Gute Nacht mit Fridolin – zur Startseite

Folge 28 · 20. August 2026 · 43 Minuten

Wie Papier entsteht

Fridolin sitzt über den Wolken und hält ein hölzernes Schöpfsieb mit einem frisch geschöpften Blatt Papier.

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht

Millionen feiner Pflanzenfasern schwimmen im Wasser, bis ein Sieb sie einsammelt – mehr braucht es im Kern nicht für ein Blatt Papier. Diese Einschlafgeschichte für Erwachsene folgt dem Papier von seiner Erfindung am chinesischen Kaiserhof bis in die alten Mühlen an den Bächen, wo eisenbeschlagene Hämmer Lumpen zu Faserbrei stampften.

Um das Jahr 105 beschrieb der Hofbeamte Cai Lun als Erster das Verfahren. Die erste deutsche Papiermühle entstand kurz vor 1400 bei Nürnberg, Basel schöpfte vor knapp sechshundert Jahren – und normales Schreibpapier wiegt bis heute achtzig Gramm je Quadratmeter. Eine Papierfaser übersteht den Weg durchs Recycling etwa fünf- bis sechsmal.

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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte

4.578 Wörter · rund 23 Minuten zum Lesen, Mitlesen oder Vorlesen

Stell dir eine alte Mühle vor … draußen am Rand eines Dorfes. Sie steht an einem Bach … und das Wasser des Bachs dreht ein großes Rad aus Holz. Es ist Nacht geworden. Drinnen in der Mühle ist es warm. Es riecht nach feuchtem Holz … und nach nassem Leinen. In der Mitte des Raums steht ein breiter Bottich … bis zum Rand gefüllt mit Wasser. Und in diesem Wasser schwimmen Fasern … winzige, helle Pflanzenfasern … viele Millionen davon. Ein Mann taucht ein flaches Sieb in den Bottich … hebt es langsam an … und wartet. Das Wasser läuft ab … und ein Blatt bleibt zurück.

Von diesem Blatt möchte ich dir heute erzählen. Vom Papier. Papier ist ein flacher Werkstoff … und er besteht fast ganz aus Pflanzenfasern. Die Fasern werden in Wasser eingeweicht … voneinander getrennt … und auf ein Sieb gebracht. Dort verschlingen sie sich ineinander … so wie sich Wollhaare zu einem Filz verschlingen. Dann läuft das Wasser ab … das Blatt wird gepresst … und getrocknet. Mehr ist es im Kern nicht. Fasern … Wasser … ein Sieb. Und doch gibt es heute rund dreitausend verschiedene Papiersorten. Papier zum Schreiben und Drucken … Papier zum Verpacken … weiches Papier für Taschentücher … und viele besondere Papiere … zum Beispiel das Papier für Teebeutel … oder für Geldscheine.

Was vor dem Papier kam

Bevor es das Papier gab … haben die Menschen auf viele andere Dinge geschrieben. Die Sumerer … ein Volk vor mehr als fünftausend Jahren … drückten ihre Schrift in weiche Tafeln aus Ton. Ihre Schrift bestand aus kleinen Keilen … darum heißt sie Keilschrift. In Ägypten wuchs am Ufer des Nils eine hohe Schilfpflanze … der Papyrus. Aus ihren Stängeln machten die Menschen Schreibblätter. Sie schlugen die Stängel flach … legten sie über Kreuz … pressten sie … und klebten die Lagen zusammen. Geschrieben wurde darauf mit einem Pinsel aus Binsen … mit schwarzer und mit roter Farbe. Vom Papyrus hat unser Papier seinen Namen. Papyrus … Papier.

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Papyrus klingt wie Papier … aber es ist keines. Denn beim Papyrus bleiben die Stängel ganz … sie werden nur flachgedrückt und verklebt. Beim Papier dagegen werden die Fasern zuerst voneinander gelöst … einzeln … im Wasser. Erst das Sieb sammelt sie wieder ein … und macht aus ihnen ein neues, ebenes Blatt. Das ist der ganze Unterschied … und er ist die eigentliche Erfindung. Die Römer schrieben auch auf Tafeln aus Wachs. Mit einem spitzen Griffel ritzten sie die Worte hinein. Und wenn die Tafel voll war … strichen sie das Wachs glatt … und schrieben von vorn. Später schrieb man in Europa auf Pergament. Pergament wird aus Tierhäuten gemacht … es ist glatt, fest und sehr haltbar. Aber es war kostbar … und es blieb kostbar.

