Gute Nacht mit Fridolin – zur Startseite

Folge 51 · 12. September 2026 · 41 Minuten

Links eine Reihe, rechts eine Reihe

Fridolin hält ein kleines Modell eines alten Lindenbaums mit dichter Krone in den Händen, über Wolken.

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht

Eine Einschlafgeschichte für Erwachsene über Alleen — und über eine Täuschung, die jeder kennt: Der Weg zwischen den Baumreihen wird schmaler, je weiter man schaut, bis er scheinbar ganz zugeht. Er geht nicht zu. Er sieht nur so aus. Fridolin geht am Abend zwischen zwei Reihen Bäumen hindurch, deren Abstände überall gleich sind.

Unterwegs kommen vor: das französische Wort allée für einen beschatteten Gartenweg, elf bis fünfundzwanzig Grad weniger Hitze im Schatten, die Winterlinde, die ihren Nektar vor allem abends abgibt, junge Eichen, die ihre welken Blätter über den Winter behalten — und die vermutlich älteste Allee der Welt: zweieinhalb Kilometer schnurgerade in Salzburg, die trotzdem nicht zum Schloss führt.

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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte

4.214 Wörter · rund 21 Minuten zum Lesen, Mitlesen oder Vorlesen

Ein Weg zwischen zwei Reihen

Stell dir einen Weg vor … draußen, zwischen Feldern, weit weg von der nächsten Stadt. Der Boden ist Asphalt, und an den Rändern geht er in Gras über. Es ist Abend. Die Sonne ist schon untergegangen, aber es ist noch nicht dunkel. Rechts und links vom Weg stehen Bäume. Nicht einzeln, sondern in einer Reihe … und die Abstände zwischen ihnen sind überall gleich. Sie sind alle etwa gleich alt und gleich hoch. Und es ist überall dieselbe Baumart. Weiter vorn berühren sich ihre Kronen über dem Weg. Wenn du zwischen die beiden Reihen gehst, ändert sich etwas … und zwar sofort. Es wird kühler. Der Wind hört auf. Und das Licht kommt nur noch in Streifen herunter. Der Weg vor dir wird schmaler und schmaler, je weiter du schaust. Die Bäume ganz vorn scheinen dichter zusammenzustehen als die neben dir. Das tun sie nicht. Es sieht nur so aus. Links eine Reihe. Rechts eine Reihe. Und dazwischen der Weg.

Was eine Allee genau ist

So ein Weg heißt Allee. Und das Wort ist genauer, als man denkt. Eine Allee ist eine Straße oder ein Weg, der auf beiden Seiten von Baumreihen begrenzt wird. Diese Reihen müssen gleichförmig verlaufen. Die Bäume werden planmäßig gepflanzt … in gleichen Abständen … und im gleichen Alter. Meist nimmt man dafür eine einzige Baumart. Es gibt eine Sonderform, bei der nur auf einer Seite Bäume stehen. Die heißt Halballee. Und es gibt Alleen, bei denen die Bäume nicht am Rand stehen, sondern in der Mitte. Dort teilen sie die Fahrbahn in zwei Hälften.

Allée: der Weg zum Gehen

Das Wort selbst kommt aus dem Französischen. Es heißt dort allée … und es kommt vom Verb aller … und das bedeutet gehen. Gemeint war ursprünglich etwas viel Kleineres als eine Landstraße. Eine allée war ein Gehweg in einem Garten … beschattet, gesäumt, zum Spazieren. Und dahinter steckt noch ein älteres Wort, ein lateinisches. Ambulare. Das heißt: zwanglos umhergehen. Im Deutschen tauchte das Wort vereinzelt schon im sechzehnten Jahrhundert auf, am Rhein. Verbreitet hat es sich dann im siebzehnten Jahrhundert. Zur heutigen Bedeutung kam das Wort erst, als man bei den großen Schlössern anfing, Wege über den Garten hinaus zu pflanzen. Als man Wege mit Bäumen bepflanzte, die in die Landschaft hinausführten. Da wurde aus dem Gartenweg die Allee, die wir heute meinen.

