Gute Nacht mit Fridolin – zur Startseite

Folge 31 · 23. August 2026 · 43 Minuten

Der Ameisenstaat ohne Anführerin

Fridolin sitzt über den Wolken und hält einen kleinen Ameisenhaufen aus braunen Kiefernnadeln in den Händen.

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht

Ein Hügel aus Nadeln am Waldboden, in dem es leise raschelt – und ein Volk, in dem niemand Befehle gibt. Diese Einschlafgeschichte für Erwachsene schaut einem Ameisenstaat zu, der ohne Anführerin auskommt: Eine Königin herrscht nicht, sie legt Eier. Gesteuert wird alles über Reize, die eine Schwelle überschreiten.

So ein Hügel wird zwei Meter hoch und fünf Meter breit, und alle ein bis zwei Wochen graben die Tiere seine ganze Oberfläche um. Ernteameisen schleppen Samen über Straßen von zweihundert Metern. Eine Superkolonie reicht von Norditalien bis nach Galicien. Und die ältesten Ameisen im Bernstein sind hundertzehn Millionen Jahre alt.

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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte

4.730 Wörter · rund 24 Minuten zum Lesen, Mitlesen oder Vorlesen

Ein Hügel aus Nadeln

Stell dir einen Waldboden vor … unter hohen Nadelbäumen, ein Stück abseits vom Weg. Der Boden ist bedeckt mit alten Nadeln, mit kleinen Ästchen und mit trockenem Laub. Es ist Abend. Zwischen den Stämmen wird es schon dunkel. Und mitten auf diesem Waldboden liegt ein Hügel. Er ist aus lauter Nadeln gebaut, halbrund, und er reicht dir etwa bis zum Knie. Wenn du stehen bleibst und lauschst, hörst du ein ganz feines Rascheln. Das sind keine Blätter im Wind. Es ist die Oberfläche des Hügels selbst, die sich bewegt. Ameisen sind Insekten … und sie gehören zu einer Gruppe, die Hautflügler heißt. Der Name kommt von den dünnen, durchsichtigen Flügeln, die diese Tiere tragen. Mit den Echten Wespen sind die Ameisen dabei recht nah verwandt. Man kennt bis heute mehr als vierzehntausend Arten … und das sind nur die, die beschrieben wurden. Geschätzt gibt es zwanzig- bis dreißigtausend. Sie leben auf allen Kontinenten, in den Tropen, in den Subtropen und in den gemäßigten Zonen. Manche kommen bis in die kalten Gegenden Sibiriens. Am meisten Arten gibt es in den Tropen. In Europa sind es etwa sechshundert … und in Nord- und Mitteleuropa etwa hundertneunzig.

Die Abgeschnittene – woher der Name kommt

Das Wort Ameise ist alt, und es sagt etwas über das Tier aus. Im Althochdeutschen hieß es āmeiza. Darin stecken zwei Teile: einer bedeutet «ab» oder «weg», der andere bedeutet «schneiden». Zusammen ergibt das ungefähr: die Abgeschnittene. Gemeint ist der Körper. Er sieht aus, als hätte ihn jemand in Stücke geteilt. Genau dieselbe Idee steckt im Wort Insekt. Das kommt aus dem Lateinischen und heißt so viel wie «eingeschnitten». Zwei Sprachen, zwei Wörter … und beide haben dasselbe gesehen. Später ist diese Herkunft in Vergessenheit geraten. Und weil niemand mehr wusste, was da eigentlich drinsteckt, hat man das Wort neu gedeutet. Man hörte darin auf einmal das Wort «beißen». Aus «ameize» wurde «ambeize» … die Anbeißende. In den Mundarten hat sich daraus eine ganze Reihe von Formen entwickelt. Ameis. Amois. Emenz. Omse. Ometzel. Umbeißi. Und eine Form, die ich besonders mag: Wurmbasle. Daneben gab es ein noch älteres germanisches Wort für das Tier. Es lebt bis heute weiter … im Isländischen als maur, im Dänischen als myre, im Schwedischen als myra. Und es geht auf dieselbe uralte Wurzel zurück wie das lateinische formica.

