Gute Nacht mit Fridolin – zur Startseite

Folge 34 · 26. August 2026 · 37 Minuten

Das leise Leben der Schmetterlinge

Fridolin hält einen großen Schmetterling mit blau-bernsteinfarbenen Flügeln auf der offenen Hand, über Wolken unter einem Sternenhimmel.

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht

Eine Einschlafgeschichte für Erwachsene über ein Tier, das sein Leben in vier Gestalten verbringt. Fridolin setzt sich an den Rand einer Wiese, auf der ein Falter auf einem Blatt sitzt und die Flügel langsam zufaltet, und erzählt der Reihe nach, woraus dieses kleine Wesen eigentlich besteht.

Er erzählt von Schuppen, die wie Dachziegel übereinanderliegen und jede für sich nur eine einzige Farbe tragen, von Fühlern, mit denen Männchen einen Duft über weite Strecken wahrnehmen, und von einem Saugrüssel, der aus zwei Halbröhrchen zusammenwächst. Dazu kommen die vier Millionen Falter in den Laden des Museums für Naturkunde in Berlin, die vierzig Meter weite Glaskuppel des Papioramas in Kerzers und das Schmetterlinghaus im Wiener Burggarten.

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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte

3.818 Wörter · rund 19 Minuten zum Lesen, Mitlesen oder Vorlesen

Eine Wiese am Abend – und ein Name, der in die Irre führt

Stell dir eine Wiese vor … am Rand eines Gartens. Der Boden ist warm … das Gras steht hoch … und dazwischen stehen ein paar Blüten auf dünnen Stängeln. Es ist Abend geworden. Auf einem Blatt sitzt ein Falter. Er hat sich hingesetzt, als die Sonne fortging … und jetzt bewegt er sich kaum noch. Die Flügel gehen zu … und wieder auf. Ganz langsam. Ohne Absicht. Bleiben wir einen Moment bei seinem Namen. Das Wort Schmetterling ist gar nicht so alt, wie man denken würde. Es hat sich erst in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts allgemein durchgesetzt. Vorher sagte man etwas anderes. Man nannte die einen Tagvögel … und die anderen Nachtvögel. Vögel also. Weil sie fliegen und weil sie bunt sind … und weil es noch kein besseres Wort gab.

Das andere Wort für sie ist Falter. Und da liegt eine schöne Falle. Man möchte sofort ans Falten denken … an die Flügel, die zusammengelegt werden. Aber das stimmt nicht. Mit falten hat es nichts zu tun … und mit flattern auch nicht. Das Wort ist alt und germanisch, und es ist wahrscheinlich mit einem lateinischen Wort verwandt. Woher es davor kam … das weiß man nicht. Manche Wörter sind einfach älter als ihre Erklärung. Der wissenschaftliche Name dagegen ist ganz klar. Er lautet Lepidoptera … und das heißt Schuppenflügler. Zusammengesetzt hat ihn Linné, aus den griechischen Wörtern für Schuppe und für Flügel. Und die Wissenschaft, die sich mit ihnen beschäftigt, heißt entsprechend Lepidopterologie. Ein Wort wie eine Treppe … man geht es Silbe für Silbe hinauf.

Von diesen Schuppenflüglern sind knapp einhundertsechzigtausend Arten beschrieben. Verteilt auf rund einhundertdreißig Familien. Damit gehören sie zu den artenreichsten Insekten überhaupt. Nur die Käfer sind noch zahlreicher. Und jedes Jahr kommen ungefähr siebenhundert neu entdeckte Arten dazu. Siebenhundert. Jedes Jahr. Es ist also nicht so, dass jemand fertig geworden wäre mit dem Zählen. Sie leben auf allen Kontinenten … außer auf der Antarktis. In Mitteleuropa sind es etwa viertausend Arten. In Deutschland etwa dreitausendsiebenhundert. Und für ganz Europa verzeichnet ein Katalog über zehntausendsechshundert. Die meisten davon hat noch nie jemand bewusst gesehen … weil sie klein sind und nachts fliegen. Die Flügel gehen zu … und wieder auf. Die Flügel sind das Wichtigste an diesem Tier. Sie sind sein Bewegungsapparat … das, womit es sich durch die Luft bringt. Vorderflügel und Hinterflügel hängen einzeln … jeder für sich. Bei manchen Faltern werden sie im Flug miteinander gekoppelt … bei den meisten Tagfaltern aber nicht. Die schlagen mit vier Flügeln, die einander nur begleiten.

