Gute Nacht mit Fridolin – zur Startseite

Folge 35 · 27. August 2026 · 36 Minuten

Ein Abend im botanischen Garten

Fridolin hält ein kleines Gewächshaus aus weißen Eisenstreben und Glas in den Händen, über Wolken unter einem Sternenhimmel.

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht

Eine Einschlafgeschichte für Erwachsene über Gärten, in denen jede Pflanze ein Schild mit zwei Namen trägt. Fridolin geht am Abend über einen Kiesweg zwischen rechteckigen Beeten und erzählt, wie aus klösterlichen Kräutergärten die ersten Heilpflanzengärten wurden und wieso ein botanischer Garten weniger ein Park als eine Sortierung ist.

Unterwegs kommen die vier Ordnungen vor, nach denen man dieselbe Sammlung aufstellen kann, das Nebelwaldhaus in Basel mit neunzig Prozent Luftfeuchtigkeit, die einhundertsechsundneunzig Heilpflanzenbeete des Wiener Gartens, das kostenlose Samenverzeichnis, das über siebenhundert Gärten einander zuschicken, und ein Baum von der Osterinsel, der in Bonn überlebt hat.

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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte

3.466 Wörter · rund 17 Minuten zum Lesen, Mitlesen oder Vorlesen

Ein Tor in der Mauer und eine Liste im Boden

Stell dir ein Tor in einer Mauer vor … mitten in einer Stadt. Dahinter liegt ein Weg aus hellem Kies … er führt zwischen Beeten hindurch und macht eine sanfte Kurve. Es ist Abend geworden, und der Garten hat längst geschlossen. Links und rechts stehen Pflanzen in Gruppen beieinander. Und an jeder steht ein kleines Schild. Auf jedem Schild steht ein Name … oft zwei, einer davon lateinisch. Jemand hat das alles beschriftet. Jede einzelne. Bleib einen Moment hier stehen, bevor wir weitergehen. Der Kies knirscht unter den Schuhen, wenn man sich bewegt … und wenn man stehen bleibt, hört das Knirschen sofort auf. Dann ist da nur noch das Rascheln in den Blättern … und weiter hinten das gedämpfte Geräusch der Stadt, das über die Mauer kommt. Man merkt an solchen Abenden, wie dick eine Gartenmauer eigentlich ist.

Die Beete sind rechteckig und liegen nebeneinander wie Absätze auf einer Seite. Dazwischen die Wege … gerade, mit sauberen Kanten. Es sieht aus, als hätte jemand eine Liste in den Boden geschrieben. Und im Grunde stimmt das auch. Ein botanischer Garten ist keine Grünanlage, die schön aussehen soll. Er ist eine gärtnerische Anlage, in der Pflanzen geordnet gezeigt werden … einheimische und fremdländische nebeneinander. Und diese Ordnung kann nach ganz verschiedenen Gesichtspunkten gemacht sein. Nach der Verwandtschaft der Pflanzen. Nach den Gegenden, aus denen sie stammen. Nach den Lebensräumen, in denen sie wachsen. Oder danach, wozu der Mensch sie braucht. Man geht also nicht einfach spazieren. Man geht durch eine Sortierung.

Das mit den Gesichtspunkten möchte ich kurz auseinandernehmen, weil jeder davon einen anderen Garten ergibt. Ordnet man nach Verwandtschaft, stehen Pflanzen beieinander, die sich ähnlich sehen, weil sie miteinander verwandt sind. Ordnet man nach Herkunft, stehen Pflanzen beieinander, die einander nie ähnlich sehen müssen … sondern nur aus derselben Gegend kommen. Ordnet man nach Lebensraum, kommt zusammen, was dieselben Bedingungen braucht … derselbe Boden, dieselbe Feuchte, dasselbe Licht. Und ordnet man danach, wozu der Mensch sie braucht, entsteht ein Garten der Nutzpflanzen … Fasern, Gewürze, Öle, Heilmittel. Vier Möglichkeiten, dieselbe Sammlung aufzustellen. Und jede erzählt etwas anderes. Solche Gärten können der Stadt gehören … oder dem Staat … oder Privatleuten. Sehr viele gehören zu einer Universität und sind an ein botanisches Institut angeschlossen. Die dienen dann vor allem der Wissenschaft. Man forscht dort, und man unterrichtet dort. Dass Besucher hindurchgehen dürfen, ist eine freundliche Zugabe.

