Karst – wenn das Wasser nach innen geht

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht
Warmer Fels unter den Füßen, Rinnen, die alle hangabwärts laufen – und nirgends ein Bach zu hören, obwohl es hier oft regnet. Diese Einschlafgeschichte für Erwachsene folgt dem Wasser nach innen: durch feine Risse in den Kalk, hinab in Höhlen, wo aus dem gelösten Stein langsam Tropfsteine wachsen.
Den Namen gab das Karst-Plateau zwischen Ljubljana und Triest; die ersten Untersuchungen erschienen 1858 und 1859 auf Deutsch. In Montenegro und Neuguinea fallen bis zu fünftausend Millimeter Regen im Jahr, im Dinarischen Gebirge ist der Kalk stellenweise mehr als vier Kilometer mächtig. Und am Funtensee in den Berchtesgadener Alpen wurden minus 45,8 Grad gemessen – die kälteste Stelle Deutschlands.
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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte
Stell dir eine Hochfläche vor … weit oben, über den Wäldern, unter einem offenen Himmel. Der Boden ist heller Kalkstein, hart und trocken, und nur an wenigen Stellen liegt eine dünne Erdschicht darauf. Es ist Abend geworden. Der Fels gibt die Wärme des Tages noch ab. Du gehst ein paar Schritte über diesen Fels und siehst, dass er nicht glatt ist. Es laufen Rinnen darüber. Manche sind so schmal wie ein Finger, andere so breit wie eine Hand. Sie laufen alle in dieselbe Richtung … nach unten, dem Hang folgend. Und dann fällt dir etwas auf, das eigentlich fehlt. Es ist völlig still. Kein Bach. Kein Rinnsal. Kein Tröpfeln. Das Wasser geht hier nach innen.
Diese Landschaft hat einen Namen, und der Name ist auch der Fachbegriff dafür. Sie heißt Karst. Damit meint man in der Geologie zwei Dinge zugleich: die Formen über der Erde … und die Formen darunter. Also die Rinnen und die runden Mulden oben, dazu weite Senken mit flachem Boden … und die Höhlen und Gänge unten. Entstanden sind sie alle auf dieselbe Weise: Das Gestein wurde gelöst. Nicht abgeschliffen, nicht zerbrochen, nicht weggeweht. Gelöst … so wie Zucker in Tee. Nur sehr, sehr viel langsamer. Und daraus folgt das Hauptmerkmal einer Karstlandschaft. Das Wasser läuft hier fast nur unter der Erde. Es regnet oben, und das Wasser ist gleich unten.
Wie das Lösen genau vor sich geht, kann man in drei Schritten erzählen. Und ich mag diese drei Schritte, weil an ihnen nichts Gewaltsames ist. Der erste Schritt: Regenwasser nimmt Kohlenstoffdioxid auf … das Gas, das in der Luft ist und auch im Boden. Der zweite Schritt: Im Wasser verbinden sich die beiden zu einer Säure. Man nennt sie Kohlensäure. Sie ist sehr schwach. Du kennst sie aus Mineralwasser. Der dritte Schritt: Dieses Wasser sickert in die feinen Risse des Gesteins … und dort trifft die schwache Säure auf Kalk. Also auf Kalziumkarbonat, den Hauptstoff des Kalksteins. Und dann wird aus dem festen Kalk ein Stoff, den das Wasser mitnehmen kann.
Einschlafgeschichte weiterlesenDie restlichen 4.392 Wörter, Wort für Wort wie Fridolin es erzählt
Er heißt Kalziumhydrogenkarbonat, und er ist im Wasser gelöst. Das ist alles. Regen, ein Gas, eine schwache Säure … und Stein, der fortgetragen wird. Man nennt diesen Vorgang Kohlensäureverwitterung. Und wenn er über geologische Zeiträume eine ganze Landschaft umformt, spricht man von Verkarstung. Der Name Karst kommt von einer bestimmten Landschaft … und die liegt in Europa, am Nordrand des Mittelmeers. Es ist das Karst-Plateau, auf halber Strecke zwischen Ljubljana und Triest, am südöstlichen Rand der Alpen. Dort wurde dieses Phänomen zum ersten Mal eingehend erforscht … und darum ist diese Landschaft der Ort, der allem den Namen gab. Man nennt so etwas eine Typlokalität: die Gegend, nach der eine ganze Erscheinung benannt wird.