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Durch jeden Flügel laufen feine Linien … von der Wurzel zur Spitze. Das sind die Flügeladern. Sie liegen zwischen zwei Häuten … einer oberen und einer unteren. Und jetzt kommt das Merkwürdige daran. Wenn ein Falter frisch geschlüpft ist … sind seine Flügel noch schlaff. Weich. Unbrauchbar. Er kann damit nichts anfangen. Dann pumpt er Flüssigkeit in diese Adern … und die Flügel richten sich auf und spannen sich. Danach trocknen sie. Und die Flügeladern … die eben noch alles getragen haben … verlieren ihre Aufgabe. Die Adern bleiben liegen wie ein Gerüst, das man stehen lässt, weil das Abbauen zu mühsam wäre. Über den Flügeln liegt noch etwas. Sie sind bedeckt mit Schuppen … oben und unten. Bei den meisten Schmetterlingen ist sogar der ganze Körper beschuppt. Diese Schuppen sind eigentlich Haare … nur flach gedrückt. Sie liegen dachziegelartig übereinander … eine Reihe über der nächsten … und decken die Adern darunter zu. Wenn du je einen Falter in der Hand hattest und danach ein feines Pulver an den Fingern … das waren sie.

Schuppen wie Dachziegel: woher die Farben kommen

Jede einzelne dieser Schuppen hat nur eine Farbe. Immer nur eine. Nie zwei. Das ganze Muster auf einem Flügel entsteht also so, wie ein Mosaik entsteht … aus lauter einfarbigen Teilchen nebeneinander. Und die Formen dieser Teilchen sind verschieden. Die häufigste ist schildförmig … mit drei bis fünf Spitzen am Rand … und einem schmalen Stiel am anderen Ende, der in einer Vertiefung steckt. Andere sind lanzenförmig. Wieder andere kreisrund. Woher die Farben kommen … das ist eine doppelte Antwort. Ein Teil kommt von Farbstoffen. Die nennt man Pigmente. Sie sitzen in der Schuppe wie Farbe in einem Anstrich. Der andere Teil kommt gar nicht von Farbstoff. Er kommt von der Oberfläche selbst. Manche Schuppen sind so fein gebaut, dass sie das Licht brechen … und wenn Licht gebrochen wird, tritt eine Farbe hervor, die in keinem Farbstoff steckt. Solche Farben heißen Strukturfarben. Sie sind nicht aufgetragen … sie sind gebaut.

Es gibt auch Schuppen, die überhaupt nicht für das Auge da sind. Sie liegen meist in Feldern beieinander, mit kleinen Haarbüscheln dazwischen, und sie haben Poren. Durch diese Poren geben sie Duft ab. Man nennt sie Duftschuppen … und sie helfen den Faltern, einander zu finden. Ein Muster, das man sieht … und ein Duft, den man nicht sieht … auf demselben Flügel. Und dann gibt es Falter, die auf all das verzichten. Die Glasflügler haben ihre Flügel anfangs auch beschuppt … aber nur lose. Beim ersten Flug fällt alles ab. Danach sind ihre Flügel durchsichtig. Glasklar. Denn zum Fliegen braucht man die Schuppen gar nicht. Sie sind Farbe und Duft … nicht Technik.

Die Flügel gehen zu … und wieder auf. Schau ihn dir weiter an, den Falter auf dem Blatt. Vorn am Kopf trägt er zwei Fühler. Wie sie gebaut sind, verrät oft, zu welcher Familie er gehört. Es gibt fadenförmige Fühler … einfach dünn und gerade. Es gibt gekeulte … die sind fadenförmig und haben am Ende eine kleine Verdickung. Es gibt gesägte … die tragen auf einer Seite abstehende Fortsätze. Und es gibt gekämmte … die tragen sie auf beiden Seiten. Dazwischen liegen alle Übergänge, die man sich denken kann. Mit diesen Fühlern riechen die Schmetterlinge. Manche können damit auch tasten … schmecken … und spüren, wie warm es ist. Die Reize kommen über winzige Härchen herein, die überall auf den Fühlern verteilt sind. Und jetzt versteht man, wozu diese gesägten und gekämmten Formen gut sind. Jeder Fortsatz vergrößert die Oberfläche … und mit der Oberfläche wächst die Zahl der Härchen … und mit den Härchen der Geruchssinn.