Die Erfindung in China

Das Papier selbst … wurde in China erfunden. Vor fast zweitausend Jahren lebte dort ein Beamter am Kaiserhof … sein Name war Cai Lun. Um das Jahr einhundertfünf beschrieb er als Erster … wie man Papier macht. Die Papiermacher nahmen damals, was da war. Hanf … alte Lumpen … sogar alte Fischernetze. Dazu den Bast des Maulbeerbaums … das ist die weiche Schicht unter seiner Rinde. All das wurde zerstampft … gekocht … und gewässert … bis nur noch ein weicher Brei aus Fasern übrig war. Dann tauchte man ein Sieb in den Brei … schöpfte eine dünne Lage ab … und ließ sie trocknen. Das Wasser läuft ab … und ein Blatt bleibt zurück.

Dass es gerade der Maulbeerbaum war … hat einen einfachen Grund. In China lebte die Raupe des Seidenspinners von den Blättern des Maulbeerbaums. Darum standen diese Bäume überall im Land. Der Bast der Maulbeerbäume war ein Nebenprodukt … er war einfach da … und er hatte lange, zähe Fasern. So wurde das Papier von Anfang an aus dem gemacht … was übrig war. Aus Resten … aus Lumpen … aus Rinde. Das ist ein schöner Gedanke … und er begleitet das Papier bis heute.

In China bekam das Papier schnell viele Aufgaben. Schon früh gab es dort Papiertaschentücher. Später bekam das Papier einen dünnen Überzug aus Stärke … damit die Tusche nicht verläuft. Diesen Überzug nennt man Leimung … du hörst dieses Wort heute noch einmal. Und das Papier wurde sogar zu Geld. Einem chinesischen Kaiser fehlte das Kupfer für seine Münzen. Da ließ er Geld aus Papier ausgeben … die ersten Geldscheine der Welt. Viele hundert Jahre später reiste ein Kaufmann aus Venedig durch China … Marco Polo. Er staunte darüber … wie überall mit Papier bezahlt wurde … und schrieb es in sein Reisebuch. Auch weiches Papier für jeden Tag gab es in China früh. Schon im sechsten Jahrhundert wurde dort Toilettenpapier gemacht … aus dem billigsten Rohstoff, den es gab … aus Reisstroh. Und für die kaiserliche Familie gab es davon eine eigene, feinere Sorte. Sie war hellgelb … weich … und parfümiert. Selbst darin steckte also schon der Gedanke … dass Papier sich nach seiner Aufgabe richtet.

Auch das Schöpfsieb wurde in Asien immer besser. Bei den frühen Sieben war der Siebboden fest mit dem Rahmen verbunden. Jedes Blatt musste darum im Sieb trocknen … erst dann konnte man es herausnehmen. Für jedes Blatt brauchte es ein eigenes Sieb … das war langsam. Dann kam ein neues Sieb … aus ihm ließ sich das frische Blatt gleich feucht herausheben … und zum Trocknen auslegen. Das Sieb war sofort wieder frei … für das nächste Blatt. Genau so arbeiten Menschen, die Papier von Hand schöpfen … bis heute. In Japan gaben die Papiermacher noch etwas in den Faserbrei … einen Schleim aus Pflanzen. Er hielt die Fasern in der Schwebe … sie verteilten sich gleichmäßig … ohne Klümpchen. So entstand das berühmte Japanpapier … dünn … weich … und gleichmäßig wie ein Hauch.

