Ein Jahr am Rebhang

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht
Eine Einschlafgeschichte für Erwachsene über den Weinbau — nicht über den Wein im Glas, sondern über die Arbeit am Hang. Ein langer, offener Hang fällt zu einem Fluss hinunter, die Sonne ist weg, und über den ganzen Hang ziehen Reihen aus Pfählen und Draht. Fridolin geht sie ab und erzählt, was an einem Rebstock alles einen eigenen Namen hat.
Unterwegs kommen das Geschein vor, aus dem später eine Traube wird, der Rebschnitt im Winter und die Sommerwörter Einstricken, Gipfeln und Ausgeizen, Steher und Stickel am Drahtrahmen, zehntausend Rebstöcke auf einem Hektar bei Bordeaux gegen sechshundert in Portugal, die Terrassen der Wachau mit ihren Tropfleitungen, eine Weinbauschule in Krems, die seit neunzehnhundertfünfundsechzig den Blühtermin notiert, und eine sechstausend Jahre alte Weinpresse aus einer Höhle.
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Ein Hang und die Reihen darauf
Stell dir einen Hang vor … einen langen, offenen Hang über einem Fluss. Der Boden ist trocken und hell. Gras wächst darauf … und dazwischen kleine Blüten. Es ist Abend. Die Sonne ist hinter den Bergen auf der anderen Seite des Flusses verschwunden … und das Tal unten liegt schon im Blauen. Über den ganzen Hang ziehen Reihen … in gleichen Abständen. Pfähle. Drähte. Und daran, alle im gleichen Abstand, die Rebstöcke. Die Reihen ziehen über den Hang. Und der Hang hat Zeit. Ein Rebstock ist kleiner, als man denkt. Ein kurzer, krummer Stamm … dunkel, rissig, mit abblätternder Rinde. Dieser Stamm ist das alte Holz. Er wächst kaum noch. Er trägt nur. Was jedes Jahr neu kommt, ist das einjährige Holz … die langen, biegsamen Triebe. Und die trägt der Stock nicht selbst. Die hat jemand an den Draht gebunden.
Weinbau, Weinanbau, Rebbau — und der Winzer
Für das, was hier gemacht wird, gibt es mehrere Wörter. Weinbau sagt man … oder Weinanbau. In der Schweiz sagt man Rebbau. Gemeint ist immer dasselbe: das Ziehen von Reben — so heißt die Pflanze auch — um Trauben zu bekommen. Und die Fläche selbst heißt Weinberg … in Österreich Weingarten. Auch für den Menschen, der das tut, gibt es mehr als einen Namen. Winzer. Weinbauer. Weinhauer … und Weingärtner. Das Handwerk hat zwei Hälften, und sie liegen an verschiedenen Orten. Die eine ist draußen am Hang. Die andere ist unten im Keller. Alles, was im Keller passiert, gehört zur Kellerwirtschaft … und die Wissenschaft davon heißt Önologie. Heute Abend gehen wir nicht in den Keller. Wir bleiben oben, an der frischen Luft. Bei den Reihen … bei den Drähten … und bei der Arbeit, die dem Jahr folgt.
Es ist erstaunlich, wie viel unter dieses eine Wort fällt. Zum Weinbau gehört die Geschichte der Rebe … und wo sie überall wächst. Dazu die Teile des Rebstocks. Die Sorten. Das Züchten neuer Sorten … und das Vermehren der bestehenden. Dann das Anlegen eines neuen Weingartens und das Pflanzen. Und schließlich die Pflege: der Schnitt, das Lenken in eine Form, die Arbeit am Laub, die Arbeit am Boden. Ein einzelnes Wort … und darin steckt ein ganzes Berufsleben. Reben wachsen nicht überall. Sie brauchen ein gemäßigtes Klima … und ein gemäßigtes Klima liegt auf der Erde in zwei Bändern. Eines nördlich, eines südlich. Das nördliche liegt etwa zwischen dem dreißigsten und dem fünfzigsten Breitengrad. Das südliche ist schmaler … zwischen dem dreißigsten und dem vierzigsten. Innerhalb dieser Bänder sind die Unterschiede groß. Reben gedeihen in sehr heißen Gegenden … und in kühlen, wie in England oder in Luxemburg.