Bei den Männchen sind die Fühler oft viel stärker ausgebildet als bei den Weibchen. Das hat einen Grund. Paarungsbereite Weibchen geben Duftstoffe ab. Pheromone nennt man sie. Und die Männchen nehmen diesen Duft über große Entfernungen wahr. Das ist vor allem dort wichtig, wo die Falter weit verstreut leben … in Wäldern zum Beispiel … wo zwei einander nie durch Zufall begegnen würden. Da ersetzt der Geruch den Zufall. Die Weibchen wiederum brauchen ihre Fühler für etwas anderes. Sie erriechen damit die richtige Pflanze. Denn sie legen ihre Eier nicht irgendwohin. Sie legen sie dorthin, wo die Raupen später fressen können. Ein Falter sucht also mit der Nase einen Ort aus … für ein Tier, das er nie sehen wird.

Die Flügel gehen zu … und wieder auf. Unter dem Kopf sitzt noch etwas, das man erst sieht, wenn er es benutzt. In Ruhe ist es eingerollt … eng aufgewickelt wie eine kleine Feder. Es ist sein Saugrüssel. Und er ist auf eine hübsche Art gebaut. Bei den meisten Insekten sind die Mundwerkzeuge zum Beißen da. Beim Schmetterling sind sie das nicht mehr. Seine Oberkiefer sind stark verkümmert … nur bei einer einzigen alten Familie, den Urmotten, dienen sie noch als Beißwerkzeug. Stattdessen sind aus den Unterkiefern zwei biegsame Halbröhrchen geworden. Die beiden liegen aneinander und sind über Nähte verbunden … so wie zwei Hälften eines Reißverschlusses. Und in der Mitte, zwischen den beiden Hälften, entsteht dabei ein Rohr. Das ist der Rüssel. Kein einzelnes Teil also … sondern zwei, die erst zusammen ein Rohr ergeben.

Weil das ein Rohr ist, kann darin nur Flüssiges hinauf. Fast alle Schmetterlinge leben deshalb von Blütennektar … von Pflanzensäften … und von anderen süßen Flüssigkeiten. Honigtau zum Beispiel, den Läuse hinterlassen. Oder der Saft von Obst, das im Gras liegt und weich geworden ist. Und an heißen Tagen sitzen sie an kleinen Pfützen und saugen Wasser … nicht nur wegen des Durstes, sondern auch wegen der Mineralsalze darin. Neben dem Rüssel sitzen noch zwei kleine Taster, die Lippentaster. Bei manchen Arten sind sie verlängert und groß. Auf ihnen sitzen Organe zum Tasten und zum Riechen. Ein Kopf, der fast nur aus Wahrnehmen und Saugen besteht. Die Flügel gehen zu … und wieder auf.

Und nun das Eigentliche an diesen Tieren. Ein Schmetterling ist nicht ein Lebewesen mit einer Gestalt. Er ist eines mit vieren. Am Anfang steht das Ei. Es ist winzig … zwischen einem halben Millimeter und zwei Millimetern groß. Und es wechselt die Farbe, während darin etwas heranwächst. Die meisten Eier sind anfangs hell. Dann dunkeln sie nach … bis sie fast schwarz oder dunkelblau sind. Das liegt nicht am Ei. Das liegt daran, dass die Schale ein wenig durchscheint … und man die Farbe der Raupe darin schon erkennen kann, bevor sie herauskommt. Wenn die Raupe schlüpft, frisst sie meistens zuerst ihre eigene Eischale auf. Erst danach beginnt sie mit dem Grün. Raupen fressen Blätter … Nadeln … Blüten … Samen … Früchte. Und viele sind dabei sehr wählerisch. Manche Arten leben ausschließlich von einer einzigen Pflanze und von keiner anderen. Deswegen war das Riechen der Mutter so wichtig.