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Stielchen, Klauen und Fühlerputzscharte

Schau dir eine Ameise einmal genau an. Sie hat den Körperbau, den alle Insekten haben. Kopf, Brust und Hinterleib. Sechs Beine. Zwischen Brust und Hinterleib sitzt eine Einschnürung. Man nennt sie die Wespentaille. Und genau dort, in dieser Taille, sitzt das Merkmal, an dem man Ameisen sicher erkennt. Es ist ein kleiner Fortsatz, knotig oder wie eine aufgestellte Schuppe. Die Fachleute nennen ihn das Stielchen. Keine andere Gruppe hat ihn in dieser Form. Die Tiere, die man draußen laufen sieht, sind die Arbeiterinnen. Bei den meisten Arten sind sie zwei bis vierzehn Millimeter lang. Die Männchen und die eierlegenden Weibchen, die Königinnen, können doppelt so groß werden. An den Beinen sitzen je zwei Klauen. Die Klauen greifen in alles, was rau ist. Rinde, Erde, Stein. Dazwischen sitzt der Haftapparat. Er braucht nichts zum Zupacken … er haftet einfach an. Mit ihm kann eine Ameise an einer senkrechten Glasscheibe hinaufklettern. Und am ersten Fußglied der Vorderbeine sitzt noch etwas. Eine kleine Kerbe, die genau so geformt ist, dass der Fühler hindurchpasst. Man nennt sie Fühlerputzscharte. Die Ameise zieht den Fühler hindurch und reinigt ihn dabei.

Was die Fühler und die Augen können

Die Fühler sind überhaupt das wichtigste Werkzeug. Sie sind geknickt … ein langes Glied am Anfang, und daran im Winkel der bewegliche Rest. Mit ihnen tastet die Ameise. Mit ihnen riecht sie. Und mit ihnen schmeckt sie. Sie nimmt damit auch wahr, ob es wärmer wird oder kälter, ob Luft strömt … und sogar, wie viel Kohlendioxid in der Luft ist. Und die Fühler sind das Mittel, mit dem sich zwei Ameisen berühren. Vieles von dem, was die Tiere eines Volkes einander mitteilen, läuft über diese Berührung. Die Augen sind kleiner, als man denkt. Es sind Komplexaugen, zusammengesetzt aus einigen hundert Einzelaugen. Farben sehen manche Arten durchaus. Aber anders als wir. Sie nehmen ultraviolettes Licht wahr, das wir nicht sehen … und rotes Licht sehen sie nicht. Manche Gruppen, zum Beispiel die Blattschneiderameisen, sind ganz farbenblind. Dafür können Ameisen etwas, das uns völlig fehlt. Sie erkennen, in welcher Richtung das Licht schwingt. Und dieses Schwingen ist rings um die Sonne herum geordnet. Wer das Muster sieht, weiß also, wo die Sonne steht … auch wenn Wolken davor liegen.

Der soziale Magen und die Metapleuraldrüse

Im Inneren gibt es zwei Dinge, die ich dir erzählen möchte. Das erste ist der Kropf. Das ist eine dehnbare Erweiterung ganz vorn im Verdauungsweg … und sie liegt vor dem eigentlichen Magen, getrennt durch ein kleines Ventil. Was dort hineingeht, ist noch nicht verdaut. Eine Ameise kann also Nahrung aufnehmen, ohne sie selbst zu verbrauchen … sie zurücktragen … und sie dann an andere weitergeben. Darum nennt man den Kropf auch den sozialen Magen. Das zweite ist eine Drüse, die es nur bei Ameisen gibt. Sie sitzt hinten an der Brust und heißt Metapleuraldrüse. Was sie herstellt, wirkt gegen Bakterien. Und genau das ist der Grund, warum Ameisen dauerhaft im feuchten Boden leben können. Im feuchten Boden wachsen sonst überall Bakterien. Bei den Ameisen tun sie es nicht. Und dann gibt es die Ameisensäure … eine scharfe Flüssigkeit, die auf der Haut brennt. Eine ganze Verwandtschaftsgruppe verteidigt sich damit. Diese Ameisen spritzen die Säure. Stechen können sie nicht. Andere Arten haben stattdessen einen Giftstachel, die Feuerameisen zum Beispiel.

Königin, Arbeiterinnen, Männchen

Ein Ameisenvolk besteht fast nur aus Weibchen. Da sind die Arbeiterinnen. Und da ist die Königin, oder es sind mehrere. Bei den meisten Arten legt nur ein einziges Tier Eier. Es gibt aber auch Völker mit mehreren tausend Königinnen zugleich. Männchen gibt es nur zeitweise. Sie sind geflügelt. Und man sieht sie eigentlich nur an dem einen Tag im Jahr, an dem die geflügelten Tiere aufsteigen … und sich in der Luft paaren. Man nennt das den Hochzeitsflug. Sie entstehen für diese eine Aufgabe. Eine Königin sieht anders aus als eine Arbeiterin. Ihre Eierstöcke sind voll ausgebildet, und darum ist ihr Hinterleib auffallend groß. Dafür ist ihr Nervensystem weniger fein aufgebaut. Sie ist ganz auf das Eierlegen eingerichtet, und für den Rest ist sie nicht zuständig. Am sichersten erkennt man eine Königin an einer Wölbung auf dem Rücken. Die Fachleute nennen diese Wölbung schlicht den Königinnenbuckel.

