Ein Millimeter im Jahr — das Moor

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht
Ein Boden, der unter jedem Schritt nachgibt und danach wieder hochkommt, und Wasser, das überall steht und nirgendwohin fließt. Diese Einschlafgeschichte für Erwachsene geht durch ein Moor und den Wegen des Wassers nach – denn woher es kommt, entscheidet über fast alles, was dort wächst.
Ein Hochmoor wächst einen einzigen Millimeter im Jahr: Wer auf fünf Metern Torf steht, steht auf fünftausend Jahren. Ab dreißig Zentimetern Torf spricht die Bodenkunde von einem Moor. In den österreichischen Alpen gibt es Moore, deren Wasser aus der Luft kommt. Und in Mooren liegen Bohlenwege, die seit Jahrtausenden nicht verrottet sind.
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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte
Wo nichts abfliesst
Stell dir eine weite, offene Fläche vor … flach, ohne Hügel, ohne Häuser. Der Boden unter dir ist nicht fest. Er gibt nach, wenn du auftrittst … und kommt danach wieder hoch. Es ist Abend. Der Himmel steht noch hell über dem Land. Zwischen deinen Schuhen steht überall Wasser. Nicht als Bach, nicht als Teich. Es steht einfach da, dicht unter der Oberfläche, und geht nirgendwohin. Das ist ein Moor. Und das Wichtigste an ihm ist genau das: Hier fließt nichts ab. Ein Moor ist ein Feuchtgebiet, das dauerhaft nass ist. Nicht manchmal nass. Nicht im Frühling nass. Immer. Darin liegt der ganze Unterschied zu einem Sumpf. Ein Sumpf trocknet zwischendurch aus. Und wenn Luft an den Boden kommt, zersetzt sich alles Abgestorbene vollständig. Am Ende bleibt Humus, so wie im Wald. Im Moor kommt keine Luft an den Boden. Das Wasser hat sie verdrängt. Und ohne Luft geht die Zersetzung nur halb.
Warum im Moor nichts zerfällt
So entsteht ein Moor. Ganz langsam, Jahr für Jahr. Jedes Jahr wachsen Pflanzen. Jedes Jahr sterben Pflanzen ab. Normalerweise schließt sich dieser Kreis. Was wächst, wird wieder abgebaut. Im Moor schließt er sich nicht. Es wächst mehr nach, als zerfällt. Und was nicht zerfällt, bleibt liegen. Schicht um Schicht, Jahr um Jahr. Diese Schichten aus halb zersetzten Pflanzen haben einen Namen. Man nennt sie Torf. Von Moor spricht man erst, wenn diese Torfschicht eine gewisse Dicke erreicht hat. In der Bodenkunde liegt die Grenze bei dreißig Zentimetern. Weniger als dreißig Zentimeter: ein feuchter Boden. Mehr: ein Moor. Und oben auf dem Torf wachsen die Pflanzen, die mit dem vielen Wasser zurechtkommen. Moose, vor allem Torfmoose. Dazu Sauergräser. Und häufig Zwergsträucher … kleine, niedrige Büsche, die den nassen Boden ertragen. Manche Moore tragen sogar Bäume. Das hängt vom Wasserstand ab … vom Alter des Moores … und von der Gegend, in der es liegt.
Einschlafgeschichte weiterlesenDie restlichen 4.135 Wörter, Wort für Wort wie Fridolin es erzählt
Niedermoor und Hochmoor
Woher das Wasser kommt, entscheidet fast alles. Und darum teilt man die Moore genau danach ein. Kommt das Wasser aus dem Boden … aus dem Grundwasser … dann spricht man von einem Niedermoor. Grundwasser bringt Mineralien mit. Ein Niedermoor ist deshalb meistens nährstoffreich. Und weil es nährstoffreich ist, wachsen dort viele verschiedene Arten. Kommt das Wasser dagegen nur von oben … nur als Regen … dann spricht man von einem Hochmoor. Regenwasser bringt fast nichts mit. Ein Hochmoor ist arm an Nährstoffen. Und arm an Arten. Aber die wenigen, die da sind, gibt es sonst kaum irgendwo. Ein Niedermoor kann an vielen Stellen entstehen. In einer Senke. In der Niederung eines Flusses. In einer Mulde. An einem Hang, dort wo eine Quelle austritt. Oder am Rand eines Sees, der langsam zuwächst. Es wächst dabei kaum in die Höhe. Denn es hängt am Grundwasser … und höher als das Wasser kommt es nicht. Dafür ist es bis nach oben von Wasser durchzogen … von Grundwasser, von Quellwasser, von Sickerwasser. Und weil dieses Wasser Mineralien mitbringt, ist die Pflanzenwelt dort reich. Schilfgräser wachsen darin. Binsen. Sauergräser. Und Moose.
