Die Zither, ein Brett voller Saiten

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht
Eine Einschlafgeschichte für Erwachsene über die Zither. In einer Stube in den Bergen liegt ein flacher Kasten auf dem Tisch, über den viele Saiten gespannt sind. Man nimmt ihn nicht in den Arm, man beugt sich darüber. Fridolin erzählt, wie aus einem Brett mit Saiten über fünfhundert Jahre ein Konzertinstrument wurde.
Unterwegs kommen das Monochord mit seiner einen Saite vor, das Scheitholt mit Saiten aus Messing, Tierhaaren und gewachstem Flachs, und ein Schweizer, der sich als Junge Saiten auf eine Dachschindel zog. Dazu die Scherrzither, die im Allgäu beinahe ausgestorben wäre, ein Zithervirtuose aus Zistersdorf, der am Fuß der Pyramiden spielte, die fünf Griffbrettsaiten und siebenundzwanzig bis siebenunddreißig Freisaiten der Konzertzither und der Zitherring am rechten Daumen.
Einschlafgeschichten in deiner Lieblings-App hören
In deiner Podcast-App liegt sie am Abend schon bereit – auch offline.
Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte
Ein flacher Kasten auf dem Tisch
Stell dir eine Stube vor … einen kleinen Raum in einem Haus in den Bergen. In der Mitte steht ein Tisch aus Holz … die Platte ist hell und vom Wischen leicht rau. Es ist Abend geworden. Auf dem Tisch liegt etwas Flaches. Ein Kasten, nicht viel größer als ein Brett … und über seine ganze Länge sind Saiten gespannt. Das ist eine Zither. Man nimmt sie nicht in den Arm wie eine Gitarre. Man legt sie hin. Sie liegt vor dem Spieler wie ein Buch, das man aufgeschlagen hat. Und man beugt sich darüber. Ein Ton läuft über die Saiten. Und er klingt im Kasten nach. Der Kasten selbst ist die Hälfte des Instruments. Denn die Saiten allein wären kaum zu hören. Sie sind zu dünn und bewegen zu wenig Luft. Der Kasten darunter nimmt ihre Schwingung auf und macht sie größer. Man nennt ihn den Resonanzkörper. Genau daran erkennen die Fachleute eine Zither. Bei ihr trägt derselbe Körper die Saiten und verstärkt sie zugleich … oder der Körper ist angesetzt und lässt sich wieder abnehmen. Bei einer Laute und bei einer Harfe dagegen trägt ein eigenes Teil die Saiten … ein Hals oder ein Rahmen. Der Körper hängt nur daran und klingt mit.
Kithara, Cyther und eine hartnäckige Verwechslung
Das Wort selbst ist eine kleine Verwechslungsgeschichte. Es geht auf ein griechisches Wort zurück … auf Kithara. Im Deutschen taucht es im siebzehnten Jahrhundert auf, in den Formen Cyther und Zitter. Damals meinte es aber ein ganz anderes Instrument … die Cister, ein bauchiges Instrument mit Hals, das man in den Arm nimmt. Die Verwechslung hält bis heute an. Die Waldzither zum Beispiel ist gar keine Zither. Die Harzzither auch nicht. Und die Bergmannszither ebenso wenig. Alle drei sind Cistern. Ein Ton läuft über die Saiten. Und er klingt im Kasten nach. Der älteste Vorfahre ist gar kein Instrument gewesen, sondern ein Lehrgerät. Es heißt Monochord … das ist Griechisch und bedeutet einzelne Saite. Es besteht aus einem länglichen Resonanzkasten. Und darüber ist eine einzige Saite gespannt. Unter der Saite lässt sich ein Steg verschieben … also ein kleiner Sattel, der sie an einer Stelle abteilt.