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Weltweit gibt es fast eintausendachthundert botanische Gärten. Vierhundert davon liegen in Europa … ungefähr neunzig allein in Deutschland. Sie stehen auf allen Kontinenten … außer auf der Antarktis. Wieder einmal die Antarktis, die nicht mitmacht. Und an jeder steht ein kleines Schild. Fast alle diese Gärten haben Gewächshäuser. Nicht nur zum Zeigen … sondern auch zum Anziehen der Pflanzen. Man braucht ein Dach und eine gleichmäßige Wärme, damit etwas anwächst, das hier draußen nicht überleben würde. Ein Gewächshaus ist darum halb Schaustück und halb Werkstatt. Vorne läuft man hindurch und staunt … hinten stehen Töpfe in Reihen, die noch niemand sehen soll. Und zu einem heutigen botanischen Garten gehört oft noch etwas anderes. Nicht nur einzelne Pflanzen … sondern ganze Lebensräume, nachgebaut mit den Pflanzengesellschaften, die typisch für sie sind. Also nicht ein Stück Moor als Idee, sondern ein Stück Moor mit dem, was in einem Moor eben zusammen wächst. Man zeigt dann nicht mehr die Pflanze allein. Man zeigt ihre Nachbarschaft.

Arboretum, Alpinum, Hortus Medicus

Es gibt ein paar Wörter, die man in solchen Gärten immer wieder liest. Ein Arboretum ist ein botanischer Garten, der sich auf Bäume und Sträucher beschränkt … also nur auf das, was Holz macht. Es kann auch ein Teil eines größeren Gartens sein. Ein Alpinum ist der Bereich für die Gebirgspflanzen. Und ein Tropenhaus ist das, wonach es klingt. Wenn du wissen willst, wie diese Gärten entstanden sind, musst du an etwas anderes denken als an Botanik. Du musst an Medizin denken. Denn ursprünglich beherbergten sie vor allem Heilkräuter. Sie waren Heilpflanzengärten … Grundlage für Forschung und Lehre, wenn es darum ging, womit man Menschen behandelt. Man nannte einen solchen Garten einen Hortus Medicus. Das ist Latein und heißt schlicht Heilgarten.

Und das Vorbild dafür stand in den Klöstern. Die klösterlichen Kräutergärten waren das Muster … und die ersten botanischen Gärten ähnelten ihnen sogar in Form und Struktur. Dieselben rechteckigen Beete. Dieselben Wege dazwischen. Nur dass die Pflanzen jetzt nicht nach dem Kirchenjahr geordnet waren, sondern danach, welcher Wirkstoff in ihnen steckt. Beete voller Mittel gegen etwas. Und an jeder steht ein kleines Schild. Der älteste botanische Garten der Welt, der noch immer an seinem ursprünglichen Ort liegt, steht in Italien … in Padua. Er wurde fünfzehnhundertfünfundvierzig gegründet und gehört zur dortigen Universität. Ein Jahr davor war schon in Pisa einer entstanden … angelegt von einem Botaniker, der Luca Ghini hieß. Dann folgten Florenz und Bologna. Und ein halbes Jahrhundert vor all dem gab es bereits einen Garten, der sich auf Gehölze beschränkte … ein Arboretum nahe Dubrovnik, in Trsteno. Es ist seit vierzehnhundertzweiundneunzig nachgewiesen.

