Bernstein – ein Tropfen Harz und viele Millionen Jahre

Worum es in dieser Einschlafgeschichte geht
Ein leichter, warmer Stein liegt am frühen Morgen im Spülsaum der Ostsee. Diese Einschlafgeschichte folgt dem Bernstein zurück zu seinem Anfang als klebriges Baumharz und weiter durch viele Millionen Jahre, in denen daraus ein fester, goldgelber Naturstoff wurde.
Wir betrachten mehr als achtzig Bernsteinarten, die Farben und natürlichen Formen des Succinits und seine elektrische Aufladung durch Reibung. Wir besuchen die Blaue Erde, folgen großen Fundstücken bis nach Stuttgart und schauen in winzige Inklusen. Zum Schluss begleiten wir das Schleifen, Polieren und Drechseln und erfahren, wie Bernstein dunkel, kühl und trocken aufbewahrt wird.
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Der ganze Text dieser Einschlafgeschichte
Stell dir einen Strand vor … an der Ostsee … lang und flach. Der Boden ist Sand … hell und feucht … und er läuft in weiten Bögen ans Wasser heran. Es ist früher Morgen. Die Nacht hat einen Sturm über die See geschickt … und jetzt ist es still. Dort, wo die letzte Welle gelegen hat, zieht sich ein schmaler Streifen entlang. Man nennt ihn den Spülsaum. In diesem Streifen liegt alles, was das Wasser mitgebracht und wieder abgelegt hat. Brauner Seetang … kleine Äste … Muschelschalen … und dazwischen, ganz selten, etwas Gelbes. Du bückst dich und hebst es auf. Es ist kaum größer als eine Bohne. Honiggelb … an einer Stelle beinahe durchsichtig … an einer anderen trüb wie Milch.
Und dann fällt dir zweierlei auf. Es wiegt fast nichts. Und es fühlt sich nicht kalt an … so wie ein nasser Kieselstein sich kalt anfühlt. Es liegt warm in der Hand. An diesen zwei Dingen kann man Bernstein erkennen. Er ist leicht … und er ist warm. Und er war einmal ein Tropfen Harz. Harz kennst du. Es ist ein zäher, klebriger Stoff, den viele Pflanzen bilden … und der außen an der Rinde austreten kann. Es läuft am Stamm herunter … es zieht Fäden … und nach einer Weile wird es fest. Bernstein ist genau das … nur unvorstellbar viel älter. Er ist fossiles Harz. Das heißt: Harz von Bäumen, die es längst nicht mehr gibt … erhalten geblieben über Jahrmillionen … als feste Substanz.
Dabei hat er keine Kristalle gebildet, so wie ein Bergkristall es tut. Er ist amorph. Das bedeutet: ohne innere Ordnung, gewachsen wie ein Tropfen. Der älteste bekannte Bernstein stammt aus Steinkohlen, die ungefähr dreihundertzehn Millionen Jahre alt sind. Nun gibt es nicht nur einen Bernstein. Weltweit sind mehr als achtzig Bernsteinarten bekannt. Als Bernsteinart bezeichnet man fossile Harze, die sich in ihren Eigenschaften voneinander unterscheiden. Weil man sie ähnlich benennt wie die Minerale, enden ihre Namen fast alle auf die Silbe «it». Die häufigste von allen trägt seit achtzehnhundertzwanzig den Namen Succinit … so getauft von einem deutschen Mineralogen. Succinit ist die häufigste Art des Baltischen Bernsteins … das ist der Bernstein aus dem Ostseeraum.
Einschlafgeschichte weiterlesenDie restlichen 4.120 Wörter, Wort für Wort wie Fridolin es erzählt
Er ist dort nicht der einzige. Er ist nur der, den man beinahe immer findet. Die anderen baltischen Arten kennt man seit dem neunzehnten Jahrhundert, und sie sind außerordentlich selten. Sie heißen Gedanit … Glessit … Beckerit … und Stantienit. Man nennt sie die akzessorischen Harze. Das Wort meint: die Beigesellten … die, die nebenher vorkommen. Auch in Mitteldeutschland ist das so. In der Lagerstätte bei Bitterfeld sind neunundneunzig Komma neun Prozent aller Funde Succinit. Alles andere zusammen macht den kleinen Rest. Wenn also im Ostseeraum jemand «Bernstein» sagt, meint er fast sicher den Succinit.