Woher der Name Karst kommt
Der Name selbst ist viel älter als die Wissenschaft. Im Lateinischen hieß dieses Bergland östlich von Triest Carsus. Und dahinter steht eine sehr alte Wortwurzel, die man mit «kar» wiedergibt … und die einfach Stein oder Fels bedeutete. Dasselbe Wort steckt in mehreren Sprachen der Gegend. Auf Slowenisch heißt die Landschaft kras. Auf Italienisch carso. Und im Kroatischen und Serbischen gibt es ähnliche Formen. Ein Wort für Fels … das zum Namen eines Gebirges wurde … und dann zum Namen für alle Landschaften dieser Art, überall auf der Welt. Dass sich weltweit die deutsche Form durchsetzte … also Karst und nicht kras oder carso … hat einen einfachen Grund. Die ersten Untersuchungen wurden auf Deutsch veröffentlicht.
Drei Wissenschaftler der Habsburgermonarchie beschrieben die Mulden und Höhlen dieser Gegend … und veröffentlichten ihre Ergebnisse in den Jahren eintausendachthundertachtundfünfzig und eintausendachthundertneunundfünfzig. Damit war das Wort in der Fachwelt … und es blieb. Etwas später wurde daraus ein eigenes Fach. Ein erstes großes Werk über die Formen der Erdoberfläche erschien im Jahr eintausendachthundertvierundachtzig. Und dann wirkte ein Mann, den man den ersten Karstforscher nennt … Karstologe sagt die Fachsprache. Ab dem Jahr eintausendachthundertdreiundneunzig war er Professor in Belgrad. Im Jahr eintausendachthundertachtundneunzig veröffentlichte er in Wien eine Schrift über das Karstphänomen. Sie gilt als die erste zusammenfassende Darstellung dieser Erscheinungen … eine Gesamtschau. Und dabei geschah etwas Schönes mit der Sprache.
Die Fachwelt übernahm die Wörter, die die Menschen vor Ort für die Formen ihrer Landschaft hatten. Aus dem Slowenischen, dem Kroatischen und dem Serbischen wurden sie in die deutsche und die französische Fachsprache übernommen. Dolina … die runde Mulde. Polje … die große, flache Senke. Ponor … die Stelle, an der ein Bach verschwindet. Und Hum … der einzelne Hügel, der stehen bleibt. Vier Wörter, die heute jeder Geologe benutzt, gleich in welchem Land. Von jedem erzähle ich dir gleich mehr. Später kamen weitere Sprachen dazu, als man die Karstgebiete der Tropen erforschte. Aus dem Spanischen kamen Mogote und Cenote. Aus dem Englischen der Begriff Cockpit. Die Karstkunde spricht also viele Sprachen zugleich.
Bei zwei dieser Wörter gibt es allerdings eine Verwechslung, die mich freut. Die Wissenschaft benutzt diese Wörter anders, als sie vor Ort gemeint sind. Dolina bezeichnet in der Wissenschaft die runde Mulde im Kalk. In den Herkunftsländern heißt das Wort etwas anderes … ganz allgemein: ein Flusstal. Und Polje heißt dort einfach ein Feld. Man hat später versucht, das zu ordnen … indem man Karst-Dolina und Karst-Polje vorschlug. Ganz durchgesetzt hat sich das nicht. Und so gibt es Wörter, die in ihrer Heimat etwas Alltägliches bedeuten und in der Wissenschaft etwas ganz Bestimmtes. Bevor wir zu den Formen gehen, noch kurz dazu, wo es Karst überhaupt gibt. Großräumig findet man ihn rund um das Mittelmeer.
Dann in Südostasien und in Südchina. Auf den Großen Antillen in der Karibik. Auf der Halbinsel Yucatán in Mexiko. Und im Inselgebiet zwischen Asien und Australien. Kleinräumiger gibt es ihn auch bei uns … in den deutschen Mittelgebirgen, im Französischen und im Schweizer Jura, in den Nord- und in den Südalpen. Aus der Erforschung der tropischen Karstgebiete kam übrigens auch das Wort Cenote in die Fachsprache … aus dem Spanischen. Nun zu der Frage, wo so eine Landschaft überhaupt entstehen kann. Denn nicht jeder Kalkstein verkarstet. Es braucht harten, reinen Kalk in großer Mächtigkeit … also dicke Schichten, die aus fast nichts anderem bestehen. Ausgeprägte Formen entstehen bei einer Reinheit von etwa neunundneunzig Prozent Kalziumkarbonat.