Die Reise nach Westen

Von China wanderte das Papier langsam nach Westen. Eine wichtige Station war Samarkand … eine alte Handelsstadt an der Seidenstraße. Dort wurde Papier aus Flachs und Hanf gemacht … dünn und glatt. An einem Fluss bei der Stadt standen viele Papiermühlen … bis zu vierhundert sollen es gewesen sein. Ihre Räder drehte das Wasser. Und das Papier aus Samarkand wurde berühmt … es war fein … und es war viel billiger als Pergament. Auch in Bagdad wurde bald Papier gemacht. Die Läden, die dort Papier verkauften … waren zugleich Treffpunkte für Lehrer und Schriftsteller. Wo das Papier hinkam … kamen die Bücher gleich mit. Die arabischen Papiermacher entwickelten die Technik auf ihre eigene Weise weiter. Sie mischten Lumpen und alte Stricke … zerfaserten sie … und weichten sie in Kalkwasser ein. Den fertigen Faserbrei strichen sie dünn an eine Wand … dort trocknete er zu einem Blatt. Danach wurde das Blatt mit einer Stärkemischung glattgerieben … und in Reiswasser getaucht … um die feinen Poren zu schließen. So wurde es glatt genug für die geschwungene arabische Schrift. Aus dieser Zeit stammt auch ein Wort, das es noch heute gibt. Fünfhundert Bogen Papier waren ein Bündel … auf Arabisch «rizma». Daraus wurde unser Wort «Ries» … so nennt der Papierhandel dieses Maß bis heute.

Nach Europa kam das Papier über Spanien. In der Nähe von Valencia gab es schon vor gut achthundertfünfzig Jahren blühende Papierwerkstätten. Aus dieser Zeit ist ein besonderes Buch erhalten … ein Messbuch … das Missale von Silos. Es gilt als das älteste erhaltene christliche Buch aus handgeschöpftem Papier. Es liegt noch heute in Spanien … in der Bibliothek eines Klosters … und ruht dort in seinem Regal. Das Wasser läuft ab … und ein Blatt bleibt zurück.

Auch in Europa half das Wasser mit. Die Papiermacher bauten ihre Werkstätten an Bäche und Flüsse … als Mühlen. Das Wasserrad trieb schwere Stampfwerke an … eisenbeschlagene Hämmer, die auf und nieder gingen. Sie zerstampften die Lumpen zu Faserbrei … Stunde um Stunde … Schlag um Schlag. Solche Papiermühlen sind seit dem späten Mittelalter bezeugt. Neu war auch das Sieb … es bekam ein feines Geflecht aus Metalldraht. Und mit dem Drahtsieb kam eine Erfindung aus Italien, die man erst gegen das Licht sieht … das Wasserzeichen. Dafür wird ein kleines Muster aus Draht auf dem Sieb befestigt. Wo das Muster liegt … lagern sich weniger Fasern ab … dort bleibt das Papier ein wenig dünner. Hältst du das Blatt gegen das Licht … erscheint das Muster … hell und zart … wie ein Geheimnis.

Das Papier wurde besser … und es wurde günstiger. Und genau das kam einem Mann zugute, dessen Name bis heute bekannt ist … Johannes Gutenberg. Er erfand um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts den modernen Buchdruck. Gedruckt wurde auf Papier … denn Papier war viel billiger als Pergament. Das feine Papier zu erschwinglichen Preisen … trug wesentlich zum Erfolg des Buchdrucks bei. Von da an trat das Pergament langsam zurück. Ganz verschwunden ist es lange nicht. Erst im siebzehnten Jahrhundert hatte das Papier es weitgehend verdrängt … und für besonders kostbare Schriftstücke blieb das Pergament sogar noch länger in Gebrauch. Aber der Alltag der Schrift … gehörte nun dem Papier. Briefe … Rechnungen … Bücher … Verwaltung. Was gedacht und gezählt wurde … fand auf Papier seinen Platz.

Mühlen von Nürnberg bis Basel

Fast jeder Papiermacher hatte sein eigenes Wasserzeichen. Es war seine Unterschrift … mitten im Blatt. Die erste deutsche Papiermühle entstand vor dem Jahr vierzehnhundert … bei Nürnberg. Ein Ratsherr und Kaufmann namens Ulman Stromer hatte die Papierkunst auf Reisen in Italien kennengelernt. Zu Hause baute er eine Mühle mit Wasserrädern und achtzehn Stampfen. Seine Mitarbeiter mussten einen Eid ablegen … die Kunst des Papiermachens geheim zu halten. So wertvoll war dieses Wissen damals. Bald gab es viele Mühlen. In Ravensburg … im Süden Deutschlands … arbeiteten zeitweise bis zu sieben Papiermühlen. Sie schöpften zusammen etwa neuntausend Ries im Jahr … das sind gut viereinhalb Millionen Blatt.