Und jetzt kommt etwas, das mir gefällt. Bernstein ist kein Mineral. Also nicht im strengen Sinn der Wissenschaft. Es gibt eine internationale Vereinigung der Mineralogen … die International Mineralogical Association. Sie entscheidet, was als eigenständige Mineralart anerkannt wird. Bernstein ist nicht darunter. Der Grund ist eine Art Höflichkeit der Natur: Seine Zusammensetzung lässt sich nicht eindeutig festlegen. Er ist zu wechselhaft für eine saubere Definition. Einen Platz bekommt er trotzdem. Innerhalb der Klasse der organischen Verbindungen bildet er eine eigene Mineralgruppe. Ein Stein, der keiner ist … und der doch ein Fach bekommen hat. Der Name «Bernstein» ist übrigens ganz und gar geradeheraus. Er kommt vom alten Wort «bernen» … und «bernen» heißt nichts anderes als «brennen». Bernstein brennt nämlich wirklich. Das war seine auffälligste Eigenschaft, lange bevor jemand wusste, woher er stammt. Ein Brennstein also. In Preußen hat man ihn früher auch Börnstein genannt. Wenn er brennt, riecht er harzig und würzig … weil die flüchtigen, die ätherischen Öle in ihm verbrennen. Deshalb wird er in vielen Kulturen seit Jahrhunderten zum Räuchern verwendet. In Indien zum Beispiel als Ersatz für Weihrauch.
Die Griechen hatten ein anderes Wort für ihn. Man kann es mit «Hellgold» übersetzen. Die Wurzel dieses Wortes ist sehr alt und bedeutet einfach: hell … glänzend … strahlend. In vornehmen antiken Haushalten hatte man dafür eine ganz praktische Verwendung. Ein größeres Stück Bernstein diente als Kleiderbürste. Man strich damit über den Stoff … der Bernstein lud sich dabei elektrisch auf … und zog anschließend die Staubteilchen an sich. Dass Bernstein das kann, war schon dem griechischen Philosophen Thales bekannt. Und weil das griechische Wort für Bernstein «elektron» lautete, wurde daraus viel später ein anderes Wort. Ein englischer Naturforscher hat es im Jahr sechzehnhundert aus diesem Wort abgeleitet. Das Wort heißt: Elektrizität. Das ganze große Wort … kommt von einem kleinen gelben Stein am Strand.
Er ist leicht … und er ist warm. Und er war einmal ein Tropfen Harz. Diese Aufladung durch Reiben kannst du bis heute an ihm beobachten. In trockener Luft reibt man ihn an Wolle … oder an Baumwolle … oder an Seide. Dabei nimmt der Bernstein Elektronen auf und wird negativ geladen. Der Stoff gibt sie ab und wird positiv. Man nennt das Reibungselektrizität. Danach zieht der Stein kleine Papierschnipsel an … Stofffasern … Wollfussel. Sie springen ihm entgegen, als hätte er sie gerufen. Andere Völker haben ihm andere Namen gegeben. Die Germanen nannten ihn nach einem römischen Bericht «glesum» … und in diesem Wort steckt der Ursprung unseres Wortes Glas. Ein Stein, der klar sein kann wie Glas … und doch keines ist. Die Römer nannten ihn nach ihrem Wort für dicke Flüssigkeit … für Saft. Damit lagen sie richtig, ohne es beweisen zu können. Sie vermuteten schon, er sei aus Baumsaft entstanden. Es hat dann noch sehr lange gedauert, bis jemand das zeigen konnte.
Farben, Bläschen und natürliche Formen
Schauen wir ihn uns genauer an. Zuerst die Farbe. Beim Succinit reicht sie von farblos über weiß … über hellgelb und goldgelb … über orange bis in Rot- und Brauntöne. Bei getrübten Stücken kommen durch Lichtbrechung selten auch grünliche und bläuliche Töne dazu. Dunkelbraune bis schwarzgraue Stücke sind so dunkel, weil viel Pflanzliches und Mineralisches in ihnen sitzt. Bei anderen Bernsteinarten geht das Farbspiel noch weiter. Es gibt tiefschwarze Arten … dunkelblaugraue … und blutrote. Und der Bernstein aus der Dominikanischen Republik zeigt oft einen Blauschimmer. Warum ist ein Stück klar und ein anderes trüb. Das hängt an winzigen Bläschen. Sie sind so klein, dass man sie nur unter dem Mikroskop sieht. Je mehr Bläschen ein Stück enthält, desto trüber ist es. Die trübeste Sorte heißt Knochen … oder auch Weißharz. Sie ist elfenbeinfarben bis reinweiß. In ihr sitzen bis zu neunhunderttausend Bläschen in einem einzigen Kubikmillimeter. Frisch aus der Erde sind diese Bläschen mit Wasser gefüllt. Bernstein ist aber nicht gasdicht. An der Luft verdunstet das Wasser mit der Zeit. Bei größeren Hohlräumen kann dabei zwischendurch eine kleine Luftblase entstehen. Sie wandert im Inneren hin und her … ähnlich wie die Blase in einer Wasserwaage.