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Steile Hänge, Terrassen und die Stockdichte
Man findet Reben auf steilen Hängen … und genauso auf ebenen Flächen. An der Mosel gibt es solche Hänge … fast Wände. Da geht jeder Weg nach oben. In Österreich liegt ein Tal an der Donau, das man die Wachau nennt … und dort sind die Weingärten in Terrassen angelegt, eine über der anderen. Wie gearbeitet wird, ist von Gegend zu Gegend ganz verschieden. An den steilen Hängen ist es Handarbeit. Auf ebenen Flächen helfen Maschinen. Wie eng die Stöcke stehen, ist von Gegend zu Gegend verschieden … und der Unterschied ist erstaunlich. In der Gegend um Bordeaux stehen bis zu zehntausend Rebstöcke auf einem Hektar … also auf einer Fläche von hundert Metern in der Länge und hundert Metern in der Breite. In einer Landschaft in Portugal stehen auf derselben Fläche nur sechshundert. Sechshundert statt zehntausend. Dieselbe Pflanze, dieselbe Aufgabe … und ein ganz anderes Bild.
Ganz im Norden hört der Weinbau irgendwann auf. Die nördlichsten Betriebe liegen auf Gotland, einer Insel in der Ostsee. Und einer liegt noch weiter oben. Dort hilft man den Reben mit Abwärme über die Kälte … also mit Wärme, die anderswo übrig bleibt. Das sind Ausnahmen, Versuche am Rand. Aber sie zeigen etwas über die Rebe. Sie hält mehr aus, als das Band zwischen den Breitengraden vermuten lässt … wenn ihr jemand hilft. Für das Zusammenspiel von Boden, Lage und Klima gibt es ein französisches Wort. Terroir. Wörtlich heißt es einfach Boden … Herkunft … Heimat. Gemeint ist mehr: das Gestein darunter, die Neigung des Hangs, die Himmelsrichtung, das Wetter … und der Boden selbst, mit allem, was darin gelöst ist. All das zusammen macht, dass Trauben derselben Sorte an einem anderen Hang anders werden. Man kann es nicht auf eine Zahl bringen. Man kann nur sagen: Der Ort ist mit im Spiel.
Die Reihen ziehen über den Hang. Und der Hang hat Zeit. Man sagt, die Rebe stelle hohe Ansprüche an ihren Standort. Das klingt nach viel, und es stimmt. Drei Dinge entscheiden: der Boden … die Lage … und das Klima. Und keines von diesen drei Dingen wirkt allein. Ändert man eines, verschiebt sich auch, was die anderen zwei bewirken. Dasselbe gilt für alle Arbeiten am Stock. Der Schnitt wirkt auf das Laub … das Laub wirkt auf die Trauben … und die Bodenpflege wirkt auf alles. Man kann hier nichts einzeln betrachten. Man muss den ganzen Hang im Kopf haben. Ausgesucht hat der Mensch seine Reben, solange er sie überhaupt anbaut. Immer stand irgendwo ein Stock, der etwas besser trug als die anderen … und von dem schnitt man Holz ab, um daraus die nächsten Stöcke zu ziehen. Gezielt gekreuzt wird dagegen seit über hundertfünfzig Jahren. Vorher hat man ausgesucht, was von selbst entstand. Seither kreuzt man mit Absicht. Hundertfünfzig Jahre sind für uns lang und für diese Pflanze kurz. Sie wird ja über Stecklinge weitergegeben … über kurze Stücke Holz, die man in die Erde steckt, bis sie Wurzeln machen. Was heute am Draht hängt, ist manchmal sehr alt.