Was es für die Verkarstung braucht
Es braucht außerdem Wasser, und zwar viel. In Montenegro und in Neuguinea fallen bis zu fünftausend Millimeter Regen im Jahr … das sind fünf Meter Wasser, über das Jahr verteilt. Im Südwesten Chinas sind es zweitausendfünfhundert Millimeter. Unter fünfhundert Millimetern im Jahr entsteht dagegen keine stärkere Verkarstung. Dann fehlt einfach das Wasser, das den Kalk lösen könnte. Und auch das Gestein kann es verhindern. Weiche Kalksteine mit viel Ton … man nennt sie Mergel … verkarsten kaum. Und Gesteine mit viel Magnesium … der Dolomit zum Beispiel … sind hart und widerstehen der Lösung. Sie verkarsten sehr langsam. Kreide wiederum ist von sich aus porös … und gerade das verhindert eine tiefe Verkarstung.
Denn wo das Wasser überall durchsickert, gräbt es keine Wege. Wie tief das gehen kann, hat mich überrascht. In Gebieten aus einförmigem, mächtigem Kalk kann die Verkarstung mehrere tausend Meter unter die Erdoberfläche reichen. Das größte Karstgebiet Europas ist das Dinarische Gebirge, südöstlich der Alpen. Dort ist der Kalk im höchsten, am stärksten verkarsteten Teil des Gebirges … man nennt ihn die Hochkarstzone … mehr als vier Kilometer mächtig. Und die Verkarstung reicht dort bis unter den Meeresspiegel hinab. Das weiß man, weil es untermeerische Karstquellen gibt … Quellen, die unter Wasser aus dem Fels treten. Süßwasser, das im Meer aufsteigt, weil es weit oben in einem Gebirge in den Boden gegangen ist.
Dolinen, Poljen und verschwindende Bäche
Das Wasser geht nach innen. Jetzt gehen wir die Formen durch, eine nach der anderen … von der kleinsten zur größten. Die kleinsten sind die, auf denen du gerade stehst. Sie heißen Karren. Das sind Rinnen und Rillen an der Oberfläche des Kalksteins. Es gibt sie im Millimeterbereich, im Zentimeterbereich und bis in den Meterbereich … die größten nennt man Megakarren. Eingeteilt werden sie nicht nur nach ihrer Form und nach der Neigung des Felsens, sondern vor allem danach, wo sie entstanden sind … am freien Fels oder unter einer Erdschicht. Die nächste Form ist eine Vertiefung im Gelände, und sie ist die bekannteste von allen. Sie heißt Doline. Das ist eine geschlossene Eintiefung, meist oval und meist flach.
Ihre Größe liegt zwischen wenigen Metern und einigen Dutzend Metern … selten größer. Die meisten entstehen dadurch, dass der Kalk an dieser Stelle gelöst wurde. Man nennt sie darum Lösungsdolinen. Vereinzelt gibt es aber auch Einsturzdolinen. Dort ist ein Hohlraum in der Tiefe eingebrochen. Solche Einsturzdolinen können mehrere hundert Meter tief werden … viel tiefer als die flachen Mulden von vorhin … und ihre Wände sind sehr steil. Dann gibt es eine Form, die senkrecht nach unten geht. Man nennt sie Schlund … oder Schlundloch. Das ist eine schachtartige Röhre, meist kreisrund, mit einigen Metern Durchmesser. Sie entsteht dort, wo der Kalk entlang einer Kluft gelöst wird … also entlang eines feinen Risses im Gestein.
Später fließt Wasser hindurch und macht sie steiler. Und in der Tiefe bilden sich dann größere Hohlräume … mit Verbindungen zu den Wasserläufen tief im Berg. Ein solcher Schlund ist also der Anfang eines Weges, der weiterführt. Wenn mehrere Dolinen mit der Zeit zusammenwachsen, entsteht die nächstgrößere Form. Sie heißt Uvala. Eine Uvala ist eine größere geschlossene Senke von unregelmäßiger Form … zehn bis hundert Meter tief und bis zu einem Kilometer groß. Ihr Grund ist meist flach und leicht uneben, mit einer dünnen Schicht Ablagerungen darauf … also mit feinem Material, das das Wasser dort liegen gelassen hat. Und die größte dieser Senken heißt Polje. Ein Polje ist eine tiefe, große Senke im Kilometermaßstab. Ihr Boden ist eben und mit mächtigen Ablagerungen bedeckt.