Es gibt auch Raupen, die nicht außen fressen, sondern innen. Die Miniermotten legen ihre Eier an Blätter … und ihre Raupen fressen dann zwischen der oberen und der unteren Blatthaut. Sie sitzen also mitten in einem Blatt, wie in einem sehr flachen Zimmer. Und weil sie sich beim Fressen vorwärtsbewegen, entstehen dabei Gänge. Diese Gänge nennt man Minen. Man sieht sie im Gegenlicht … helle Linien, die sich durch ein Blatt schlängeln. Jede Art zeichnet dabei ihr eigenes Muster. Während eine Raupe frisst, wächst sie. Und weil ihre Haut nicht mitwächst, muss sie sie wechseln. Mehrmals. Jedes Mal gegen eine größere. Man nennt das Häutung. Und danach ist sie nicht ein anderes Tier … nur ein größeres.

Wenn du eine Raupe einmal genauer ansiehst, findest du an ihr eine Ordnung, die man ihr nicht zutraut. Vorn hat sie drei Abschnitte, die zusammen ihre Brust bilden. Und auf jedem dieser drei Abschnitte sitzt ein Beinpaar. Diese vorderen Beine sind kurz. Sie dienen nicht dem Laufen, sondern dem Festhalten … sie halten das Blatt, während sie frisst. Auf dem Rücken des ersten Brustabschnitts liegt eine harte Platte. Man nennt sie das Nackenschild. Sie besteht aus demselben Stoff, aus dem auch der Panzer der Käfer gemacht ist … aus Chitin. Und seitlich davon sitzt jeweils eine kleine Öffnung. Sie sieht aus wie eine Pore, und sie hat einen eigenen Namen … Stigma. Durch diese Öffnungen atmet die Raupe. Nicht durch einen Mund … nicht durch eine Nase … sondern durch eine Reihe kleiner Löcher an der Seite. Eine ganze Zeile von Fenstern, an einem Körper entlang.

Die Flügel gehen zu … und wieder auf. Am Ende der Raupenzeit hört das Fressen auf. Die Raupe bildet eine festere Hülle um sich … und wird zu dem, was man Puppe nennt. Von außen sieht das aus wie Ruhe. Nichts bewegt sich. Nichts frisst. Nichts geht irgendwohin. Von innen ist es das Gegenteil. Dort verändert sich das Tier grundlegend. Es legt Flügel an … und wird zu der Gestalt, die fliegen kann. Diese letzte Gestalt heißt Falter. Die Fachleute sagen Imago dazu. Und dann öffnet sich die Hülle. Heraus kommt etwas mit weichen, schlaffen Flügeln, das noch nicht fliegen kann. Es muss erst pumpen … und dann warten, bis alles trocken ist. Erst dann geht es los. Vier Gestalten also. Ei … Raupe … Puppe … Falter. Und in jeder davon ist es dasselbe Tier.

Diesen Wechsel der Gestalt nutzen die Fachleute übrigens auch zum Ordnen. Die Schmetterlinge werden in Unterordnungen eingeteilt … und das Merkmal dafür sind die Mundwerkzeuge. Es gibt eine kleine, sehr ursprüngliche Gruppe, deren Falter noch beißen und kauen können. Sie ernähren sich von Blütenstaub. Und es gibt die große Gruppe mit dem Saugrüssel … zu der fast alle gehören, die wir kennen. Und noch etwas dazu, das mich freut. Die Einteilung in Tagfalter und Nachtfalter … die wir alle benutzen … hat wissenschaftlich gar keine Grundlage. Sie dient nur der Vereinfachung. Es ist eine Ordnung, die wir uns gemacht haben, weil wir tagsüber wach sind. Die Tiere selbst wissen nichts davon.

Die Flügel gehen zu … und wieder auf. Wo ein Schmetterling leben kann, hängt an sehr vielen kleinen Bedingungen. Jede Art stellt ihre eigenen Ansprüche … und nur wenn die erfüllt sind, bleibt sie. Das Wichtigste sind die Nahrungspflanzen. Und zwar gleich doppelt. Eine für den Falter, der Nektar braucht … und eine für die Raupe, die Blätter braucht. Beide müssen am selben Ort wachsen. Dazu kommt das Kleinklima. Wie warm es an dieser einen Stelle ist … und wie stark die Wärme schwankt, über den Tag und über das Jahr. Und wie lang die Zeit ist, in der überhaupt etwas wächst. Manche Arten bleiben deshalb ihr Leben lang an einem einzigen Ort. Andere wandern zwischen mehreren Lebensräumen hin und her. Und zusammengenommen besiedeln sie fast alles, was es gibt … Wälder … Trockenrasen … Wiesen … Feuchtgebiete … und ganz selbstverständlich auch Parks und Gärten.