Für die verschiedenen Trübungsgrade gibt es alte Namen, und sie klingen schön. Klar heißt völlig durchsichtig, wie Glas. Flom heißt halbdurchsichtig und trüb. Bastard heißt völlig undurchsichtig, satt und wolkig. Dann Knochen, das kennst du jetzt … elfenbeinfarben bis weiß. Schaum ist gelblichweiß und so leicht, dass er sogar auf Süßwasser schwimmt. Schwarzfirnis ist grauschwarz … da hat das Harz Holzmulm und Erde gebunden. Bunt ist eine Mischung aus mehreren dieser Sorten in einem einzigen Stück. Und Antik nennt man die Stücke, die durch Verwitterung rot bis rotbraun geworden sind.
Neben der Farbe gibt es die Form. Und die Form erzählt, wie das Harz einmal geflossen ist. Schlauben entstanden, wenn das Harz schubweise austrat und flächig über den vorigen Fluss lief. Sie sind meist klar … und in ihnen stecken die meisten Einschlüsse. Zapfen entstanden aus punktförmigen Harzflüssen, die am eigenen Tropfenfaden erstarrten, bevor sie fallen konnten. Tropfen sind abgetropftes Harz … meist flach und scheibenförmig, manchmal kugelrund, manchmal birnenförmig. Fliesen sind Platten, die sich hinter der Rinde oder in Spalten gesammelt haben. Und Knollen sind klumpige Ansammlungen in Hohlräumen im Holz. Und dann gibt es die Formen, die erst auf dem Weg entstanden sind … auf dem langen Weg vom Baum bis in die Lagerstätte. Der Erdstein ist die häufigste. Er trägt eine kräftige Verwitterungsrinde, weil er lange an der Luft lag, bevor er endgültig eingebettet wurde. Der Seestein ist der, den du am Strand findest. Er wirkt wie poliert. Das Meer hat ihn über Sand geschliffen und ihm die Rinde abgenommen. Und Gerölle heißen die gut gerundeten Stücke. Sie weisen auf einen besonders langen Transportweg hin. Der Stein in deiner Hand ist ein Seestein.
Er ist leicht … und er ist warm. Und er war einmal ein Tropfen Harz. Wie weich er ist, kannst du an einer Zahl ablesen. Die Härte von Steinen wird auf einer Skala angegeben, die nach dem Mineralogen Mohs benannt ist. Der Succinit liegt dort bei zwei bis zweieinhalb. Das ist recht weich. Das heißt: Mit einer Kupfermünze kann man eine Furche in seine Oberfläche ritzen. Bei anderen Bernsteinarten ist das ganz verschieden. Manche sind viel weicher. Manche sind so hart, dass sich kaum eine Stahlnadel hineinritzen lässt … das sind die Braunharze. Und eine ist gummiartig, eine andere außerordentlich zäh. Leicht ist er auch wirklich, nicht nur gefühlt. Bernstein ist nur ein wenig dichter als Wasser. In gewöhnlichem Leitungswasser sinkt er darum … aber in gesättigter Salzlösung schwimmt er obenauf. Diese Eigenschaft hat man genutzt … in Bitterfeld. Bitterfeld liegt in Mitteldeutschland, und dort wurde Bernstein gewonnen. Beim Aussieben blieb ein Rückstand übrig … alles, was größer war als drei Millimeter. In diesem Rückstand lag der Bernstein zwischen allerlei Fremdbestandteilen. Und weil er in gesättigter Salzlösung schwimmt und das meiste andere nicht … trennte sich das eine vom anderen ganz von selbst. Kein Klopfen. Kein Sortieren von Hand. Nur eine Wanne mit sehr salzigem Wasser.
Auch mit Wärme geht Bernstein einen eigenen Weg. Er hat nämlich keinen Schmelzpunkt. Es gibt bei ihm also keinen Punkt, an dem er plötzlich flüssig wird. Zwischen einhundertsiebzig und zweihundert Grad wird er weich und formbar. Und oberhalb von dreihundert Grad beginnt er, sich zu zersetzen. Früher hat man ihn in großem Umfang trocken destilliert. Zwei Dinge fielen dabei an. Das eine war Bernsteinöl. Es hat sich als sehr wirksames Holzschutzmittel erwiesen. Das andere war Bernstein-Kolophonium … der feste Rest, der nach dem Destillieren übrig bleibt. Er war ein begehrter Rohstoff für Lacke. Und eine Zeit lang hat man damit auch die Pferdehaare eines Geigenbogens bestrichen.