Einschlafgeschichte weiterlesenDie restlichen 3.677 Wörter, Wort für Wort wie Fridolin es erzählt
Und damit kann man etwas zeigen, das mich immer noch erstaunt. Teilt man die Saite genau in der Mitte … klingt sie eine Oktave höher. Also derselbe Ton noch einmal, nur heller. Nimmt man zwei Drittel ihrer Länge … klingt sie eine Quinte höher. Und nimmt man drei Viertel … eine Quarte. Quinte und Quarte sind zwei kleinere Schritte, unterhalb der Oktave. Ganz einfache Verhältnisse also. Die Hälfte. Zwei Drittel. Drei Viertel. Und heraus kommen genau die Abstände, die uns angenehm klingen. Das Gerät hat noch einen zweiten Namen. Man nennt es auch Kanon. Das Wort bedeutet Maßstab. Ein Maßstab also. Nicht für Längen … sondern für Töne. Man hat damit jahrhundertelang unterrichtet. Im Altertum, um zu zeigen, wie Töne und Saitenlängen zusammenhängen. Und im Mittelalter in den Klöstern, wo Gelehrte die Saitenteilung beschrieben. Von einem griechischen Denker wird erzählt, er habe damit die Teilungsverhältnisse der Saiten erforscht. Und aus einer Handschrift aus dem zwölften Jahrhundert kennt man ein Bild, das mich rührt. Darauf sitzen zwei Männer an einem Monochord. Ein Mönch unterweist einen Bischof … an einer einzigen Saite.
Klangmöbel und der Hummelklang
Und dieses alte Lehrgerät gibt es heute noch. Nur ist es größer geworden. Man baut Monochorde inzwischen mit vielen Saiten … die alle auf denselben Ton gestimmt sind. Wenn man über sie streicht, klingen sie alle zugleich. Das ergibt einen sehr vollen Ton mit vielen Obertönen … also leisen höheren Tönen, die über dem Grundton mitschwingen. Solche Instrumente werden zur Begleitung von Meditationen verwendet … einfach weil ihr Klang als angenehm und beruhigend empfunden wird. Und der Kasten solcher Monochorde darf jede Form haben. Manche werden als Klangmöbel gebaut. Als Stühle. Als Liegen. Als Schalen. Oder als Röhren. Immer so, dass ein Mensch darauf oder darin Platz findet … sitzend oder liegend. Man liegt dann im Instrument, während jemand anderes die Saiten streicht.
Dieser Klang aus vielen gleich gestimmten Saiten ist übrigens sehr alt. Man kennt ihn seit Jahrhunderten von den Bordunzithern … das sind Zithern mit Saiten, die immer denselben Ton mitklingen lassen. Und er hat einen schönen Namen. Man nennt ihn den Hummelklang. Das Wort Bordun kommt nämlich aus dem Französischen … von bourdon. Und bourdon heißt Hummel. Ein Dauerton, der brummt wie eine Hummel im Zimmer. Später baute jemand über das alte Monochord mit der einen Saite eine Reihe von Tasten, mit denen sich diese Saite verkürzen ließ. Das nannte man ein Tastenmonochord. Und aus dem Tastenmonochord ging dann das Clavichord hervor … der frühe Vorfahre des Klaviers. In Europa gibt es noch einen zweiten Vorläufer der Zither. Das Scheitholt. Der Name kommt vom Brennholz. Scheitholt hieß ursprünglich in Scheite geschlagenes Holz. Man hat das Instrument wohl deshalb so genannt, weil es ähnlich aussah … ein langes, schmales Stück Holz. Im bayerisch-österreichischen Raum lässt es sich schon im vierzehnten Jahrhundert nachweisen. Woher es ursprünglich kam, weiß man nicht sicher. Mit großer Wahrscheinlichkeit stammt es aus Kleinasien oder aus dem Kaukasus … und kam im Zuge der Völkerwanderung nach Westen in den Alpenraum.
Es ist dann noch weiter gewandert, und dabei hat es überall andere Namen bekommen. In Frankreich heißt es Épinette des Vosges … benannt nach den Vogesen. Es kommt dort nur in einem winzigen Gebiet vor, in den südöstlichen Hochvogesen. Die meisten Franzosen kennen weder das Instrument noch seinen Namen. Man vermutet, dass es Bergleute, Köhler oder Glasmacher aus den Alpenländern dorthin gebracht haben. Und es ist sogar über das Meer gegangen und wieder zurückgekommen. In den Vereinigten Staaten wurde daraus der Appalachian Dulcimer. Seine geschwungene Sanduhrform ist seit achtzehnhundertsiebzig in Kentucky bekannt. Und von dort kam das Instrument später nach Europa zurück … und wurde hier wieder gespielt. In einigen Gegenden Norwegens gehört ein naher Verwandter, die Langeleik, bis heute zur Volksmusik.