Wie lange so ein Tier lebt, ist erstaunlich. Eine Arbeiterin der Roten Waldameise wird selten älter als zwei bis drei Jahre. Ihre Königin dagegen kann fünfundzwanzig Jahre alt werden. Und bei der Schwarzen Wegameise schätzt man das Höchstalter einer Königin sogar auf neunundzwanzig Jahre. Bei vielen Arten hängt daran das ganze Volk. Denn wenn nur eine Königin Eier legt, endet der Staat mit ihr. Er kann nicht älter werden als das Tier, das ihn begonnen hat. Wie groß so ein Volk wird, geht weit auseinander. Es gibt Arten, bei denen kaum mehr als zehn Tiere zusammenleben. Und es gibt Völker mit über zwanzig Millionen. Manche Arten gehen noch weiter. Sie haben viele Königinnen und dazu viele Nester, die alle zusammengehören. Neue Nester entstehen dabei so: Ein Teil des Volkes zieht ein Stück weiter und baut dort weiter. Es fliegt also keine Königin allein los und fängt von vorn an. Solche Verbünde nennt man Superkolonien. Die Tiere aus den verschiedenen Nestern greifen einander nicht an. Sie wechseln einfach hin und her.

An den Küsten des Mittelmeers und des Atlantiks hat man zwei solche Verbünde gefunden. Sie gehen auf eine Art zurück, die ursprünglich aus Südamerika stammt. Einer von beiden reicht von Norditalien bis nach Galicien, in den Nordwesten Spaniens. Das sind über sechstausend Kilometer Küstenlinie. Damit ist das der größte Tierverbund, den man überhaupt kennt. Sechstausend Kilometer, auf denen keine dieser Ameisen je eine fremde Artgenossin trifft. Und jetzt kommt das, was ich an den Ameisen am schönsten finde. Obwohl man von Königinnen spricht, gibt es in einem Ameisenstaat niemanden, der regiert. Es gibt keine Befehle. Es gibt keine Aufsicht. Die Königin herrscht nicht. Sie legt Eier, das ist ihre Aufgabe. Gesteuert wird das Ganze über Reize. Ein Reiz kommt von außen oder von den Tieren selbst … und wenn er stark genug wird, folgt ihm ein Tier. Stark genug heißt: Der Reiz übersteigt eine Schwelle. Und jede hat ihre eigene. Darum läuft nicht das ganze Volk auf einmal los, sondern erst die eine, dann die nächste.

Wie eine Ameisenstrasse entsteht

Am einfachsten sieht man das beim Futter. Eine Ameise findet etwas. Sie nimmt einen Teil davon in ihren Kropf. Dann läuft sie nach Hause und legt dabei eine Duftspur. Im Nest gibt sie etwas von dem Gefundenen weiter. Und nun entscheidet sich alles daran, wie hungrig das Volk gerade ist. Wenn der Hunger groß genug ist, laufen andere die Duftspur hinaus, zum Futter. Und weil jede von ihnen wieder Duft hinterlässt, wird die Spur stärker. Immer mehr folgen ihr. So entsteht eine Ameisenstraße. Ist das Futter nicht gut, oder ist ohnehin genug da, folgt kaum jemand. Und dann verfliegt die Spur einfach. Eine einzelne Ameise weiß nicht viel. Aber gemeinsam wissen sie genug.

Dasselbe zeigt sich, wenn mehrere Ameisen eine große Beute gemeinsam tragen. Man könnte meinen, sie sprächen sich ab. Das tun sie nicht. Jede zieht für sich in Richtung Nest. Und wenn genug Tiere da sind, und genug von ihnen in ungefähr dieselbe Richtung ziehen … dann bewegt sich die Last … ohne dass jemand sie gelenkt hätte. Niemand hat das entschieden. Es ergibt sich aus der Summe. Manchmal wird es auf einer Ameisenstraße eng. Dann stoßen die, die hinauslaufen, mit denen zusammen, die zurückkommen. An den Schwarzen Wegameisen hat man beobachtet, was dann geschieht. Die Heimkehrenden weichen aus. Sie legen daneben eine zweite Straße an, fast parallel zur ersten. Und weil immer mehr Tiere diesen zweiten Weg nehmen, verfestigt er sich. Das können sie nur, weil sie den Weg nach Hause auch ohne Duft finden … am Himmel und an der Landschaft. Wie das geht, erzähle ich dir gleich. Zur Beute hinaus ginge das nicht. Die liegt irgendwo, und dorthin führt nur der Duft.