Auch in der Schweiz begann das Papier früh. In Basel entstand die erste Papiermühle vor knapp sechshundert Jahren … in einer alten Mühle vor den Toren der Stadt. Später arbeiteten mehrere Mühlen in einem stillen Tal innerhalb der Stadtmauern … dem Sankt-Alban-Tal. Die Basler Papiermacher hatten schöne Wasserzeichen. Ein halbes Hufeisen … einen Ochsenkopf … einen kleinen gotischen Buchstaben. Und ihr Papier reiste weit. Es wurde in Frankfurt benutzt und in Lübeck … in Zürich und in Kopenhagen … in London … und sogar in Moskau. In Basel selbst wuchs der Bedarf gleich mit. Die Stadt bekam eine Universität … und wenig später brachte ein Geselle Gutenbergs den Buchdruck nach Basel. Wo studiert und gedruckt wird … da braucht es Papier … jeden Tag. In einer dieser alten Mühlen in Basel ist heute ein Museum. Dort kannst du zusehen, wie Papier von Hand geschöpft wird … genau wie damals.

Wie sah sie aus … die Arbeit in so einer Mühle. In der Werkstatt stand ein großer Bottich … die Papiermacher nannten ihn die Bütte. Darin schwamm der fertige Faserbrei … dünn wie eine trübe Suppe. Der Schöpfer tauchte sein Sieb hinein … ein flaches Sieb aus feinem Kupferdraht … mit einem Rahmen rundherum. Er hob es waagrecht an … schüttelte es sanft … und die Fasern legten sich übereinander. Das Wasser läuft ab … und ein Blatt bleibt zurück. Neben dem Schöpfer stand ein zweiter Mann … der Gautscher. Er drückte das frische, nasse Blatt vom Sieb auf einen Filz. So konnte der Schöpfer sofort das nächste Blatt schöpfen … Blatt um Blatt … im ruhigen Takt. Getrocknet wurde oben im Haus … auf Speichern und Dachböden. Dort hingen die Bogen in langen Reihen … und die Luft strich langsam hindurch.

Wenn das Papier trocken war … wurde es gepresst … geglättet … sortiert … und gezählt. Sollte es ein Schreibpapier werden … kam noch ein Bad. Das Blatt wurde in Leim getaucht … in eine dünne, klebrige Lösung … und wieder getrocknet. Der Leim schließt die winzigen Poren des Papiers. Ohne ihn würde die Tinte auseinanderlaufen … wie auf einem Löschblatt. Mit ihm bleibt jeder Strich, wo er hingehört. Von den alten Papiermachern weiß man heute noch erstaunlich viel. In Leipzig … in einem Museum für Buch und Schrift … gibt es eine große Kartei. Mehr als achttausend Papiermacher sind darin verzeichnet … mit ihren Mühlen … und mit ihren Familien. Viele fand man über ihre Wasserzeichen wieder … die verborgenen Unterschriften im Papier.

Vom Holländer zum Holzschliff

Mit der Zeit bekamen die Stampfwerke in den Mühlen einen Nachfolger. Um das Jahr sechzehnhundertsiebzig kam eine neue Maschine auf … man nannte sie den Holländer. Die alten Hämmer hatten die Lumpen nur zerschlagen. Der Holländer schneidet und schlägt zugleich … mit einer schnellen Drehung … und der Faserstoff läuft dabei immer wieder durch die Maschine. So war der Brei viel schneller fertig als unter den alten Hämmern. Und die Maschine konnte viel mehr Stoff auf einmal fassen … ein Mehrfaches von dem, was in ein Stampfwerk passte. In den deutschen Papiermühlen stand der Holländer ab dem frühen achtzehnten Jahrhundert fast überall … und drehte dort Tag für Tag seine Runden.

Eines aber wurde mit den Jahren knapp … der Rohstoff. Papier wurde damals aus Hadern gemacht … so nannte man Lumpen … alte Kleider … abgenutztes Leinen. Lumpensammler zogen über Land … und brachten den Mühlen ihre Säcke. Doch je mehr geschrieben und gedruckt wurde … desto knapper wurden die Lumpen. Also begannen die Menschen zu suchen … woraus man sonst noch Papier machen könnte. Ein Mann namens Jacob Christian Schäffer probierte im achtzehnten Jahrhundert beinahe alles aus. Er machte Versuche mit Moos … mit Flechten und Hopfen … mit Disteln … mit Stroh … mit Brennnesseln … mit Tannenzapfen … sogar mit Maiglöckchen und mit Sägespänen. Er beschrieb seine Versuche in sechs Bänden … und legte Musterblätter hinein. Richtig gutes Papier ergab das alles noch nicht. Aber die Richtung stimmte … die Antwort stand längst im Wald.