Das Scheitholt war ein langer schmaler Holzkasten. Am Kopfende ein flaches Brett mit Wirbeln … also mit den Stiften, an denen die Saiten aufgezogen und gespannt werden. Darüber zunächst zwei oder drei Saiten. Später drei bis vier. Und diese Saiten waren aus dem, was da war. Aus Messing. Aber auch aus Tierhaaren … aus getrockneten Därmen … oder aus gewachstem Flachs. Ein Griffbrett im heutigen Sinn gab es nicht. Stattdessen waren unter den Saiten Drähte ins Holz eingelassen. Die dienten als Bünde … als Querstege, an denen der Finger die Saite abgreift und so ihre Länge bestimmt. Gespielt wurde es schon damals so, wie man heute eine Zither spielt. Man legte es waagerecht auf einen Tisch … oder auf die eigenen Oberschenkel. Die linke Hand fuhr mit einem Stöckchen die Saiten entlang. Und Daumen und Zeigefinger der rechten rissen sie an … mit einem Hörnchen, einem Holzstäbchen oder einem Gänsekiel. Einzelne Saiten wurden gar nicht gegriffen. Sie klangen immer gleich mit. Man nennt einen solchen mitklingenden Dauerton einen Bordun.
Ein Ton läuft über die Saiten. Und er klingt im Kasten nach. Und jetzt kommt die Stelle, die ich an diesem ganzen Thema am liebsten mag. Eine der frühesten Beschreibungen eines Zither-Instruments im Alpenraum stammt von einem Schweizer. Er hieß Thomas Platter und lebte von vierzehnhundertneunundneunzig bis fünfzehnhundertzweiundachtzig. Er berichtet, was er in seiner Jugend gemacht hat. Er hat sich Saiten auf eine Schindel gezogen. Eine Schindel. Also eines von diesen dünnen Holzbrettchen, mit denen man Dächer deckt. Darauf spannte er Saiten. Dann schob er ein Klötzchen darunter, einen Steg … damit die Saiten frei schwingen konnten. Und dann riss er sie mit den Fingern an. Mehr war es nicht. Ein Stück Dach, ein paar Saiten, ein Klötzchen. Und daraus ist über die Jahrhunderte ein Konzertinstrument geworden.
Etwa hundert Jahre nach ihm wurde ein solches Instrument in einem großen Buch über Musik beschrieben. Das war im Jahr sechzehnhundertneunzehn. Dort heißt es Scheit- oder Stückeholz. Und es gibt ein Instrument, das auf das Jahr sechzehnhundertfünfundsiebzig datiert ist und aus Brixen stammt. Es hat die Form eines langen Rechtecks. Zwei Spielsaiten und zwei Begleitsaiten. Und ein Griffbrett mit vierzehn Bünden. Man kann daran genau sehen, wie es weitergeht. Die Zahl der Saiten wächst. Ganz langsam. Erst gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts begann man ernsthaft, das Instrument zu verbessern. Und zwar an zwei Orten besonders. Im Salzburger Raum. Und in Mittenwald. Zwei Orte also, an denen daran gearbeitet wurde. Mittenwald ist bis heute einer der Namen, die man beim Instrumentenbau hört.
Die Scherrzither und eine zufällige Begegnung im Allgäu
Aus dem Scheitholt entstand um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts noch etwas anderes. Die Scherrzither. Sie heißt auch Kratzzither oder Schlagzither. Sie ist ein bäuerliches Instrument, und sie wird bis heute gespielt … im Allgäu, im Vorarlbergischen, in Tirol und in Oberbayern. Sie hat viele Namen. In Tirol heißt sie Raffele. In Vorarlberg Zwecklzither. Und im Werdenfelser Land sagt man einfach Scharr. Sie ist einfach gebaut. Ein Resonanzkasten, an einer Seite ausgebaucht und abgerundet. Daran ein Griffbrett mit Bünden, die diatonisch angeordnet sind … das heißt, sie geben nur die Töne einer Tonleiter her, wie die weißen Tasten am Klavier. Darüber zwei Metallsaiten, die gleich klingen. Und daneben eine oder mehrere Saiten, die als Bordun mitschwingen.
