflade
Das Herzstück der ganzen Anlage ist ein flacher Kasten, auf dem die Pfeifen stehen. Er heißt Windlade. In ihm geschieht das, worauf alles hinausläuft. Unter den Pfeifen sitzen Ventile. Für jede Taste eines. Drückt der Organist eine Taste, öffnet sich ihr Ventil … und der Wind steht bei allen Pfeifen dieser Taste an. Aber es klingen nur die Pfeifen, deren Register vorher gezogen wurde. Zwei Bedingungen also. Die Taste. Und das Register. Von diesen Windladen gibt es mehrere Bauformen. Und sie unterscheiden sich darin, wie die Pfeifen darauf geordnet sind. Nach Tasten. Oder nach Registern. Bei der einen sitzen alle Pfeifen, die zu einer Taste gehören, in einer gemeinsamen Kammer. Bei der anderen alle, die zu einem Register gehören. Diese Kammern heißen Kanzellen. Die älteste Bauform, bei der man einzelne Pfeifenreihen abschalten kann, heißt Schleiflade. Sie ist sehr robust, und sie klingt gut. Dazwischen hat man lange andere Bauformen bevorzugt. Heute baut man fast nur noch Schleifladen.
Von Holzstäbchen bis Glasfaser
Zwischen der Taste und dem Ventil liegt eine Verbindung. Man nennt sie die Traktur. Und die kann auf ganz verschiedene Weise gebaut sein. Mechanisch, mit dünnen Holzstäbchen und Winkeln, die den Druck weitergeben. Pneumatisch, mit Luft in kleinen Röhrchen. Elektrisch, mit Draht und Magneten. Und in modernen Instrumenten sogar durch Lichtsignale, in dünnen Glasfasern. Ein Instrument aus Holz, Blei und Wind … und in ihm laufen Signale durch Glasfasern. Gespielt wird die Orgel vom Spieltisch aus. Die Klaviaturen für die Hände heißen Manuale. Und darunter, am Boden, liegt noch eine Klaviatur für die Füße. Das Pedal. Kleine Orgeln haben ein oder zwei Manuale. Mittlere zwei oder drei. Große drei bis fünf. Und ganz vereinzelt gibt es Instrumente mit sechs oder sieben. Die Manuale zählt man von unten nach oben, mit römischen Zahlen.
An alten Orgeln findet man eine Eigenheit, die einen erst stutzen lässt. Im tiefsten Bereich fehlen Töne. Bis um siebzehnhundert war es üblich, ganz unten nicht alle Halbtöne zu bauen. Man nennt das die kurze Oktave. Bis Anfang des neunzehnten Jahrhunderts verzichtete man außerdem oft auf das tiefe Cis. Damit ein Organist mehr Klang bekommt, als eine Klaviatur allein hergibt, gibt es Koppeln. Eine Koppel verbindet zwei Klaviaturen miteinander. Drückt man dann eine Taste auf dem einen Manual, klingen die Pfeifen des anderen mit … ohne dass man dessen Tasten berührt. So klingen zwei Teile der Orgel auf einmal. Jeder solche Teil, mit eigener Klaviatur, heißt ein Werk. Es gibt auch Koppeln, die eine Oktave nach unten oder nach oben mitgreifen. Und es gibt eine, die das Pedal mit einem Manual verbindet. Dann klingt unter den Füßen, was eigentlich zu den Händen gehört.
Koppeln, Setzer und die Registerfessel
Beim Registrieren mitten im Spiel gibt es ein Problem, das jeder Organist kennt. Die Hände sind beschäftigt. Darum hat man über die Jahrhunderte Hilfen erfunden. Schon im Barock gab es Sperrventile, mit denen man ein ganzes Werk stillstellen konnte. In Frankreich kamen später Fußhebel dazu … mit denen sich alle Zungen und alle Mixturen eines Werks auf einmal zuschalten ließen. Seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gibt es feste Kombinationen. Vom Orgelbauer eingestellte Mischungen, abgestuft nach Lautstärke … leise, mittel, laut, sehr laut. Um neunzehnhundert kam etwas Neues dazu. Kombinationen, die der Organist selbst einstellen kann. Heute gibt es dafür einen elektronischen Speicher. Man nennt ihn Setzer. Darin lassen sich sehr viele Registrierungen ablegen und auf Knopfdruck abrufen. Und es gibt eine Vorrichtung mit einem schönen Namen. Die Registerfessel. Sie hält eine neue Registrierung zurück, während man noch spielt … und gibt sie erst auf Knopfdruck frei. So kann man den nächsten Klang vorbereiten, ohne dass man ihn schon hört.