Zwei Dinge kann Bernstein noch, die ich schön finde. Das erste: Unter ultraviolettem Licht leuchtet er. Ist er frisch angeschliffen, leuchtet er blau. Ist er verwittert, leuchtet er in einem matten Olivgrün. Das zweite: Er lässt Röntgenstrahlung fast ungehindert hindurch, jedenfalls bei Schichten bis zu zehn Millimetern Dicke. Deshalb kann man in ein undurchsichtiges Stück hineinschauen, ohne es zu öffnen. Und wenn man ihn mit Infrarotlicht durchleuchtet, zeigt der Succinit ein Merkmal, das nur er hat. Die Fachleute nennen diesen Abschnitt im Messbild die «Baltische Schulter». Ein merkwürdiger Name. Gemeint ist: Nur beim Succinit sieht das Messbild an dieser Stelle so aus. Woraus besteht er nun eigentlich. Zum größten Teil aus Kohlenstoff … zwischen siebenundsechzig und einundachtzig Prozent. Der Rest ist Wasserstoff und Sauerstoff, dazu manchmal ein wenig Schwefel. Aber das ist nur die Zutatenliste. Interessanter ist der Bau. Bernstein ist ein Gemisch aus vielen verschiedenen organischen Stoffen, die in langen Fadenmolekülen gebunden sind. Mehr als siebzig solcher Verbindungen hat man im Succinit bisher nachgewiesen. Genau deshalb war die Vereinigung der Mineralogen so zurückhaltend. Ein Ding aus siebzig Zutaten lässt sich schwer in eine Schublade legen.
Die Menschen haben lange gebraucht, um das herauszufinden. Schon im zwölften Jahrhundert kannte man das Bernsteinöl, das man aus ihm gewinnen kann. Im Jahr fünfzehnhundertsechsundvierzig gewann ein deutscher Gelehrter die Bernsteinsäure aus ihm. Und Mitte des achtzehnten Jahrhunderts gelang einem russischen Universalgelehrten der wissenschaftliche Beweis, dass Bernstein nichts anderes ist als fossiles Baumharz. Vorher war das eine Vermutung. Danach war es Wissen. Ganz unvergänglich ist er trotzdem nicht. Luftsauerstoff und ultraviolettes Licht setzen ihm zu. Man nennt das Verwitterung. Zuerst dunkeln die äußeren Schichten nach und färben sich rot … das ist die Sorte, die eben Antik hieß. Dann bilden sich von der Oberfläche her kleine, vieleckige Risse. Mit der Zeit wird die Oberfläche rau … dann bröckelig.
Er ist leicht … und er ist warm. Und er war einmal ein Tropfen Harz. Von welchem Baum … das weiß bis heute niemand. Das ist keine Nachlässigkeit der Forschung. Es ist eine offene Frage. Vor etwa einhundertfünfundsechzig Jahren schlossen zwei Forscher aus Harzeinschlüssen in versteinertem Holz, der Erzeuger müsse ein ausgestorbener Nadelbaum gewesen sein. Sie gaben ihm einen Namen und nannten ihn den Bernsteinbaum. Fünfundvierzig Jahre später kam ein anderer Forscher zum selben Ergebnis und engte es auf eine ausgestorbene Bernsteinkiefer ein. Neuere chemische Untersuchungen schließen genau das aus. Man hat seither viele heutige Bäume verglichen. Die Araukariengewächse … die Goldlärche … die Zedern … die Schirmtannen. Und die Herkunft ist immer noch unklar. Am ehesten, sagt die neuere Forschung, könnte die Stammpflanze eine Verwandte einer ausgestorbenen Nadelbaumart sein, die Cupressospermum saxonicum heißt. Denkbar ist auch etwas anderes: dass gar nicht ein einziger Baum den Succinit gebildet hat, sondern mehrere Arten derselben Pflanzengattung. Das hätte einen Vorteil. Denn der Succinit ist über fast zwanzig Millionen Jahre hinweg entstanden … und so lange lebt keine einzelne Art.