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Die Avenue und die Ankunftsstraße

Es gibt ein zweites Wort, das man leicht mit der Allee verwechselt … die Avenue. Auch die Avenue kommt aus dem Französischen, aber von einem anderen lateinischen Wort. Es kommt von advenire … und das heißt herankommen. Eine Avenue war also ursprünglich eine Ankunftsstraße … breit, befahrbar … und sie führte auf ein Stadttor zu. Als im sechzehnten Jahrhundert die Stadtbefestigungen wegfielen, geschah etwas Praktisches. Man verlängerte die Avenue einfach nach innen … und erklärte sie zur Hauptstraße. Und dann bepflanzte man sie mit Bäumen. Damit hatte die Avenue die Merkmale einer Allee. Diese Art von Straße verbreitete sich in ganz Europa. Das englische Wort alley bedeutet dagegen etwas ganz anderes. Es bezeichnete ursprünglich einen Gang zwischen zwei Häuserblocks … eine Gasse also. In Hamburg heißt so etwas Gang.

Vor der Renaissance ging es um den Nutzen

Gehen wir zurück in die Zeit, in der die ersten Alleen entstanden. Straßenränder mit Bäumen gab es lange vorher … vor allem auf dem Land. Aber die waren oft unregelmäßig bepflanzt. Und es ging dabei nicht ums Aussehen. Es ging um das, was die Bäume hergaben. Obst zum Beispiel. Oder Holz. Auch in den alten Hochkulturen kannte man Alleen … in Ägypten, bei den Griechen, bei den Römern. Aber sie waren dort eine Nebensache. Wichtig wurden sie erst im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert. Da benutzte man sie, um freie Flächen zu ordnen … und um Wege sichtbar zu machen. Ihren Höhepunkt hatten die Alleen im Barock. Und damals hatten sie einen ganz bestimmten Zweck. Angelegt wurden sie so bei den Gärten von Versailles und bei Vaux-le-Vicomte. Die Baumreihen dort sind streng geometrisch angelegt, entlang der Wege. Und sie ordneten den Raum. Im Blick … und im Gelände. Das ist ein interessanter Gedanke. Man pflanzt Bäume … und ordnet damit ein ganzes Stück Land, ohne einen Stein zu verschieben.

Alleen in der Stadt

Ab dem siebzehnten Jahrhundert kamen die Alleen dann in die Städte. Ende des achtzehnten Jahrhunderts pflanzte man sie an neu gebaute Chausseen … also an Straßen, die man damals planmäßig baute und schnurgerade zog. Und im neunzehnten Jahrhundert, als die Städte wuchsen, kamen sie überall dorthin … wo etwas eingefasst werden musste. An die Ränder von Grünanlagen. Auf die alten Stadtwälle. Auf Promenaden und auf Plätze. In die Volksparks. Und sie wurden als Verbindung benutzt … zwischen der alten Stadt und den neuen Vorstädten. Man sollte die Verbindung sehen können. Und schön sollte sie auch sein.

Vier Gründe, eine Allee zu pflanzen

Wenn man Alleen danach ordnet, warum sie gepflanzt wurden, kommt man auf vier Arten. Und die erste davon hat mit Schönheit gar nichts zu tun. Es gibt Alleen zur bäuerlichen Versorgung. Sie lieferten Obst … oder Brennholz … oder sie gaben den Bienen Futter. Dann gibt es Alleen aus Maulbeerbäumen. Die wurden für die Seidenraupen gepflanzt. Die dritte Art ist die, die wir bisher beschrieben haben. Alleen, die etwas schön machen sollen … in Gärten, in Parks, auf großen Gütern … und in der Stadt, als Verkehrsweg und als Flaniermeile. Und die vierte Art ist die praktischste von allen. Alleen auf einem Damm. Sie zeigen, wo er verläuft … und ihre Wurzeln halten ihn zusammen.