Damit überhaupt ein Moor entsteht, müssen ein paar Dinge zusammenkommen. Es muss mehr Regen fallen, als verdunsten kann. Der Boden muss das Wasser halten und darf es nicht versickern lassen … weil er dicht ist, oder weil er gefroren ist. Und es hilft, wenn das Gelände flach ist und von überall her Wasser zufließt. Fehlt eines dieser Dinge, bleibt es bei feuchtem Boden. Mehr wird daraus nicht. Der Name Hochmoor kommt nicht davon, dass es im Gebirge läge. Er kommt davon, dass es nach oben wächst. Ein Hochmoor beginnt meistens als Niedermoor, unten am Grundwasser. Dann bildet sich Torf. Und mit dem Torf steigt die Oberfläche. Irgendwann liegt sie so hoch, dass das Grundwasser sie nicht mehr erreicht. Von da an ist das Moor auf sich gestellt. Es bekommt nur noch, was vom Himmel fällt. Es wölbt sich auf … und wächst weiter. Und dieses Wachstum ist sehr, sehr langsam. Ein Millimeter im Jahr. Mehr nicht.
Ein Millimeter. Das heißt: zehn Jahre für einen Zentimeter. Tausend Jahre für einen Meter. Wenn du irgendwo in einem alten Hochmoor stehst und der Torf unter dir ist fünf Meter dick … dann stehst du auf fünftausend Jahren. Nichts daran ist eilig. Nichts daran war je eilig. Ein Millimeter im Jahr. Mehr nicht. Zwischen Niedermoor und Hochmoor gibt es alle Abstufungen. Weil ein Hochmoor ja aus einem Niedermoor entsteht, muss es Zwischenstadien geben. Man nennt sie Übergangsmoore. Oder Zwischenmoore. Die beiden Wörter meinen fast dasselbe, betonen aber Verschiedenes. Übergangsmoor betont die Entwicklung: von unten nach oben, im Lauf der Zeit. Zwischenmoor betont, was gerade dort wächst: Pflanzen aus beiden Moortypen, nebeneinander. Manchmal liegen sie sogar durcheinander, wie ein Mosaik.
Die Torfmoose und der Wasserhaushalt
Es lohnt sich, kurz bei den Torfmoosen zu bleiben. Denn sie sind es, die ein Hochmoor überhaupt möglich machen. Ein Torfmoos kann sehr viel Wasser aufnehmen und festhalten. Es quillt auf wie ein Schwamm … und gibt das Wasser nur langsam wieder ab. Ein unversehrtes Hochmoor … man sagt dazu auch Regenmoor, weil es nur vom Regen lebt … nimmt darum ständig mehr Wasser auf, als es durch Verdunstung verliert. Es hält sich selbst nass. Ohne Bach, ohne Quelle, ohne Grundwasser. Man kann sich ein Hochmoor als einen riesigen, vollgesogenen Moosschwamm vorstellen … der einfach in der Landschaft liegt. Weil das Moor Wasser hält, wirkt es auf seine ganze Umgebung. Bei starkem Regen nimmt es große Mengen auf. Bei Trockenheit gibt es sie verzögert wieder her. Es dämpft beides. Das Zuviel und das Zuwenig. Und es reinigt das Wasser, das hindurchgeht. Nährstoffe und Schadstoffe bleiben im Torf zurück und liegen dort fest. Auch die Luft darüber verändert sich. Ein Moor ist ja vor allem Wasser. Und Wasser nimmt an heißen Tagen Wärme auf … und hält die Luft ringsum kühler.
Und für Menschen ist ein Moor auch ein Ort zum Hingehen. Viele Moore haben schmale Stege aus Holz, die über die nasse Fläche führen … dazu Pfade und Tafeln, auf denen steht, was hier wächst. Man geht auf so einem Steg von selbst langsam. Das liegt am Untergrund. Und es liegt daran, dass nichts kommt, worauf man zueilen müsste.