Eines aber weiß man ziemlich genau: wie schnell das Harz hart wurde. Man hat lange gedacht, es sei über Jahrmillionen langsam ausgehärtet, tief im Boden. Es war anders. Es härtete schon am Baum aus, und zwar fast vollständig. Der Beweis liegt in einem Stück, in dem eine Spinne sitzt. Sie ist sauber durchtrennt … wie mit einem Messer. So etwas geht nur, wenn das Harz um sie herum bereits hart und splittrig war, als der nächste Harzfluss darüberlief. Und es passt zu einer Beobachtung an allen Einschlüssen: Die zarten Tiere im Bernstein sind niemals verbogen oder verzerrt. Auf einer langen Reise durch weichen Stoff hätte sich mindestens ein Teil von ihnen verformt.
Bleibt die Frage nach dem Wald. Denn Bernstein kann nur in einem Wald entstanden sein. Irgendwo standen diese Bäume. Für die baltische Lagerstätte lässt sich der Standort nicht mehr rekonstruieren. Die Inlandgletscher der Eiszeiten haben alle Spuren beseitigt. Der Wald ist weg, und die Landschaft, in der er stand, ist es auch. Am wahrscheinlichsten gilt heute, dass ein Fluss aus nördlicher Richtung den Bernstein ins Meer getragen hat. Diesem Fluss hat man einen Namen aus der griechischen Überlieferung gegeben: Eridanos. Sein Einzugsgebiet könnte das ganze östliche Skandinavien umfasst haben. Für Mitteldeutschland ist die Sache besser geklärt. Dort haben konkrete Befunde gezeigt, wie der Bernstein an seinen Platz kam. Ein Flusssystem trug ihn aus südlicher Richtung in ein Meeresbecken ohne Gezeiten … eine Art Vor-Ostsee. Diesen Fluss nennt man den Sächsischen Bernsteinfluss. In seinem Tal ist der Bernstein entstanden. Nach anderen Vorstellungen lag der Wald im Delta dieses Flusses. Und nun zu seinem Alter. Da muss ich vorsichtig sein. Man kann das Alter nicht am Bernstein selbst messen. Messen lässt sich nur das Alter des Sediments, das ihn umschließt … also des Gesteins, in dem er liegt. Die berühmteste dieser Schichten heißt die «Blaue Erde». Sie liegt im Samland an der Ostsee. Sie ist ein mehrere Meter mächtiger sandiger Ton, und ihre grünlichgraue Farbe kommt von einem Mineral namens Glaukonit. Fossilien in dieser Schicht belegen ein Alter von etwa fünfunddreißig Millionen Jahren. Wie viel Bernstein darin steckt, schwankt stark. Mal sind es dreiundzwanzig Kilogramm in einem Kubikmeter … mal nur ein halbes. Man gewinnt den Bernstein also aus dieser bernsteinführenden Tonschicht. Und die Leute, die dort arbeiten, kennen sie gut.
Er ist leicht … und er ist warm. Und er war einmal ein Tropfen Harz. Bernstein gibt es nicht nur an der Ostsee. Es gibt ihn in vielen Teilen der Welt … und überall ist er verschieden alt. Der älteste europäische stammt aus Steinkohlengruben in England und ist etwa dreihundertzehn Millionen Jahre alt. Bernstein aus den Schweizer Alpen ist fünfundfünfzig bis zweihundert Millionen Jahre alt. Solcher von Golling in Österreich sogar etwa zweihundertfünfundzwanzig bis zweihunderteinunddreißig Millionen Jahre. Der Sizilianische dagegen ist jung … zehn bis zwanzig Millionen Jahre. Dazu kommen Vorkommen in Mähren, im Libanon, in Myanmar, in der Dominikanischen Republik, in Kanada, auf Borneo und in Neuseeland. Und auf Madagaskar findet man Kopal … junges fossiles Harz, das erst hundert Jahre alt sein kann oder bis zu einer Million.
Warum man an so vielen Stellen Norddeutschlands Bernstein findet, hat einen einfachen Grund. Die Inlandgletscher haben die bernsteinführenden Schichten aufgerissen und den Inhalt weit verstreut. Deshalb liegt Bernstein heute an der niederländischen, der deutschen und der dänischen Nordseeküste … in Jütland … auf den dänischen Inseln … an der schwedischen Küste. Nach Stürmen spült ihn das Meer aus diesen jungen Schichten wieder heraus. Und es gibt ihn auch weit weg vom Meer. Im Naturpark Barnim zwischen Berlin und Eberswalde etwa hat man ihn bei Kanalbauten gefunden … in einem alten, breiten Tal, durch das früher Schmelzwasser floss. Nun zu den großen Stücken. Einige davon sind so auffällig, dass ihre Wege genau beschrieben wurden. Das größte bisher bekannte wurde neunzehnhunderteinundneunzig auf Borneo entdeckt, in Zentral-Sarawak, bei einer Forschungsexpedition. Im Ursprungszustand wog es ungefähr achtundsechzig Kilogramm und bedeckte eine Fläche von fünf Quadratmetern. Bergen konnte man es nicht am Stück. Es ließen sich nur mehrere Teilstücke retten. Die beiden größten davon wiegen zusammen etwa dreiundzwanzig Kilogramm. Sie liegen heute in einem Museum in Deutschland. Es heißt Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart. Dort verwahrt man auch eine Urkunde aus dem Guinnessbuch aus dem Jahr neunzehnhundertfünfundneunzig … für den größten Bernsteinfund.