Ein Professor aus Göttingen hatte noch eine andere Idee … eine sehr moderne. Er beschrieb, wie man aus bedrucktem Papier wieder neues Papier machen kann. Man müsse nur die Druckfarbe auswaschen … schrieb er … dann könne man die Fasern noch einmal verwenden. Das war vor rund zweihundertfünfzig Jahren … und es war der Anfang des Altpapiers. Auch dazu kommen wir heute noch einmal zurück.

Die große Wende kam dann mit dem Holz. Ein Mann namens Friedrich Gottlob Keller fand um das Jahr achtzehnhundertdreiundvierzig ein neues Verfahren. Er presste Holz gegen einen nassen, sich drehenden Schleifstein … und rieb es zu feinen Fasern. Holzschliff nannte man diesen Stoff. Zwei Jahre später ließ Keller ein kleines Wochenblatt auf seinem neuen Papier drucken … zur Probe. Es funktionierte. Andere entwickelten das Verfahren weiter … und bauten Maschinen dafür. Bald standen in Deutschland hunderte Holzschleifereien … um das Jahr achtzehnhundertneunundsiebzig waren es rund dreihundertvierzig. Die älteste erhaltene Holzschleiferei steht übrigens in Finnland … eine Fabrik aus dem Jahr achtzehnhundertzweiundachtzig. Sie gehört heute zum Weltkulturerbe. Und auch Österreich kommt in dieser Geschichte vor. Auf der Wiener Weltausstellung … im Jahr achtzehnhundertdreiundsiebzig … wurde ein neues Schliffverfahren vorgestellt. Dabei wird das Holz vor dem Schleifen gedämpft … das ergibt den sogenannten Braunschliff … einen bräunlichen, zähen Papierstoff.

Aus dem Holz wurde das Papier für alle. Zeitungen … Bücher … Hefte … all das wurde nun billig und reichlich. Und schon einige Jahrzehnte zuvor hatte das Papier noch etwas gelernt … es lernte, am Stück zu entstehen. Ein Franzose erhielt kurz vor dem Jahr achtzehnhundert ein Patent auf eine Papiermaschine. Bei ihr wird der Faserbrei nicht mehr Blatt für Blatt geschöpft … sondern in einem dünnen Strahl auf ein Sieb gegossen, das sich dreht … ein Sieb ohne Ende. Aus dem einzelnen Blatt wurde eine Bahn … eine lange, ununterbrochene Bahn aus Papier.

Wie die Papiermaschine arbeitet

So arbeiten die Papiermaschinen im Grunde noch heute. Am Anfang der Maschine fließt der Papierbrei auf … neunundneunzig von hundert Teilen sind Wasser. Auf dem laufenden Sieb legen sich die Fasern aneinander … und das meiste Wasser tropft einfach ab. Dann übernimmt ein Filz die junge, weiche Bahn. Walzen pressen sie aus … sanft und fest zugleich. Danach läuft die Bahn über viele warme Zylinder … die mit Dampf beheizt sind … und wird trocken. Ganz am Ende wird sie geglättet … und aufgerollt. Auffließen … entwässern … pressen … trocknen … aufrollen. Es ist derselbe alte Weg wie in der Mühle … nur ohne Anfang und ohne Ende. Eines nimmt das Papier dabei aus der Maschine mit. Auf dem laufenden Sieb legen sich die Fasern ein wenig in die Laufrichtung … so wie Gräser sich in einen Bach legen. Darum hat Maschinenpapier eine Richtung … längs verhält es sich anders als quer … fast so, wie Holz eine Maserung hat. Beim Papier aus der Handschöpferei ist das anders. Dort liegen die Fasern kreuz und quer … ohne bevorzugte Richtung. Das Blatt ist nach allen Seiten gleich … ein kleines Zeichen der Handarbeit. Moderne Papiermaschinen sind dabei erstaunlich schnell. Die Bahn ist bei manchen mehr als zehn Meter breit … und sie läuft mit bis zu zweitausend Metern in der Minute durch die Maschine. Aber im Kern geschieht … was immer geschah. Das Wasser läuft ab … und ein Blatt bleibt zurück.