Walze und Schwellkasten
Es gibt noch eine Erfindung, die viel verändert hat. Den Registerschweller. Man nennt ihn auch die Walze. Das ist eine Rolle, die man mit dem Fuß dreht. Und während man sie dreht, schaltet sie ein Register nach dem anderen dazu … nach Lautstärke geordnet. Ganz am Ende klingen alle zugleich. Das nennt man das Tutti. Seit etwa achtzehnhundertsechzig gibt es das. Damit kann eine große Orgel fast stufenlos lauter werden. Und ebenso stufenlos wieder leiser. Eine zweite Möglichkeit, die Lautstärke zu ändern, gefällt mir noch besser. Man stellt einen Teil der Pfeifen in einen Kasten aus Holz. Dieser Kasten hat an einer Seite Jalousien, wie ein Fensterladen aus schmalen Brettern. Und die lassen sich öffnen und schließen, mit dem Fuß. Sind sie zu, klingt es gedämpft und fern. Öffnet man sie, steht der Klang plötzlich frei im Raum. Man nennt so etwas einen Schwellkasten. In der Romantik wurde er vor allem in Frankreich eingebaut. Ein Vorläufer davon waren die Echokästen der spanischen Orgeln im achtzehnten Jahrhundert.
Und die Orgel atmet. Ganz ruhig. Von außen sieht man von all dem fast nichts. Man sieht das Gehäuse und die Schauseite … den Prospekt. Und der war den Menschen sehr wichtig. In der Renaissance und noch mehr im Barock war er reich geschmückt. Mit Schnitzwerk. Mit Figuren. Mit Gemälden. Mit Vergoldung. Es kam gar nicht selten vor, dass das Gehäuse mehr kostete als alles, was darin klingt. Das klingt verkehrt herum. Aber der Prospekt gehörte eben zur Kirche, so wie die Altäre und die Decke. Wo eine Orgel steht, verrät viel darüber, wofür sie gebaut wurde. Die ältesten Instrumente hingen oft seitlich an einer Wand, hoch oben … nah beim Chorraum. Man nennt solche Orgeln Schwalbennestorgeln. Und man versteht sofort, warum. Ab dem siebzehnten Jahrhundert wanderte die Orgel dann an die Westwand … gegenüber vom Altar, auf eine eigene Empore. Und sie wurde dabei größer und lauter.
Das hatte einen bestimmten Grund. Vorher stand die Orgel meistens vorn im Chorraum … dem Teil der Kirche beim Altar. Denn dort spielte sich der Gottesdienst ab. Als der gemeinsame Gesang der Gemeinde wichtiger wurde, änderte sich die Aufgabe. Nun musste die Orgel einen ganzen Kirchenraum voller singender Menschen führen können. Und eine Orgel, die führen soll, muss man von überall hören. Also ging sie nach hinten und nach oben. Und sie bekam mehr Register. In manchen Gegenden diente die Empore noch für etwas anderes. In den großen Kirchen Mitteldeutschlands stellte man im achtzehnten Jahrhundert … oben bei der Orgel auch die Sänger und die Musiker auf. Die Orgel spielte dann nicht allein, sondern begleitete. Und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts kam eine Idee auf, bei der die Orgel selbst verschwindet. Man baute Orgeln über dem Kirchenschiff ein, in eigene Kammern auf dem Dachboden. Man hörte sie. Aber man sah sie nicht.
Vom Positiv bis zur Grossorgel
Nicht jede Orgel ist groß. Eine kleine mit einer einzigen Klaviatur und ohne Pedal heißt Positiv. Ist sie besonders kompakt gebaut, sagt man Truhenorgel. Und eine, die man tragen kann, heißt Portativ. Dann gibt es noch eine Sonderform, die nur Zungenpfeifen hat. Sie heißt Regal. Ihre Zungen verstimmten sich leicht. Am anderen Ende steht das, was man Großorgel nennt. Davon spricht man ab etwa hundert Registern. Die größte Orgel Europas steht im Dom von Passau. Zweihundertdreiunddreißig Register. Siebzehntausendneunhundertvierundsiebzig Pfeifen. Verteilt auf fünf eigenständige Orgelwerke, die zusammen gespielt werden können. Es gibt eine noch größere. Aber die kann man nicht in allen Teilen spielen. Die größte, auf der wirklich alles klingt, steht in Philadelphia. Sie hat dreihundertsechsundsiebzig Register.