Quellmoor, Hangmoor, Versumpfungsmoor
Wenn man Moore nach dem Weg des Wassers ordnet, kommt man auf erstaunlich viele Formen. Jede hat einen eigenen Namen, und jeder Name erzählt, wie das Wasser dort ankommt. Ein Quellmoor bildet sich dort, wo eine Quelle austritt und den Boden dauerhaft nass hält. Ist das Quellwasser kalkreich, setzt sich der Kalk ab. Über sehr lange Zeit können daraus Kuppen entstehen … bis zu zehn Meter hoch und zweihundert Meter breit. Ein Hangmoor liegt an einem flachen Hang, unter dem der Boden das Wasser staut. Von oben sickert beständig Wasser nach. Und weil es sich am oberen Rand aufstaut, wächst so ein Moor bergauf. Dick wird sein Torf dabei nie. Meistens bleibt er unter einem Meter. Und der Grund dafür liegt im Moor selbst. Denn je dicker der Torf wird, desto steiler wird seine eigene Oberfläche. Und ab einer gewissen Neigung läuft das Wasser von allein ab. Ein Hangmoor begrenzt sich also selbst. Es hört genau dort auf zu wachsen, wo es sich sonst das eigene Wasser abgraben würde.
Quellmoore gibt es an zwei Stellen im Gelände, und beide haben ihren eigenen Namen. Liegt so ein Moor an einem flachen Unterhang, nennt man es Hangquellmoor. Liegt es unten im Tal, heißt es Niederungsquellmoor. Quellwasser ist von Natur aus arm an Sauerstoff. Auch darum zersetzt sich dort so wenig. Und es bringt mit, was es unterwegs aus dem Boden mitgenommen hat. Sand. Schluff … das ist noch feiner als Sand. Und Ton. Darum ist es dort oft schlammig. Trägt das Wasser viel Eisen, setzt sich ein rostfarbener Schlamm ab. Und weiter unten, wo das Wasser abfließt, geht ein Quellmoor häufig in ein Durchströmungsmoor über. Ein Versumpfungsmoor entsteht in flachen Senken, wenn der Grundwasserspiegel gestiegen ist. Solche Moore werden oft sehr groß … aber ihre Torfschicht bleibt dünn, selten dicker als einen Meter. Denn der Grundwasserstand schwankt. Von Zeit zu Zeit kommt Luft an den Torf … und dann zersetzt er sich doch. Ein Verlandungsmoor entsteht am Rand eines Sees. Die Ufervegetation wächst langsam auf das Wasser hinaus … als eine Decke, die trägt, aber schwimmt. Man nennt sie Schwingrasen. Unter dieser Decke bildet sich Torf, der langsam zu Boden sinkt. Und irgendwann ist der See kein See mehr. Ungefähr fünfzehn von hundert Mooren in Deutschland sind auf diese Weise entstanden.
Verlandungsmoore, Mudde und Überflutungsmoore
Gehen wir noch einmal zurück, als der See noch ein See war. Auf seinem Grund sammelt sich unterdessen etwas anderes. Feiner Schlamm, der sich absetzt und liegen bleibt. Die Fachleute nennen ihn Mudde. Darum liegen in einem Verlandungsmoor oft mächtige Muddeschichten … unter dem Torf. Am häufigsten findet man diese Moore dort, wo in der letzten Eiszeit Gletscher lagen. Denn die Gletscher haben Mulden hinterlassen. Und in Mulden bleibt Wasser stehen. Wie nährstoffreich so ein Moor ist, hängt davon ab, wie nährstoffreich der See vorher war. Zwei Formen entstehen dort, wo das Wasser kommt und wieder geht. Man nennt sie beide Überflutungsmoore. Einen eigenen Namen hat jede für sich nicht. Die einen liegen an Meeresküsten. Die anderen entlang von Flüssen, in den Auen. Bei hohem Wasserstand stehen sie unter Wasser. Bei niedrigem fallen sie trocken. Und jedes Mal bringt das Wasser etwas mit. Feinen Sand. Feinen Schluff. Darum liegt in solchen Mooren nicht nur Torf. Es liegen Lagen übereinander … eine Lage Torf, eine Lage Mineralboden, wieder Torf. Solche Moore breiten sich weit aus, wenn das Land flach ist. Dick wird ihr Torf dabei nie. Denn bei jeder Überflutung schiebt sich Sand dazwischen.