Weinbaugebiet, Weinbauflur, Rebbauzone
Die Weinbaugebiete sind die Gegenden, in denen Reben überhaupt stehen dürfen. In Österreich heißen sie Weinbaufluren … in der Schweiz Rebbauzonen. Gewachsen sind sie über lange Zeit, ganz von selbst. Wo die Trauben regelmäßig reif wurden, blieben die Reben. Wo der Frost zu oft kam, verschwanden sie. Und wo es ein solches Verzeichnis gibt, ist jede bepflanzte Fläche darin eingetragen. Weinkataster heißt es. Jede Reihe, die du siehst, steht also auch auf Papier. Diese Gebiete sind heute in den meisten Ländern gesetzlich festgelegt … samt ihren Namen. Ein Wein darf den Namen einer Gegend nur tragen, wenn die Trauben von dort kommen. Vorgeschrieben ist ein solches Verzeichnis allerdings nicht überall auf der Welt. Es gibt Länder mit Weinbau, die keines führen müssen. Wo es eines gibt, ist es etwas Ähnliches wie ein Grundbuch. Nur für Reben. Und wie das Grundbuch ist es unspektakulär … und trägt trotzdem alles.
Die Rebe selbst ist eine der ältesten Kulturpflanzen überhaupt. Am Anfang standen Wildreben … und aus ihnen sind über sehr lange Zeit die Kulturreben geworden. Zuerst geschah das ohne Absicht: durch Zufall, durch Kreuzungen, die von selbst passierten. Erst vom achtzehnten Jahrhundert an hat der Mensch das in die Hand genommen … davon habe ich dir erzählt. Aus dieser Kulturrebe sind über die Zeit sehr viele Sorten entstanden. Wie viele, weiß niemand genau. Botanisch gehört die Weinrebe zu einer eigenen Pflanzenfamilie, den Rebengewächsen. Innerhalb dieser Familie steht die Gattung Vitis … und die kommt in Wildformen über die ganze Welt vor. Sie teilt sich in zwei große Zweige. Nur aus einem davon kommen die Reben, mit denen im Weinbau gearbeitet wird. Und die meisten wild wachsenden Arten findet man nicht bei uns. Man findet sie in Nordamerika. Dort gibt es die meisten wilden Verwandten der Rebe.
Schätzungen sprechen von zehntausend bis fünfundzwanzigtausend Rebsorten auf der Welt. In einer europäischen Datenbank sind rund sechzehntausendachthundert eingetragen … und man geht davon aus, dass einige Tausend noch fehlen. Wirtschaftlich bedeutend ist davon nur ein kleiner Teil. Es gibt sogar eine eigene Lehre für das Bestimmen und Beschreiben dieser Sorten. Rebsortenkunde heißt sie. Etwas an diesen Sorten hat mich überrascht: Sie bleiben nicht, wie sie sind. Man könnte meinen, eine Sorte sei ein festes Ding … immer gleich, weil immer aus demselben Holz vermehrt. Das ist aber nicht so. Über lange Zeiträume verändern sich ihre Eigenschaften langsam. Die Sonne wirkt auf sie ein. Der Standort wirkt auf sie ein. Manches wird dabei besser, manches schlechter … und niemand steuert es. Eine Rebsorte ist also weniger ein Gegenstand als eine lange, langsame Bewegung.
Wenn jemand eine neue Sorte gezogen hat, darf er sie nicht einfach benennen. Neue Sorten müssen anerkannt werden … dafür gibt es ein eigenes Gesetz. Sortenschutz heißt das Gesetz dazu. Es regelt, wie eine neue Sorte anerkannt wird. Und in Deutschland führt ein Bundesamt die Listen dazu. Ich finde das einen merkwürdigen und schönen Gedanken. Da wächst etwas jahrelang in einem Weinbauinstitut … und am Ende bekommt es einen Eintrag. Zu den Sorten in Deutschland gibt es eine einfache Zahl. In einer Erhebung aus dem Jahr zweitausendneunzehn waren siebenundsechzig Prozent der Rebflächen mit weißen Sorten bepflanzt … und dreiunddreißig Prozent mit roten. Zwei Drittel weiß, ein Drittel rot. Über ein ganzes Land gerechnet. Solche Verhältnisse verschieben sich langsam, über Jahrzehnte. Denn ein Weinberg, den man heute pflanzt … eine Anlage, wie der Winzer sagt … steht fünfundzwanzig bis dreißig Jahre.