Hydraulis, Byzanz und die ältesten Instrumente
Wie alt das Ganze ist, überrascht viele. Das erste orgelartige Instrument entstand um zweihundertsechsundvierzig vor unserer Zeitrechnung. Gebaut hat es ein Ingenieur in Alexandrien. Man nannte es Hydraulis. Das heißt so viel wie Wasser-Flöte. Die Römer haben das Instrument von den Griechen übernommen. Bei ihnen war es zunächst ein rein weltliches Instrument, nichts Kirchliches. Reste antiker Orgeln hat man gefunden. In der Nähe von Budapest. Und in Avenches, in der Schweiz. Nach der Antike verliert sich die Spur zunächst. Für die Zeit um vierhundert nach unserer Zeitrechnung ist im Westen kein Gebrauch belegt. Im byzantinischen Reich dagegen wurde die Orgel wichtig. Dort gehörte sie zu den kaiserlichen Zeremonien. Und von dort kam sie zurück nach Westen … als Geschenk. Gesandtschaften vom byzantinischen Hof brachten im Jahr siebenhundertsiebenundfünfzig eine Orgel mit. Und im Jahr achthundertzwölf noch eine.
Im Lauf des neunten Jahrhunderts begannen dann die ersten Bischofskirchen in Westeuropa … sich Orgeln anzuschaffen. Die Klosterkirchen kamen später dazu, wohl erst ab dem elften Jahrhundert. Zuerst war die Orgel dabei vor allem eines: ein Zeichen von Rang. Erst mit der Gotik wurde sie allmählich zum Hauptinstrument der Kirchenmusik. Wie weit sie damals schon herumkam, zeigt ein Fund. Aus dem zwölften Jahrhundert sind Reste einer Orgel aus Bethlehem erhalten. Im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert kam die Erfindung, auf der alles Weitere aufbaut. Die Schleiflade … jener flache Kasten, von dem ich vorhin erzählt habe. Vorher klang immer alles gleichzeitig, was da war. Von da an konnte der Spieler wählen. Und damit gab es zum ersten Mal Register. Und mehrere Klaviaturen. Und getrennte Teilwerke.
Einige Orgeln aus jener Zeit kann man heute noch spielen. Eine davon steht in Ostönnen. Sie stammt aus der Zeit um vierzehnhundertfünfundzwanzig. In der Schweiz, in Sitten, steht eine aus der Zeit um vierzehnhundertfünfunddreißig. In Rysum eine von etwa vierzehnhundertvierzig. In Bologna steht eine von vierzehnhundertfünfundsiebzig. Und in Kiedrich eine von etwa fünfzehnhundert. Sechshundert Jahre. Und man kann noch immer Tasten darauf drücken. In der Renaissance hatten die Orgeln zunächst nur wenige Register. Und meistens nur eine Klaviatur, dazu ein Pedal ohne eigene Pfeifen … das fest an das Manual gekoppelt war. Aus einer praktischen Anordnung entstand dabei etwas Bleibendes. Weil das Regal so oft nachgestimmt werden musste, stellte man es direkt über den Spieltisch. Und aus diesem Platz wurde später ein eigenes Teilwerk. Das Brustwerk. In der Hochrenaissance wuchsen die Instrumente dann. Mehrere Manuale, ein eigenes Pedal. Und gegen Ende der Renaissance begannen sich regionale Unterschiede zu zeigen.
Die Orgellandschaften des Barock
Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert kam die große Zeit des Orgelbaus. Und die Unterschiede wurden zu eigenen Traditionen. Man spricht heute von Orgellandschaften. Sie sind vor allem geografisch bestimmt … eine Gegend, eine Bauweise, ein Klang. Im Norden, im hanseatischen Raum, baute man nach dem sogenannten Werkprinzip. Dabei bekommt jedes Teilwerk seinen eigenen Platz im Gehäuse und seinen eigenen vollständigen Klang. Die Pfeifen des Pedals standen in eigenen hohen Türmen links und rechts und rahmten das Ganze ein. Der Klang dieser norddeutschen Orgeln hat einen eigenen Ruf. Die Mixturen bestanden vor allem aus Quinten und Oktaven … und gaben dem vollen Werk einen hellen Schimmer. Die Fachleute nennen das den Silberglanz. Diese Instrumente waren nicht dafür gedacht, einzelne Melodielinien fein herauszuarbeiten … sondern für kräftigen Klang … und dafür, eine singende Gemeinde zu tragen. Bekannt für diesen Orgeltypus wurden mehrere Werkstätten. Eine davon war die von Arp Schnitger.