Aus Japan kennt man ebenfalls sehr große Stücke. Aus einer Lagerstätte bei Kuji wurde neunzehnhundertsiebenundzwanzig eines von knapp zwanzig Kilogramm geborgen … und vierzehn Jahre später ein weiteres von sechzehn Kilogramm. Beide werden im Nationalmuseum der Naturwissenschaften in Tokio aufbewahrt. Aus dem Ostseeraum ist ein Block bekannt, der achtzehnhundertsechzig in Pommern gefunden wurde. Er ist knapp fünfzig Zentimeter lang und wiegt knapp zehn Kilogramm. In Palanga in Litauen liegt ein Stück, das man den Sonnenstein nennt. Es wiegt dreieinhalb Kilogramm. Und eines der schönsten Fundstücke hat ein schwedischer Hummerfischer aus dem Wasser geholt. Es wog über zehn Kilogramm. Die Menschen sammeln ihn seit sehr langer Zeit. Aus Nordfriesland kennt man Anhänger und Perlen, die rund zwölftausend Jahre alt sind. Später, in der Jungsteinzeit, stieg der Meeresspiegel und das Ostseebecken wurde salzig. Damals lag besonders viel Bernstein am Strand, und man konnte ihn einfach auflesen. In Dänemark und im südlichen Ostseegebiet schnitzte man daraus kleine Tierfiguren und Amulette. Und man hatte gutes Werkzeug dafür: Geräte aus Geweih … aus Feuerstein … aus Sandstein … und Tierfelle zum Polieren. Aus Bernstein wurden Ketten und Anhänger, und über weite Wege wurde er getauscht.
Strandlese, Bernsteinfischen und Bernsteinstechen
Und wie kommt man an Bernstein heran. Am einfachsten, indem man ihn aufsammelt. Das ist über Jahrhunderte die wichtigste Methode gewesen und heißt Strandlese. An der sogenannten Bernsteinküste sollen auf diese Weise jedes Jahr zwanzig bis dreißig Tonnen zusammengekommen sein. Nach einem heftigen Sturm konnten an einem einzigen Tag eintausend Kilogramm und mehr angespült werden. Das Meer arbeitet dabei für den Sammler. Es nagt an der Steilküste, und aus den abgetragenen Schichten kommt immer neuer Nachschub. Wer nicht warten wollte, ging ins Wasser. Beim Bernsteinfischen stellte sich der Fischer mit einem Netz in die Brandung. Das Netz saß an einer langen Stange. Er hielt es in die auflaufende Welle … und das Netz füllte sich mit Seetang und Sprockholz. Dazwischen hing der Bernstein, den die Welle vom Grund aufgewirbelt hatte. Das Ganze warf man an den Strand und suchte es dort in Ruhe durch. Diese Methode wird an manchen Abschnitten der Ostseeküste bis heute angewandt.
Beim Bernsteinstechen fuhr man mit besonders breiten Ruderbooten hinaus. Größere Stücke bleiben nämlich gern zwischen den Steinen im flachen Wasser liegen. Mit langen Stangen lockerte man diese Steine … dann durchsuchte man den Grund mit einem Kescher an einer Stange. Und an der deutschen Nordseeküste gab es noch etwas anderes. Dort ritten Menschen ins Watt hinaus, um Bernstein zu sammeln. Man nannte sie Hitzläufer und Bernsteinreiter. Geschickte Reiter fischten den Bernstein mit einem kleinen Netz an einer Stange aus dem Flachwasser … ohne vom Pferd zu steigen. Er ist leicht … und er ist warm. Und er war einmal ein Tropfen Harz. Jetzt kommen wir zu dem, wofür ihn die Wissenschaft besonders schätzt: zu den Einschlüssen. Man nennt sie Inklusen. Es sind kleine Tiere und Pflanzenteile, die das Harz eingefangen hat, als es noch weich war. Und man muss dabei genau sein: In der Regel ist vom Tier selbst nichts mehr da. Was blieb, ist ein Hohlraum … und in diesem Hohlraum ein vollkommener Abdruck. Nur in seltenen Fällen sind auch Reste von Gewebe erhalten.