Gespielt wird sie anders als die große Zither. Die linke Hand greift die Melodie auf dem Griffbrett. Und die rechte streicht mit einem Plektrum über die Saiten … mit einem kleinen Plättchen, das man zwischen den Fingern hält … hin und her. Wenn diese Bewegung schneller wird, entsteht ein flirrender Klang. Man nennt so etwas ein Tremolo … nach dem Wort für zittern. Freisaiten, wie sie die große Zither hat, besitzt sie nicht … darum braucht sie ein zweites Instrument für die Begleitung. Meistens eine Gitarre. Weil die Bünde diatonisch liegen, kann man nur in bestimmten Tonarten spielen. Man half sich früher auf eine Weise, die mich schmunzeln lässt. Man baute Zwillings- und sogar Drillingszithern. Also ein Instrument mit zwei oder drei Griffbrettern nebeneinander … jedes in einer anderen Tonart. Man wechselte dann nicht die Tonart. Man wechselte das Griffbrett.
Sie ist ein altes Instrument. Im Allgäu lässt sich ihre Verwendung schon für das Jahr sechzehnhundertfünfundsiebzig nachweisen. Und in Schriften vom Anfang des neunzehnten Jahrhunderts steht, wozu man sie benutzt hat. Man hat mit ihr in der Bauernstube zum Tanz aufgespielt. Und oben auf der Sennhütte auch. Im Heimatmuseum von Oberstdorf liegen noch Scherrzithern, die sich auf das Jahr achtzehnhundert datieren lassen. Diese Scherrzither wäre beinahe verschwunden. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war ihr Spiel im Allgäu fast ausgestorben. In Oberstdorf gab es damals noch einen Mann, der sie beherrschte. Ein Sennhirte und Holzer. Und ein achtzehnjähriger junger Mann begegnete ihm zufällig. Er begeisterte sich sofort für das beinahe ausgestorbene Instrument … lernte es … und setzte sich für den Rest seines Lebens dafür ein. Heute wird es wieder im ganzen Allgäu gespielt. Eine zufällige Begegnung. Und ein Instrument, das es deshalb noch gibt.
Ein Ton läuft über die Saiten. Und er klingt im Kasten nach. Im neunzehnten Jahrhundert wurde die Zither dann berühmt. Und dafür war vor allem ein Mensch entscheidend. Er wurde achtzehnhundertdrei in Zistersdorf geboren … das liegt in Niederösterreich. Er hieß Johann Petzmayer. Aufgewachsen ist er in Wien, als Sohn eines Gastwirts. Zuerst lernte er die Violine. Und mit sechzehn Jahren dann auch die Zither. Sein Instrument hatte er sich selbst zurechtgemacht. Drei Melodiesaiten. Und fünfzehn Begleitsaiten. Damit reiste er. Ab achtzehnhundertsechsundzwanzig gab er Konzerte, und der Kreis wurde immer größer. Zuerst bei den Erzherzögen. Ein Jahr später sogar bei Hofe, in ganz privatem Rahmen. Auf seiner zweiten Deutschlandtournee, achtzehnhundertsechsunddreißig und siebenunddreißig, hörte ihn ein bayerischer Herzog. Der stellte ihn daraufhin als Privatlehrer an. Und achtzehnhundertachtunddreißig verlieh er ihm einen Titel. Kammervirtuose. Durch diese beiden Männer wurde die Zither zum bayerischen Instrument schlechthin. Und sie machten es auch in Norddeutschland und im Mittelmeerraum bekannt.