Im deutschsprachigen Raum ging es kurz danach los. Die ersten wurden gegründet in Leipzig … in Jena … in Heidelberg … in Gießen … und in Freiburg. Alle fünf noch als Hortus Medicus … meist unmittelbar bei der medizinischen Fakultät. Erst später kam einer dazu, den man als botanischen Garten im engeren Sinne bezeichnet: der in Kiel, eingerichtet von einem Gelehrten namens Johann Daniel Major. Und an jeder steht ein kleines Schild. Bei Leipzig möchte ich einen Moment bleiben … denn dort ist die Geschichte besonders schön. Der Botanische Garten der Universität Leipzig ist der älteste Botanische Garten Deutschlands. Angefangen hat er als Idee bei einer Universitätsreform. Zwei Gelehrte trieben sie voran … und man wollte einen Medizinalpflanzengarten anlegen. Den Anstoß gab dann eine Schenkung. Ein Herzog schenkte der Universität ein Dominikanerkloster … und ab dem Frühling darauf lag der Pflanzengarten auf dem Gelände des früheren Klostergartens. An der Nordseite der Klosterkirche also. Genau dort, wo vorher schon Beete waren.

Als eigenständiger Garten gilt er allerdings erst ab einem späteren Zeitpunkt. Nämlich ab dem Jahr, in dem ein Mathematikprofessor zu seinem Präfekten ernannt wurde. Ein Mathematiker als Gartenvorsteher. Auch das kam vor. Dieser Garten ist danach noch mehrmals umgezogen. Rund hundert Jahre später erwarb die Universität ein Haus, das unmittelbar an dieselbe Kirche grenzte … und richtete in dessen Garten einen neuen Botanischen Garten ein. Und noch einmal gut anderthalb Jahrhunderte danach wechselte er erneut den Platz. Drei Vorgängeranlagen also, bevor er dort ankam, wo er heute liegt. Ein Garten wandert nicht gern. Aber offenbar öfter, als man denkt.

Leipzig: der älteste Garten Deutschlands

An seinem heutigen Platz liegt der Leipziger Garten erst seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Er misst dreieinhalb Hektar und beherbergt etwa zehntausend verschiedene Arten. Er liegt gut zwei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt … auf einem fast dreieckigen Grundstück, zwischen drei Straßen … und eine davon heißt Linnéstraße. Benannt nach dem Mann, dessen Ordnungssystem in diesen Gärten überall verwendet wurde. Ein Garten, der an einer Straße liegt, die nach der Ordnung benannt ist, die in ihm gilt. Drei öffentliche Zugänge hat er … einen Haupteingang und zwei Nebeneingänge. Auf der einen Seite grenzt ein Park an, auf der anderen, über die Allee hinweg, das Universitätsklinikum. Ein Garten zwischen einem Park und einem Krankenhaus. Das passt gut zu einem Ort, der als Heilpflanzengarten begonnen hat.

Und an jeder steht ein kleines Schild. Von Leipzig gehen wir nach Wien. Der Botanische Garten der Universität Wien liegt im dritten Bezirk … am Rennweg … hinter dem Institut, zu dem er gehört. Gegründet wurde er in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts. Und zwar so: Maria Theresia ließ am Rennweg ein Grundstück von zwei Hektar ankaufen. Angeregt hatte das ihr Leibarzt. Auf einem Hektar davon entstand ein Hortus Medicus … wieder ein Heilpflanzengarten also. Den Auftrag zur Planung bekam ein Mann, der wenige Jahre zuvor nach Wien gekommen war. Er wurde der erste Gartendirektor … und zugleich der erste Inhaber zweier neu geschaffener Lehrstühle: für Botanik und für Chemie. Beides in einer Person. Der Garten und das Labor gehörten damals noch zusammen.

Danach wurde aus dem Heilgarten ein wissenschaftlicher Garten. Die Pflanzen wurden nach dem System von Linné angeordnet. Unter dem nächsten Direktor beherbergte der Garten bereits etwa achttausend Arten … und die Fläche wuchs auf fast acht Hektar. Später wurde das Freiland umgestaltet, in Anlehnung an den englischen Gartenstil. Dabei entstand eine eigene Abteilung für die Heilpflanzen … mit einhundertsechsundneunzig Beeten. Einhundertsechsundneunzig. Man könnte sie abzählen, eines nach dem anderen … und wäre eine Weile beschäftigt. Kurz darauf wurde in diesem Garten ein Botanisches Museum fertig. Es stand einige Jahrzehnte … dann musste der Garten das gesamte Herbar und Teile seiner Bibliothek abgeben. Ein Herbar ist eine Sammlung gepresster, getrockneter Pflanzen … flach zwischen Papier, jede mit ihrem Namen. Alles zusammen wanderte in ein neu errichtetes Naturhistorisches Museum, das gerade gebaut worden war. Der Garten behielt das Lebendige. Das Getrocknete zog um.