Schauen wir uns den Stock einmal genauer an. Jeder Teil von ihm hat einen eigenen Namen. Unten der Stamm aus altem Holz … daran die Triebe des laufenden Jahres. Jeder Trieb kommt aus einer Knospe … die man auch Auge nennt. Am Trieb sitzen die Blätter … dazu Ranken, mit denen sich die Pflanze festhält … und vorn die Triebspitze, die immer weiterwächst. Unter der Erde liegen die Wurzeln. Die sieht man nie … und sie gehören genauso zum Stock. Und dann gibt es ein Wort, das mir besonders gefällt: das Geschein. So heißt an der Rebe der Teil, der zur Blüte gehört … und der zwischen Trieb und Traube steht. Die Rebblüte selbst ist winzig, und man muss nah herangehen, um etwas zu erkennen. Dann sieht man drei Dinge: kleine Käppchen … die Staubgefäße … und den Fruchtknoten mit seiner Narbe. Das ist die ganze Blüte. Kleiner als eine Erbse. Und im Herbst hältst du das Ergebnis in der Hand, ohne je die Blüte gesehen zu haben.
Sechzig Jahre Blühtermine in Krems
An einer Weinbauschule in Krems, an der Donau, schreibt man auf, wann die Reben blühen. Seit neunzehnhundertfünfundsechzig. Jahr für Jahr, immer dieselbe Sorte, immer dieselbe Lage. Früher lag der Termin im Schnitt in der Mitte bis gegen Ende des Juni. Besonders in den letzten fünfzehn Jahren ist er nach vorn gerutscht … an den Anfang des Monats. Zwei, drei Wochen. Das klingt nach wenig. Niemand hätte es gemerkt, wenn nicht jemand seit sechzig Jahren jedes Jahr das Datum notiert hätte. Die Reihen ziehen über den Hang. Und der Hang hat Zeit. Die wichtigste Arbeit am Rebstock passiert im Winter, wenn nichts wächst. Sie heißt Rebschnitt … und sie ist genau das: ein Zurückschneiden. Weg kommt das einjährige Holz, also die Triebe des vergangenen Sommers … und am alten Holz wird geschnitten, wo der Stock aus seiner Form gewachsen ist. Merkwürdigerweise wäre das gar nicht nötig. Die Pflanze selbst braucht den Schnitt nicht. Nötig wird er erst durch die Form, in die der Mensch den Stock gebracht hat … denn fast jede dieser Formen verlangt, dass jedes Jahr zurückgeschnitten wird.
Erziehung: eine Kletterpflanze in Form bringen
Denn ein Rebstock steht nicht von sich aus so da. Die Rebe ist eine Kletterpflanze. Sie rankt gern und braucht dauernd etwas, woran sie sich hält. Was der Winzer mit ihr macht, nennt man Erziehung … und das Wort ist genau so gemeint. Über Jahre bekommt der Stock ein Gerüst aus altem Holz. Schnitt für Schnitt ein Stück weit gelenkt. Der Schnitt reicht übrigens tiefer, als man denkt. Je weniger Triebe ein Stock treibt, desto weniger Wurzeln bildet er auch. Diese Formen haben Namen, und die kommen meist von Menschen oder von Gegenden. Eine heißt nach einem Lenz Moser. Eine andere nach einem Jules Guyot. Früher gab es die Drähte noch nicht, und man half sich anders. Man zog die Reben an Bäumen hoch. An Geflechten aus Holz. An einzelnen Pfählen. Oder über ein waagrechtes Holzgerüst, das über den Köpfen lag. Auf einem Bild aus dem achtzehnten Jahrhundert sieht man das noch … Reben, die in Bäumen hängen.
Stecken, Steher, Draht und Anker
Heute ist es meist ein Drahtrahmen, und der besteht aus einer Handvoll Dinge. Ein Stecken für den jungen Stock, damit er gerade hochkommt. Aus Metall, Holz oder Kunststoff. Dann die Steher … die kräftigen Säulen, die den Draht tragen. In Österreich sagt man Stickel dazu. Der Draht selbst … zwischen die Drähte werden die grünen Triebe eingeschlauft, also eingeklemmt, damit sie aufrecht bleiben. Dazu Material zum Anbinden. Und am Ende jeder Reihe ein Anker, der den letzten Steher im Boden hält. Denn an diesem einen Steher zieht die ganze Reihe. An dieses Gerüst stellt man Anforderungen, die man auch an ein gutes Werkzeug stellen würde. Es soll lange halten. Es soll fest stehen … und trotzdem nachgeben können. Federn muss es, wenn eine Maschine die Trauben erntet und dabei den Draht rüttelt. Leicht soll es sein — das zählt beim Aufbauen. Und günstig. Es soll wenig Instandhaltung brauchen. Boden und Grundwasser nicht belasten. Und wenn es einmal ausgedient hat, soll man es ohne Umstände entsorgen können.