Eine Art im südostasiatischen Bambus hat eine besonders hübsche Lösung gefunden. Sie lebt im Inneren der hohlen Halme. Wenn Regen einsetzt, verschließt eine Ameise das Eingangsloch von innen … mit ihrem eigenen Kopf, wie ein Korken. Wasser, das trotzdem hineinläuft, trinken die Tiere auf. Nach dem Regen bringen sie es wieder nach draußen und geben es dort ab. Die Fachleute haben dafür ein Wort erfunden, das ich hier nur kurz nenne. Kollektivpinkeln. Zum Zurückfinden haben Ameisen mehrere Mittel, und sie nutzen sie nebeneinander. Das erste ist der Himmel. Aus der Richtung, in der das Licht schwingt, und aus einer inneren Uhr … die ihnen sagt, wie weit die Sonne im Lauf des Tages schon weitergezogen ist … bestimmen sie ihre Laufrichtung. Das zweite ist die Landschaft. Die Tiere merken sich, was unterwegs an ihnen vorbeizieht … und wie schnell es vorbeizieht. Daran messen sie, wie weit sie gelaufen sind. Und bei einer Wüstenameise hat man ein drittes Mittel bestätigt. Sie hat einen inneren Magnetsinn. Erzeugt man ein künstliches Magnetfeld, verlieren die Tiere gründlich die Orientierung.

Eine andere Wüstenameise kann noch etwas. Sie läuft einen langen, verwinkelten Weg, um etwas zu suchen. Und wenn sie es gefunden hat, geht sie nicht denselben Weg zurück. Sie geht die Luftlinie. Sie muss also unterwegs mitgerechnet haben … jede Richtung, jede Strecke. Und am Ende steht ein einziger Pfeil, der nach Hause zeigt. Es gibt sogar Ameisen, die Schall verwenden. Sie streifen ein hinteres Beinpaar über den Hinterleib. Dort sitzen winzige Häkchen … so ähnlich wie bei einer Grille, die zirpt. Was dabei entsteht, ist ein sehr hohes Zirpen. Ganz unten könnten wir es gerade noch hören. Nach oben reicht es weit über unser Gehör hinaus. Aufgefangen wird es von einem eigenen Sinnesorgan. Und darum kann eine verschüttete Blattschneiderameise um Hilfe rufen. Die anderen hören sie. Und sie graben sie aus.

Zwei Ameisen, die einander begegnen, betasten sich mit den Fühlern. Das kann kurz sein oder lang, abrupt oder gleitend … und es bedeutet Verschiedenes. So bittet eine hungrige Ameise eine andere um einen Tropfen aus deren Kropf. Und es gibt eine Form, die fast rührend ist. Wenn eine Ameise eine andere zu einer Futterstelle führt und die Duftspur noch zu schwach ist … dann laufen die beiden hintereinander her. Man nennt das einen Tandemlauf. Die hintere berührt dabei immer wieder die vordere. Das heißt: Ich bin noch da. Bleibt die Berührung aus, hält die vordere an … und wartet, bis sie sich wiedergefunden haben. Eine einzelne Ameise weiß nicht viel. Aber gemeinsam wissen sie genug.

Erdnest, Hügelnest, Ameisenhaufen

Wohnen können Ameisen fast überall. Am häufigsten ist das Erdnest, bei dem die Gänge und Kammern unter der Oberfläche liegen. Solche Nester sind empfindlich gegen Wetter. Darum bauen die Tiere sie an geschützten Stellen … zum Beispiel unter einen Stein. Der hält den Regen ab. Und er gibt tagsüber gespeicherte Wärme nach unten weiter. Die meisten Erdnester haben oben eine kleine Kuppel. Das hat einen einfachen Grund. Eine Wölbung hat immer eine Seite, die schräg zur Sonne steht. Und schräg getroffene Flächen fangen mehr Sonne ein als ebene.

Der Hügel, vor dem wir stehen, ist etwas anderes. Er ist ein Hügelnest mit einer Kuppel aus Streu … aus Nadeln, Ästchen und altem Laub. Das, was man im Alltag Ameisenhaufen nennt. Meistens ist er um einen morschen Baumstumpf herum gebaut, der ihm Halt gibt. Oben liegen Pflanzenteile, Nadeln und Ästchen. Weiter unten ist er aus Erde. Die Nadeln schützen gegen Regen und gegen Kälte. Und sie liegen so übereinander, dass das Wasser an ihnen abläuft, statt in die Gänge zu sickern. So ein Hügel kann zwei Meter hoch werden und fünf Meter breit … und unter der Erde reicht er noch einmal so weit hinunter, wie er darüber aufragt. Innen liegen viele Etagen übereinander, verbunden durch lange, waagerechte Gänge.