Schatten, Wind und elf bis fünfundzwanzig Grad

Links eine Reihe. Rechts eine Reihe. Und dazwischen der Weg. Was so eine Reihe Bäume alles leistet, ist überraschend viel. Und ich gehe sie mit dir durch, weil sie so beruhigend sachlich ist. Alleen schützen vor Sonne. Und sie schützen vor Wind. Damit schützen sie in der Landwirtschaft auch den Boden … weil der Wind ihn sonst abträgt. Im Schatten ist die Straße an heißen Sommertagen weniger heiß als in der Sonne … und zwar um elf bis fünfundzwanzig Grad. Das ist nicht nur für die Menschen angenehm. Es schützt auch den Asphalt selbst … denn Hitze beschädigt ihn. Bei Nebel und in der Dämmerung helfen die Bäume beim Sehen. Sie verbessern die Orientierung … und sie machen es leichter, Entfernungen zu schätzen. Im Winter ist an den Bäumen der Verlauf der Straße zu erkennen, auch wenn Schnee liegt. Und sie schützen vor Verwehungen. Unter der Erde tun die Wurzeln etwas für den Weg. Sie festigen die Fahrbahn … und schützen den Weg davor, ausgewaschen oder verschlammt zu werden. Dazu reinigen die Wurzeln das Grundwasser … und die Kronen filtern Feinstaub und andere Stoffe aus der Luft. Und weil so eine Baumreihe dicht ist, ist sie auch ein Schallschutz. Ein natürlicher.

Eine Linie, an der Tiere wandern

Und dann ist da noch das, was von selbst dazukommt. In Alleen entstehen zusätzliche Biotope. Und damit leben dort mehr Arten. Manche davon sind für die Bauern nützlich. Denn in den Bäumen wohnen Vögel … und diese Vögel fressen Insekten. Manchmal kommen auch Greifvögel dazu. Damit werden Schädlinge auf natürliche Weise in Grenzen gehalten. Ohne dass jemand etwas dafür tun muss. Und es gibt noch eine Wirkung, die man von oben sehen würde. Eine Allee ist eine Linie im Land … und an dieser Linie wandern Tiere. Und Pflanzen breiten sich aus. Fachleute nennen das ein lineares Biotopverbindungselement. Das heißt: Lebensräume, die weit auseinanderliegen, hängen über diese Linie zusammen. Besonders wichtig ist das in Gegenden, in denen sonst nichts mehr steht. In den großen, leeren Ackerlandschaften.

Obstbäume für das Pressen

Viele Alleebäume tragen außerdem etwas, das man essen kann. Und das war früher der eigentliche Grund, sie zu pflanzen. Man unterscheidet darum zwei große Gruppen. Es gibt Obstbaumalleen … und es gibt Laubbaumalleen, in denen kein Obst wächst. Für Saft und Obstwein hatten die Obstbäume an den Straßen große Bedeutung … in Teilen Deutschlands sogar eine sehr große. Obst für den Tisch war dabei weniger wichtig. Es ging um Obst zum Pressen. Am längsten pflanzt man an Alleen Pflaumen und Vogel-Kirschen. Sie wurden ab dem fünfzehnten Jahrhundert gepflanzt. Später kamen Apfel- und Birnensorten dazu. Und in Württemberg ließ der Landesherr in den Dörfern Alleen mit Obstbäumen anlegen. Auch die anderen Bäume gaben etwas her. Lindenblüten. Eicheln. Belaubte Zweige. Alles Futter für die Tiere ringsum.

Die Linde, beliebtester Alleebaum

Jetzt zu den Bäumen selbst. Ein paar Arten stehen besonders oft an Alleen. An den alten Schlossalleen Mitteleuropas sind es vor allem Linden. Je nach Landschaft ist es die Winterlinde oder die Sommerlinde. Dazu kommen Rotbuchen, oft in der dunkelblättrigen Form, die man Blutbuche nennt. Die Linde gilt als der beliebteste Alleebaum Deutschlands. Gepflanzt haben diese Alleen vor allem Kirche und Adel. Zwischen dem siebzehnten und der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts … bepflanzten sie ihre Besitzungen mit Lindenalleen. Diese Alleen stehen heute noch. Sie sind einhundert bis dreihundert Jahre alt … und manche ihrer Stämme haben einen Umfang von vier Metern.

Sechzigtausend Blüten, Nektar bei Nacht

Über die Linde möchte ich dir noch ein paar freundliche Dinge erzählen. Eine Winterlinde kann über dreißig Meter hoch werden. Ihr Stamm erreicht mehr als zwei Meter Durchmesser. Und sie kann über tausend Jahre alt werden. Ihre Blätter sind fast kreisrund, etwa sechs Zentimeter lang … oben dunkelgrün und glänzend, unten blaugrün. Am Grund ist jedes Blatt herzförmig eingeschnitten. Darum nennt man sie auch Herzblattlinde. Sie blüht im Juni und im Juli. Und ihre Blüten duften nach Honig. Ein einziger Baum kann bis zu sechzigtausend Blüten tragen. Und jetzt kommt das, was gut zu dieser Sendung passt. Den meisten Nektar gibt die Linde abends ab. Und nachts. Ihre Hauptbesucher sind darum nicht nur Bienen … sondern auch Nachtfalter. Für die Imkerei ist sie deshalb wertvoll. Ein einziger Baum kann in einer Saison den Nektar für … bis zu zweieinhalb Kilogramm Honig geben.