Weil sie so genau an ihre Umgebung gebunden sind, kann man sie lesen wie ein Messgerät. Fachleute nennen solche Tiere Zeigertiere … oder Bioindikatoren. In einer Heide in Mitteldeutschland hat man das untersucht. Dort leben ein paar kleine Falter, die Flechtenbärchen heißen … weil ihre Raupen von Flechten leben. Und man hat gesehen: Sie sind vor allem dort, wo mehr als vier Zehntel einer Fläche mit Flechten bewachsen sind. Wo weniger wächst, fehlen sie. Man muss also nicht die Flechten zählen. Man kann die Falter zählen. Die Flügel gehen zu … und wieder auf. Weil die Falter bestimmte Blüten anfliegen, tragen sie dabei etwas mit sich. Blütenstaub, der an ihnen hängen bleibt und weitergegeben wird. Bei manchen Pflanzen geht das gar nicht anders. Es gibt Blüten mit sehr tiefen Kelchen … da kommt nichts anderes hinein. Ein Nachtfalter mit dem Namen Xanthopan morgani hat einen Rüssel von zwanzig Zentimetern Länge. Damit reicht er in besonders enge Blütenhälse von Orchideen hinein … und bestäubt sie.

Und die Yuccapflanze ist auf einen einzigen Falter angewiesen … die Yuccamotte. Sie hat stark verlängerte Lippentaster, mit denen sie an den Blütenstaub herankommt. Ohne diese Motte wird die Blüte nicht bestäubt. Ein Tier und eine Pflanze, die einander nicht mehr loslassen können. Es gibt eine Sache, die ich besonders mag an dieser Geschichte. Die Schmetterlinge sind nicht allein alt geworden. Ihre Entwicklungsgeschichte beginnt vor etwa einhundertfünfunddreißig Millionen Jahren … am Anfang der Kreidezeit. Und sie ist eng verbunden mit dem Erscheinen der Blütenpflanzen. Ohne Blüten wären sie nicht denkbar. Ein Rüssel, der Nektar saugt, ergibt nur dort einen Sinn, wo es Nektar gibt. Zwei Gruppen, die zusammen angefangen haben … und beide dabei geblieben sind.

Bernstein, Blütenpflanzen und ein Faden aus Ostasien

Die ältesten Fossilien, die man ihnen zweifelsfrei zuordnen kann, hat man in sibirischem Gestein gefunden … in Schichten aus dem Jura. Aus der Kreidezeit gibt es weitere. Und eines der ältesten liegt in Bernstein aus dem Libanon. Also in Harz, das aus einem Baum gelaufen ist … hart geworden … und einen Falter mitgenommen hat, der zufällig dort saß. Von diesem Anfang aus haben sie sich alles genommen, was es an Land gibt. Wälder und Wiesen … Berge und Gärten … trockene Flächen und feuchte. Die Schmetterlinge sind eine der erfolgreichsten Tiergruppen überhaupt geworden. Es ist ihnen gelungen, alle Bereiche des Festlands zu erobern. Und das mit einem Körper, den man mit zwei Fingern zerdrücken könnte.

Sie haben übrigens Verwandte, an die man nicht denkt. Es gibt eine Insektengruppe, die Köcherfliegen heißt. Und diese Köcherfliegen haben zwei Dinge mit den Schmetterlingen gemeinsam. Bei einigen ihrer Arten sind die Flügel ähnlich beschuppt. Und beide Gruppen stellen im Larvenstadium Seide her … über Drüsen an der Unterlippe. Solange sie also noch keine Flügel haben, können beide dasselbe. Deshalb führt man sie auf einen gemeinsamen Vorfahren zurück. Auch die Gene weisen in diese Richtung … ein bestimmtes Gen ist bei Schmetterlingen und Köcherfliegen gut vergleichbar geblieben. Das spricht dafür, dass es sich über sehr lange Zeit kaum verändert hat. Ich finde das einen freundlichen Gedanken. Dass der Faden, aus dem in Ostasien Seide gemacht wird, auf eine sehr alte Erfindung zurückgeht … die zwei Gruppen von Tieren miteinander teilen. Sie sind längst getrennte Wege gegangen. Und beide haben es behalten.