Sie bildet sich dort, wo Bewegungen der Erdkruste das Gestein zerbrochen haben … und wo das Wasser dann in die Breite löst statt in die Tiefe. Diese Ablagerungen am Boden wirken zweifach. Sie machen das Polje fruchtbar … und sie legen sich wie ein Deckel über den Kalk, sodass das Wasser ihn dort nicht mehr erreicht. Darum ist ein Polje flach. Es wächst in die Breite, nicht nach unten. Und wenn in einem Polje ein einzelner Hügel stehen bleibt, hat auch der einen Namen. In den Subtropen heißt er Hum. In den Tropen sagt man Mogote. Damit sind wir beim Wasser selbst … und da hat der Karst eigene Formen.
Die erste ist eine Stelle, an der ein Bach einfach verschwindet. Man nennt sie Ponor … oder auf Deutsch Schluckloch oder Schwinde. Der Bach kommt an, läuft in den Fels und ist weg. Dann gibt es eine Form, die einen besonders schönen Namen hat. Sie heißt Estavelle. Solche Estavellen findet man in den Poljen … neben den Schlucklöchern und neben den Quellen. Das Gegenstück ist die Karstquelle. Dort tritt das Wasser wieder aus dem Fels heraus … meist unten am Rand des Karstgebiets, dort wo der Kalk endet. Und dann sind da die Trockentäler. Ein Trockental sieht aus wie ein Flusstal, mit Hängen und einem Talboden … aber es ist kein Fluss darin.
Ein Tal ohne sein Wasser. Es zählt zu den typischen Flussformen des Karstes … so wie die Versickerung, der Canyon und die Klamm. Und schließlich der Sickerfluss. In den Poljen gibt es solche Sickerflüsse … manche nur zu bestimmten Zeiten, manche beständig. Weil das Wasser im Karst so schnell nach unten verschwindet, gibt es dort kaum Flüsse, die im Karst selbst entstehen. Fast alle Flüsse, die durch eine Karstregion laufen, sind anderswo entsprungen. In der Fachsprache heißt das: Sie sind allochthon … also nicht von hier. Sie kommen aus Gebieten mit anderem Gestein und queren den Karst nur. Und das führt zu einem Satz, der wie ein Widerspruch klingt und keiner ist.
Unterirdische Flüsse, Höhlen und ihre Tiere
Wo der Karst tief hinunterreicht, kann der Boden oben völlig trocken sein … obwohl es viel und oft regnet. Es regnet viel, und oben ist alles trocken. In der Karstlandschaft am Rand der Alpen, dort wo der Name herkommt, liegt übrigens der größte See seiner Art auf der Erde. Einer, der keinen Abfluss an der Oberfläche hat. Man nennt ihn einen Sickersee. Er füllt sich … und er läuft durch den Boden wieder aus. Wie das Wasser unter einer Karstlandschaft läuft, war lange umstritten … und der Streit darüber ist mir sympathisch. Es standen sich zwei Schulen gegenüber. Die eine sagte: Unter dem Karst liegt Grundwasser, ein zusammenhängender Körper, wie in einem Schwamm.
Die andere sagte: Nein, dort unten laufen einzelne Flüsse in Gängen, jeder für sich. Aufgelöst wurde das um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert, von zwei Forschern, die im Dinarischen Gebirge über Jahre die Quellen und Höhlen beobachteten. Sie entwarfen eine weiterführende Erklärung … und sie führten dabei einen Begriff ein, den es vorher nicht gab: den Karstgrundwasserspiegel. Das ist die Höhe, bis zu der der Fels im Berg dauerhaft mit Wasser gefüllt ist. Ihr Ergebnis war, dass so ein System nicht überall gleich ist, sondern in drei Schichten übereinanderliegt. Und diese Dreiteilung erklärt die Formen an der Oberfläche … die Schwinden, die Quellen, die Poljen, die manchmal überflutet sind und manchmal nicht.
Man nennt das Ganze das karsthydrologische System. Wie man so ein System erforscht, ist erfreulich einfach. Man gibt dem Wasser etwas mit, das man wiedererkennt. Solche Stoffe heißen Tracer … also Spurenstoffe. Man schüttet sie oben in eine Schwinde und wartet, wo sie wieder auftauchen … und wie lange sie dafür brauchen. So findet man heraus, welche Quelle zu welchem Schluckloch gehört … obwohl kilometerweit Fels dazwischenliegt. Für die Trinkwasserversorgung in Karstgebieten ist das entscheidend. Und nun gehen wir hinunter. Denn unter einer Karstlandschaft liegt das, was das Wasser gebaut hat. Die Grundform ist die Höhle. Und in ihr entsteht etwas, das ich sehr mag: der Höhlenschmuck. Die Fachsprache nennt diese Gebilde Speläotheme.