Winterlinde oder Sommerlinde

Zwischen Winterlinde und Sommerlinde zu unterscheiden ist gar nicht so leicht. Denn die beiden kreuzen sich, und dann mischen sich ihre Merkmale. Die Blätter der Winterlinde sind im Schnitt kleiner als die der Sommerlinde. Und wenn man ein Blatt umdreht, ist die Unterseite blaugrün … bei der Sommerlinde heller grün. In den Winkeln der Blattadern sitzen bei der Winterlinde kleine rostrote Haarbüschel. Bei der Sommerlinde sind die Adern unten ganz und gar behaart. Und es gibt eine Probe, die man nur mit den Fingern macht. Man nimmt eine reife Frucht und drückt sie zusammen. Bei der Winterlinde gibt sie nach. Bei der Sommerlinde bleibt sie hart. Zwei Bäume, die sich fast gleichen … und ein Unterschied, den man in der Hand spürt. Die Winterlinde ist in Europa weit verbreitet. Sie wächst in Deutschland, in Österreich … in der Schweiz und in Liechtenstein … und weit darüber hinaus bis in den Kaukasus. In den Alpen steigt sie hoch hinauf. In den Nordalpen bis auf eintausenddreihundertsechzig Meter Höhe … in den Zentralalpen bis auf eintausendfünfhundert Meter.

Der Drehflügler und die Wintersteher

Von der Linde will ich dir noch erzählen, wie sie ihre Früchte verschickt. Denn dafür hat sie ein besonderes Blatt. An jedem Fruchtstand sitzt ein zungenförmiges Blatt, das mit dem Stiel zur Hälfte verwachsen ist. Dieses Blatt ist ein Flügel. Wenn der Fruchtstand fällt, trägt ihn der Wind ein Stück weiter. Die Botaniker nennen so etwas einen Drehflügler. Reif sind die Früchte im September. Aber sie fallen nicht alle zur selben Zeit. Viele bleiben den ganzen Winter über am Baum hängen. Man nennt sie darum Wintersteher. Und im nächsten Frühjahr keimen sie dann … oben auf der Erde, nicht darunter.

Nektar auf hohlen Kelchblättern

Wie die Linde ihren Nektar anbietet, ist eine kleine Konstruktion für sich. Ihre Blüten stehen nicht einzeln, sondern in kleinen hängenden Gruppen … vier bis zwölf Stück. Der Nektar wird nicht in der Blütenmitte abgegeben, sondern auf den Kelchblättern. Und diese Kelchblätter sind hohl. Über dem Nektar liegen Haare, die ihn abdecken. Ein Insekt muss also erst darunter … und genau dabei nimmt es den Pollen mit. Für die Honigbienen ist die Linde deshalb eine wichtige Quelle. Nicht nur für Nektar … sondern auch für Pollen. Und der Pollen der Linde kann auch mit dem Wind fliegen. Das ist für die Bäume praktisch … und für manche Menschen im Sommer weniger angenehm.

Die Stieleiche und ihr Name

Auf dem Land wurde neben dem Obst noch etwas anderes gepflanzt … die Eiche. Und zwar meist die Stieleiche. Stieleichenalleen zählen zu den ältesten, die es in Deutschland noch gibt. Das liegt daran, wie lange dieser Baum lebt. Eine Stieleiche wird zwanzig bis über vierzig Meter hoch. Ihr Stamm hat einen Umfang von bis zu drei Metern. Und sie kann fünfhundert bis tausend Jahre alt werden. In Ausnahmen noch älter. Ihren Namen hat sie von einer Kleinigkeit. Ihre Eicheln sitzen nicht direkt am Zweig … sondern zu drei bis fünf an einem Stiel, der einige Zentimeter lang ist. Darum: Stieleiche. Verbreitet wird sie von einem Vogel, der Vorräte anlegt … dem Eichelhäher. Er versteckt Eicheln in der Erde, als Vorrat für den Winter. Und aus einem Teil dieser Vorräte wachsen dann Eichen.