Kesselmoore und Wasser aus der Luft
Ein Kesselmoor liegt in einer Mulde ohne Zufluss und ohne Abfluss. Oft sind das Löcher, die eine Eiszeit hinterlassen hat. Ein Eisblock blieb liegen, taute ab … und im Boden blieb eine Senke zurück. Solche Moore sind meistens klein. Häufig kleiner als ein Hektar. Dafür ist der Torf darin sehr dick. Und manchmal liegt in der Mitte noch ein kleiner See, der übrig geblieben ist. Einen solchen liegen gebliebenen Eisblock nennt man Toteis. Und für diese Toteislöcher gibt es ein eigenes Wort. Man nennt sie Sölle. Und es gibt Kesselmoore auch in Vulkanlandschaften … dort, wo ein alter Vulkan eine runde Senke ohne Abfluss zurückgelassen hat. Ein Durchströmungsmoor wiederum wird von Grundwasser durchzogen, das nirgends als Quelle heraustritt. Wo früher ein Bach lief, ist der Torf über ihn hinweggewachsen. Das Wasser läuft weiter … nur eben mitten durch den Torf.
Und dann gibt es eine Form, die es fast nur in den österreichischen Alpen gibt. Sie ist so eigentümlich, dass ich sie dir unbedingt erzählen möchte. Ihr Wasser kommt weder aus dem Boden noch aus dem Regen. Es kommt aus der Luft. An steilen Hängen liegen manchmal Halden aus groben Blöcken. Zwischen den Blöcken bleibt es kühl. Und an diesen kalten Steinen schlägt sich die Feuchtigkeit der Luft nieder … Tropfen für Tropfen. Das genügt. Es entstehen winzige Moore, oft kaum einen Quadratmeter groß. Man nennt sie Kondenswassermoore. Und weil dieses Wasser aus der Luft so nährstoffarm ist wie Regen, sehen sie aus wie kleine Hochmoore.
Strangmoore, Palsas und Waben aus Frost
Im hohen Norden verändern sich die Moore noch einmal. Dort greift der Frost mit ein, und der Frost formt sie um. In Skandinavien, in Finnland und in Sibirien gibt es die Strangmoore. Sie heißen so, weil sich in ihnen lange, schmale Wälle bilden … einer neben dem anderen. Am Hang legen sie sich parallel zur Höhe, quer zu der Richtung, in der das Wasser zieht. Liegt das Land ganz eben, verteilen sie sich unregelmäßig. Zwischen den Wällen bleibt das Wasser stehen. In den Wällen findet man bis in den Sommer hinein Eis im Boden. Noch weiter nördlich wachsen aus diesen Wällen meterhohe Hügel. In ihrem Inneren steckt ein Kern aus Eis, der jedes Jahr ein wenig größer wird. Diese Hügel heißen Palsas.
Bei ihnen ist etwas Merkwürdiges im Gang. Ihr Torf ist gar nicht neu. Er stammt aus einer wärmeren Zeit und liegt schon lange dort. Neu ist nur das Eis darin. Aus dem nassen Torf ringsum zieht Wasser zum kalten Kern hin und gefriert dort. Es taut wieder an, es gefriert erneut … und mit jedem Jahr wird der Kern ein wenig größer. Und er hebt den alten Torf mit an. So wachsen diese Hügel von innen heraus, nicht von oben. Neuer Torf bildet sich dabei kaum. Dafür ist es zu kalt. Und genau diese Kälte ist es auch, die verhindert, dass sich das alte Material vollends zersetzt. Es gibt auch Moore, die aussehen wie eine Wabe. Man findet sie in den arktischen Ebenen Sibiriens und Nordamerikas. Der Frost zeichnet dort ein Muster in den Boden. Es entstehen Ränder, die ein bisschen höher liegen … und sie halten im kurzen Sommer das Schmelzwasser fest. Innerhalb dieser Ränder … sie liegen im Boden wie eine Wabe … wächst dann eine dünne Decke aus Torf. Mehr als einen Meter wird sie nicht. Aber sie zieht sich über sehr, sehr große Flächen.
Wenn man dagegen fragt, was in einem Moor wächst, kommt man zu einer anderen Ordnung. Dann schaut man auf zwei Dinge: wie sauer der Boden ist und wie viele Nährstoffe da sind. Am einen Ende stehen die Hochmoore. Sehr sauer, sehr arm. Dort wächst ein fast geschlossener Teppich aus Torfmoos. Am anderen Ende stehen die nährstoffreichen Niedermoore. Dort wächst es hoch und dicht.