Sie entstehen, weil der dritte Schritt von vorhin rückwärts läuft. In der Höhlenluft entweicht das Gas aus dem Tropfen … und ohne dieses Gas kann das Wasser den Kalk nicht mehr halten. Oben hat es ihn gelöst … unten gibt es ihn wieder ab. Man nennt das Ausfällen. Daraus werden die Tropfsteine. Und auch die haben genaue Namen. Ein Stalaktit hängt von der Decke herab. Ein Stalagmit wächst vom Boden auf. Und wenn die beiden sich treffen und zu einer Säule zusammenwachsen, heißt das Ganze Stalagnat. Dazu kommen Sinterbecken … flache Becken mit einem Rand aus abgesetztem Kalk, in denen Wasser stehen bleibt. Sinter nennt man diesen Kalk, den das Wasser zurückgelassen hat.
Alles daran ist Kalk, der einmal weiter oben im Fels war. Er ist nur umgezogen. In diesen Höhlen leben Tiere. Und einige von ihnen leben nur dort. Das bekannteste ist ein Salamander, der in unterirdischen Flusssystemen in Slowenien vorkommt. Man nennt ihn den Grottenolm. Er lebt im Wasser, in völliger Dunkelheit … und er ist dort zu Hause, wo niemand ihn besucht. Es gibt auch Salamander, die in Höhlen leben, ohne im Wasser zu bleiben … mehrere Arten, jede nur in ihrer Gegend. Und dann sind da noch Tiere, die viel kleiner und viel älter sind. Im Hochkarst von Montenegro und Herzegowina hat man zweihundert Arten von Pseudoskorpionen gezählt … winzige Verwandte der Spinnen.
Ihre Linie gilt als die älteste unter den landlebenden Tieren Europas. Und ihre Geschichte ist besonders. Ihre Vorfahren lebten in warmen Böden, als es in dieser Gegend noch tropisch warm war. Als es in den Eiszeiten kälter wurde, sind sie nicht ausgestorben. Sie sind nach unten gegangen. Sie haben sich an ein Leben in Höhlen angepasst und dort überdauert. Auch die Eidechsen dieser Gegend sind besonders. In einem kleinen Winkel im Hochkarst der südöstlichen Dinariden liegt das artenreichste Gebiet Europas für Kriechtiere. Eine der Arten dort wurde erst im Jahr zweitausendsieben beschrieben … eine Felseidechse, die in Felsspalten lebt, Kälte gut verträgt … und deren Linie mindestens fünf Millionen Jahre zurückreicht.
Vom Grünen Karst bis zum Salzkarst
Nicht jede Karstlandschaft zeigt alle diese Formen. Darum unterscheidet man zwei große Gruppen. Ist eine Landschaft nur teilweise verkarstet, spricht man von Merokarst. Den findet man in den kühleren gemäßigten Breiten … in Mittel- und Westeuropa. Typisch für ihn sind Karren, Schlucklöcher und kleine, flache Dolinen. Die großen Formen fehlen. Und weil solche Landschaften bei uns immer Pflanzen tragen, gibt es dafür ein freundliches Wort. Man nennt ihn den Grünen Karst … also Karst unter einer Decke aus Erde und Pflanzen. Die andere Gruppe heißt Holokarst … der voll entwickelte Karst. Dort treten alle Formen auf, auch die großen Poljen und, in den Tropen, ganze Felder aus Kalkhügeln, von denen ich dir gleich erzähle.
Holokarst findet man in den Tropen, in den Subtropen und teilweise in den gemäßigten Breiten. Innerhalb des voll entwickelten Karstes gibt es dann Typen … und die sind nach Landschaften benannt. Der Dinarische Karst ist der Grundtyp im Mittelmeerraum. Man nennt ihn auch Dolinenkarst, denn er ist reich an Dolinen, hat große Poljen … und an der Oberfläche wenig Wasser. Wo sehr viele Dolinen sehr dicht beieinanderliegen und zwischen ihnen nur schmale Rücken stehen bleiben, spricht man von polygonalem Karst. Polygonal heißt vieleckig: Von oben sieht das Land aus wie ein Netz aus Waben. Diese Mulden können bis zu vierhundert Meter Durchmesser haben. Man findet sie in Neuguinea, in Neuseeland und an der Küste der Dinariden.