Die Pfahlwurzel

Unter der Erde macht die Stieleiche etwas, das zu einer Allee gut passt. Sie bildet eine kräftige Pfahlwurzel … also eine Wurzel, die gerade nach unten geht. Dadurch ist sie außerordentlich sturmfest. Und sie kommt sogar durch stark verdichteten Boden hindurch … um tief unten an das Grundwasser zu gelangen. Ihr Holz ist hart, zäh und sehr dauerhaft. Man hat daraus alles gemacht … Bauholz, Eisenbahnschwellen, Pfähle, Treppen, Parkett, Möbel und Fässer. Und die Eicheln waren lange so wichtig wie das Holz. Man trieb die Schweine in die Eichenwälder und mästete sie dort. Daraus ist ein Spruch übrig geblieben, der mir gefällt. Auf den Eichen wächst der beste Schinken.

Blätter, die den Winter über bleiben

Die Stieleiche hat noch eine Eigenheit, die zu einer Winternacht passt. Junge Eichen lassen ihre welken Blätter im Winter am Baum. Sie werden braun, sie sind trocken … aber sie fallen nicht ab. Erst wenn die Winterruhe vorbei ist, fallen sie ab. Wenn du also im Januar durch eine Allee gehst und es raschelt über dir … dann sind das vermutlich die Blätter junger Eichen. Die Stieleiche ist übrigens die am weitesten verbreitete Eichenart Mitteleuropas. Am besten wächst sie auf tiefen, nährstoffreichen Böden aus Lehm und Ton. Aber sie braucht Licht. Und das wird ihr zum Problem. Denn auf gewöhnlichem Waldboden wird sie von der Rotbuche verdrängt, die den Schatten besser erträgt. Darum steht die Stieleiche vor allem dort, wo die Buche nicht wachsen kann. In Auwäldern, die regelmäßig überflutet werden. Auf schweren Tonböden. Und auf trockenem, magerem Sand.

Zwölf Meter Stammumfang

Bei der Stieleiche lohnt sich noch ein Blick auf die ganz dicken Bäume. Denn wie dick eine Eiche wird, hängt davon ab, wie viel Platz sie hatte. Meistens kommt sie auf einen Stammumfang von bis zu drei Metern. Steht sie aber frei, ganz allein auf einer Wiese, kann sie über zwölf Meter Umfang erreichen. Zwölf Meter. Man bräuchte mehrere Menschen, um so einen Stamm zu umfassen. Solche Bäume haben in Deutschland eigene Namen. Die Femeiche zum Beispiel … oder die Ivenacker Eichen. Und noch etwas über die Eichenwälder, das ich nicht wusste. Viele davon sind gar nicht von selbst entstanden. Der Mensch hat sie so gemacht. Denn früher schnitt man Bäume regelmäßig bodennah ab, damit sie neu austreiben. Und die Eiche verträgt das besser als die Buche. Wer also so wirtschaftete, förderte damit ganz nebenbei die Eiche. Dazu kam, dass man ihr Holz besonders schätzte … und ihre Früchte als Futter brauchte. In den Eicheln steckt nämlich viel Stärke. Für Menschen sind sie wegen der Bitterstoffe nicht einfach so genießbar. Für die Schweine waren sie Futter.

Platane und Rosskastanie

In den Städten stehen andere Bäume. Dort nimmt man die Platane … und die Rosskastanie. Die Rosskastanie ist überhaupt der beliebteste Alleebaum Europas. Und in Europa ist sie nicht von Natur aus zu Hause. Sie kam Ende des sechzehnten Jahrhunderts … aus Kleinasien hierher. Ross ist ein altes Wort für Pferd. Und im osmanischen Reich dienten ihre Früchte als Pferdefutter. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert pflanzten Adelshäuser und Klöster sie als Alleebaum. Wer schnell wachsende Bäume wollte, nahm Pappeln … am liebsten die schlanke Pyramidenpappel. Und am häufigsten stehen in Deutschland nach Eiche und Linde der Bergahorn und der Spitzahorn. Von oben betrachtet tun Alleen noch etwas, das man vom Weg aus nicht sieht. Sie ordnen die Landschaft. Sie sind Linien, an denen der Blick entlangläuft … Leitlinien, sagen die Fachleute. Und sie prägen damit das ganze Landschaftsbild. Dabei tun sie zwei Dinge gleichzeitig, die sich eigentlich ausschließen. Sie trennen. Und sie verbinden. Sie trennen zum Beispiel den Acker von der Wiese. Oder den oberen Teil eines Hangs vom unteren. Oder die Seite, auf die der Wind trifft, von der Seite, die im Windschatten liegt. Und gleichzeitig verbinden sie Siedlungen … und ganze Landschaftsräume. Eine Reihe Bäume, die trennt, was nebeneinanderliegt … und verbindet, was weit auseinanderliegt.