Die Flügel gehen zu … und wieder auf. Von einer Raupe möchte ich dir noch besonders erzählen … weil sie etwas herstellt, das wir tragen. Es ist die Raupe des Seidenspinners, zu Hause in Ostasien. Sie spinnt einen Faden. Und dieser Faden ist der Rohstoff der Seide. Sie wickelt ihn um sich herum, bis ein Kokon fertig ist. Später wird der Faden vorsichtig wieder abgewickelt … und gereinigt … und dann gewoben. Diese Raupen fressen ausschließlich die Blätter von Maulbeerbäumen. Nur die. Nichts anderes. Und deshalb hat man überall dort, wo Seide gemacht wurde, Maulbeerbäume gepflanzt. In China … in Japan … in Indien … und auch in Südeuropa. Ein Baum, der eingeführt wurde, weil ein Tier nichts anderes mag. Durch Kreuzungen bekommt man sogar verschiedene Farben im Faden … goldgelb zum Beispiel.

Die Flügel gehen zu … und wieder auf. Jetzt möchte ich dir noch von ein paar Orten erzählen, an denen Menschen die Schmetterlinge zusammengetragen haben. Denn das haben wir getan, seit wir sie schön finden. Angefangen hat das Sammeln im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert. Und wer es damals betrieb, wurde erst einmal verspottet. Es waren wenige, und sie taten etwas, das niemand verstand. Erst als die Insektenkunde eine eigene Wissenschaft wurde, wurden aus den Sammlungen Arbeitsmittel … zum Nachschlagen und zum Vergleichen. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurde es dann ein Hobby. Ein sehr verbreitetes … bei Menschen jeden Alters und in vielen Ländern. Es hat Spuren hinterlassen … in Büchern, in der Musik, im Film. Es gibt sogar ein bekanntes Gemälde, das genau davon erzählt. Es heißt Der Schmetterlingsjäger. Die meisten sammelten Tagfalter. Einfach, weil die die prächtigsten Farben hatten.

Zwei Namen sind aus dieser Zeit geblieben. Der eine war ein Sammler aus London, ein Baron. Er hat sein Leben lang gesammelt … und seine Sammlung nach seinem Tod dem Naturkundemuseum seiner Stadt vermacht. Der andere war Schriftsteller. Ein russisch-amerikanischer Autor, der zugleich Schmetterlingsforscher war. Zwei Berufe in einem Leben … und dazwischen immer wieder dasselbe kleine Tier. Und noch etwas hat sich niedergeschlagen … in der Architektur. In Barcelona steht ein Haus aus dem Jugendstil, das oben von einer überdimensionalen Schmetterlingsfigur gekrönt wird. Sie ist halbkreisförmig und sitzt über der Straße … seit über hundert Jahren, ohne wegzufliegen. Die größte dieser Sammlungen liegt vermutlich in München. Mehr als sieben Millionen Schmetterlinge liegen dort … eine der größten naturkundlichen Sammlungen der Welt.

Im Museum für Naturkunde in Berlin liegt eine weitere. Fast vier Millionen Stück. Ich stelle mir das gern vor … flache Laden, eine über der anderen … und in jeder liegen sie nebeneinander, jeder mit einem winzigen Zettel daneben. Jemand hat jedes einzelne davon eingeordnet und beschriftet. Ein Teil dieser Berliner Sammlung ist übrigens ausgezogen. Das Museum hat ihn verschenkt … an ein Ausflugslokal am Rand der Stadt, das Schmetterlingshorst heißt. Dort hängen sie jetzt … wo Leute Kaffee trinken. Im Naturhistorischen Museum in Wien liegt eine der größten Sammlungen von Tag- und Nachtfaltern der Welt. Ungefähr dreieinhalb Millionen sind dort aufbereitet … dazu einige hunderttausend, die noch nicht bearbeitet sind. Alles zusammen verteilt sich auf etwa elftausend Laden. Elftausend Schubladen, die man eine nach der anderen aufziehen könnte.