Ein Nest aus Pflanzenteilen hat allerdings ein Problem. In feuchtem Pflanzenmaterial wachsen Pilze … und die zersetzen genau das, woraus der Hügel gebaut ist. Und darum tun die Ameisen etwas, das nach einem gewaltigen Umbau aussieht und doch nur Alltag ist. Alle ein bis zwei Wochen graben sie die gesamte Oberfläche des Hügels um. Man kann das sichtbar machen. Sprüht man ein wenig Farbe darauf, ist sie nach spätestens zwei Wochen verschwunden. Und nach vier bis sechs Wochen taucht sie an einer anderen Stelle wieder auf. Im Winter wird aus dem Hügel etwas anderes. Dann dient die obere Schicht nur noch als Schutz gegen den Frost. Und das Volk zieht sich in die tiefen Kammern zurück und überwintert dort. Der Hügel steht dann still. Von außen sieht man ihm nicht an, dass darunter alles noch da ist.

Andere Arten wohnen im Holz. Sie nagen Kammern und Gänge in morsche Stämme … manchmal auch in das alte Kernholz lebender Bäume. Die Eingänge liegen unten an den Wurzeln. Von außen sieht man dem Stamm darum gar nichts an. Die Rossameise legt auf diese Weise weitläufige Kammersysteme an. Die Kammern liegen dabei in Stockwerken übereinander, nur durch dünne Holzwände getrennt. Man nennt solche Systeme die Hängenden Gärten. Die ganz kleinen Arten brauchen viel weniger Platz. Sie ziehen in Hohlräume ein, die schon da sind. In eine Asthöhlung, die vorher eine Käferlarve gefressen hat. In ein leeres Schneckenhaus. Oder in eine Eichel. Ein ganzes Volk in einer Eichel. Das ist ein Bild, das ich sehr mag.

Manche Pflanzen bieten von sich aus Wohnraum an. Sie haben Hohlräume, in denen Ameisen nisten können. Man nennt diese Hohlräume Domatien. Und meistens ist das ein Tausch. Die Pflanze gibt Platz. Die Ameisen halten dafür Fressfeinde von ihr fern. Es gibt Arten, die in den hohlen Stängeln von Riesenbambus leben. Andere in Zweigen, die durch Querwände in Kammern geteilt sind. Und wieder andere in den hohlen Dornen einer Akazie. Nicht jedes Nest wird gegraben. Manche werden gebaut. Bei uns gibt es dafür ein einziges Beispiel, und es ist ein schönes. Die Glänzendschwarze Holzameise stellt eine Art Karton her. Sie zerkleinert Holz und Erde, knetet die Masse … und durchtränkt sie mit Honigtau … dem zuckrigen Saft, den Blattläuse abgeben. Von dem erzähle ich dir gleich noch mehr. Diese Baumasse enthält bis zu fünfzig Prozent Zucker. Und darauf züchten die Tiere einen Pilz. Der Pilz zieht seine Fäden durch die Wände und macht sie fest. Er bekommt Nahrung. Das Nest bekommt Halt. Beide haben etwas davon.

In den Tropen gibt es Nester aus Seide. Die Weberameisen ziehen dafür Blätter zusammen und verbinden sie miteinander. Nur können die erwachsenen Tiere selbst keine Seide herstellen. Das können ihre Larven. Also holen sie sich ihre Larven zu Hilfe. Mit deren Seidensekret werden die Blätter zusammengesponnen. Und daraus wird die Naht. Und dann gibt es Völker, die gar kein Nest aus Material bauen. Bei ihnen sind die Tiere selbst die Wände. Sie hängen sich ineinander und bilden eine lebende Kammer … mit den Larven und den Puppen im Inneren. Von Nahem sieht das aus wie ein Durcheinander. In Wahrheit hält jedes Tier andere fest, und daraus wird eine Wand. Solche Nester bleiben nur kurz an einer Stelle. Dann lösen sich die Tiere und ziehen weiter. Und bei Überschwemmungen verhaken sich Feuerameisen auf dieselbe Weise zu einem Floß, das auf dem Wasser treibt.

Honigtau, Blattläuse und Ernteameisen

Gegessen wird alles Mögliche. Ursprünglich waren Ameisen Jäger, und viele sind es geblieben. Dazu kam etwas Zweites, das heute fast wichtiger ist. Zucker. Sie holen ihn direkt an den Pflanzen … oder sie holen ihn bei anderen Insekten ab. Bei der Roten Waldameise hat man das einmal in Zahlen gefasst. Zweiundsechzig Prozent Honigtau. Dreiunddreißig Prozent Insekten. Viereinhalb Prozent Baumsäfte. Der kleine Rest verteilt sich auf alles andere. Dieser Honigtau ist eine merkwürdige Sache. Blattläuse und ähnliche Tiere stechen Pflanzen an und trinken den Saft, der darin transportiert wird. Dieser Saft ist reich an Zucker, aber arm an Eiweiß. Und weil die Läuse Eiweiß brauchen, müssen sie sehr viel Saft durch sich hindurchlaufen lassen. Den Zucker darin können sie gar nicht alle verwerten. Ungefähr neunzig Prozent davon geben sie wieder ab. Genau das holen sich die Ameisen. Man sagt, sie melken die Läuse. Und im Gegenzug bewachen die Ameisen ihre Läuse.