Schauen wir noch einmal ganz nah hin … in das Blatt hinein. Die Fasern im Papier bestehen aus Cellulose. Cellulose ist der Stoff, aus dem die Wände fast aller Pflanzenzellen gebaut sind … das Gerüst der Pflanzen. Für das Papier kommt sie heute vor allem aus dem Holz. Fasern aus Nadelbäumen … aus Fichte, Tanne, Kiefer und Lärche … sind lang … einige Millimeter. Fasern aus Laubbäumen sind kürzer … etwa einen Millimeter. Lange Fasern verfilzen leichter … sie geben dem Papier Festigkeit. Kurze Fasern machen es fein und glatt. Die Papiermacher mischen beides … je nachdem, was das Papier können soll.

Nur … die Cellulose liegt im Holz nicht allein. Holz besteht ungefähr zur Hälfte aus Cellulose. Der Rest ist vor allem Lignin … das ist der Stoff, der das Holz hart und steif macht … sein Kitt. Für feines, weißes Papier muss dieser Kitt heraus. Dafür werden Holzschnitzel viele Stunden lang gekocht … zwölf Stunden … fünfzehn Stunden … zusammen mit Chemikalien, die den Kitt lösen. Das Lignin löst sich heraus … und übrig bleiben die reinen Fasern … der Zellstoff. Beim einfachen Holzschliff dagegen … dem geriebenen Holz vom Schleifstein … bleibt das Lignin im Papier. Solches Papier ist billig … aber das Lignin verändert sich mit der Zeit an der Luft. Darum wird eine alte Zeitung mit den Jahren gelb … während Papier ohne Lignin hell bleibt … über viele Jahrzehnte. Wenn du das nächste Mal eine vergilbte Zeitung siehst … weißt du nun, was da arbeitet. Es ist das alte Holz … das sich zurückmeldet.

Auch das Mahlen der Fasern hat seine eigene, feine Kunst. Die Papiermacher können die Fasern schneiden … das nennen sie eine rösche Mahlung. Oder sie können sie quetschen … das heißt dann schmierige Mahlung. Geschnittene Fasern ergeben weiches, saugfähiges Papier … zum Beispiel Löschpapier. Gequetschte Fasern fransen an den Enden aus … sie verhaken sich fester … und ergeben harte, feste Papiere … für Urkunden zum Beispiel. Und die alten Hadern … die Lumpen aus Leinen … sind übrigens nie ganz verschwunden. Aus ihnen macht man bis heute besonders beanspruchte Papiere … das Papier für Geldscheine etwa … für Briefmarken … und feines Papier für Aquarelle. Das Kostbarste im Papierreich … kommt immer noch aus dem Lumpensack.

Füllstoffe, Gewichte und zwei Gesichter

Und noch etwas steckt im Papier … Füllstoffe. Das sind feinst gemahlene Mineralien … zum Beispiel Kreide … Kalkstein … oder sogar Marmor. Bis zu dreißig Prozent eines Papiers können aus solchen Füllstoffen bestehen. Sie legen sich in die Zwischenräume zwischen den Fasern. Sie machen das Papier weicher … geschmeidiger … und die Oberfläche glatt. Mit den Zutaten lässt sich das Papier fein einstellen … auf jede Aufgabe. Es gibt ein Papier für Theaterprogramme … es bekommt besonders viel Füllstoff und lange Fasern … damit es nicht raschelt, wenn im dunklen Saal jemand umblättert. Ein leises Papier … für einen leisen Ort.