Von den vielen Formen, die man einem Rebstock geben kann, hat sich eine Gruppe durchgesetzt. Es sind die aufrechten Systeme … die, bei denen die Triebe nach oben wachsen. Bei der Spaliererziehung steht der Stock an einem Drahtrahmen, und die Triebe steigen darin hoch. Von weitem ergibt das die grünen Wände, die man an Rebhängen sieht. Zwischen ihnen bleibt jeweils eine Fahrgasse frei … an steilen Lagen nur ein Weg, gerade breit genug für einen Menschen. Über manchen Anlagen hängen Netze, und die haben zwei Aufgaben. Sie schützen die Trauben vor Hagel … und sie halten die Vögel ab, wenn die Beeren süß werden. Dazu kommt ein Nebeneffekt, an den man nicht denkt. Mit dem Netz über der Reihe wird das Einschlaufen der Triebe deutlich einfacher. Die Triebe können nämlich nicht überall hin. Sie werden vom Netz gehalten. Und was gehalten wird, muss niemand mehr festbinden.
Einstricken, Gipfeln, Ausgeizen
Im Sommer geht die Arbeit weiter, und sie hat eigene Wörter … eines schöner als das andere. Ausbrechen heißt es, wenn Triebe entfernt werden, die man nicht brauchen kann. Auslichten der Traubenzone … das ist der Bereich, in dem die Trauben hängen. Da werden Blätter weggenommen, damit Luft und Licht an sie kommen. Einstricken: die langen Triebe werden zwischen die Drähte eingeschlauft, damit sie nicht überhängen. Gipfeln nennt man das Kürzen der Triebspitzen … mancherorts sagt man auch Wipfeln. Und Ausgeizen heißt das Entfernen der kleinen Seitentriebe … der Triebe aus dem Winkel zwischen Blatt und Trieb. Es gibt sogar eine Arbeit, die darin besteht, Trauben wegzunehmen. Ertragsregulierung heißt das … und sie klingt widersinnig, bis man den Grund kennt. Wie viele Trauben ein Stock trägt, hat den stärksten Einfluss auf ihre Qualität. Trägt er zu viele, muss er alles auf viele verteilen … und in jeder einzelnen Traube bleibt weniger davon. Bis in die achtziger Jahre war das kein Thema … da zählte die Menge. Heute wird ausgedünnt: Trauben halbiert, also die untere Hälfte abgeschnitten … ganze Trauben entfernt, ganze Gescheine abgeknipst.
Begrünung zwischen den Reihen
Zwischen den Reihen ist der Boden meistens nicht nackt. Man sät dort etwas ein … Begrünung heißt das, und man kann eine Gräsermischung nehmen oder eine artenreiche. Eine artenreiche Mischung, die blüht, zieht Insekten an … darunter viele nützliche. Erst wenn es blüht, kommen sie wirklich. Grün allein genügt nicht. Die Begrünung hat auch einen Nachteil, und er liegt beim Wasser. Blühende Pflanzen brauchen mehr davon. In trockenen Gegenden fehlt es dann dem Rebstock. In Geisenheim hat eine Forschungsanstalt das untersucht. Sie hat Weinberge nebeneinandergestellt, die verschieden bewirtschaftet werden … und die Tiere gezählt, die darin lebten. Im einen Weinberg war eine Gräsermischung eingesät. In den anderen eine artenreiche. Das Ergebnis war nicht das, was man erwartet hätte. Entscheidend war nicht die Anbauweise … sondern was zwischen den Reihen wuchs. Die Begrünung machte den Unterschied. Am selben Ort steht die Hochschule Geisenheim. Dort kann man Weinbau studieren. Schule und Forschung, Tür an Tür.