Es gibt aber auch Orte, an denen sie fliegen statt zu liegen. In Kerzers, im Kanton Freiburg, steht das Papiliorama. Das ist ein Zoo, der sich besonders auf Schmetterlinge eingerichtet hat. Sein Herzstück ist eine Glaskuppel … vierzig Meter im Durchmesser … und an der höchsten Stelle vierzehn Meter hoch. Darin ist es warm und grün wie in einem Regenwald … eine künstliche, dschungelartige Umgebung, mitten im Schweizer Mittelland. Und darin leben über sechzig verschiedene Arten tropischer Schmetterlinge und Falter. Es ist der größte Schmetterlingsgarten der Schweiz. Neben den Faltern zeigt es auch andere Tiere … solche aus dem südamerikanischen Regenwald und aus dem Amazonasgebiet. Und eine Kleinigkeit daran mag ich besonders. Als das Papiliorama nach Kerzers zog, hat man an der Bahnstrecke, die dort vorbeiführt, eigens einen Haltepunkt eingerichtet. Einen Halt … für Schmetterlinge. Der Zug bremst, jemand steigt aus, der Zug fährt weiter. Vorher stand das Ganze übrigens woanders. An einem anderen Ort am See … bis man es umgesiedelt hat, weil der Platz dort zu knapp geworden war.

Und in Wien gibt es das Schmetterlinghaus. Es liegt am Rand des Burggartens, im Palmenhaus … einem langen Bau aus Glas und Eisen. Dieses Palmenhaus wurde zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts errichtet, nach den Entwürfen eines Architekten. Es ist einhundertachtundzwanzig Meter lang … und bedeckt eine Fläche von rund zweitausendfünfzig Quadratmetern. Eine lange Halle also, ganz aus Glas … die von außen aussieht wie ein Gewächshaus, das jemand sehr ernst genommen hat. Irgendwann wurde es gesperrt und lag eine Weile still. Dann hat man es von Grund auf hergerichtet und wieder geöffnet. Seither ist im linken Flügel, im nordwestlichen, das Schmetterlinghaus untergebracht. Zweihundertachtzig Quadratmeter unter Glas … mitten in einer Stadt. Draußen der Verkehr … drinnen tropische Luft und Falter, die zwischen den Palmen hindurchgehen.

Die Flügel gehen zu … und wieder auf. Zum Schluss noch ein Wort … ein sehr altes. Im antiken Griechenland hieß der Schmetterling Psyche. Dasselbe Wort stand auch für die Seele. Und das kam von dem, was du eben gehört hast … vom Verpuppen und vom Schlüpfen. Etwas liegt lange still … scheinbar leblos … und kommt dann anders wieder heraus. Darum war der Falter in der Antike ein Sinnbild für den Neubeginn. Ein Wort für zwei Dinge, die man damals nicht auseinanderhalten wollte. Und jetzt wird es still auf der Wiese. Der Falter sitzt noch immer auf seinem Blatt. Er hat einen Rüssel, der zusammengerollt unter seinem Kopf liegt. Er hat Fühler, mit denen er riecht, was weit weg ist. Er hat Flügel aus lauter einfarbigen Schuppen, die zusammen ein Muster ergeben. Und er war einmal ein Ei … und dann eine Raupe … und dann eine Hülle, in der es aussah, als geschähe nichts.

Zurück auf das Blatt

Irgendwo liegt jetzt eine Schublade mit elftausend Geschwistern. Irgendwo steht eine warme Glaskuppel, in der es nie Winter wird. Und hier sitzt einer im hohen Gras … und macht gar nichts mehr. Die Flügel gehen zu … und wieder auf. Zu … und wieder auf. Langsamer jetzt. Und noch langsamer. Die Luft wird kühl. Das Gras legt sich. Und irgendwann bleiben die Flügel zu. Ein schmaler Strich auf einem Blatt … kaum zu sehen … und ganz ruhig. Er wartet einfach auf morgen. So wie du. Und du darfst jetzt schlafen. Alles ist gesagt … nichts musst du dir merken. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.

Quelle und Lizenz

Dieser Text beruht auf den Wikipedia-Artikeln «Schmetterlinge», «Papiliorama» und «Schmetterlinghaus». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.

Verwendete Fassungen: «Schmetterlinge» Version 265917918, abgerufen am 9. August 2026, «Papiliorama» Version 261561448, abgerufen am 9. August 2026 und «Schmetterlinghaus» Version 260008892, abgerufen am 9. August 2026.

Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.