Eine Sache an den alten Orgeln muss man wissen, sonst wundert man sich. Sie waren anders gestimmt als heute. Bis um siebzehnhundertvierzig hielt sich im Norden die mitteltönige Stimmung … eine ältere Art, die Töne einer Orgel gegeneinander abzustimmen. Danach setzten sich Stimmungen durch, mit denen sich in mehr Tonarten spielen ließ. Und die Instrumente standen insgesamt etwa einen Halbton höher als unsere heute. Weiter südlich, in Süddeutschland und in Österreich, klang es ganz anders. Dort baute man viele Register in der normalen Acht-Fuß-Lage … auch in ganz kleinen Instrumenten. Zungenstimmen dagegen gab es nur wenige. Das Ergebnis waren Orgeln, die deutlich leiser waren als die im Norden. Und weicher. Und das hatte einen Grund. In der katholischen Liturgie begleitete die Orgel keinen Gemeindegesang. Sie wechselte sich mit dem Gesang ab, Vers um Vers. Dafür braucht man keine Lautstärke. Dafür braucht man viele verschiedene Farben.
Bei der Bauweise gingen die süddeutschen und österreichischen Orgelbauer eigene Wege. Sie teilten das Gehäuse in zwei getrennte Hälften, links und rechts, und stellten den Spieltisch frei davor. Gern setzten sie ganze Teilwerke in die Brüstung der Empore. Und manche Werkstätten wagten Dinge, die für ihre Zeit erstaunlich waren. Zwillingsorgeln zum Beispiel, links und rechts im Chorraum … verbunden durch Trakturen, die meterlang unter dem Boden hindurchliefen. An der mitteltönigen Stimmung hielt man hier übrigens noch bis nach achtzehnhundert fest. Lange, nachdem der Norden längst gewechselt hatte. In Frankreich lief es wieder ganz anders. Dort wurde alles gleich. Um siebzehnhundert hatte praktisch jede Orgel dieselbe Zusammenstellung von Registern. Man wusste also im Voraus, was einen erwartete, wenn man eine Kirche betrat. Ein großes Hauptwerk. Dahinter, im Rücken des Spielers, ein kleineres … das Rückpositiv. Und zwei weitere kleine Werke, die nur hohe Register hatten. Und weil das überall gleich war, konnten die Komponisten etwas tun, das sonst nicht geht. Sie schrieben Stücke für bestimmte Register. Nicht für ein Instrument im Allgemeinen … sondern für diese eine Trompete, für dieses eine Kornett. Gestimmt waren diese Orgeln einen ganzen Ton tiefer als unsere heute.
Italien, Iberien und England
In Italien wiederum änderte sich über Jahrhunderte fast nichts. Der Orgeltypus aus der Renaissance galt dort bis ans Ende des neunzehnten Jahrhunderts weiter. Fast alle Instrumente hatten nur ein Manual. Und das Pedal bestand oft aus zwölf bis siebzehn Tasten, mehr nicht. Dafür hatten sie sehr viele Register derselben Grundfarbe, gestuft von tief bis hoch. Man nennt sie die Prinzipale … der Grundklang jeder Orgel. Zusammen ergaben die das volle Werk. Man nennt es dort das Ripieno. Und die Italiener zählten anders. Sie gaben nicht die Länge in Fuß an, sondern zählten vom Grundregister aus die Stufen nach oben. Ottava heißt: acht Stufen höher, also eine Oktave. Bei uns wäre das der Vier-Fuß. Dann Duodecima, die zwölfte Stufe. Und Decimaquinta, die fünfzehnte.
Zwei Dinge an den italienischen Orgeln finde ich besonders schön. Die Pfeifen bestanden überwiegend aus dickwandigem Blei. Und der Winddruck war sehr niedrig. Beides zusammen ergibt einen Klang, der nicht drängt. Auch die Schauseiten waren dort anders. Flach, in einer Linie, mit wenigen Feldern, die oben mit einem Rundbogen abschließen. Ein Muster, das sich schon im sechzehnten Jahrhundert bildete und dann einfach blieb. Auf der iberischen Halbinsel gibt es etwas, das man nie vergisst, wenn man es einmal gesehen hat. Dort ragen Pfeifen waagerecht aus dem Prospekt heraus, geformt wie Trompeten. Nicht senkrecht im Gehäuse, wie sonst überall. Sondern nach vorn, in den Raum hinein. Man nennt diese Reihe die Trompetería. Diese Orgeln standen oft eingezwängt zwischen zwei Pfeilern. Der Platz war so knapp, dass die Windladen winzig gebaut werden mussten … und die großen Pfeifen über lange Rohre versorgt wurden. Manche davon bis zu zehn Meter lang. Die Pedaltasten waren dort oft einfach Knöpfe. Sie reichten für einen einzelnen, lang gehaltenen Ton. Mehr sollten sie nicht können.