Stecklinge, Ableger und die Veredelung
Wie kommt eigentlich ein neuer Rebstock in den Boden. Nicht aus einem Kern. Aus Samen zieht man Reben nur, wenn man neue Sorten kreuzen will. Im richtigen Weinbau wird ohne Samen vermehrt … über Stecklinge und über Ableger. Ein Ableger ist ein Trieb, den man in die Erde legt, bis er eigene Wurzeln hat. Man nimmt also ein Stück von einem Stock, den man kennt … und macht daraus einen neuen. Der neue Stock ist dann nicht das Kind des alten. Er ist eine Fortsetzung. Aufgezogen wird er in einer Rebschule, in langen Reihen auf einer Mulchfolie. Eine neu gepflanzte Anlage sieht ganz anders aus als der Hang, den ich dir beschrieben habe. Junganlage nennt man sie. Da stehen die Stöcke noch klein zwischen dem Gras. Über jedem jungen Trieb steht ein Pflanzrohr. Das schützt ihn vor Wildverbiss … denn ein junger Trieb ist zart, und das Wild kommt bis in die Reihen. Der Boden zwischen den Reihen ist begrünt, gleich von Anfang an. Und dann heißt es warten. Es dauert Jahre, bis so eine Anlage richtig trägt.
Die wichtigste Form der Vermehrung ist die Veredelung. Dabei werden zwei Pflanzenteile miteinander verbunden … und zwar von zwei verschiedenen Reben. Unten die Unterlage, die die Wurzeln macht. Oben das Edelreis, das die Sorte bestimmt. Beide wachsen zusammen und werden ein Stock … mit Wurzeln von der einen und Trauben von der anderen. Sehr viel von dem, was heute in den Reihen steht, ist so entstanden. Zwei Pflanzen, an einer Stelle verbunden … und diese Stelle sieht man ein Leben lang. Neue Sorten zu ziehen ist eine Arbeit für sehr geduldige Leute. Es gibt zwei Wege. Beim einen wählt man aus … man bewertet Stöcke und vermehrt nur die besten weiter. Beim anderen kreuzt man zwei Sorten und schaut, was dabei herauskommt. Beides dauert viele Jahre, bis man weiß, ob eine neue Sorte hält, was sie versprach. Darum wird das kaum in einem einzelnen Betrieb gemacht, sondern in Instituten. Häusern, die länger existieren als ein Berufsleben.
Institute in drei Ländern
Drei davon nenne ich dir gern, aus drei Ländern. In Österreich, in Klosterneuburg bei Wien, stehen eine Höhere Bundeslehranstalt und das Bundesamt für Wein- und Obstbau … eine Schule und ein Amt unter einem Dach, beide für Wein und Obst. In der Schweiz befasst sich die Forschungsanstalt Agroscope mit der Rebenzüchtung. In Deutschland tun das unter anderem ein Institut für Rebenzüchtung und ein Weinbauinstitut in Freiburg. Reben züchten heißt: etwas anfangen, dessen Ergebnis man vielleicht nicht mehr erlebt. Und wer Weinbau lernen will, kann in allen drei Ländern zur Schule gehen. In Deutschland ist es die Hochschule in Geisenheim, von der ich dir erzählt habe. In Österreich gibt es Fachschulen dafür, in Niederösterreich, im Burgenland, in der Steiermark. In der Schweiz gibt es eine Ingenieurschule in Changins, mit einer Studienrichtung für Önologie … und einen Bereich Weinbau an der Hochschule in Wädenswil. Was man dort lernt, ist zu einem guten Teil dasselbe wie am Hang. Nur eben in Worten und Zeichnungen … damit man es weitergeben kann.