Zwanzigtausend Kilometer

Jetzt wird es kurz zahlenreich, aber die Zahlen sind schön. In Deutschland gibt es außerhalb der Ortschaften rund zwanzigtausend Kilometer Alleen. Dazu kommen dreiundsiebzigtausend Kilometer Halballeen. Also Wege, an denen nur auf einer Seite Bäume stehen. Das alleenreichste Bundesland ist Brandenburg. Rund ein Fünftel aller Alleen in Deutschland steht dort. Von den achttausendsechshundert Kilometern Bundes- und Landesstraßen in Brandenburg … sind außerhalb der Orte zweitausenddreihundertvierundvierzig Kilometer von Alleen begleitet. Nimmt man alle Straßen zusammen, auch die kleinen und die Feldwege … kommt man in Brandenburg auf viertausenddreihundert Kilometer Alleen.

Das Land der Alleen

Mecklenburg-Vorpommern hat einen Beinamen, den es sich verdient hat. Man nennt es das Land der Alleen. Dort gibt es etwa viertausend Kilometer Alleen … und neuntausend Kilometer Baumreihen. Und ungefähr einundvierzig Prozent aller Straßenkilometer dort sind von Bäumen gesäumt. Zwei von fünf Kilometern. Das kann man sich kaum vorstellen. Und dort steht noch etwas Besonderes … nämlich ein Satz in der Landesverfassung. Danach stehen die Alleen unter dem Schutz des Landes, der Gemeinden und der Kreise. In Nordrhein-Westfalen sind sie ebenfalls gesetzlich geschützt. Und es gibt dort ein Verzeichnis, das sie einzeln aufführt … ein Alleenkataster. Darin stehen rund sechstausendvierhundert Alleen mit einer Gesamtlänge von etwa zweitausend Kilometern. In Bayern sind knapp eintausendeinhundertfünfzig Straßenkilometer von Alleen begleitet … außerhalb der Ortschaften aber nur einhundertsechsundsechzig Kilometer. Dort stehen sie vor allem rund um die größeren Städte … und bei alten Schloss- und Gartenanlagen.

Unter den Linden war ein Reitweg

Und ich möchte dir noch von der bekanntesten deutschen Allee erzählen, weil ihr Anfang mich amüsiert. Sie liegt in Berlin und heißt Unter den Linden. Angelegt wurde sie im Jahr fünfzehnhundertdreiundsiebzig … und zwar als Reitweg. Ein Kurfürst wollte vom Stadtschloss bis zum Tiergarten reiten können. Rund fünfundsiebzig Jahre später wurde dieser Weg befestigt … und mit Linden bepflanzt. Daher der Name. Heute ist die Straße rund eineinhalb Kilometer lang und sechzig Meter breit. Und die Berliner sagen zu ihr nur zwei Wörter. Sie sagen: die Linden. Und es gibt noch eine Zahl, und die betrifft den Abstand zur Fahrbahn. Für neue Bäume an Straßen gibt es nämlich Regeln, wie weit sie von der Fahrbahn stehen müssen. Pflanzt man in eine bestehende Allee einen Baum nach, muss er vier Meter fünfzig entfernt stehen. Legt man eine Allee ganz neu an, sind es sieben Meter fünfzig. Das klingt nach einer Kleinigkeit, ändert aber das Bild. Denn je weiter die Bäume vom Weg weg stehen, desto weniger begleiten sie ihn.