Dann gibt es eine Form, die nach einer Landschaft auf Jamaika heißt. Dort gibt es das Cockpit country, eine der ersten bekannt gewordenen Karstlandschaften der Tropen. Die Vertiefungen dort heißen Cockpits und sind zum Teil bis hundertzwanzig Meter tief. Dazwischen stehen Hügel und Grate. Und ihr Boden ist nicht rund wie bei einer Doline, sondern sternförmig. Das kommt daher, dass ihre Hänge nicht als Trichter nach innen fallen, sondern aus mehreren Wandstücken bestehen, die sich wie Rippen nach innen wölben. Dieselbe Form heißt übrigens in jeder Gegend anders … auf Jamaika Cockpit, in Neuguinea polygonaler Karst. Zwei Typen sind besonders bildhaft, und du hast sie vielleicht schon auf Bildern gesehen.
Der erste ist der Kegelkarst: viele einzelne Kalkhügel, rund und steil, dicht nebeneinander. Er entsteht dort, wo kein starker Fluss den Stein abträgt … verbreitet auf Kuba und auf Jamaika, dazu in Indonesien und auf den Philippinen. Der zweite ist der Turmkarst: Statt runder Kegel stehen dort steile Felstürme. Er entsteht gerade umgekehrt … durch starke Erosion, oft durch wasserreiche Flüsse oder durch das Meer. Verbreitet ist er im Südwesten Chinas, außerdem in Vietnam, Indonesien, Malaysia und Thailand. Und für ihn gibt es zwei chinesische Bezeichnungen, die man auch ins Englische übernommen hat. Die eine bedeutet Gipfelgruppe. Die andere bedeutet Turmwald. Ein Wald aus Türmen aus Stein … die stehen geblieben sind, während alles um sie herum gelöst wurde.
Und dann gibt es Karst, der gar nicht aus Kalk ist. Denn das Prinzip ist ja immer dasselbe: ein Gestein, das sich in Wasser löst. Auch Gips löst sich. Und das Gestein, aus dem Gips wird, wenn es Wasser aufnimmt … man nennt es Anhydrit … ebenfalls. Eine der besterhaltenen Gipskarstlandschaften der Welt liegt im Südharz … dort, wo Sachsen-Anhalt, Thüringen und Niedersachsen aneinandergrenzen. Auch in Spanien steht eine solche Fläche als Naturpark unter Schutz. Und noch schneller geht es beim Salz. Steinsalz löst sich besonders leicht … und darum schreitet Salzkarst besonders schnell voran. Bekannte Salzkarstflächen liegen in Israel und in Spanien. Sogar Sandstein und Quarzit können verkarsten … nur sehr langsam und sehr unauffällig.
Bekannt dafür sind Höhlen in Südafrika, ein Nationalpark in Australien, der zum Welterbe gehört, und die Tafelberge im Norden Südamerikas. Beim Sandstein läuft es anders als beim Kalk, und das ist der interessante Unterschied. Kalkstein ist innen fast dicht. Das Wasser kommt nur an den Klüften und an den Schichtgrenzen hinein … und löst von dort aus. Sandstein dagegen ist porös. Dort kann das Wasser überall im Stein wandern, zwischen allen Körnern. Man nennt das die innere Verkarstung. Zuerst löst sich das Bindemittel zwischen den Sandkörnern … und dann teilweise die Körner selbst. Und auch dort gibt es Sinter … nur eben aus anderen Stoffen. Gips-Tropfsteine zum Beispiel. Die sind selten und unauffällig.
Karst in den Alpen und weite Karstebenen
Aber sie beweisen dasselbe: Hier war Gestein gelöst, und hier ist es zurückgekommen. Nun kommen wir zurück in die Alpen, denn dort gibt es eine eigene Art von Karst. Man nennt sie Glaziokarst … oder alpinen Karst. Das sind Karstlandschaften der Hochgebirge, die während der Eiszeiten von Gletschern bedeckt waren. Man erkennt sie daran, dass beide Formensprachen zugleich da sind … die des Eises und die des Wassers. Typisch sind hohe Karstplateaus, steile Stufen und Treppen im Fels, und rundgeschliffene Buckel. Die Dolinen sind hier klein und flach, denn die Verkarstung ist jung … sie begann erst, als das Eis abschmolz. Und Quellen fehlen meist, weil das Wasser gleich in die Tiefe geht.