In derselben Zeit setzte der Obergärtner die Umgestaltung fort … und dabei entstand ein Gedanke, der für europäische botanische Gärten neu war. Man ordnete Pflanzen nicht mehr nur nach Verwandtschaft, sondern nach ihrer Herkunftsgegend. Pflanzengeographische Gruppen nennt man das. Man geht dann nicht mehr von Familie zu Familie … sondern von Landschaft zu Landschaft. Später verlor der Garten sogar wieder Fläche, weil man eine Gasse durch das Gelände legte. Sie trägt bis heute den Namen jenes Direktors, unter dem der Garten seine achttausend Arten bekommen hatte. Eine Straße, die einen Garten verkleinert und dabei nach seinem Gärtner heißt. Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurde die Gewächshausanlage mit dem Tropenhaus gebaut. Und in den dreißiger Jahren kam am südlichen Ende ein weiterer Garten dazu, der einem Botaniker gehört hatte. Damit erreichte der Wiener Garten seine heutige Größe von rund acht Hektar. Der angrenzende Alpengarten blieb übrigens beim Belvederegarten … der liegt gleich nebenan.

Heute beherbergt der Botanische Garten der Universität Wien etwa elftausendfünfhundert Arten … auf acht Hektar … mit eintausendfünfhundert Quadratmetern Gewächshausfläche. Ein großer Teil davon ist öffentlich zugänglich und dient mitten in der Stadt als Naherholungsgebiet. Von den Gewächshäusern ist allerdings nur eines für Besucher offen … das Tropenhaus, das mitten im Komplex liegt. Der Rest ist Arbeitsraum. Das war nicht immer so. Erst gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wurde das Tropenhaus für die Bevölkerung geöffnet. Vorher stand es der Forschung allein zur Verfügung. In derselben Zeit wurden auch neue Gruppen angelegt … eine für die Pflanzen der Kanarischen Inseln … und eine für die Flora Österreichs, die weiter ausgebaut wurde. Man macht also beides nebeneinander: Man holt das Ferne herein … und man zeigt das, was ohnehin vor der Tür wächst.

Und ein paar Jahre davor hatte sich noch etwas anderes gegründet. Ein Verein der Freunde des Botanischen Gartens. Ich mag den Gedanken. Dass ein Garten Freunde hat … und dass diese Freunde sich zusammentun und einen Namen dafür haben. Zu den Aufgaben des Wiener Gartens gehören heute drei Dinge. Die Forschung und die Lehre an der Universität. Die Erhaltung bedrohter Pflanzenarten. Und der Austausch von Samen und Pflanzen mit anderen Einrichtungen. Vom Letzteren erzähle ich dir gleich noch mehr … denn das ist ein eigenes, sehr stilles Netz. Und an jeder steht ein kleines Schild. Und nun in die Schweiz, nach Basel. Der Botanische Garten der Universität Basel wurde fünfzehnhundertneunundachtzig gegründet, von einem Botaniker namens Caspar Bauhin. Er ist der älteste botanische Garten der Schweiz … und gehört zu den ältesten der Welt.

Etwas daran finde ich besonders. Dieser Garten ist umgezogen. Mehrmals. Der heutige Standort am Spalentor ist in seiner mehr als vierhundertjährigen Geschichte bereits der vierte. Eröffnet wurde er dort am zwölften Juli achtzehnhundertachtundneunzig. Ein Garten, der viermal seinen Platz gewechselt hat und trotzdem derselbe geblieben ist. Er ist ganzjährig geöffnet. Die Außenanlage misst knapp einen Hektar … mit den Gebäuden zusammen sind es rund eindreiviertel Hektar … und darauf wachsen über siebentausendfünfhundert verschiedene Pflanzenarten. Es gibt ein Trockenbord … Gehölze … ein Alpinum … eine Farnschlucht … und einen Mittelmeergarten. Und dann gibt es dort eine Sache, die ich sehr mag. Im Teil mit den Pflanzenfamilien sind die Wege nicht nur zum Gehen da. Sie markieren zugleich die Grenzen zwischen den Familien. Wer also von einem Weg auf den nächsten tritt, wechselt die Verwandtschaft. Die Ordnung liegt nicht auf einem Schild. Sie liegt unter den Füßen.