Diese Fürsorge geht weit. Manche Ameisen tragen die Eier der Läuse in ihr Nest und lassen sie dort überwintern. Manche suchen Läuse gezielt und tragen sie auf Pflanzen, auf denen es ihnen besser geht. Wird eine Herde zu groß, bringen sie einen Teil davon woanders hin. Und wenn ein Regen die jungen Läuse von den Zweigen gespült hat … dann suchen die Ameisen sie und tragen sie zurück. Einige Arten leben von Samen und sonst von fast nichts. Man nennt sie Ernteameisen. Sie sammeln vor allem Grassamen und lagern sie in großen Mengen ein. Und weil ein Samen hart ist, gibt es dafür eigene Tiere im Volk. Arbeiterinnen mit vergrößerten Kiefern, die nichts anderes tun, als Samen zu knacken. Die Samen werden über Straßen herangeschleppt, die bis zu zweihundert Meter lang sein können. Zweihundert Meter. Für ein Tier von wenigen Millimetern.

Andere Ameisen sammeln Samen, ohne sie zu essen. Manche Pflanzen hängen an ihre Samen ein kleines Anhängsel … ein Körperchen, das reich an Fett und Eiweiß ist. Die Ameise will nur das Anhängsel. Aber weil es fest am Samen sitzt, schleppt sie den ganzen Samen mit. Gefressen wird nur das Anhängsel. Der Samen bleibt liegen … irgendwo anders. Und genau darauf haben es die Pflanzen abgesehen. Veilchen machen das so. Und der Lerchensporn. Sie bezahlen die Ameisen dafür, dass ihre Samen an einen neuen Platz kommen. In Südamerika gibt es Ameisen, die Landwirtschaft betreiben. Die Blattschneiderameisen tragen Blattstücke in ihre Nester … und diese Nester reichen bis zu acht Meter in die Tiefe. Die Blätter selbst fressen sie nicht. Sie können sie gar nicht verwerten. Sie zerkauen sie zu einem Brei und legen darauf einen Pilz an. Der Pilz wächst auf diesem Brei und bildet an seinen Fadenenden kleine Verdickungen. Die sind reich an Eiweiß. Und die fressen die Ameisen. Es ist also ein Tausch: Die Ameisen bringen das Futter, der Pilz macht daraus etwas Essbares.

Zu zweit wäre diese Sache aber gefährdet. Denn es gibt einen anderen Pilz, der es genau auf diese Kulturen abgesehen hat. Deshalb gibt es einen Dritten im Bunde. Auf der Unterseite der Ameisen leben Bakterien. Und diese Bakterien stellen Stoffe her, die den fremden Pilz zurückhalten. Drei Lebewesen, die aufeinander angewiesen sind. Solche Dreierbündnisse sind selten. Es gibt noch eine Gruppe im Volk, von der ich dir erzählen muss. Die Fachleute nennen solche Gruppen mit eigener Aufgabe eine Kaste. Bei einigen Arten dienen bestimmte Tiere als Vorratsgefäß. Die anderen füttern sie so lange, bis der Kropf den ganzen Hinterleib ausfüllt. Das Tier wird dabei rund und durchscheinend, gefüllt mit dem süßen Saft. Man nennt sie Honigtöpfe. Sie sind lebende Vorratsgefäße und bewegen sich kaum noch. Und wenn draußen nichts zu holen ist, geben sie etwas davon an die anderen weiter.

Vom Ei zur Puppe

Wie eine Ameise entsteht, geht über vier Stufen. Aus dem Ei kommt eine Larve. Aus der Larve wird eine Puppe. Und aus der Puppe das fertige Tier. Bei vielen Arten spinnt sich die Larve vorher ein. Sie gibt aus Drüsen am Mund einen Faden ab und macht daraus eine trockene Hülle. Einen Kokon. In diesem Kokon liegt das Tier dann geschützt, bis es fertig ist. Im Puppenstadium nimmt das Tier keine Nahrung mehr auf. Es liegt völlig still. Bei den Roten Waldameisen dauert das rund vierzehn Tage. Bei anderen Arten viel länger. Und die ganze Zeit über kümmern sich Arbeiterinnen um die Puppen. Man nennt sie die Brutpflegerinnen. Sie tragen die Kokons dorthin, wo es am günstigsten ist … näher zur Wärme, weiter von der Nässe weg. Am Ende helfen sie beim Schlüpfen. Und danach putzen sie das junge Tier noch einige Tage lang … bis sein Panzer hart geworden und nachgedunkelt ist.