Solche Landschaften findest du in den Hochplateaus der Nördlichen Kalkalpen. Das Zugspitzplatt in Deutschland zum Beispiel. Oder das Steinerne Meer und der Untersberg. Und in einigen Hochgebirgen der Dinariden ebenfalls. In Österreich verkarstet vor allem der Dachsteinkalk. Der Hauptdolomit, der dort genauso häufig ist, bildet dagegen keine Karstlandschaften … Dolomit löst sich, wie gesagt, nur sehr langsam. Bei uns gibt es Karst außerdem in der Schwäbischen und in der Fränkischen Alb. Vom Jura habe ich vorhin schon erzählt. Zwei Landschaftsformen will ich noch nennen, weil sie große Flächen prägen. Die erste ist die Karstebene … auch Karstplateau genannt. Das ist eine große flache Oberfläche im Karst, entstanden durch Lösung und Abtragung … und auf ihr können sich dann wieder Senken und unterirdische Wege entwickeln.
Man findet solche Plateaus überall auf der Welt. Im Gebiet zwischen Dalmatien und der Herzegowina liegen mehrere Poljen stufenförmig übereinander, eines höher als das andere … dort spricht man von einer Poljentreppe. In Griechenland gibt es eine solche Ebene, ringsum von Bergen eingefasst. Im französischen Jura und in Südfrankreich gibt es weite Kalkplateaus. Und in Irland liegt der Burren … eine weite, helle Steinfläche. Die zweite Form ist keine Form, sondern ein Zustand. In manchen Karstlandschaften wächst gar nichts. Man nennt sie den Nackten Karst … Karst ohne Humusdecke und ohne Pflanzen. Im klassischen Dinarischen Karst gibt es solche Flächen. Und das liegt nicht an der Verkarstung selbst, wie man meinen könnte.
Die Kälte in den Mulden
Es liegt vor allem am Wind. Ein kalter, trockener Wind fällt dort vom Gebirge herab … man nennt ihn die Bora. Wo er regelmäßig geht, bleibt der Fels blank. Und jetzt kommt die Geschichte, die mir an diesem Thema die liebste ist. Sie handelt von der Kälte in einer Mulde. Karstlandschaften sind eigentlich wärmer als andere Landschaften. Das liegt am nackten Fels, der die Sonne aufnimmt, an der dünnen Erdschicht … und daran, dass Bäche fehlen, die kühlen könnten. In den Alpen ist eine Gegend mit Kalkstein im Untergrund wärmer als eine benachbarte mit anderem Gestein. Und trotzdem liegen genau in diesen warmen Landschaften die kältesten Stellen. Es sind die Dolinen und die Uvalas.
Der Grund ist ihre Form. Ihr Rand läuft ohne Lücke rings um sie herum, wie der Rand einer Schüssel. Nachts fließt kalte Luft sonst den Hang hinunter ins Tal, und von oben kommt neue Luft nach. In einer geschlossenen Mulde gibt es keinen Abfluss. Die Luft steht. Und in einer klaren Nacht strahlt der Boden seine Wärme in den offenen Himmel ab. Er kühlt aus, und mit ihm die Luft darüber. Kalte Luft ist schwer … also sinkt sie und bleibt liegen. So sammelt sich in der Mulde ein See aus Kaltluft. Diese Kaltluftseen werden in den Alpen seit den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts untersucht. Und die Zahlen, die dabei herauskommen, sind erstaunlich.
In einer Mulde in Österreich, die Grünloch heißt, wurde eine Tiefsttemperatur von unter minus zweiundfünfzig Grad gemessen. In Deutschland liegt die kälteste Stelle des Landes in einer solchen Mulde in den Berchtesgadener Alpen, am Funtensee. Dort waren es minus fünfundvierzig Komma acht Grad. Damit das so kalt wird, braucht die Mulde beides. Einen Rand, der ringsum geschlossen ist, damit die kalte Luft nicht abfließen kann. Und einen Rand, der niedrig genug bleibt, damit über der Mulde viel offener Himmel steht. Ihre Wände dürfen also nicht zu steil sein, und die Berge ringsum nicht zu hoch. Sonst gibt der Boden seine Wärme nicht los. Und diese Kälte hat eine Folge, die man sehen kann. Sie stellt die Pflanzenwelt auf den Kopf.
Normalerweise wird es mit der Höhe kälter. Unten Wald, höher nur noch Krummholz … also niedrige, verbogene Kiefern … und ganz oben Schnee. In solchen Frost-Dolinen ist es umgekehrt. Am tiefsten Punkt bleibt der Schnee am längsten liegen. Darüber wächst Krummholzkiefer. Darüber Fichtenwald. Und ganz oben am Rand steht Buchenwald … die wärmste Stufe. Man geht also aus einer Mulde hinauf und kommt dabei vom Winter in den Sommer. Am genauesten beschrieben hat man das im Nordwesten der Dinariden. Wie schnell so eine Landschaft eigentlich abgetragen wird, kann man messen. Man nennt das den Kalkabtrag … oder mit dem Fachwort: Karstdenudation. Man gibt ihn an, als sinke die Oberfläche langsam ab. In Millimetern pro Jahr … oder in Zentimetern pro zehntausend Jahre.