Ein paar Zahlen zum Papier sind schön zu wissen … weil sie so alltäglich sind. Normales Schreibpapier wiegt achtzig Gramm je Quadratmeter. Ein einzelnes Blatt … so groß wie ein Briefbogen … wiegt damit ungefähr fünf Gramm. Drei solche Blätter und ein Umschlag … bleiben zusammen knapp unter zwanzig Gramm. Genau das ist die Grenze für einen einfachen Brief. Hinter der Briefmarke für den Standardbrief … steckt also eine kleine Rechnung mit Papiergewichten. Tausend Blatt wiegen fünf Kilogramm. Und zweihunderttausend Blatt … wiegen zusammen ungefähr eine Tonne. Ein einzelnes Blatt ist dabei ungefähr einen zehntel Millimeter dick. Zehn Blätter aufeinander … ein Millimeter Papier. Jedes Blatt hat übrigens zwei Gesichter. Die eine Seite lag beim Entstehen auf dem Sieb … sie ist etwas rauer … man nennt sie die Siebseite. Die andere Seite lag oben … sie ist glatter … die Schönseite. Meist spürst du den Unterschied nicht. Aber er ist da … in jedem Blatt … eine kleine Erinnerung an das Sieb, auf dem es geboren wurde. Und Papier lebt ein wenig mit der Luft. Ist die Luft feucht … nimmt es Feuchtigkeit auf. Ist sie trocken … gibt es sie wieder ab. Ganz still passt es sich an … wie ein Blatt am Baum.

Weil das so ist … hat auch das Prüfen von Papier seine eigene Ruhe. Wer die Festigkeit eines Papiers messen will … darf es nicht einfach aus dem Lager holen. Die Prüfer bringen das Papier zuerst in einen Klimaraum. Dort herrschen immer dieselben Bedingungen … dreiundzwanzig Grad … und eine mittlere Luftfeuchte. Und in diesem Raum darf das Papier erst einmal liegen … einen ganzen Tag lang. Es ruht … und gewöhnt sich an die Luft. Erst dann wird gemessen. Zum Beispiel die Zugfestigkeit. Dafür wird ein schmaler Papierstreifen eingespannt … und ganz langsam auseinandergezogen … bis er nachgibt. Ein Gerät zeichnet dabei auf … wie viel Kraft der Streifen ausgehalten hat. Meist werden zehn Streifen geprüft … fünf längs … fünf quer. Auch hier ist sie also wieder … die Laufrichtung.

Altpapier und der Kreislauf der Fasern

Vieles von dem, was du heute in den Händen hältst … war übrigens schon einmal Papier. Altpapier ist in Europa längst die wichtigste Rohstoffquelle für neues Papier. In Deutschland steckten im Jahr zweitausendneunzehn in einer Tonne neuem Papier … im Durchschnitt achtundsiebzig Prozent Altpapier. Das Altpapier wird in einer großen Wanne mit viel Wasser aufgelöst. Ein Rührwerk dreht sich darin … langsam und stetig … bis sich die Fasern wieder voneinander lösen. Auch die alte Druckfarbe geht dabei nicht verloren … sie wird ausgewaschen. Man gibt Seifen in den Faserbrei … und bläst feine Luft hinein. An den Bläschen sammelt sich die Farbe … steigt als Schaum nach oben … und wird abgeschöpft. Zurück bleiben helle Fasern … bereit für ein neues Blatt. Eine Papierfaser kann diesen Weg etwa fünf- bis sechsmal gehen … dann ist sie zu kurz geworden … und darf ausruhen.

Zwei Dinge braucht das Papier bis heute in großen Mengen … Holz … und Wasser. Vom Holz, das weltweit geschlagen wird … wird ungefähr ein Fünftel zu Papier. In Europa kommt dieses Holz seit Jahrhunderten aus bewirtschafteten Wäldern … und vieles davon fällt ohnehin an … beim Durchforsten … oder als Reste aus den Sägewerken. Und das Wasser … das alte Element der Papiermacher … wird immer sorgsamer genutzt. Vor fünfzig Jahren hinterließ ein Kilogramm Papier noch fast fünfzig Liter Abwasser. Heute sind es nur noch etwa sieben Liter. Das Wasser läuft ab … und ein Blatt bleibt zurück. Aber es läuft im Kreis … wieder und wieder … durch dieselbe Fabrik.

Was kann Papier heute alles sein. Es trägt Bücher und Briefe … es verpackt Geschenke und Pakete … es liegt als Serviette neben dem Teller. Das stärkste Papier von allen heißt Kraftpapier. Es besteht fast ganz aus langen Nadelholzfasern … und hält deshalb sehr viel aus. Aus ihm werden große Papiersäcke gemacht … zum Beispiel für Mehl oder für Zement. Ganz anders die weichen Papiere … Taschentücher … Servietten … Küchenrollen. Sie entstehen auf eigenen Maschinen … an einem einzigen, riesigen Trockenzylinder … einer warmen Walze von vier bis fünf Metern Durchmesser. Für Maler gibt es Aquarellpapier … dick und schwer … damit es das Wasser der Farben tragen kann. Ein Blatt davon kann zehnmal schwerer sein als ein Blatt Schreibpapier.