Fünf Typen nach Säure und Nährstoff
Genauer wird diese Ordnung, wenn man zwei Werte misst. Der eine ist der Nährstoffgehalt. Nährstoffarm, mäßig nährstoffarm, nährstoffreich. Der andere ist der Säuregrad, den man als pH-Wert angibt. Unter vier Komma acht gilt ein Moor als sauer. Zwischen vier Komma acht und sechs Komma vier als schwach sauer. Und darüber als kalkhaltig … dort ist Kalk im Wasser. Aus diesen beiden Werten ergeben sich fünf Typen. Sie heißen Reichmoore, Kalk-Zwischenmoore, Basen-Zwischenmoore, Sauer-Zwischenmoore … und, ganz am armen Ende, Sauer-Armmoore. Die Namen klingen sperrig, aber sie sagen genau das, was sie sollen. Der erste Teil nennt den Kalk oder die Säure. Der zweite Teil sagt, wie viel zu holen ist. Reich, arm … oder eben dazwischen. Und jeder Typ hat seine eigenen Pflanzen. Man muss sie nicht behalten. Es genügt zu wissen, dass jemand so genau hingeschaut hat.
Am nährstoffreichsten Ende stehen die Reichmoore. Sie entstehen dort, wo von Zeit zu Zeit Wasser von außen darübersteht und danach wieder abzieht … und wo der Boden zwischendurch auch einmal trockenfällt. Der Stickstoff, den dieses Wasser mitbringt, treibt das Wachstum. Und dann wird es hoch und dicht. Röhricht wächst dort … das ist Schilf, dicht an dicht. Große Seggen, grobe Sauergräser. Und stellenweise Erlenwald, der mit nassen Füßen steht. So dicht, dass unten am Boden kaum noch Licht ankommt. Die Moose, die anderswo den ganzen Boden bedecken, werden hier einfach überwachsen. Am anderen Ende, bei den kalkreichen Böden, gibt es nur noch wenige Moore. Diese Moore liegen dort, wo Kalkgestein dicht unter dem Boden liegt. Im Vorland der Alpen. In den Kalkgebirgen. Es sind meistens Quellmoore oder Verlandungsmoore … und fast immer sind sie klein. Dafür wachsen in ihnen Arten, die man sonst kaum noch findet. Übriggebliebenes aus früheren Zeiten. Die Fachleute nennen so etwas Reliktarten.
Bei den Hochmooren lassen sich die beiden Werte genau angeben. Der Säuregrad und der Nährstoff. Ihr pH-Wert liegt zwischen drei und vier Komma acht. Das ist deutlich sauer. Stickstoff ist kaum vorhanden. Kohlenstoff dagegen reichlich, denn davon besteht der Torf. Was dort wächst, ist ein fast geschlossener Rasen aus Torfmoos. Und darin leben Pflanzen und Tiere, die sich genau auf diese Bedingungen eingestellt haben. Es sind nicht viele Arten. Aber es sind besondere. Weil andere hier nicht durchkommen, haben sie keine Konkurrenz. Und weil sie keine Konkurrenz haben, dürfen sie langsam sein. Am besten ablesen lässt sich all das an den Moosen. Das hat einen einfachen Grund. Moose wurzeln nicht. Sie liegen oben auf und berühren genau das Wasser, das gerade dort steht. Ob dieses Wasser aus dem Regen kommt oder aus dem Boden, merkt man ihnen also unmittelbar an. Pflanzen mit Wurzeln holen ihr Wasser von weiter unten. Die Moose zeigen an, was genau an der Oberfläche steht.
Dazwischen liegen die Zwischenmoore. Dort wachsen Pflanzen mit einem langen Namen. Man nennt sie Mineralbodenwasserzeiger. Das klingt sperrig, meint aber etwas Einfaches. Es sind Pflanzen, die anzeigen, dass hier nicht nur Regen ankommt, sondern auch Wasser aus dem Boden. Der Fieberklee gehört dazu. Das Sumpf-Blutauge. Die Drachenwurz. Das Schmalblättrige Wollgras. Das Sumpfveilchen. Auch bei den Zwischenmooren lässt sich weiter unterscheiden. Die sauren unter ihnen liegen dort, wo der Boden arm an Kalk und an Nährstoffen ist … in den Landschaften, die die letzte Eiszeit geformt hat, in Dünengebieten … und in den Mittelgebirgen, wo hartes Urgestein ansteht. Dort wachsen niedrige Sauergräser in dichten Beständen … Kleinseggenriede nennt man das … und dazwischen viel Torfmoos. Und weil im Bodenwasser doch etwas mehr gelöst ist als im reinen Regen … findet man dort deutlich mehr Seggenarten als im Hochmoor. Die schwach sauren Zwischenmoore liegen vor allem im Osten Mitteleuropas. In ihnen wachsen vor allem die Braunmoose … Moose, die anders als die Torfmoose etwas Kalk vertragen. Dazwischen halten sich noch einzelne Torfmoose. Diese Moore sind so genau eingestellt, dass schon ein wenig zusätzlicher Nährstoff das Gleichgewicht verschiebt.