Ein Lineal aus Bäumen

Auf eine Wirkung komme ich noch einmal zurück, weil sie so unauffällig ist. Eine Allee macht das Fahren und das Gehen leichter, ohne dass man es merkt. Denn wenn links und rechts in gleichen Abständen etwas steht … dann hat der Blick etwas, woran er die Entfernung messen kann. Ohne Bäume ist eine Straße durch flaches Land schwer zu lesen. Alles sieht gleich weit weg aus. Mit Bäumen bekommt die Strecke ein Maß. Ein Baum, zwei Bäume, drei Bäume … und schon hat man ein Gefühl für die Entfernung. Ein Lineal aus Bäumen, das niemand als Lineal gebaut hat. Und es gibt Alleen, die berühmt sind. Ich nenne dir ein paar, ganz ohne Ordnung. Die Lichtentaler Allee in Baden-Baden. Unter den Linden in Berlin. Die Königsallee in Düsseldorf. Die Wilhelmshöher Allee in Kassel. Die Solitude-Allee, die vom Stuttgarter Schloss Solitude nach Ludwigsburg führt. Und in München die beiden Auffahrtsalleen, die zum Schloss Nymphenburg gehen. Dazu gibt es in Deutschland eine Strecke, die von Allee zu Allee führt … und darum heißt sie einfach Deutsche Alleenstraße. In Paris ist die bekannteste die Avenue des Champs-Élysées. Und die vermutlich älteste Allee der Welt steht in Österreich.

Die Hellbrunner Allee in Salzburg

Sie liegt in Salzburg und heißt Hellbrunner Allee. Angelegt wurde sie zwischen sechzehnhundertdreizehn und sechzehnhundertfünfzehn … im Auftrag eines Erzbischofs. Sie ist die älteste erhaltene herrschaftliche Allee Mitteleuropas. Und vermutlich die älteste ihrer Art auf der Welt. Zweieinhalb Kilometer lang ist sie, und sie läuft geradeaus … vom Ostportal des Schlossgartens von Hellbrunn bis zum Schloss Freisaal. Für Autos ist sie gesperrt. Heute gehen dort Leute spazieren und fahren Rad. Gepflanzt hat man damals Schwarzpappeln, Stieleichen und Rotbuchen. Und von diesen Bäumen stehen heute noch viele Eichen, die mehrere Jahrhunderte alt sind. Sie sind der größte und wertvollste Bestand an alten Bäumen im Land Salzburg. Und weil altes Holz so viele Höhlen und Ritzen hat, leben dort besondere Tiere. Fledermäuse. Vögel, die in Höhlen brüten. Und Käfer, die im Holz wohnen. Neunzehnhundertdreiunddreißig wurde die Allee zum Naturdenkmal erklärt. Und seit neunzehnhundertsechsundachtzig ist sie ein Geschützter Landschaftsteil … zusammen mit dem Fürstenweg. Das Schutzgebiet ist nicht ganz zehn Hektar groß.

Drei Gärten und drei lange Wege

Rings um diese Allee liegt noch mehr, als man beim Gehen merkt. Der innere Schlossgarten von Hellbrunn besteht nämlich aus drei Teilen. Im Norden liegt ein geometrischer Lustgarten … also einer mit geraden Linien und Mustern. Dann kommt ein großer Jagdgarten mit einem Berg darin. Und im Süden liegt ein Garten, der aussieht wie gewachsene Natur. Um diesen inneren Bereich herum liegt der große Garten … und durch ihn führen drei lange Wege. Einer davon ist unsere Allee. Und an ihr stehen Häuser, von denen eine ganze Reihe einmal Herrensitze waren. Sie haben Namen wie Emslieb, Emsburg, Frohnburg und Kayserburg … und zu einigen von ihnen gehörte ein eigener Bauernhof. Auf der einen Seite fließt ein Bach. Auf der anderen floss früher ein zweiter … der ist heute trocken. Dieser ganze Grünraum gilt heute als der besterhaltene Renaissance-Landschaftsgarten Europas. Und beim Schloss selbst stehen die besterhaltenen Wasserspiele dieser Zeit, nach italienischem Vorbild.

Zufahrt zum Vorzeigen

Diese Allee war von Anfang an mehr als ein Weg. Sie war eine Zufahrt zum Vorzeigen. Ein fürstlicher Weg mit Bäumen … und links und rechts davon ein großer Garten. Darum liegt sie auch genau zwischen zwei Schlössern. Am nördlichen Anfang steht Schloss Freisaal, ein alter Landsitz der Erzbischöfe. Und in der Nähe stehen noch weitere Häuser mit Namen, die ich gern aufzähle. Der Lasserhof. Schloss Herrnau. Und Schloss Montfort, im Süden auf einem Hügel. Später kamen Villen dazu, aus der Zeit der Gründerjahre. Eine von ihnen heißt Maria-Theresien-Schlössl. Und viele dieser Herrenhäuser haben ihre Umgebung mit eigenen kleinen Seitenalleen einbezogen … mit niedrigeren Bäumen als an der großen Allee. Eine Allee, von der weitere Alleen abgehen. Wie Zweige von einem Ast.