Schon diese Einheit sagt etwas über das Tempo. Gemessen wurde früher direkt an den Formen … zum Beispiel an der Tiefe von Karren. In Gebieten, die einst vergletschert waren, bezieht man das auf die letzten zehntausend Jahre … also auf die Zeit seit dem Abschmelzen des Eises. Heute geht man meist einen anderen Weg. Man misst, wie viel Kalk im Wasser einer Quelle oder eines Bachs steckt … und rechnet zurück, wie viel Stein verschwunden ist. Man wiegt also die Landschaft, indem man ihr Wasser prüft. Zum Schluss noch drei Dinge, die zeigen, wie sehr diese Landschaft mit den Menschen zu tun hat. Das erste ist das Wasser … und zwar sein Fehlen.
Der Karst und die Menschen
Weil im Karst so wenig oben bleibt, ist die Trinkwasserversorgung dort besonders schwierig und aufwendig. Angebaut wurde traditionell auf den kleinen fruchtbaren Böden in den Dolinen … und in größerem Umfang in den Poljen. Auf den Hochflächen des Mittelmeerraums war die Weidewirtschaft mit wandernden Herden über Jahrhunderte die Nutzung, die am besten dazu passte. Das zweite ist der Stein selbst. Die Kalksteine aus den Karstgebieten bei Triest, in den angrenzenden slowenischen Landesteilen und in Istrien sind so fest und so gleichmäßig, dass man sie weit über die Gegend hinaus zum Bauen holte. Gehandelt werden sie seit der römischen Zeit … und seit dem neunzehnten Jahrhundert nennt man sie Karstmarmore. Und das dritte gefällt mir besonders, weil es niemand geplant hat.
In Puerto Rico hat man eine natürliche Mulde benutzt … ein Cockpit, wie du sie von Jamaika kennst … um eines der größten Radioteleskope der Welt hineinzubauen. Und auch das Radioteleskop mit der größten Fläche der Welt, in einer Provinz im Süden Chinas, steht in einem Karstgebiet. Eine Schale, die das Wasser über Jahrtausende ausgelöst hat … und in der heute jemand dem Himmel zuhört. Eine letzte Sache, die ich schön finde. Der Kalk in all diesen Gesteinen ist der größte Kohlenstoffspeicher der Erde. Das Gas, mit dem das Wasser ganz am Anfang gearbeitet hat … liegt hier als Stein. Alles, was du hier siehst, ist ein Speicher. Und seit dem Jahr zweitausendfünfundzwanzig hat der Karst sogar einen eigenen Tag.
Die UNESCO hat den dreizehnten September zum Internationalen Tag für Höhlen und Karst erklärt. Komm jetzt mit zurück auf die Hochfläche. Der Fels ist noch warm. Die Rinnen laufen alle in dieselbe Richtung. Nicht weit von dir liegt eine flache runde Mulde in der Wiese … eine Doline. Und in dieser Mulde steht jetzt, in dieser klaren Nacht, die Luft still und wird langsam kälter als überall sonst. Unter dir ist der Fels nicht massiv. Er ist voller Gänge. Irgendwo dort unten läuft Wasser, das heute Morgen noch Regen war. Es nimmt Kalk mit. Ein wenig. So wenig, dass man es in Millimetern pro Jahr angibt. Und irgendwo weiter unten gibt es ihn wieder ab … Tropfen für Tropfen, an eine Spitze, die von der Decke hängt.
Das Wasser geht nach innen. Es macht keinen Lärm dabei. Es sucht die Klüfte, es folgt den Rissen, es findet immer den Weg nach unten. Und es hat Zeit. Sehr viel Zeit. Was hier oben trocken aussieht, ist nur die Oberfläche von etwas Nassem. Der ganze Fels ist an der Arbeit … und man hört nichts davon. Das Wasser geht nach innen. Der Fels bleibt liegen und wird ein wenig weniger. Die Rinnen werden ein wenig tiefer. Die Mulde wird ein wenig weiter. Und in der Höhle wächst ein Tropfstein … so langsam, dass man ihm nicht dabei zusehen kann. Nichts davon musst du dir merken. Nichts davon geschieht heute Nacht.
Es geschieht einfach weiter. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.
Quelle und Lizenz
Dieser Text beruht auf dem Wikipedia-Artikel «Karst». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.
Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.