Trotzdem bestechen gerade die zart geflügelten Insekten durch feinste Details. Sie sind nicht zusammengedrückt und nicht verformt … anders als die meisten Fossilien in Sedimentgesteinen. Bei einigen Tieren sieht man um die dickeren Körperteile eine kleine Trübewolke. Die Fachleute nennen sie Verlumung. Sie entstand aus Gasen und Flüssigkeiten, die beim Zerfall des Körpers austraten. Dass diese Wolke so klein blieb, ist wieder ein Hinweis auf die sehr rasche Aushärtung. Am ergiebigsten sind die Schlaubensteine … jene schichtweise übereinandergelaufenen Harzflüsse von außen am Stamm. Die Einschlüsse sitzen meist genau auf den Trennflächen zwischen zwei Schichten. Wie häufig so etwas ist, hat man am Bitterfelder Succinit untersucht. Schätzungsweise viertausendfünfhundert tierische Einschlüsse stecken in einer einzigen Tonne. Was findet man darin. Vor allem Gliederfüßer: Fliegen, Mücken, Libellen, Ohrwürmer, Termiten, Heuschrecken, Zikaden. Dazu Asseln, Spinnen und Würmer … vereinzelt auch Schnecken, Vogelfedern und Haare von Säugetieren. Und Pflanzliches: Pilze, Moose, Flechten, dazu Teile von Lärchen, Fichten, Tannen, Palmen, Zypressen, Eiben und Eichen. Überwiegend Waldbewohner. Die eingeschlossenen Lebewesen stammen fast alle vom Land und aus dem Süßwasser … Meeresbewohner sind ganz seltene Ausnahmen.
Der häufigste Einschluss überhaupt ist so klein, dass man ihn mit bloßem Auge kaum sieht. Es ist das Sternhaar. Sternhaare sind winzige, strahlenförmig verästelte Pflanzenhaare. Die Botaniker nennen sie Trichome. Sie stammen mit großer Wahrscheinlichkeit von Eichen … und sie finden sich in fast allen Schlauben. Deshalb gelten sie als ein Erkennungszeichen des Succinit. Und manchmal liegen in einem einzigen Stück mehrere verschiedene Lebewesen beieinander. Ein polnischer Paläoentomologe hat dafür ein Wort geprägt: Syninklusen. Solche Stücke sind kostbar, denn sie beweisen, dass diese Wesen zur selben Zeit am selben Ort gelebt haben. Lange ließ sich nur in durchsichtige Stücke hineinschauen. Inzwischen gibt es dafür ein Licht, das stark genug ist … die Synchrotronstrahlung. Mit dieser Strahlung hat eine Forschungsgruppe sogar in undurchsichtigen Stücken Einschlüsse entdeckt … und dreidimensionale Modelle der Einschlüsse aufgenommen. Man sieht also durch etwas hindurch, durch das man nicht hindurchsehen kann.
Schleifen, Polieren und Drechseln
Bleibt das Handwerk. Und weil Bernstein weich ist, lässt er sich mit feinen Werkzeugen bearbeiten. Zuerst wird die Verwitterungskruste abgetragen … mit einer Nadelfeile oder mit Nass-Schleifpapier. Man beginnt mit grober Körnung und arbeitet sich Stufe für Stufe bis zur feinsten vor. Das braucht Geduld. Denn bevor man das nächstfeinere Papier nehmen darf, müssen die gröberen Spuren des vorigen ganz verschwunden sein. Und vor jedem Wechsel wird der Stein gründlich mit Wasser abgespült … damit er sich nicht überhitzt und die Oberfläche nicht klebrig wird. Dann kommt die Politur. Ein Leinen- oder Baumwolltuch wird mit Spiritus angefeuchtet und mit Schlämmkreide bestrichen.
Damit poliert man in kreisenden Bewegungen … wäscht den Stein unter Wasser aus … und geht zum Schluss mit einem Fensterleder darüber. Soll eine Kette daraus werden, wird zuletzt ein Loch gebohrt. Der Bohrer ist höchstens einen Millimeter dick, die Drehzahl niedrig. Und man darf nicht drücken. Bernstein ist druckempfindlich, und die Bruchgefahr ist groß. Alte, stumpf gewordene Stücke bekommen mit etwas Möbelwachs ihren Glanz zurück. Es gibt noch eine zweite Art, mit ihm zu arbeiten … und die ist selten geworden. Der Bernsteindrechsler. In Deutschland wird diese besondere Richtung des Drechslerhandwerks nur noch in einem einzigen Betrieb gelehrt. Er steht in Ribnitz-Damgarten und heißt Ribnitzer Bernstein-Drechslerei GmbH. Ein Handwerk, das an einem Ort weitergegeben wird … von Hand zu Hand.