Vier Schaugewächshäuser stehen auf dem Gelände. Das größte ist das Tropenhaus … sechshundert Quadratmeter, mit einem Besucherfoyer davor. Darin wachsen Pflanzen der feuchten Tropen. Nutzpflanzen wie Kakao und Vanille. Und die Titanwurz, für ihre außerordentlich große Blüte bekannt. Daneben liegt ein Haus, das es so in Europa kein zweites Mal gibt. Es heißt Nebelwaldhaus … es misst einhundertdreiunddreißig Quadratmeter … und man kann hineingehen. Drinnen liegt die Luftfeuchtigkeit bei neunzig Prozent, und die Temperatur bleibt zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Grad. Dort wachsen tropische Gebirgspflanzen … solche, die es kühl und nass mögen. Ein Wald aus Nebel, in einem Haus, in einer Stadt. Im nördlichen Teil stehen noch das Sukkulentenhaus und das Kalthaus. Das eine für Kakteen und Wüstenpflanzen … das andere für alles, was aus dem Mittelmeerraum oder aus kühleren Gegenden kommt. Und daneben das historische Viktoriahaus.

Der Basler Garten hat zwei Ein- und Ausgänge. Der Hauptzugang liegt unmittelbar am Spalentor … ein zweiter führt vom Petersplatz her über den Ostteil hinein. Dazwischen erschließt ein Netz aus befestigten, teilweise geschwungenen Pfaden das ganze Areal. Und in Sichtweite stehen ein paar Gebäude, die zusammen mit dem Garten entstanden sind. Die Universitätsbibliothek, die genauso alt ist wie er an diesem Ort. Dazu ein Haus für die Physiologie und eines für Physik, Chemie und Astronomie. Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts bildeten sie zusammen einen ganzen Universitätskomplex. Bücher, Körper, Sterne und Pflanzen … alles innerhalb weniger Schritte. Und an jeder steht ein kleines Schild. Mit der Zeit hat sich die Aufgabe dieser Gärten verschoben. Als man anfing, die Natur in weit entfernten Gegenden zu erforschen … in Südamerika, in Ostasien … legten sich die botanischen Gärten umfangreiche Sammlungen aus aller Welt zu. Aus dem Heilgarten wurde ein Archiv des Wachsenden. Einige Gärten kamen dadurch zu großem Ansehen … wegen ihrer Sammlungen und wegen der Forschung an den Instituten daneben. Dazu zählen der Garten in Kew bei London … zwei große in den Vereinigten Staaten, in St. Louis und in New York … und der Botanische Garten in Berlin-Dahlem.

Basel, Felsspalten und das Verzeichnis der Samen

Und daraus ist noch eine weitere Aufgabe geworden. Die Gärten, die zu Universitätsinstituten gehören, sehen es als ihre Sache an, zur Erhaltung der Vielfalt beizutragen. Sie ziehen darum auch Pflanzen, die als gefährdet gelten … oder die in ihrer ursprünglichen Heimat nicht mehr vorkommen. Erhaltungskulturen heißt das. Ein Beet kann also ein Aufbewahrungsort sein. Für etwas, das anderswo gerade fehlt.