Warum sie nicht zum Schloss führt

Eine Sache an dieser Allee finde ich besonders raffiniert. Sie führt nämlich nicht direkt zum Schloss. Sie endet am Ostportal des Schlossgartens. Und von dort geht es nur um eine Ecke weiter. Man sieht das Schloss also nicht, während man auf es zugeht. Das war Absicht. Wer den Vorplatz betrat, sollte überrascht sein. Zweieinhalb Kilometer gerader Weg … und am Ende doch keine gerade Ankunft. Zu dem Fürstenweg, den ich vorhin erwähnt habe, gehört noch etwas. Er führt vom Schloss nach Osten, hinunter zum Fluss. Und er ist wohl die älteste erhaltene Lindenallee der Welt. Die Hellbrunner Allee dagegen wurde mit Pappeln, Eichen und Buchen bepflanzt. Weil eine Allee den Blick so klar nach hinten führt, ist sie auch in die Malerei gekommen. Als die Maler die Perspektive entdeckten, wurde die Allee auch in der Gartenkunst wichtiger. Denn sie führt den Blick von sich aus nach hinten … und wird dabei immer schmaler. Und in der Malerei wurde sie ein beliebtes Motiv … wegen des Spiels von Licht und Schatten auf dem Weg. Zahlreiche Künstler haben das gemalt. Gustav Klimt malte ein Bild und nannte es genau das, was darauf zu sehen ist. Allee vor Schloss Kammer. Und ein anderer Maler malte eine Strandpromenade mit Platanen.

Der Tag der Allee

Zum Schluss noch etwas, das mich gefreut hat. Seit dem Jahr zweitausendacht gibt es einen Tag, der nur den Alleen gehört. Er ist am zwanzigsten Oktober. Und er heißt einfach Tag der Allee. Getragen wird er von mehreren Naturschutzverbänden zusammen. Und an diesem Tag wird eine Allee des Jahres gekürt. Eine einzige, aus vielen tausend Kilometern Allee. Ich mag diesen Gedanken. Irgendwo steht eine Reihe Bäume an einem Weg … und einmal im Jahr sagt jemand: diese hier. Es ist inzwischen dunkel geworden auf unserem Weg. Die Kronen über dir sind nur noch Umrisse. Der Asphalt ist heller als alles andere. Links steht eine Reihe Bäume. Rechts steht eine Reihe Bäume. Und ihre Abstände sind überall gleich. Wenn du weitergehst, kommt der nächste Baum … und dann der nächste. Immer nach derselben Zahl von Schritten. Das ist es vielleicht, was eine Allee mit dir macht. Sie gibt dem Gehen einen Takt.

Links eine Reihe. Rechts eine Reihe. Und dazwischen der Weg. Ein Baum. Und noch ein Baum. Und noch einer. Die Wurzeln halten den Weg. Die Kronen halten den Wind. Und der Weg wird schmaler, je weiter man schaut … bis er ganz zugeht. Aber er geht nicht wirklich zu. Er sieht nur so aus. Und wenn du dort ankommst, ist er genauso breit wie hier. Und du darfst jetzt schlafen. Die Bäume stehen in ihren Reihen … und bleiben stehen, ganz ohne dich. Der Weg dazwischen bleibt frei. Und morgen Abend gehen wir wieder ein Stück. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.

Quelle und Lizenz

Dieser Text beruht auf den Wikipedia-Artikeln «Allee», «Hellbrunner Allee», «Winterlinde», «Stieleiche» und «Unter den Linden». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.

Verwendete Fassungen: «Allee» Version 268279022, abgerufen am 20. August 2026, «Hellbrunner Allee» Version 260330343, abgerufen am 20. August 2026, «Winterlinde» Version 266402943, abgerufen am 20. August 2026, «Stieleiche» Version 267063190, abgerufen am 20. August 2026 und «Unter den Linden» Version 265654913, abgerufen am 20. August 2026.

Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.