Scherenschnitt, Drachen und Papier aus Elefantendung

Auch die Kunst hat das Papier für sich entdeckt … und zwar nicht nur als Untergrund. Beim Scherenschnitt entsteht das Bild aus dem Papier selbst … aus den Umrissen eines kunstvoll zugeschnittenen Blattes. Beim Origami wird ein einziges Blatt nur gefaltet … Falz um Falz … bis daraus eine kleine Figur geworden ist. In Berlin gibt es seit ein paar Jahren sogar ein eigenes Museum für Papierkunst. Ein ganzes Haus … voller Dinge aus dem stillsten aller Werkstoffe. Aus Papier lassen sich sogar Figuren formen. Man rührt zerkleinertes Papier mit Bindemittel und Kreide zu einer Masse an … dem Pappmaché. Vor rund zweihundertfünfzig Jahren wurden daraus Verzierungen für Zimmerdecken gemacht … und Büsten … und ganze Statuen. Manche dieser Figuren wurden aus alten Akten geformt … aus Papier, das schon einmal beschrieben war … und schmückten dann ein Schloss.

Papier kann sogar aus dem Dung von Tieren entstehen. In kleinen Werkstätten wird zum Beispiel Elefantendung zu Papier verarbeitet. Das klingt erst einmal seltsam … aber es ist folgerichtig. Ein Elefant frisst viele Pflanzen … und verdaut ihre Fasern nur zum Teil. Im Dung steckt also noch reichlich Cellulose … und Cellulose ist alles, was das Papier braucht. Auch hier gilt wieder der alte Grundsatz des Papiers … aus Resten wird etwas Neues. In China steigen seit jeher Drachen aus Papier in den Himmel. Und der erste große Heißluftballon … vor fast zweihundertfünfzig Jahren in Frankreich … war aus Leinwand gebaut … und innen mit einer dünnen Schicht Papier abgedichtet. In Japan schließlich gehört das Papier bis heute zum Haus. Dort gibt es Raumteiler und Schiebewände … bespannt mit weißem Japanpapier. Das Licht fällt hindurch … weich und milchig … als käme es durch eine dünne Wolke.

Vielleicht liegt auf deinem Tisch gerade ein Blatt Papier. Ein Einkaufszettel … ein Brief … eine Seite in einem Buch. Wenn du es das nächste Mal in die Hand nimmst … weißt du, was es ist. Millionen winziger Fasern … die einmal im Wasser schwammen … und sich auf einem Sieb ineinandergelegt haben … zu einer ebenen, hellen Fläche. Vielleicht sind Fasern darin, die schon einmal ein Buch waren. Oder eine Zeitung … oder ein Karton. Das Blatt erzählt davon nichts. Es liegt nur da … und ist still.

Und nun gehen wir noch einmal zurück … in die alte Mühle am Bach. Es ist tief in der Nacht. Das Wasserrad dreht sich langsam … das Wasser plätschert … ruhig und gleichmäßig … in der Dunkelheit. Drinnen steht die Bütte … der Faserbrei ruht. Auf dem Dachboden hängen die Bogen von heute … Reihe um Reihe … und trocknen in der stillen Luft. Der Schöpfer hat sein Sieb an die Wand gelehnt. Morgen wird er es wieder eintauchen … und anheben … und warten. Das Wasser läuft ab … und ein Blatt bleibt zurück. So ist es seit fast zweitausend Jahren. Ein Sieb … ein wenig Geduld … und aus Resten wird etwas Neues. Das Rad dreht sich … der Bach fließt weiter. Die Blätter trocknen … eines nach dem anderen. Und ein Blatt bleibt zurück. Du musst dir nichts davon merken. Die Mühle steht am Bach … auch wenn du schläfst. Und du darfst jetzt schlafen. Lass den Tag los … so wie das Sieb das Wasser loslässt. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.

Quelle und Lizenz

Dieser Text beruht auf dem Wikipedia-Artikel «Papier». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.

Verwendete Fassungen: «Papier» Version 268417345, abgerufen am 2. August 2026.

Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.