Eine einzelne Ameise weiß nicht viel. Aber gemeinsam wissen sie genug. Einmal im Jahr geschieht etwas, das man mit bloßem Auge sehen kann. Bei den heimischen Arten schlüpfen Anfang Mai die Jungköniginnen und die Männchen. Sie haben Flügel. Und sie bekommen einen Drang, nach oben zu klettern. Auf Grashalme. Auf kleine Erhebungen. Auf Bäume. Die Arbeiterinnen passen währenddessen auf. Wenn sich eines der Tiere zu weit entfernt, holen sie es in den Bau zurück. Und dann, an einem bestimmten Tag, fliegen sie los. Nicht die Tiere eines Nestes allein. Die geflügelten Tiere aller Nester derselben Art in der Umgebung steigen gleichzeitig auf. Was den Zeitpunkt bestimmt, weiß man nicht genau. Vermutlich sind es Luftströmungen, Licht und Temperatur zusammen. Der Sinn dieses gemeinsamen Ausfliegens ist einfach. Wenn alle gleichzeitig unterwegs sind, treffen Tiere aus verschiedenen Nestern aufeinander. Und genau darum geht es. Eine Jungkönigin soll sich nicht mit ihren eigenen Brüdern paaren.

Was eine Jungkönigin an diesem Tag mitnimmt, reicht für ihr ganzes Leben. Sie paart sich in der Luft, oft mit mehreren Männchen … und nimmt dabei bis zu mehrere hundert Millionen Samenzellen auf. Und sie kann sie im Durchschnitt fünfundzwanzig Jahre lang unbeschadet aufbewahren. Fünfundzwanzig Jahre, aus diesem einen Flug. Danach braucht sie ihre Flügel nicht mehr. Sie bricht sie mit den eigenen Mittel- und Hinterbeinen ab … und gräbt sich in den Boden ein.

Darwins Problem mit den Arbeiterinnen

Über die Ameisen ist einmal lange nachgedacht worden, und zwar aus einem bestimmten Grund. Eine Arbeiterin pflanzt sich nicht fort. Sie zieht die Kinder einer anderen groß. Darwin hat gesehen, dass das ein Problem für seine Theorie war. Wie soll sich eine Eigenschaft vererben, wenn ihre Trägerinnen keine Nachkommen haben. Die Antwort kam viel später, im Jahr neunzehnhundertachtundsechzig, von einem britischen Biologen. Sie liegt darin, wie Ameisen verwandt sind. Durch die besondere Art, wie sich staatenbildende Insekten fortpflanzen … teilen zwei Schwestern in einem Ameisenvolk fünfundsiebzig Prozent ihres Erbguts. Mit einer eigenen Tochter wären es weniger. Es lohnt sich für sie also mehr, Schwestern großzuziehen als Töchter. Was von außen wie Selbstlosigkeit aussieht, ist von innen ganz folgerichtig.

Wer sonst noch im Nest wohnt

In einem Ameisennest wohnen nicht nur Ameisen. Man nennt die anderen Bewohner Ameisengäste. Da gibt es flügellose Grillen, die man Ameisengrillen nennt. Es gibt flügellose, kleine Insekten, die Ameisenfischchen heißen. Es gibt Springschwänze und verschiedene Käfer. Viele von ihnen leben einfach mit … sie nehmen etwas von den Vorräten und stören sonst nicht weiter. Am Rand solcher Hügel, außerhalb der Brutkammern, liegen oft dicke Rosenkäferlarven. Bei manchen Gästen geht es weiter als bloßes Nebeneinander. Es gibt Käfer, die von den Ameisen beschützt und sogar gefüttert werden. Dafür geben die Käfer ein Sekret ab, das die Ameisen gerne aufnehmen. Es ist ein Handel, und beide Seiten halten sich daran. Am erstaunlichsten sind aber die Schmetterlinge. Die Bläulinge … das sind kleine, oft blau schimmernde Tagfalter. Drei von vier Arten verbringen ihre Raupenzeit mit Ameisen. Manche dieser Raupen geben Zucker ab, so wie es die Blattläuse tun. Und dafür werden sie bewacht, als gehörten sie dazu.