Es gibt eine Bauweise, von der ich dir noch erzählen möchte, weil sie so schön einfach gedacht ist. Manche Pflanzen sind sehr schwer zu halten. Vor allem solche aus dem Hochgebirge. Sie brauchen etwas, das man in einem normalen Beet nicht hinbekommt: gleichzeitig Feuchtigkeit, Kühle und wenig Nährstoffe. Dazu viel Licht von oben und einen kühlen Untergrund. Man hat dafür Gärten gebaut, die diese Bedingungen nachahmen … mit senkrecht gestellten Steinfugen. Felsspaltengärten heißen sie. Zwischen den Steinen bleibt es feucht und kühl, und Nährstoffe sammeln sich dort kaum an. Genau die Nische, an die sich die Hochgebirgsflora angepasst hat. Man baut also einen Felsen nach … damit eine Pflanze sich zu Hause fühlt. In Deutschland gilt der Botanische Garten der Stadt Hof als Kompetenzzentrum für diese Gartenart. Ein ganzes Haus voll Wissen darüber, wie man Steine so stellt, dass ein Enzian bleibt.

Und weil wir bei den Heilpflanzen angefangen haben, gehe ich noch einmal kurz dorthin zurück. Diese Aufgabe hat nie aufgehört. Botanische Gärten liefern bis heute Anschauungsmaterial für das Studium der Medizin und der Botanik. Es gibt eigene Heilpflanzengärten, in denen nicht nur Kräuter und Stauden stehen, sondern auch Sträucher und Bäume mit wirksamen Inhaltsstoffen. Einer davon trägt den Namen Herba Sana … das heißt so viel wie gesundes Kraut. Ein Student geht dort hindurch und lernt, was er später verschreiben wird … an lebenden Pflanzen, nicht an Bildern. Und nun etwas, das zwischen all diesen Gärten hin- und hergeht, seit Jahrhunderten. Botanische Gärten tauschen Samen. Untereinander. Kostenlos. Jeder Garten stellt dafür meist einmal im Jahr einen Katalog seines Samenangebots zusammen. Dieser Katalog heißt Index Seminum … das Verzeichnis der Samen. Und diese Verzeichnisse schicken sie einander zu.

Es ist die wichtigste Quelle, um die eigenen Sammlungen zu erhalten und zu erweitern. Weitergegeben wird ausschließlich zu nicht-kommerziellem Zweck … für Forschung, für Bildung, für den Naturschutz. An diesem Austausch beteiligen sich derzeit weltweit über siebenhundert botanische Gärten. Siebenhundert Häuser, die einander Samen schicken, ohne Rechnung. Der älteste solche Katalog stammt aus Padua … aus dem Jahr fünfzehnhunderteinundneunzig. Und einer der ältesten erhaltenen aus Deutschland kam aus Halle … er stammt von siebzehnhundertsiebenundneunzig und liegt heute in einem Archiv in Berlin. Ein Blatt Papier mit einer Liste von Samen … das jemand aufgehoben hat. Und an jeder steht ein kleines Schild. Weil die Gärten Pflanzen halten, die anderswo selten geworden sind, kommt manchmal etwas Merkwürdiges vor. Es gibt einen Baum, der nur auf der Osterinsel wuchs … die einzige einheimische Baumart dieser Insel. Er heißt Toromiro. Ein norwegischer Forschungsreisender sah dort den letzten … und sammelte ein paar Früchte ein. Danach galt die Art als ausgestorben.

Und dann, Jahrzehnte später, entdeckten Botaniker der Universität Bonn in ihrem eigenen botanischen Garten ein Exemplar davon. Es hatte die ganze Zeit dort gestanden. Später stellte sich heraus, dass der Toromiro auch in anderen botanischen Gärten überlebt hatte. Und in einem Arterhaltungsprojekt wurden dann einhundertsechzig junge Toromiros aus den Gärten von Göteborg und Bonn auf die Osterinsel gebracht. Einige haben überlebt. Sie wachsen inzwischen wieder dort, wo sie herkamen. Ein Baum, der den Umweg über zwei europäische Gärten gemacht hat, um nach Hause zurückzukommen. Und an jeder steht ein kleines Schild.