Der Boden ist der halbe Weinbau
Vom Boden habe ich bisher nur gesagt, dass er mitspielt. Er ist aber der halbe Weinbau. Jedes Jahr nimmt die Ernte Nährstoffe aus ihm mit … und die kommen nicht von allein zurück. Was der Boden selbst nachliefert, reicht auf Dauer nicht … weder die kleinsten Teilchen aus dem Gestein noch der Humus, die dunkle Schicht aus vermoderten Pflanzen. Darum wird gedüngt … mit organischem Material und mit mineralischem. Und Düngen heißt nicht nur zuführen. Es bringt auch in Bewegung, was im Boden schon liegt … festgebunden und für die Wurzel bisher nicht erreichbar. Was einem Boden fehlt, sieht man ihm nicht an. Man muss ihn untersuchen lassen. Dafür gibt es zwei Wege, und beide sind eine Art Blick nach innen. Beim einen nimmt man Erde und lässt sie im Labor auf ihre Bestandteile prüfen. Beim anderen nimmt man Blätter vom Rebstock und untersucht die. Denn was der Stock aufgenommen hat, steht in seinen Blättern. Wie man den Boden dann behandelt, nennt man Bodenpflege. Sie wirkt auf drei Dinge zugleich: auf das Leben im Boden … auf seine Stoffe … und auf seinen Aufbau, also darauf, wie locker oder wie fest er ist.
Was auf lange Sicht schadet, lässt man weg. Bei einem Weinberg, der dreißig Jahre steht, gilt dabei ein anderer Maßstab als in einem Gemüsegarten. Wer hier einen Fehler macht, merkt es vielleicht erst nach Jahren. Und wer ihn dann bemerkt, kann den Weinberg nicht einfach neu anfangen. Vielleicht ist das der Grund, warum in diesem Handwerk so viel aufgeschrieben wird. Bodenproben. Blattproben. Blühtermine. Alles in Listen, Jahr für Jahr. Manchmal muss man Reben auch gießen. In Gegenden mit wenig Regen gehört das dazu. In den Terrassen an der Donau liegen dünne Leitungen zwischen den Stöcken … Tropfen für Tropfen. Dort liegt nur eine dünne Schicht Erde über dem Gestein, und die hält kaum Wasser. Ohne Hilfe kommt der Stock in einem trockenen Sommer schnell in Not. Das ist aber die Ausnahme. Meistens braucht die Rebe kein Wasser von außen. Sie ist eine der wenigen Nutzpflanzen, die ohne Bewässerung Früchte bringt. Wie der Olivenbaum. Wie der Mandelbaum. Wie die Pistazie.
In einer Landschaft im Süden Spaniens gibt es jedes Jahr drei bis vier Monate ohne Regen … und die Reben stehen es durch. Vier Pflanzen also, die im Trockenen bleiben können, wo andere aufgeben müssten. Der Olivenbaum, der Mandelbaum, die Pistazie … und die Rebe. Ich mag diese kleine Reihe sehr. Es sind alle vier Pflanzen, die man nicht in einer Saison kennenlernt. Das alles ist sehr alt. Die Rebe stammt aus den Gegenden südlich des Kaspischen Meers … und aus dem Land zwischen den beiden großen Flüssen, die zum Persischen Golf gehen. Fünftausend Jahre vor unserer Zeit lässt sich der Anbau durch Menschenhand dort erstmals nachweisen. Im Süden des Kaukasus … und im Zweistromland. Etwa siebzehnhundert Jahre vor unserer Zeit zogen die Menschen auf einer Insel im Mittelmeer schon ausgesuchte Reben. Und griechische Siedler haben die Rebstöcke später wohl bis an die Küste des heutigen Frankreich gebracht.
Eine sechstausend Jahre alte Presse
Ein Fund aus dem Jahr zweitausendacht gefällt mir dabei besonders. In einer Höhle fanden Archäologen Tontöpfe und eine Weinpresse. Die Presse ist etwa sechstausend Jahre alt … und sie ist keine erste, tastende Erfindung. Sie ist so sauber gearbeitet, dass Fachleute sagen: Das war nicht der erste Versuch. Jemand hatte das vorher schon gemacht. Viele Male. Und die Trauben, die dort gepresst wurden, gehörten zu derselben Gattung, die heute am Hang steht. Wenn man alle Rebflächen der Welt zusammenzählt, kommt man auf eine Zahl, die kleiner ist, als man denkt. Um sieben Millionen zweihunderttausend Hektar waren es nach einer Erhebung für das Jahr zweitausenddreiundzwanzig. Und davon liegen etwa zwei Drittel in Europa. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, wie breit das Band ist, in dem Reben überhaupt wachsen können. In Asien und in Nordafrika gibt es durchaus große Flächen mit Reben. Dort stehen sie aber meist für etwas anderes: für Tafeltrauben, die man isst … und für Rosinen.