Im selben Jahr begleitete er den Herzog auf eine weite Reise. Über Italien und Griechenland. Und in Ägypten geschah etwas, das ich mir gerne vorstelle. Er musizierte am Fuße der Pyramiden. Eine Zither. Im Sand. Vor diesen Steinen. Und auf einer Schiffsreise nach Assuan komponierte er einen Walzer. Er heißt Nilfahrt. Ein Walzer aus den Alpen, geschrieben auf einem Fluss in Afrika. Um achtzehnhundertdreiundzwanzig hatte er außerdem etwas erfunden. Die Streichzither. Also eine Zither, die man nicht zupft, sondern mit einem Bogen streicht. Gestorben ist er achtzehnhundertvierundachtzig in München. Was er hinterließ, waren zahlreiche Kompositionen und Lieder. Sein Nachlass liegt heute in der Bayerischen Staatsbibliothek. Die Zeit war günstig für so ein Instrument. In der Biedermeierzeit liebte man das Volkstümliche … und die Zither hatte darum eine Blüte in ganz Mitteleuropa. Sie wanderte von der Bauernstube in die Salons des Bürgertums. Man nannte sie damals das Klavier des kleinen Mannes. Gegen Ende des Jahrhunderts wurden Zithern in hohen Stückzahlen hergestellt und in die ganze Welt geliefert. In ganz Deutschland gründeten sich Zither-Vereine. Und einige davon bestehen bis heute.
Ein Ton läuft über die Saiten. Und er klingt im Kasten nach. Auch der Bau selbst kam voran, und zwar in Schritten, die man datieren kann. Achtzehnhunderteinundfünfzig stellte ein Instrumentenbauer der bisherigen Zither eine tiefere zur Seite. Er nannte sie Elegie-Zither. Sie war eine Quarte tiefer gestimmt als die gewöhnliche … also ein gutes Stück dunkler … und hatte längere Saiten. Achtzehnhundertzweiundsechzig baute dann jemand in München die erste Konzertzither in der Form, die heute üblich ist. Und um neunzehnhundertdreißig geschah etwas in Markneukirchen. Das ist eine Stadt im Vogtland, in der seit Langem Instrumente gebaut werden. Dort schuf ein Instrumentenbauer zwei weitere Größen. Eine Quintzither, eine Quinte höher … und eine Basszither, eine ganze Oktave tiefer. Sein Sohn führte den Zitherbau fort. Und heute führt ihn dessen Tochter weiter. Drei Generationen also, in derselben Werkstatt, an derselben Sache.
Damit ist die Familie beisammen. Vier Instrumente. Die gewöhnliche Zither heißt Diskantzither. Diskant heißt die hohe Lage. Darunter liegen die Altzither, eine Quarte tiefer, und die Basszither, eine Oktave tiefer. Und darüber die seltenere Quintzither. Gespielt werden sie oft zusammen … wie ein kleines Orchester aus lauter flachen Kästen. Jede dieser Zithern reicht über viereinhalb bis fünfeinhalb Oktaven. Jetzt schauen wir uns eine solche Konzertzither genauer an. Sie liegt ja vor uns auf dem Tisch. Der Kasten ist flach. Über ihn sind zwei Gruppen von Saiten gespannt, parallel zur langen Seite. Die eine Gruppe sind die Griffbrettsaiten. Es sind fünf. Unter ihnen liegt ein Griffbrett mit Bünden, wie bei einer Gitarre. Auf ihnen spielt man die Melodie. Die andere Gruppe sind die Freisaiten. Von ihnen gibt es siebenundzwanzig bis siebenunddreißig. Sie werden nicht gegriffen. Sie klingen so, wie sie gestimmt sind. Und in der Decke, unter den Freisaiten, sitzt ein rundes Loch. Durch dieses Schallloch kommt der Klang aus dem Kasten heraus.
Die Spielweise ist das Erstaunlichste daran. Die linke Hand greift auf dem Griffbrett. So weit ist alles vertraut. Aber die rechte Hand macht zwei Dinge gleichzeitig. Am Daumen trägt sie einen Ring aus Metall. Er heißt Zitherring. Mit diesem Ring reißt der Daumen die Griffbrettsaiten an … die Melodiesaiten. Und während der Daumen das tut … zupfen die übrigen Finger derselben Hand die Freisaiten. Melodie und Begleitung. In einer Hand. Auch die Umrisse haben Namen, und sie kommen von Orten. Die Salzburger Form hat eine Ausbuchtung an der Seite, die vom Spieler weg zeigt. Die Mittenwalder Form hat zwei Ausbuchtungen. Sie ist symmetrisch gebaut … sie orientiert sich an der Form der Gitarre oder der Leier. Und um neunzehnhundertsiebzig kam eine dritte Form dazu. Die Psalterzither.