Wo es sauer ist, wachsen Torfmoose. Wo Kalk im Wasser ist, wachsen Braunmoose. Man kann einem Moor also am Moos ansehen, woher sein Wasser kommt. Bis jetzt haben wir von den Mooren der kühlen Länder gesprochen. Es gibt Moore aber auch in den Tropen. Und dort sind es Wälder. In den immerfeuchten Tropen wachsen sie … nahe an der Küste, hinter den Mangroven … das sind die Bäume, die im Salzwasser stehen … oder in Senken ohne Abfluss. Obwohl es dort warm ist, zerfällt auch dort nicht alles. Der Boden ist dauernd nass und arm an Nährstoffen. Das genügt schon. Die größten dieser Moorwälder liegen in Indonesien, in Malaysia und in Papua-Neuguinea. Gebildet haben sie sich vor etwa viertausenddreihundert Jahren … aus Lagunen, die hinter einem Gürtel aus Mangroven lagen.
Auch sie wölben sich auf, so wie unsere Hochmoore. Nur sind sie viel größer. Manche haben einen Durchmesser von fünfzig Kilometern. Und der Torf darunter kann zwanzig Meter dick sein. Sie wachsen auch etwas schneller als unsere. Zweieinhalb Millimeter im Jahr. Am Rand stehen Mischwälder, bis zu fünfundvierzig Meter hoch. Dahinter folgt ein Gürtel aus einer einzigen Baumart, und der wird noch höher. Bis zu sechzig Meter. In der Mitte, wo der Boden am ärmsten ist, wachsen zähe kleine Gehölze … dazu Sauergräser, und in Wassernähe wieder Torfmoose. Und Pflanzen, die Insekten fangen. Weil der Boden ihnen zu wenig gibt. Die Bäume dort haben zwei Arten von Wurzeln, die man sehen kann. Die einen wachsen aus dem nassen Boden heraus in die Luft. Man nennt sie Atemwurzeln. Die anderen stehen wie flache Bretter senkrecht am Stamm und stützen ihn. Brettwurzeln heißen die. Und knapp unter der Oberfläche liegt ein Netz aus feinen Wurzeln. Es ist so eng geflochten, dass man über den weichen Torf gehen kann, ohne einzusinken.
Und dann gibt es noch eine Form, die fast ohne Moos auskommt. Sie wächst dort, wo der Wind selten aufhört. Im Westen Patagoniens. Und auf Tasmanien. Dort besteht das Moor aus harten Polsterpflanzen … runde, feste Kissen, dicht an dicht. Man nennt solche Moore Hartpolstermoore. Es gibt sie auch in den Anden, oberhalb der Baumgrenze, bis hinauf nach Peru … und in den tropischen Gebirgen Afrikas, und im Hochland von Neuguinea.
Warum sich Moore nicht ordnen lassen
Man versucht schon lange, all das zu ordnen. Seit dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts haben Fachleute immer wieder Systeme dafür entworfen … nach ganz verschiedenen Merkmalen. Bis heute gibt es keine Einteilung, auf die sich alle geeinigt hätten. Schon der einfachste Fall macht Mühe. Für die deutschen Wörter Hochmoor und Niedermoor gibt es im Englischen keine, die genau dasselbe meinen. Das klingt nach einem Mangel. Vielleicht ist es aber nur ehrlich. Dabei sind die Moore Mitteleuropas seit Jahrzehnten gründlich erforscht … gründlicher als fast irgendwo sonst auf der Welt. Man weiß also eine Menge über sie. Nur passt dieses Wissen eben nicht in ein einziges Schema. Und das liegt nicht an den Fachleuten. Es liegt daran, dass in der Landschaft meistens zwei oder drei Moortypen zugleich vorkommen … ineinander übergehend, ohne saubere Grenze dazwischen.