Bei den Ländern hat sich ein Bild eingespielt, das seit langem gleich bleibt. Am meisten Wein erzeugen Italien und Frankreich … dahinter Spanien. Bei der Fläche liegt Spanien sogar vorn, mit über neunhunderttausend Hektar. Es hat also mehr Fläche und erzeugt daraus weniger Wein. Das liegt auch daran, dass in dieser Fläche die Trauben mitgezählt sind, aus denen kein Wein wird … die Tafeltrauben, die man isst … und die, aus denen Rosinen werden. Deutschland hat rund hunderttausend Hektar. Österreich rund sechsundvierzigtausend. Neben Spanien sind das kleine Zahlen … und trotzdem prägen sie ganze Landschaften. Was bleibt, ist die Landschaft. Der Weinbau ist eine der ältesten spezialisierten Formen der Landwirtschaft … und man sieht ihn von weitem. Ein Hang mit Reben sieht anders aus als ein Hang mit Wald. Er ist von Hand gezeichnet. Linien, Terrassen, Mauern, Wege … alles von Hand hineingelegt, über Generationen. Und weil das so aussieht, gehen heute Leute dorthin, die mit der Arbeit nichts zu tun haben. Sie gehen einfach durch die Reihen … und schauen ins Tal.
Und weil der Weinbau so alt ist, findet man ihn überall, wo Menschen etwas gestalten. Maler haben die Rebe gemalt. Dichter haben sie besungen. Im Brauchtum kommt sie vor, und in der Religion. Wo Reben wachsen, gehören sie zur Lebensart einer Gegend … nicht nur zur Wirtschaft. Und für die, die dort arbeiten, ist derselbe Hang eben auch eine Arbeitsstätte. Zwei Blicke auf dieselben Reihen. Beide stimmen. Etwas an diesem Hang ist übrigens weniger heil, als es aussieht. Ein Weinberg ist eine Monokultur. Auf großer Fläche wächst eine einzige Pflanze. Das hat Folgen, und die Leute, die dort arbeiten, wissen das. Darum ist es heute ein ausdrückliches Ziel, im Weingarten möglichst viele Arten zu haben. Nicht aus Schönheit. Sondern weil viele Arten den Nützlingen einen Lebensraum geben … und weil das die Wirkung der Monokultur ein Stück weit abschwächt.
Dafür wird einiges versucht, und manches davon klingt ungewohnt. Man hat zum Beispiel darüber nachgedacht, im Weinberg zugleich Wertholz zu ziehen … also Bäume, aus denen später gutes Bauholz wird. Und man hat über Schafe nachgedacht. Schafe zwischen den Reihen, die das Gras kurz halten. Zwei Nutzungen auf derselben Fläche. Das wäre gut für den Boden und für die Vielfalt. Am besten belegt ist etwas Einfacheres: Man sät heimische Wildkräuter ein. Das bringt für den Artenschutz sehr viel … und es kostet nur eine Handvoll Samen. Die Reihen ziehen über den Hang. Und der Hang hat Zeit. Es ist dunkel geworden. Der Fluss unten ist nur noch ein helles Band. Die Pfähle stehen still. Die Drähte auch. An den Stöcken hängen die Triebe des Jahres … eingeschlauft, wie es sein soll. Unter dem Gras liegen die Wurzeln und ziehen Wasser aus dem Stein. Nichts davon geht heute Nacht schneller. Der Schnitt kommt im Winter. Das Geschein kommt im Juni.
Und wenn du morgen noch einmal an diesen Hang denkst … dann denk vielleicht daran, wie wenig hier von einem einzelnen Tag abhängt. Ein Weinberg, den man heute pflanzt, steht fünfundzwanzig bis dreißig Jahre. Wer heute eine Sorte kreuzt, erfährt erst nach vielen Jahren, ob sie gut war. Die Reihen ziehen über den Hang. Und der Hang hat Zeit. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.
Quelle und Lizenz
Dieser Text beruht auf dem Wikipedia-Artikel «Weinbau». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.
Verwendete Fassungen: «Weinbau» Version 268903549, abgerufen am 13. August 2026.
Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.