Der Mann, der sie entwickelt hat, ließ dabei seine Kenntnisse vom Geigenbau einfließen. Er spannte die Decke des Kastens stärker … und verlängerte die Saiten teils erheblich. Dadurch bekamen seine Instrumente einen kräftigen Klang, der auch in einem großen Saal noch zu hören ist. Das ist vor allem dann von Vorteil, wenn man barocke Stücke darauf spielt … oder Musik aus unserer Zeit. Wie die vielen Freisaiten gestimmt sind, ist eine eigene kleine Ordnung. Eine Saite nach der anderen liegt immer eine Quarte oder eine Quinte höher als die vorige … ein System, das jemand im neunzehnten Jahrhundert festgelegt hat. Der Sinn dahinter ist praktisch. Weil die Saiten so angeordnet sind, liegen die Grundakkorde einer Tonart nahe beieinander. Man greift also nicht quer über das ganze Instrument. Die Hand bleibt an einer Stelle. Eingeführt wurde diese Stimmung achtzehnhundertachtundsiebzig, auf einem Kongress der deutschen Zithervereine. Man nannte sie die Normalstimmung.
Notiert wird das Ganze in zwei Systemen übereinander … ähnlich wie beim Klavier. Oben steht das Griffbrett. Unten stehen die Freisaiten. Und neben der Normalstimmung gibt es bis heute eine zweite, ältere Anordnung der Saiten. Man nennt sie die Wiener Besaitung. Sie wird heute nur noch selten verwendet … meist für die Wiener Salonmusik und für die Schrammelmusik. Ein Ton läuft über die Saiten. Und er klingt im Kasten nach. Es gab auch eine Zither für alle, die keine Noten lesen konnten. Sie heißt Akkordzither … manchmal auch Gitarrenzither oder Zitherharfe. Diese Namen sind übrigens reine Werbung gewesen. Mit einer Gitarre oder einer Harfe hat das Instrument nichts zu tun. Die Namen sollten nur schön klingen.
Sie hat kein Griffbrett. Nur frei schwingende Saiten, teils zu Akkorden gruppiert. Und dann kommt der Kniff. Man schiebt ein besonderes Notenblatt unter die Saiten. Darauf ist eingezeichnet, welche Saite wann gezupft werden muss. Man folgt mit dem Daumen einfach der Linie auf dem Papier. Erfunden hat diese Unterlegnoten jemand im Jahr achtzehnhunderteinundneunzig. Und damit konnte plötzlich jeder spielen. Die Blütezeit dieser Instrumente reichte ungefähr von achtzehnhundertachtzig bis neunzehnhundertfünfundvierzig. Sie waren meist schwarz lackiert … oft mit kunstvollen Ornamenten und dem Schriftzug des Herstellers. Auf dem Resonanzboden klebte ein Papierstreifen, weiß oder golden. Darauf standen die Töne der Saiten. Ich mag diese Instrumente. Sie waren dafür gemacht, dass jemand ohne jede Ausbildung sich abends hinsetzt und etwas spielt. Genau darum wurden sie auch gebaut. Man wollte gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, dass auch Kleinbürger und Arbeiter musizieren können … nicht nur die, die Unterricht bezahlen konnten.
Nach der Anordnung der Saiten unterscheidet man drei Bauarten. Bei der ersten sind alle Saiten der Tonhöhe nach angeordnet, von der tiefsten bis zur höchsten. Solche Instrumente heißen Autoharp und haben einen kleinen Mechanismus. Mit dem dämpft man alle Saiten ab, die für den gewünschten Akkord nicht gebraucht werden. Man streicht also über alle … und es klingen nur die richtigen. Bei der zweiten Bauart sind die Saiten ausschließlich zu Akkorden geordnet. Damit kann man nur begleiten. Und die dritte ist eine Mischung aus beidem. Es gibt noch einen zweiten Vorfahren, von dem ich dir erzählen möchte. Er heißt Psalterium. Das ist eine Brettzither ohne Griffbrett … und sie gilt als Urform von Zither und Hackbrett zugleich. Auch die Harfe und das Cembalo sind davon angeregt worden. Sein Resonanzkasten ist meist trapezförmig oder rechteckig. Es gibt aber auch eine Form, die einen wunderbaren Namen trägt. Man nennt sie die Schweinskopfform. Und oft waren diese Instrumente reich verziert.