Torf als Brennstoff, Streu und Moorbad
Vom Torf haben die Menschen lange gelebt. Zuerst war er nur eines: Brennstoff. Man stach ihn aus, ließ ihn trocknen und verheizte ihn. Die Asche kam danach als Dünger auf die Äcker. Getrockneter Torf wurde auch als Baustoff verwendet, für die Wände von Häusern. Später diente er als Streu in den Ställen. Und überall dort, wo etwas Feuchtigkeit binden sollte. Heute nimmt man ihn vor allem noch im Gartenbau … weil er den Boden lockert und viel Wasser halten kann. Seit dem neunzehnten Jahrhundert gibt es außerdem das Moorbad. Ein paar Stationen aus dieser langen Nutzung sind bemerkenswert. Die ersten planmäßigen Versuche, Moore trockenzulegen und zu Ackerland zu machen … unternahmen im frühen Mittelalter Zisterziensermönche. Um achtzehnhundertachtzig heizte man mit Torf sogar die Öfen der Eisen- und der Stahlindustrie. Und im Garten ist seine Wirkung bis heute umstritten. Torf lockert zwar den Boden und hält viel Wasser. Aber er senkt auch den pH-Wert. Er passt darum nur zu Pflanzen, die es sauer mögen … und nicht zu allen anderen.
In Deutschland bedeckten die Moore ursprünglich mehr als fünf Prozent der Fläche. Heute sind es drei Komma sechs Prozent. Die Diepholzer Moorniederung, das größte Gebiet mit lebenden Hochmooren in Mitteleuropa … war einmal zweihundertfünfzigtausend Hektar groß. Geblieben ist davon ein knappes Zehntel. In der Schweiz beherbergen die verbliebenen Moore rund ein Viertel aller gefährdeten Tier- und Pflanzenarten. Auf zwei Prozent der Landesfläche. Das ist eine erstaunliche Dichte. Den Mooren macht heute nicht mehr das Torfstechen zu schaffen, sondern das, was davon übrig geblieben ist. Die alten Entwässerungsgräben laufen weiter, auch wenn niemand mehr etwas von ihnen will. Und ein Moor, dem das Wasser fehlt, bleibt nicht einfach ein trockeneres Moor. Es verbuscht. Und danach verwaldet es. Was man dagegen tut, erzähle ich dir gleich.
Bruch, Luch, Ried, Filz und Rülle
Im deutschsprachigen Raum hat das Moor auffällig viele Namen. Fast jede Gegend hat ihr eigenes Wort dafür. Im Norden sagt man Bruch. Oder Brook. Oder Luch. Für ein Niedermoor sagt man dort auch Fenn. Im Süden und ähnlich in der Deutschschweiz heißt es Ried. Oder Moos. Oder Filz. Dabei meint Moos meistens ein Niedermoor … und Filz meistens ein Hochmoor. Diese Wörter stecken bis heute in Ortsnamen. Das Donaumoos trägt sein Moos im Namen. Die Kendlmühlfilzn ihr Filz. Wer eine Karte liest, kann also oft schon ahnen, was für ein Moor dort einmal lag. Im alemannischen Sprachraum gibt es außerdem das Wort Möser. Am Ende gibt auch ein Hochmoor ein wenig Wasser ab, ganz langsam, durch eine schmale Rinne. Für diese Rinne gibt es ein eigenes Wort. Man nennt sie die Rülle.
Zwischen den Wällen der Strangmoore steht das Wasser übrigens nicht überall gleich. Manche Streifen sind besonders nass, weil sie vom Boden her gespeist werden. Dafür gibt es ein finnisches Wort. Man nennt sie Rimpis. Wo Moore liegen, hängt vom Klima ab. Sie brauchen mehr Niederschlag, als verdunsten kann. Sonst entstehen sie gar nicht erst. Etwa die Hälfte aller Moorböden der Welt liegt in den Nadelwäldern des Nordens. Die Moore der Nordhalbkugel bedecken vier Millionen Quadratkilometer. Es gibt sie aber auch in den Tropen, an feuchten Küsten und in Senken ohne Abfluss. Die tropischen Waldmoore zusammen bringen es auf dreihundertachtundsechzigtausend Quadratkilometer. Weit mehr als die Hälfte davon liegt in Südostasien. Auf der Südhalbkugel bleibt wenig übrig. Fünfundvierzigtausend Quadratkilometer, vor allem an den Hängen der Anden und in Patagonien … und besonders ausgeprägt auf Feuerland. Dazu kleine Flächen in Afrika, im Süden Australiens und in Neuseeland.