Hundertzehn Millionen Jahre im Bernstein

Zum Schluss noch ein Blick weit zurück. Die ältesten Funde, die man sicher den Ameisen zuordnen kann, sind rund hundertzehn Millionen Jahre alt. Sie stecken in Bernstein … in Stücken aus Frankreich und aus Myanmar. Bernstein ist Harz, das hart geworden ist. Was hineingeriet, blieb, wie es war. In einem dieser Stücke aus Frankreich liegen mehrere Tiere nebeneinander. Arbeiterinnen. Und eine Königin. Das heißt: Schon damals lebten sie in einem Staat. Diese Ordnung ist also nicht neu. Es gab sie schon in der Kreidezeit. Und über die Zeit sind sie immer häufiger geworden. Man kann das an den Fundstellen ablesen, eine nach der anderen. In den ältesten Schichten machen Ameisen kaum ein Prozent aller Insektenfunde aus. Im baltischen Bernstein sind es fünf Prozent. In noch jüngeren Ablagerungen sind es zwanzig Prozent. Und im dominikanischen Bernstein sechsunddreißig Prozent. Dort sind sie damit die häufigste Tiergruppe überhaupt.

Warum das Hundertfache ein Irrtum ist

Über Ameisen hört man oft, sie könnten das Hundertfache ihres eigenen Gewichts tragen. Und dann folgt meistens der Satz: Stell dir das einmal bei einem Menschen vor. Dieser Vergleich geht nicht auf. Und der Grund dafür ist hübsch. Wenn man ein Lebewesen größer macht, wächst nicht alles daran gleich schnell. Das Gewicht hängt am Rauminhalt. Und Rauminhalt wächst in drei Richtungen zugleich. In die Länge, in die Breite und in die Höhe. Wird ein Tier doppelt so lang, wird es darum zwei mal zwei mal zwei so schwer. Achtmal. Die Kraft eines Muskels hängt dagegen nur an seiner Dicke … an der Fläche, die man sieht, wenn man ihn quer durchschneidet. Eine Fläche wächst nur in zwei Richtungen. Wird das Tier doppelt so lang, wird diese Fläche also nur zwei mal zwei so groß. Viermal. Das Gewicht läuft der Kraft davon.

Ein Mensch ist einige hundert Mal so lang wie eine Ameise. Bei jeder Verdopplung wächst das Gewicht achtfach, die Kraft nur vierfach. Nach so vielen Verdopplungen bleibt von den hundert Körpergewichten fast nichts übrig. Übrig blieben ungefähr vierzig Kilogramm. Das ist ordentlich. Aber es ist nichts Außergewöhnliches. So viel hebt auch ein kräftiger Mensch. In der Biologie ist das eine ganz normale Leistung. Nicht die Ameise ist besonders stark. Sie ist einfach klein. Und im Kleinen ist vieles leichter, als es von außen aussieht.

Zum Staunen bleibt trotzdem genug. Man schätzt, dass zu jedem Zeitpunkt etwa zwanzig Billiarden Ameisen auf der Erde leben. Eine Zwei mit sechzehn Nullen. Ein einziges Ameisenvolk kann in sechs Jahren neunzehnhundert Kammern anlegen. Dafür müssen rund vierzig Tonnen Erde heraus … und sechs Tonnen Blattstücke hinein. Eine sibirische Art übersteht den Winter in einer Kältestarre, bei unter minus vierzig Grad. Weberameisen halten sich auf glatten Flächen so gut fest … dass man mit dem Zweihundertfachen ihres Gewichts ziehen muss, um sie abzulösen. Das ist keine Muskelkraft. Das ist Haftung. Und Haftung wird im Kleinen tatsächlich stärker. Und eine Wüstenameise läuft einen Meter in der Sekunde. Für ihre Größe gehört sie damit zu den schnellsten Insekten überhaupt.

Wir sind wieder am Hügel. Es ist inzwischen ganz dunkel geworden zwischen den Stämmen. Das Rascheln geht weiter, ein bisschen leiser als vorhin. Unter der Nadelschicht liegen die Etagen übereinander. Darunter liegt die Erde. Und ganz unten die Kammern für den Winter. Niemand dort hat einen Plan von dem Ganzen. Jedes Tier tut das, wozu der Reiz gerade stark genug ist. Eine einzelne Ameise weiß nicht viel. Aber gemeinsam wissen sie genug. Eine Spur wird gelegt. Eine Spur wird stärker. Eine Last setzt sich in Bewegung. Und die Oberfläche wird umgegraben, alle ein bis zwei Wochen, immer wieder. Und du darfst jetzt schlafen. Der Hügel bleibt, wo er ist. Die Wege bleiben, wo sie sind. Und morgen früh geht es einfach weiter. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.

Quelle und Lizenz

Dieser Text beruht auf dem Wikipedia-Artikel «Ameisen». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.

Verwendete Fassungen: «Ameisen» Version 268552924, abgerufen am 2. August 2026.

Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.