Aus der viereckigen Form ist dann etwas geworden, das jeder kennt. Um vierzehnhundertvier versah man sie mit einer Klaviatur. Und damit war das Clavichord da … dasselbe Instrument, von dem ich dir vorhin schon erzählt habe. Ein Brett mit Saiten. Tasten darüber. Und daraus wird ein Flügel. Auch der Name des Psalteriums ist alt. Er kommt aus dem Griechischen. Das Wort dahinter heißt so viel wie eine Saite zupfen. Die Form des Kastens war dabei nie festgelegt. Es gibt ihn als schlichtes Dreieck. Als halbes Trapez. Als ganzes Trapez. Und als Viereck. Und dann geschah etwas, mit dem die Maler jener Zeit nicht Schritt hielten. Man begann, das Psalterium nicht mehr zu zupfen … sondern mit Stäbchen darauf zu schlagen, so wie beim Hackbrett. Manche Maler bildeten den Spieler daraufhin mit Stäbchen ab. Behielten aber die eng beieinanderliegenden Saiten des Psalteriums bei … zwischen denen kein Stäbchen Platz hätte, um eine einzelne zu treffen. Man sieht auf diesen Bildern also etwas, das so gar nicht funktionieren würde.
Später kam noch eine Spielart dazu, die weder gezupft noch geschlagen wird. Sie heißt Streichpsalter. Man fährt mit einem Bogen darüber. Und es gibt eine Sonderform zwischen Zither und Harfe. Sie heißt Spitzharfe. Auf Abbildungen ist sie seit dem zehnten oder elften Jahrhundert überliefert. Bei ihr hat man hinter die freien Saiten einer Harfe einen flachen Resonanzkörper gesetzt. Seit dem dreizehnten Jahrhundert waren die Saiten dann doppelt bezogen … also auf beiden Seiten des Kastens. Diese Instrumente standen senkrecht auf dem Tisch. Und man zupfte sie mit den Händen von beiden Seiten zugleich. Man nennt sie auch, noch schöner, Zwitscherharfe. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert waren sie noch einmal beliebt.
Vom Psalterium gab es in England im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert noch eine besondere Spielart. Sie hieß Schwungzither. Man bewegte das Instrument während des Spiels hin und her. Dadurch entstand ein schwebender Klang. Ein Instrument, das man beim Spielen schaukelt. Zithern gibt es übrigens auf der ganzen Welt … und meistens heißen sie ganz anders. In Finnland gibt es die Kantele. In Estland die Kannel. Beides Kastenzithern wie unsere. In China gibt es die Guzheng. In Japan das Koto. In Vietnam und in Korea wieder andere. Und zwei nahe Verwandte werden nicht gezupft, sondern geschlagen. Das Hackbrett bei uns. Und die Santur in Iran und in Nordindien. Bei ihnen fährt man nicht mit den Fingern über die Saiten … man schlägt mit kleinen Klöppeln darauf.
Die einfachsten Zithern der Welt sind noch viel schlichter als alles, was wir bisher hatten. Es gibt zum Beispiel Zithern aus Bambus. Und bei den ursprünglichsten von ihnen sind die Saiten aus demselben Material wie der Körper. Man hat sie nämlich aus der Röhre selbst herausgeschnitten. Ein Rohr, aus dem seine eigenen Saiten geschnitten sind. Näher an den Anfang kommt man kaum. Es gibt auch Zithern, die aus mehreren Röhren nebeneinander bestehen, jede mit einer Saite. Man nennt sie Floßzithern. Und die Urform der Brettzither trägt einen Namen, bei dem man kurz stutzt. Sie heißt Erdzither. Ein Ton läuft über die Saiten. Und er klingt im Kasten nach. Zurück in die Stube. Denn dort gehört die Zither hin. In den Volksmusikensembles des Alpenraums hat sie seit Langem einen zentralen Platz. Es gibt sogar einen Namen für diese Art zu spielen. Man nennt sie Stubenmusik. Gemeint sind kleine Besetzungen, die konzertant spielen … also zum Zuhören und nicht zum Tanzen.