In den Subtropen sieht es noch einmal anders aus. Dort liegen an flachen Küsten mit immerfeuchtem Klima vor allem Niedermoore … Flächen mit dichtem Röhricht, hohen Gräsern und Sumpfwäldern. Echte Torfmoos-Hochmoore gibt es dort nur ganz kleinflächig, hoch oben in den Bergen … und nur dort, wo der Boden besonders arm ist. In den trockenen Subtropen entsteht dagegen gar kein Torf. Dafür ist es zu heiß. Das Wasser verdunstet und lässt das Salz zurück, das es aus dem Boden gelöst hat. Auf salzigem Boden aber wächst zu wenig, als dass Torf entstehen könnte. In Deutschland liegen die Moore vor allem im Nordwesten. In geringerer Ausdehnung auch im Nordosten und im Alpenvorland. Dort liegt auch die Diepholzer Moorniederung, von der ich dir vorhin erzählt habe. In der Schweiz … die zwei Prozent, von denen ich dir vorhin erzählt habe … Seit neunzehnhundertsiebenundachtzig stehen sie in der Bundesverfassung unter Schutz. Die Moore von nationaler Bedeutung sind in einem eigenen Verzeichnis erfasst.
Ein paar Namen möchte ich dir nennen. Sie klingen schon von selbst nach Ruhe. Die Moorlandschaft Rothenthurm. Die Biosphäre Entlebuch mit der Moorlandschaft Glaubenberg. Das Hochmoor Chaltenbrunnen im Berner Oberland, hoch gelegen. Und die Alp Flix in Graubünden, wo ein Moor wieder nass gemacht wurde. Denn das ist heute die Arbeit an vielen Stellen. Wo früher Gräben gezogen wurden, um das Wasser abzuleiten, macht man die Gräben wieder zu. Man nennt das Wiedervernässung. Und danach beginnt das Moor von vorn. Ein Millimeter im Jahr. Mehr nicht. Weil im Moor nichts vollständig zerfällt, bleibt auch anderes erhalten. Holz zum Beispiel. Man hat in Mooren vorgeschichtliche Bohlenwege gefunden. Das sind Wege aus gespaltenen Stämmen, die man quer über den weichen Boden gelegt hat … damit ein Mensch hinüberkam, ohne einzusinken. Sie liegen dort seit Tausenden von Jahren. Und sie sind noch da. In der Archäologie gibt es dafür ein eigenes Fach. Man nennt es Feuchtbodenarchäologie.
Auch die Malerei hat das Moor entdeckt. Um neunzehnhundert zog es eine Gruppe von Malern in einen kleinen Ort bei Bremen. Er liegt im Teufelsmoor und heißt Worpswede. Sie wollten weg von dem, was man an den Akademien lehrte, und näher an die Natur. Ihre Vorbilder waren die französischen Impressionisten. Auf ihren Bildern sieht man weite, flache Flächen … Torfkähne … und Moorflächen, auf denen Heide wächst. Eines dieser Worpsweder Bilder heißt schlicht «Herbst im Moor». Ein anderes «Weites Land». Und in der Literatur gibt es ein Gedicht, das viele Menschen kennen. Es heißt «Der Knabe im Moor» und stammt von Annette von Droste-Hülshoff. Es ist inzwischen dunkel geworden über der Fläche. Der Boden federt noch immer unter jedem Schritt. Zwischen den Moospolstern steht das Wasser und geht nirgendwohin. Unter dir liegen die Schichten. Ganz dünn, eine über der anderen. Die oberste ist von diesem Jahr. Die darunter von den Jahren davor. Sie werden nicht abgebaut. Sie bleiben einfach liegen. Und darauf wächst wieder Moos.
Ein Millimeter im Jahr. Mehr nicht. Kein Jahr geht verloren. Kein Jahr wird nachgeholt. Es kommt immer nur das eine dazu. Und darunter liegt alles andere … und wartet. Und du darfst jetzt schlafen. Das Wasser bleibt stehen. Das Moos saugt sich voll. Und der Boden wächst weiter, während du schläfst. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.
Quelle und Lizenz
Dieser Text beruht auf dem Wikipedia-Artikel «Moor». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.
Verwendete Fassungen: «Moor» Version 269257505, abgerufen am 2. August 2026.
Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.