Große Flächen und ein Baum, der heimkam

Zum Schluss noch ein paar Größen, einfach so nebeneinander. Der flächenmäßig größte botanische Garten der Welt liegt in Peking … vierhundert Hektar. Dann kommt einer in Shanghai mit zweihundertsieben … einer in Rio de Janeiro mit einhundertvierzig … und der in Kew bei London mit einhundertzweiunddreißig. In Moskau sind es einhundertdreißig. In Tiflis einhundertachtundzwanzig. In Georgien gibt es gleich zwei sehr große … einen mit einhundertachtundzwanzig Hektar und einen mit einhundertvierzehn. In New York sind es einhundert … in Singapur vierundsiebzig. Der größte in Deutschland ist der Rombergpark in Dortmund mit achtundsechzig Hektar … ein weitläufiges Arboretum. Und der Botanische Garten in Berlin misst dreiundvierzig. Danach wird es kleiner. Zweiunddreißig in St. Louis … dreißig in Sydney … achtundzwanzig in Ulm.

Diese weitläufigen Anlagen haben übrigens noch eine Aufgabe, die in keinem Forschungsplan steht. Sie dienen der Erholung. Ein botanischer Garten ist eben auch ein Park, in dem man einfach sitzen kann … besonders in den großen Arboreten, wo zwischen den Bäumen viel Platz bleibt. Man muss nichts davon verstehen, um sich hinzusetzen. Zahlen, die man nicht behalten muss. Ich sage sie dir nur, damit du dir vorstellen kannst, wie viel Fläche auf dieser Welt eingezäunt und beschriftet worden ist … damit Pflanzen einen Platz haben. Und jetzt zurück auf den Kiesweg. Es ist Abend, das Tor ist geschlossen, und niemand geht mehr zwischen den Beeten. Geh in Gedanken noch einmal die Runde. Vorbei am Alpinum, wo die Steine schräg im Boden stecken und die kleinen Polsterpflanzen dazwischen sitzen. Vorbei am Trockenbord, wo alles gräulich und hart aussieht und trotzdem lebt. Durch die Farnschlucht, wo es dunkler ist und die Luft ein wenig kühler bleibt. Und hinaus in den Teil mit den Familien, wo die Wege selbst die Grenzen ziehen.

Am Tropenhaus beschlagen die Scheiben von innen. Man sieht nur Umrisse … große Blätter, die sich nicht bewegen. Drinnen ist es feucht und warm, und das bleibt es auch, wenn draußen der erste Frost kommt. Irgendein Gerät hält das die ganze Nacht aufrecht, ohne dass jemand hinschaut. An einem der Beete steht ein Schild, dessen Schrift schon etwas verblasst ist. Jemand wird es im Frühjahr ersetzen. Das ist die eigentliche Arbeit in so einem Garten … nicht das Pflanzen, sondern das Nachführen. Damit der Name auch morgen noch zur Pflanze passt. Die Gewächshäuser stehen dunkel da … nur in einem brennt noch Licht, weil dort etwas angezogen wird. Im Tropenhaus bleibt es warm, die ganze Nacht.

Irgendwo liegt ein Katalog mit Samen, den morgen jemand in einen Umschlag steckt. Irgendwo wächst ein Baum von einer Insel weit draußen, in einem Beet in einer deutschen Stadt. Und irgendwo trennt ein Kiesweg zwei Pflanzenfamilien voneinander. Und an jeder steht ein kleines Schild. Ein Name … und noch ein Name. Mehr braucht es nicht. Die Luft wird kühl über den Beeten. Die Blätter bewegen sich kaum noch. Der Garten macht das, was er jede Nacht macht … er wächst ganz langsam weiter, ohne dass jemand zusieht. Und du darfst jetzt schlafen. Alles ist gesagt … nichts musst du dir merken. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.

Quelle und Lizenz

Dieser Text beruht auf den Wikipedia-Artikeln «Botanischer Garten», «Botanischer Garten der Universität Wien», «Botanischer Garten der Universität Basel» und «Botanischer Garten der Universität Leipzig». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.

Verwendete Fassungen: «Botanischer Garten» Version 269462095, abgerufen am 9. August 2026, «Botanischer Garten der Universität Wien» Version 269268079, abgerufen am 9. August 2026, «Botanischer Garten der Universität Basel» Version 269137238, abgerufen am 9. August 2026 und «Botanischer Garten der Universität Leipzig» Version 264992376, abgerufen am 9. August 2026.

Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.