In England begann der Orgelbau einmal ganz von vorn. Bis sechzehnhundertsechzig gab es dort im Gottesdienst keine Orgeln. Sie waren nicht erlaubt. Als es dann wieder losging, war die alte Tradition abgerissen. Und so kamen die Orgelbauer von woanders her. Aus Deutschland. Aus Frankreich. Und aus der Schweiz. Jeder brachte mit, was er gelernt hatte. Und daraus entstand etwas Neues, Gemischtes. Ein Pedal war dort bis siebzehnhundertzwanzig praktisch unbekannt. Dafür stellte man dort schon siebzehnhundertzwölf Pfeifen in einen Kasten mit Jalousien … genau jenen Schwellkasten, von dem ich vorhin erzählt habe. Und noch etwas ist typisch englisch. Dort steht die Orgel meist auf dem Lettner … also auf der Schranke zwischen dem Chorraum und dem Kirchenschiff.
In Südeuropa stand die Orgel oft an einem ganz anderen Platz. Nicht hinten auf der Empore, sondern vorn, links und rechts vom Altar. Zwei Instrumente, die einander gegenüberstehen. Das linke nannte man die Epistelorgel, das rechte die Evangelienorgel. Wie man eine Orgel spielt, unterscheidet sich vom Klavier mehr, als man denkt. Beim Klavier wird die Saite ganz am Ende des Tastenwegs angeschlagen. Man holt also ein wenig Schwung, und die Hand hebt sich zwischendurch ab. Bei einer mechanischen Orgel liegt der Widerstand ganz am Anfang. Denn die Taste muss zuerst gegen den Luftdruck arbeiten, der auf dem Ventil liegt. Darum spielt man auf der Orgel aus den Fingern heraus. Die Hand bleibt auf den Tasten. Man hebt sie nicht. Und wie man diesen Widerstand überwindet, hört man tatsächlich. Es verändert, wie eine Pfeife anspricht.
Wie man eine Orgel spielt
Noch etwas ist anders, und das hat mit dem Wind zu tun. Ein Klavierton verklingt von allein. Er wird leiser, und irgendwann ist er weg. Ein Orgelton tut das nicht. Er bleibt genau gleich laut, solange die Taste unten ist. Und er hört erst auf, wenn man loslässt. Deshalb muss ein Organist die Töne anders voneinander trennen. Er arbeitet viel stärker mit kleinen Lücken zwischen den Tönen als jemand am Klavier. Die Musik bekommt ihre Gestalt nicht durch lauter und leiser … sondern durch länger und kürzer. Und dann sind da noch die Füße. Auf dem Pedal spielt man nicht nur mit der Fußspitze, sondern auch mit dem Absatz. Damit kann ein Organist mit beiden Füßen bis zu vier Töne zugleich greifen. In der Praxis kommt das selten vor. Aber möglich wäre es. Man setzt einen Fuß vor den anderen, oder dahinter. Und manchmal gleitet man mit dem Fuß von einer Taste zur nächsten. Für all das gibt es Zeichen, die man sich in die Noten schreibt. So wie den Fingersatz, nur eben für die Füße.
Zum Schluss noch zwei Dinge, die ich schön finde. In Deutschland stehen rund fünfzigtausend Orgeln. Gemessen an der Fläche und an der Einwohnerzahl ist das die höchste Dichte auf der Welt. Fünfzigtausend Instrumente, die meiste Zeit still. Und im Jahr zweitausendsiebzehn hat die Unesco etwas in ihre Liste aufgenommen … das man nicht anfassen kann. Den Orgelbau. Und die Orgelmusik. Wir sind wieder unten in der Kirche. Es ist inzwischen ganz dunkel geworden. Oben auf der Empore steht das Gehäuse, und die Pfeifen stehen darin in ihren Reihen. Der Balg ist voll. Die Ventile sind zu. Es liegt Luft im Instrument, und sie wartet. Niemand spielt. Und trotzdem ist alles bereit.
Holz und Zinn. Ein Kasten voller Luft. Und eine Reihe von Rohren, von denen jedes genau einen Ton kann. Und die Orgel atmet. Ganz ruhig. Sie hat Zeit. Solche Instrumente stehen oft schon Hunderte von Jahren an ihrem Platz. Und morgen steht sie auch noch dort. Und du darfst jetzt schlafen. Die Pfeifen bleiben stehen. Die Luft bleibt im Balg. Und die Kirche bleibt still bis zum Morgen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.
Quelle und Lizenz
Dieser Text beruht auf dem Wikipedia-Artikel «Orgel». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.
Verwendete Fassungen: «Orgel» Version 267749961, abgerufen am 2. August 2026.
Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.