Der Schmuck, den man kaufen kann, ist oft behandelt worden. Ursprünglich trübe Stücke werden durchsichtig gemacht … Fachleute nennen das Klären. Dabei kocht man den Bernstein vorsichtig in heißem Öl. Dabei füllen sich die winzigen Bläschen mit Öl … und weil Öl das Licht fast genauso bricht wie Bernstein, sind sie danach nicht mehr zu sehen. Das Ergebnis ist glasklar und gleichmäßig gefärbt. Nur muss man den Stein danach Grad für Grad abkühlen lassen. Geht es zu schnell, entstehen im Inneren halbkreisförmige, goldglänzende Sprünge. Man nennt sie Sonnenflinten. Manchmal steuert man die Abkühlung sogar mit Absicht so, dass sich diese Flinten bilden … weil sie schön aussehen. Aus den kleinen Resten, die beim Schleifen anfallen, macht man Pressbernstein. Dafür werden gereinigte Bernsteinbröckchen erwärmt und unter starkem Druck zusammengepresst, unter Luftabschluss. Er hat keine natürlichen Risse und keine Einschlüsse … und über Hitze und Druck kann man ihm verschiedene Farbtöne geben. Auch klar oder trüb, ganz nach Wunsch. Und dann gab es noch eine Verwendung, die man kaum vermutet. Ende des siebzehnten Jahrhunderts lernte man, Bernstein zu entfärben. Das klare Ergebnis diente als Rohmaterial für optische Linsen … und Geräte damit blieben bis Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Gebrauch.
Wenn du ein Stück Bernstein aufbewahrst, dann lohnt sich ein wenig Sorgfalt. Er verwittert nämlich weiter, auch im Regal. Aufhalten lässt sich das nicht … nur verlangsamen. Für den Hausgebrauch genügt wenig: dunkel aufbewahren … kühl … und trocken. Ein Schmuckstück ab und zu unter fließend warmem Wasser abspülen. Nicht in die Sonne legen, denn davon wird er schnell brüchig. Und keine Seife, kein Putzmittel, keine Chemikalien … davon nimmt er Schaden, der sich nicht mehr beheben lässt. So. Und jetzt legen wir ihn wieder zurück. Zurück an den Strand … in den frühen Morgen … in den schmalen Streifen aus Tang und Holz und Muschelschalen. Das Wasser wird kommen und ihn wieder mitnehmen. Es wird ihn eine Weile über den Sand schieben … und irgendwann legt es ihn wieder hin. Vielleicht heute Nacht. Vielleicht in hundert Jahren. Er hat Zeit. Er hat sehr viel Zeit.
Denk noch einmal daran, was in ihm steckt. Ein Tag im Wald, vor vielen Millionen Jahren. Ein Baum, den niemand mehr kennt. Ein Harzfluss, der über die Rinde lief … und eine Mücke, die im falschen Moment darauf landete. Dann ein Fluss. Dann das Meer. Dann eine Schicht aus grünlichgrauem Ton. Dann Gletscher … dann wieder Wasser … dann dein Strand. Und am Ende deine Hand. Er ist leicht … und er ist warm. Und er war einmal ein Tropfen Harz. Er ist leicht. Er ist warm. Ein Tropfen Harz … der die Zeit hat vorbeiziehen lassen. Die Wellen kommen. Und sie gehen. Sie legen etwas hin. Und sie nehmen es wieder mit. Der Sand ist kühl. Die Luft ist still. Und irgendwo im Spülsaum liegt etwas Gelbes … und wartet. Es hat keine Eile. Und du hast auch keine.
Und du darfst jetzt schlafen. Alles ist ruhig … alles ist an seinem Platz. Der Strand … das Wasser … der kleine warme Stein. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.
Quelle und Lizenz
Dieser Text beruht auf dem Wikipedia-Artikel «Bernstein». Die Artikel stehen unter CC BY-SA 4.0; dieser bearbeitete Text steht unter derselben Lizenz.
Verwendete Fassungen: «Bernstein» Version 269950734, abgerufen am 7. September 2026.
Der Text wurde automatisch erstellt, gegen die Quelle geprüft und von einer computergenerierten Stimme vorgetragen – deshalb gibt es jeden Abend eine neue Folge. Verantwortlich für Themenauswahl und Stichproben ist Michael Feer. Mehr dazu unter Über Fridolin und Lizenz & Quellen.