Und darin steckt ein Unterschied, den ich schön finde. Die ältere Tanzmusik musste laut sein. Sie musste den Geräuschpegel der Tanzenden übertönen … die Schritte, die Stimmen, das Lachen. Die Stubenmusik dagegen wird in einem kleinen Raum gespielt. Und darum wird sie leise gespielt. Ein ganzer Musikstil, dessen wichtigste Eigenschaft es ist, dass er leise ist. Die ursprüngliche Besetzung dafür wurde neunzehnhundertdreiundfünfzig zusammengestellt. Sie bestand ausschließlich aus Saiteninstrumenten. Zither. Gitarre. Harfe. Kontrabass. Und ein Hackbrett. Und auch der Kontrabass wurde nicht gestrichen, sondern gezupft. Kein einziger Bogen also. Und kein einziges Blasinstrument. Nur Saiten, die angerissen werden und dann von allein ausklingen. Die Musik selbst hat auch ihre Regeln, und sie sind einfach. Die Melodien bestehen häufig aus zerlegten Dreiklängen … die Töne springen also auf und ab. Jemand hat darüber einmal geschrieben, sie hüpfe auf und ab wie die Alpenberge. Meistens ist sie zweistimmig. Eine Hauptstimme … und darüber eine zweite, eine Terz höher. Und weitergegeben wurde sie über Generationen einfach von Ohr zu Ohr. Eine dieser alten Weisen heißt Kuhreihen. Der älteste aufgeschriebene stammt aus dem Appenzellerland. Er wurde im Jahr fünfzehnhundertfünfundvierzig notiert.
Heute kann man die Zither sogar studieren. In Deutschland gibt es dafür eine Hochschule, in München. Und auch in Österreich und in Südtirol kann man es studieren. Vom Brennholz-Brett bis zum Hochschulabschluss. Das hat gute fünfhundert Jahre gedauert. Ein Ton läuft über die Saiten. Und er klingt im Kasten nach. Wir sind wieder in der Stube. Der Tisch aus Holz. Der flache Kasten darauf. Der Abend. Niemand spielt gerade. Die Saiten liegen einfach da, gespannt, und warten. Manchmal genügt ein Luftzug … und eine der Freisaiten gibt einen leisen Ton von sich. Ganz von allein. Dann klingt der Kasten mit. Und wird wieder still. Denk noch einmal an den Jungen mit der Dachschindel. Ein Brettchen. Ein paar Saiten. Ein Klötzchen darunter. Alles, was danach kam, steckte da schon drin. Der Kasten. Die Bünde. Die vielen Saiten. Der Ring am Daumen. Man musste es nur noch fünfhundert Jahre lang weiterbauen.
Und du darfst jetzt schlafen. Der Ton verklingt von allein. Er braucht dich dafür nicht. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.
Quelle und Lizenz
Dieser Text beruht auf den Wikipedia-Artikeln «Zither», «Scheitholt», «Scherrzither», «Johann Petzmayer», «Monochord», «Psalterium», «Akkordzither», «Stubenmusik» und «Alpenländische Volksmusik». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.
Verwendete Fassungen: «Zither» Version 268357154, abgerufen am 11. August 2026, «Scheitholt» Version 264786595, abgerufen am 11. August 2026, «Scherrzither» Version 191550571, abgerufen am 11. August 2026, «Johann Petzmayer» Version 247910707, abgerufen am 11. August 2026, «Monochord» Version 268570325, abgerufen am 11. August 2026, «Psalterium» Version 266640098, abgerufen am 11. August 2026, «Akkordzither» Version 269220579, abgerufen am 11. August 2026, «Stubenmusik» Version 254428196, abgerufen am 11. August 2026 und «Alpenländische Volksmusik» Version 268397594, abgerufen am 11. August 2026.
Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.